Mit „Blitz“ veröffentlicht der Wahl-Berliner Blinker vor wenigen Tagen seine zweite EP. Indie-Pop mit Tiefgang, tanz- und denkbar zu gleichen Teilen. Es geht um persönliche Themen, um größere Probleme und – natürlich – die Liebe, die im heutigen Zeitgeist gar nicht mehr so simpel ist.


Ein Artikel von Anna Fliege – Ich schicke BLINKER für den heutigen Wortwechsel ein paar Fragen per Mail zu. Wir reden über die Isolation, was seine zweite EP von der ersten unterscheidet und wie er gegen toxic masculinity ankämpft. Außerdem finde ich heraus, dass wir auf die gleiche Art und Weise mit unseren Ideen umgehen.


Lieber BLINKER, wie geht es dir? Wie vertreibst du dir die Zeit momentan?

BLINKER: Gut, danke, hoffe dir auch! Ich bin wie die meisten gerade viel zu Hause. Die Abschottung ist ganz gut, um die ganzen Gedanken, die immer im Kopf rumschwirren, in Ruhe anzuschauen und in Songs festzuhalten. Ansonsten: Gestern hat mir jemand „Marble Runs“ auf YouTube gezeigt. Wer nicht weiß was er tun soll in diesen Zeiten – das lässt einen für ein paar Minuten die ganze Scheiße vergessen.


„„Jetzt erst recht“ und alle anderen werden schon sehen. Gleichzeitig natürlich realer Frust, Zweifel und Ungewissheit.“


Glückwunsch zu deiner neuen EP „Blitz“! Was verbindest du mit den Songs?

BLINKER: Merci Grande! „BLITZ“ ist tatsächlich sehr schnell entstanden während des letzten, unfassbar heißen Sommers in Berlin. Aber nicht so mit Radler im Park, sondern eher so von früh bis spät im Studio zu zweit mit meinem Homeboi & Produzent Joschka Bender. Jeden Tag zwei Stunden in der U-Bahn und dann daheim in fremden WGs zur Zwischenmiete. Hab während der Zeit damals viel das Album „22, A Million“ von Bon Iver gehört.

Irgendwie eine krasse Phase, ich war relativ frisch nach Berlin gezogen, dachte jetzt geht alles so richtig los – und hab dann erstmal direkt meinen Plattenvertrag verloren. Will euch aber nicht mit Business-Talk nerven. BLITZ war also gleichzeitig auch irgendwie der bewusste Entschluss weiterzumachen. „Jetzt erst recht“ und alle anderen werden schon sehen. Gleichzeitig natürlich realer Frust, Zweifel und Ungewissheit.

Mit etwas Abstand kann man wahrscheinlich sagen, dass das „Seinen-Platz-Suchen“ auf jeden Fall ein Thema war – musikalisch wie auch wohnungstechnisch.

Wie unterscheidet sich deine erste EP „Blicke“ von „Blitz“ für dich? Was hat sich für dich seit dem ersten Release verändert?

BLINKER: Wir wollten mit BLITZ soundtechnisch wieder näher an die allerersten Songs wie PINKE BLICKE und HERR DOKTOR kommen. Wir haben weniger rumgebraint, waren mutiger und schneller in den Entscheidungen und haben uns eine neue Ehrlichkeit getraut.

Was sich nicht oder kaum verändert hat sind die wundergeilen Leute mit denen ich meine Musik machen darf. Das ist vielleicht das beste: Nur gute Menschen seit Sekunden Null.



Danke für den großartigen Song „Wie Ich bin“! Mir ist besonders eine Stelle im Kopf hängengeblieben – „Ich hab gelernt mich zu verbiegen, bis es bricht’“. Inwieweit spiegelt das deine eigenen Erfahrungen wider?

BLINKER: Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, wo es kaum oder keinen Spielraum gab, anders zu sein. Als junger Mensch checkt man ja sehr schnell welches Verhalten erwünscht ist und was nicht. Da fingen die ersten Verbiegungen an. Und wenn man lange genug biegt, bricht irgendwann dann auch was ab.

Will sagen: Es gibt manche Eigenschaften, die eigentlich natürlicherweise zu mir gehört haben, die ich mir jetzt aber wiederholen muss. Good news: Das meiste kommt wieder. Gib dir Zeit. Ich werde jeden Tag besser darin. Ist alles auf dem Weg.


„Es wäre absolut töricht von mir zu glauben, ich hätte toxic Masculinity „durchgespielt“.“


Was tust du (neben einen Song darüber schreiben) in deinem Alltag, um gegen so toxische Gender-Rollen anzukämpfen?

BLINKER: Ich nutze manchmal meine bescheidene Reichweite, um an alltäglichen Dingen wie Deos oder Werbung, die Absurdität dieser schimmelig alten Geschlechter-Rollen anzusprechen.

Außerdem versuche ich bei Freunden ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen. Manchmal reicht ein Wort, ein kurzes Nachhaken, ein kleiner Satz im Gespräch, um zu hinterfragen was von vielen als vermeintlich „angeboren“ verinnerlicht ist.

Aber die größte Aufgabe hat man ja mit sich selbst. Es wäre absolut töricht von mir zu glauben, ich hätte toxic Masculinity „durchgespielt“. Ich kann noch soviel lernen und will mich da immer wieder neu challengen.



Ich mag deine Art, mit Worten zu spielen, total gern. Kommen die Formulierungen beim Schreiben auf Knopfdruck? Oder hast du (wie ich) eine riesige Ansammlung an wirren Notizen auf deinem Handy, weil dir gewisse Zeilen einfallen, wenn du an der Supermarktkasse oder bei Freunden bist?

BLINKER: Haha, definitiv die riesige Notizensammlung auf dem Handy! An manchen Tagen denk ich, das ist eine Schatzkiste, an manchen Tagen fühlt es sich an wie ein Schrottplatz. Wahrscheinlich ist es beides.

Wie feierst du deinen Releasetag und dürfen wir die EP gemeinsam mit dir feiern, wenn uns keine Pandemie mehr im Weg steht?

BLINKER: Mit einem Releasekonzert im Internet! Habe im kleinsten Kreis meine liebsten Musiker & Freunde versammelt und dann mit gebührendem Abstand ein Konzert gespielt, das wir live gestreamt haben. Es war wirklich schön, aber im direkten Vergleich eher eine Ersatzdroge, die echte Konzerte vor Publikum nicht ersetzen kann.

Will das auf jeden Fall nachholen. Mal schauen was der Herbst bringt. Sobald man wieder touren darf, schwing ich mich auf die Bretter!



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Tobias Dienst