Charly Bliss haben sich mit ihrem zweiten Album „Young Enough“ (REVIEW) enorm weiterentwickelt. Ob man das gut oder schlecht findet, ist jedem selbst überlassen. Fakt ist jedoch, dass sie sich den Herausforderungen des Lebens stellen, sie in ihrer Kunst verarbeiten und damit Anderen einen Soundtrack für trübe Tage schenken, der immer noch tanzbar ist. Denn es sind immer noch Charly Bliss.

Ein Artikel von Maren Schüller – Im Wortwechsel stellt sich Frontfrau Eva Hendricks der Frage, wie es zum neuen Sound der Band gekommen ist, wie man den für Charly Bliss so prägnanten Power Pop-Sound mit ersten Texten kombinieren kann und ob glückliche Musik gegen schlechte Tage hilft.


„Auf ‚Young Enough‘ wollte ich versuchen, so ehrlich wie möglich zu sein“


Was ist aus der „Mir doch scheißegal“-Attitüde geworden, die man von eurem ersten Album kennt?

Eva Hendricks: Wow! Witzig, dass das so rüberkam, weil uns unsere Arbeit immer wichtig war, auf beiden Alben! Wir sind extrem neurotische Perfektionisten, die entschlossen sind, immer das Bestmögliche zu geben. Ich denke, auf dem ersten Album waren die Texte irgendwie eine Karikatur von mir und meiner Persönlichkeit. Ich war oft sarkastisch oder habe mich über Dinge aus meinem Leben lustig gemacht, die mir peinlich sind. Bei „Young Enough“ war ich nicht mehr so unsicher und wollte deswegen stattdessen versuchen, so ehrlich wie möglich zu sein.

Wie habt ihr diesen neuen, nachdenklicheren und reiferen Sound gefunden?

Eva Hendricks: Wir wollten ganz bewusst nicht zweimal dasselbe Album machen. Zum ersten Mal hatte niemand von uns einen normalen Job, während wir an dem Album gearbeitet haben. So konnten wir uns zu 100% aufs Songwriting konzentrieren und schrieben dann fast 30 Songs, von denen wir dann einige streichen mussten. Die ersten 10 Songs klangen eher nach unserem ersten Album, also haben wir uns gezwungen, die ersten Instinkte zu ignorieren und Songs abseits davon zu schreiben.

Wie kam es zu diesem Wandel?

Eva Hendricks: Das war ganz natürlich für uns. Wir sind große Fans von Popmusik, und während wir Songs schrieben, hörten wir viel von Lorde, Taylor Swift, Bleachers, Superorganism und Carly Rae Jepsen. Für uns ist „Guppy“ auch ein Pop-Album. Die Gitarren waren zwar laut und verzerrt, aber die Melodien waren absichtlich immer sehr eingängig – es war für uns also offensichtlich, diesen Aspekt unseres Sounds auf dem nächsten Album weiterzuverfolgen.

Wie war es, zum ersten Mal einen experimentellen Song wie „Fighting in the Dark“ zu produzieren?

Eva Hendricks: Es war sehr aufregend! Dieser Song hat sich irgendwie magisch zusammengefügt. Eigentlich sollte es eine Bridge für einen Song werden, den wir dann doch nicht aufnehmen wollten. Ich war total einverstanden mit der Entscheidung, aber irgendetwas an dieser Bridge hat sich für mich besonders angefühlt. Es war wie der Höhepunkt meiner Gedanken in diesem speziellen Moment in meinem Leben, und textlich hat es sich fast angefühlt als hätten wir damit die letzte Hürde genommen. Als ich dann die anderen gefragt habe, ob wir die Bridge als alleinstehende Interlude aufnehmen wollen, ging alles sehr schnell. Als eine Band, die normalerweise sehr sorgfältig arbeitet, war dieser spontan Moment und der Erfolg mit der Idee eine besondere Abwechslung für uns.


„Uns wird von klein auf beigebracht, dass wir uns an extrem hohe und oft unmögliche Standards halten sollen“


„I used to think that I should be good at everything / Now I know I was wrong“ – Bist du perfektionistisch veranlagt?

Eva Hendricks: Ich tue mich definitiv damit schwer, dass ich Perfektionistin bin! Ich glaube, das ist bei vielen Frauen so. Uns wird von klein auf beigebracht, dass wir uns an extrem hohe und oft unmögliche Standards halten sollen, und es ist schwer, diesen Druck nicht negativ auf die eigene Wahrnehmung wirken zu lassen. Jetzt, wo ich älter geworden bin, ist es sehr befriedigend zu wissen, dass ich mich selbst viel mehr mag, wenn ich zu mir und allen anderen um mich herum ehrlich bin, egal, ob das irgendwen enttäuscht.

Wie kombiniert ihr euren Power Pop-Sound mit ernsten Texten?

Eva Hendricks: Das ist nichts, worüber wir wirklich nachdenken. Ich weiß nicht, wie man Texte schreiben kann, die nicht persönlich sind. Das wäre eine ziemlich langweilige Art Songs zu schreiben! Wir wissen nicht warum, aber die Melodien, die uns einfallen, sind von Natur aus eher eingängig und poppig. Ich denke, dass es Sinn macht, emotionale Texte mit erlösenden Arrangements zu vermischen.

Du hast mal gesagt, dass die zwei besten emotionalen Befreiungen weinen und tanzen sind. Hörst du auch glückliche Musik, wenn du traurig bist?

Eva Hendricks: Na klar! Aber ich höre auch traurige Musik, wenn ich traurig bin. Ich glaube, es gibt eine Zeit für beides. Manchmal muss man einfach dasitzen und sich schrecklich fühlen und manchmal braucht man Hilfe, um sich stärker zu fühlen, damit man schmerzhafte Erfahrungen übersteht. Durch Popmusik fühle ich mich unsichtbar, und das Tanzen gehört bei mir immer zum „Heilungsprozess“ dazu, genauso wie zu weinen und zu akzeptieren, dass sich manchmal eben alles richtig scheiße anfühlt.


„Du musst dir selbst erlauben, gerechterweise wütend auf die Person zu werden, die so geschmacklos dein offenes Herz ausgenutzt hat“


Was hast du aus der missbrauchenden Beziehung gelernt, die du auf „Young Enough“ verarbeitet hast?

Eva Hendricks: Ich habe gelernt, dass traumatische Erfahrungen immer wieder hochkommen, egal wie tief man sie versucht zu vergraben. Es ist gesund und gut über schmerzhafte und verstörende Vorfälle zu reden, auch wenn es am Anfang wehtut und eine Weile dauert, bis alles einen Sinn ergibt. Man kann aus so etwas nicht alleine rauskommen, es ist wichtig nach Hilfe zu fragen. Ich habe gelernt, dass man niemals Freiheit und Erleichterung erfahren kann, wenn man sich selbst beschuldigt und das Thema vermeidet. Du musst dir selbst erlauben, gerechterweise wütend auf die Person zu werden, die so geschmacklos dein offenes Herz ausgenutzt hat.



Autorin: Maren Schüller / Photocredit: Ebru Yildiz