Nun ist die Katze aus dem Sack: Die britische Indie-Rock-Band Circa Waves wird nicht mal ein Jahr nach ihrem Erfolgsalbum „What’s It Like Over There“ keine einfache, sondern gleich eine doppelte Veröffentlichung im Frühjahr 2020 feiern. Die Liverpooler Band hat mit “Sad Happy” ihr viertes Album für den 13.März 2020 angekündigt und veröffentlicht mit “Jacqueline” ihre erste Single. „Sad Happy” ist ein thematisch getrenntes Doppelalbum mit einer traurigen und einer fröhlichen Seite. Die “Happy” Seite wird abgekapselt bereits am 10.01. digital verfügbar sein und dann als gemeinsamer physischer Release am 13.03. mit der “Sad” Seite zusammengebracht.


Ein Artikel von Anna Fliege – Ich treffe mich vor dem Köln-Konzert der Circa Waves mit Sänger Kieran und Bassist Sam im Vorraum des Kölner artheaters zum Interview. Dabei überrasche ich sie damit, dass ich schon Songs ihres bis dato unangekündigten neuen Albums gehört habe. Aber zuvor unterhalten wir uns über ihre Ansprüche an Musikproduktionen und wie sie versuchen, mit Drake mitzuhalten. Außerdem verraten mir die beiden, was sie nach jedem ihrer Köln-Konzerte machen.


Zunächst meine Frage: Habt ihr eine Antwort auf „What’s It Like Over There?“ (dt. Übersetzung: „Wie ist es da drüben?„) gefunden?

Kieran: Gute Frage…wir waren drüben. Sind wir zurück von da drüben? Das ist die eigentliche Frage. Also, wir waren drüben und es war gut. Wir sind zurückgekommen und jetzt kann ich mich gar nicht mehr richtig daran erinnern, wie es drüben war.

Sam: Es ist, als ob du aus einem Traum aufwachst und es direkt verpufft. Du erinnerst dich noch an ein vages Gefühl.

Aber könnt ihr’s „da drüben“ denn empfehlen? Sollte man da mal hin?

Kieran: Ich würde es da drüben auf jeden Fall empfehlen. Fünf Sterne bei Tripadvisor!

Endlich eine Antwort auf die Frage, danke! Wie war eure Europatournee bisher? Ich habe eure Instagram-Geschichten wirklich genossen.

Sam: Ja? Sehr schön!

Kieran: Ich würde behaupten, es war die beste Europatour, die wir bisher absolviert haben. Die Venues sind größer geworden. Normalerweise sind wir ja grundsätzlich in UK erfolgreicher als im Rest Europas und bisher hat es sich hier immer so angefühlt, als würden wir nicht wirklich voran kommen. Aber jetzt sind wir wieder hier und es kommen Hunderte von Leuten zu unseren Konzerten und besonders in Deutschland, wo wir in den letzten Jahren wirklich wenig gespielt haben, war es sehr gut.

In einem Interview Anfang dieses Jahres habt ihr erklärt, dass ihr mit eurem dritten Album eure musikalischen Grenzen hinter euch gelassen habt. Wie haben die Menschen reagiert? Ich vernahm, dass du, Sam, dich nach Kritik gesehnt hast.

Sam: Ohja, das ist mein Ding! Ich wünsche mir immer Kritik. Ich glaube nämlich, dass wenn du nicht ein bisschen kritisiert wirst, dann wiederholst du dich nur selbst. Natürlich ist es ein Teil deiner Fanbase, dass die Leute wollen, dass man sich immer und immer wiederholt. Abr wenn du genau diese Leute nicht irritierst, machst du es nicht richtig.

Kieran: Ich denke, jede gute Kunst spaltet die Menschen. Egal ob Malerei, Filmproduktionen oder Musik. So sehr es auch toll ist, gelobt zu werden, wenn es Leuten nicht gefällt, denken wir: Okay, wir haben etwas gemacht, das die Menschen auseinanderbringen kann.

Damit ihr damit arbeiten könnt?

Kieran: Ja genau. Also solange es noch Leuten gefällt und nicht alle es hassen!


„Und so versuchen wir unser Bestes, mit Drake Schritt zu halten.“


Kieran, du hast gesagt, du willst, dass sich Circa Waves ständig weiterentwickelt. Und ich bin sehr aufgeregt, denn ihr werdet ziemlich bald neue Musik ankündigen.

Kieran: Wir arbeiten an Musik, sind dabei, einige Dinge zu vollenden. Wir möchten so oft wie möglich neue Musik veröffentlichen. Die Art und Weise, wie Musik konsumiert wird, ist heute viel schneller und wir wollen eher in der Richtung der Hip-Hop-Musik gehen, die den Fans ständig Musik liefert. Und so versuchen wir unser Bestes, mit Drake Schritt zu halten.

Sam: So Drake- oder Rihanna-mäßig.

Die Leute mit neuer Musik über Nacht überrumpeln?

Kieran: Genau. Alle zwei oder drei Jahre ein Album zu machen und dann zu verschwinden – ich denke einfach, dass dieses ganze Ding jetzt einfach tot ist.

Das passt genau zu einer meiner Fragen, die ich euch später noch stellen wollte. In der Vergangenheit gab es die ungeschriebene Regel, alle zwei Jahre ein Album zu veröffentlichen, was sicherlich mit Verträgen zu tun hat, schätze ich. Und jetzt verändert sich die ganze Sache plötzlich. Mittlerweile gibt es längere Pausen, siehe die Arctic Monkeys oder gleich zwei Alben in einem Jahr, wie es Foals gerade zeigen. Gibt euch das eigentlich mehr Freiheit?

Kieran: Ne, ich glaube nicht, es ist eigentlich mehr Druck. Wenn man an eine Band denkt, braucht man ein größeres Studio. Bei Hip-Hop oder Pop wird ein Großteil des Materials in einem kleinen Raum oder von zu Hause aus produziert.

Sam: Wenn du ein Pop-Act bist, verbringst du einfach fünf Tage in Songwriting-Sessions mit vier oder fünf Leuten im Raum und ich glaube, dass es für Bands so nicht funktioniert. Aber wir versuchen trotzdem, auf diesem Level mitzuhalten.

Kieran: In jeglicher musikalischer Hinsicht, besonders bei Bandmusik, sind wir nie in der Lage, so viel Zeug wie möglich herauszubringen. Aber wir arbeiten als Band recht schnell und sind in den letzten sechs Jahren recht effizient geworden.

Von wie wir es bei der ersten Platte angestellt haben und es etwa sechs Wochen lang durchgezogen haben. Bis jetzt, wo wir wesentlich effizienter sind. Und ich denke, dass wir auf einem guten Weg sind.

Ich hab gelesen, dass euer aktuelles Album schon letztes Jahr fertig war. Kieran, du schreibst sehr viel und dann trefft ihr euch und nehmt es in einer Woche oder so zusammen auf. Das ist verrückt.

Kieran: Ja, es waren etwas unter zwei Wochen, oder?

Sam: Ja.

Kieran: Wir sind quasi reingegangen, haben das alles irgendwie durchgezogen.

Klingt nach 24/7-Arbeit.

Sam: Wir versuchen, ein Instrument pro Tag aufzunehmen. Ein Tag Gitarre. Einen Tag Bass. Einen Tag Gesang. Einen Tag Schlagzeug. Also wenn es möglich ist. Wir wollen einfach so effizient wie möglich sein.

Jetzt sind wir ein bisschen abgedriftet, ich wollte doch mit euch über eure neue Musik sprechen! Ich durfte nämlich schon ein paar Songs davon hören..

Kieran: Okay, wow.

Wusstet ihr das nicht?

Kieran: Über sowas werden wir nicht informiert, aber hey, cool!

Sam: Was hast du denn schon gehört?

Ich konnte mich in fünf Songs reinhören und hab mir dazu ein paar Gedanken aufgeschrieben. Ich liebe eure Musik, das war total aufregend. Der erste Song ist „Jacqueline“. Ein sehr verspielter, aufmunternder Song. Das ist für mich jetzt schon DIE Hymne der nächsten Festivalsaison, weil der so super tanzbar ist. Was steckt dahinter, der Song ist ja wirklich komplett raus aus eurer Comfort Zone, obwohl ihr aus der ja eigentlich schon mit dem letzten Album raus seid.

Sam: Siehst du! Wir haben die Leute noch nicht genug irritiert, deshalb versuchen wir es nochmal.

Kieran: Ich hab mich gar nicht darauf vorbereit, Fragen zu neuer Musik zu beantworten (lacht). Wann wird das Interview denn veröffentlicht?


„Du kannst tun, was immer du willst! Weil du fantastisch bist.“


Erst zum Zeitpunkt eurer Ankündigung, also keine Bange, ich verrate keine Geheimnisse.

Kieran: Ja dann ist ja alles gut! „Jaqueline“ ist im Grunde über Mütter und im speziellen über eine Mutter. Sie leidet unter Schlafentzug, weil sie eine frischgebackene Mutter ist und so was. Es ist ein bisschen wie ein Wunsch zu sagen und zu versuchen, diese eine bestimmte Person zu ermutigen, stark zu sein. Ein ziemlich ungewöhnliches Thema, aber ich hatte Spaß daran, den Song zu schreiben. Ich versuche grad, mir eine bessere Antwort zu überlegen, aber das ist es eigentlich.

Sam: Wenn ich es mir anhöre, dann geht es für mich darum, dieser Person einfach zu sagen: „Du kannst tun, was immer du willst. Weil du fantastisch bist.“ Das ist der Vibe, den mir der Song gibt.

Das transportiert der Song auf für den Hörer!

Sam: Ja. Was auch immer du tun willst: Tu es einfach! Weil du es kannst.



„Aber der Song in seinem Kern ist immer noch ein Circa Waves-Song.“


Der Song ist schon sehr poplastig. Ihr habt mal gesagt, „What’s It Like Over There?“ ist euer poppigstes Album. Wie würdet ihr dann das neue Zeug beschreiben? Ihr seid diesmal ja noch viel weiter gegangen für eure Verhältnisse, nach meinem Gefühl. Wie kommt ihr zu diesem Sound?

Kieran: Starke Drum-Samples waren immer sehr inspirierend. So Hip-Hop-Drum-Samples. Und ich glaube das ist es, was es so „produziert“ klingen lässt.

Sam: Ja, ich glaube viel hängt mit der Produktion zusammen. All die neuen Songs auf dem neuen Album und auch dem letzten Album lassen sich sich reduzieren und wir könnten sie so klingen lassen, wie wir uns mal angehört haben. Und manche der Songs waren auch genau so. Die Originaldemos klangen viel mehr nach dem, wie wir früher Songs gespielt haben. Im Studio geht es darum, diese Elemente zu eliminieren und mit neuen zu füllen. Um sie so in das neue Terrain zu manövrieren. Aber der Song in seinem Kern ist immer noch ein Circa Waves-Song. Wir haben ihn nur in andere Gewänder gesteckt.

Sam, du hast gelernt, für das letzte Album Klavier zu spielen, jetzt haben wir sehr präsente Keyboard- und Synthesizer-Sounds mit dem neuen Material. Werden wir dich bei der nächsten Tour an den Tasten sehen?

Sam: Ohja, das hab ich. Zum Glück sind wir zum Keyboard übergegangen. Wir haben noch nicht wirklich ausgearbeitet, wie das bei den nächsten Touren aussehen wird und was live passieren wird.

Kieran: Da gibt es einen neuen Song, „Sad / Happy„…die Synthesizer davon besitzen wir gar nicht. Das wird spannend. Sam will das mit Sicherheit kaufen. Sam likes to buy the synths. 

Den Song hab ich gehört und er hat mich an diese MGMT-Phoenix-2007er-Vibes erinnert, richtig schön. Und spannend, deine Stimme mit so für euch neuartigen Sounds zu hören, Kieran.

Kieran: Ich hab diese Bands immer geliebt, besonders Phoenix! Der Sound gibt mir ein bisschen mehr Spielraum für die Vocals. Das war sehr cool, ich mochte diese Challenge.

Kieran, du bist ein großer Fan von Pop-Einflüssen. Kannst du ein paar Namen nennen? Pop ist ein so breites Genre, das kann ja quasi alles sein, da brauche ich bitte ein paar Name-Drops!

Kieran: Carly Rae Jepsen.

Sam: WAS? Carly Rae Jepsen?

Kieran: Ja! Sie hat diesen enormen, beeindruckenden 80er Jahre-Vibe. Du überlegst dir Namen und ich suche den Song.

(Kieran holt sein Handy raus und tippt darauf rum)

Sam: Ich habe keine Ahnung, wovon er spricht. Es ist auf jeden Fall nicht Carly Rae Jepsen.

Kieran: Doch, doch! Ich glaube schon, dass ich die meine. Die hat ein richtig gutes Album gemacht.

(Kieran sucht weiter nach besagtem Album)

Kieran: Ansonsten natürlich Drake. Drake ist ziemlich cool. Oh, hier, ich habs! „Emotion“ heißt es.

(Kieran spielt einen Song des Albums ab)

Kieran: Also, das finde ich super! Ansonsten Jason Derulo und vieles mehr.

Sam: Jack Antonoff! Der Produzent, der viel mit Lana Del Rey, Taylor Swift und Lorde zusammengearbeitet hat.

Kieran: Ohja, und seine Band, Bleachers, kennst du die?

Jack mag ich sehr. Wow, damit hätte ich überhaupt nicht gerechnet. Ich habe jetzt eher auf Indie-Pop gesetzt, diese Phase irgendwo zwischen 2005-2012. Meint ihr, da kommt 2020 endlich mal ein Revival?

Kieran: Gut möglich! Da kommen grad viele gute neue Gitarrenbands. Wäre interessant zu sehen, dass im Radio wieder Indie läuft. Das Musikspektrum ist natürlich immer noch riesig. Aber vielleicht bringt unser nächstes Album ja die Bewegung voran (lacht).


„Ich mochte diese traurige Euphorie in MGMT-Songs immer sehr gerne, […]“


Alles in allem klingen die Songs sehr glücklich. Obwohl es natürlich nicht immer mit dem Text übereinstimmt. Ist das eure Art von Eskapismus in Zeiten wie diesen?

Kieran: Ich mochte diese traurige Euphorie in MGMT-Songs immer sehr gerne, damit kann ich mich gut identifizieren.

Eine Frage zu eurer jetzigen Tour habe ich noch, bevor das Interview zu Ende ist. Was sind eure Pläne für diese deutschen Tourdaten? Habt ihr Traditionen, die ihr immer befolgt, wenn ihr in Deutschland seid?

Sam: In Berlin gehen wir immer beim Burgermeister Burger essen. Und sonst?

Kieran: In Köln spielen wir jedes Mal „crazy golf„.

Was ist denn „crazy golf?“

Sam: Schwarzlicht-Minigolf ist das, direkt hier um die Ecke, da gehen wir später noch hin. Wir enden in Deutschland irgendwie immer beim Minigolf.

Gibt es sowas in UK nicht? Also, mir war nicht klar, dass das ein deutsches Ding ist.

Sam: Ne, das ist kein rein deutsches Ding, das gibt’s auch bei uns. Aber wenn wir Minigolf spielen, dann sind die Chancen sehr hoch, dass es in Deutschland passiert (lacht). Keine Ahnung, das ist eine unserer komischen Angewohnheiten.


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Autorin: Anna Fliege / Presse: [PIAS] / Photocredit: Press Photo