Es ist ein später Sonntagnachmittag Ende März, die Wolken des Tages haben sich verzogen, die Sonne lässt sich tatsächlich noch einmal blicken. Unter blauem Himmel treffe ich Jan, Markus, Till und Live-Drummer Thorben von Darjeeling am Wuppertaler Hutmacher. Unsere Anfahrtswege waren erstaunlich kurz, die Jungs kommen aus dem Probenraum, ich wohne da quasi nebenan.

Ein Artikel von Anna Fliege – Bei Club Mate und Rhabarberlimo beginnt unser Gespräch mit Anekdoten unserer (Wahl-)Heimat. Denn hier am Hutmacher hat die Darjeeling-Geschichte begonnen. Zumindest habe ich das in einem Zeitungsartikel gelesen. Als ich die Band darauf anspreche, ist man sich uneinig.

Markus: Ja, beim stadtMacher Festival!
Thorben: Ne, war das nicht beim Luisenfest? Da habt ihr euch doch vorher umbenannt.
Jan: Also eigentlich war es das Luisenfest. Das weiß ich noch ganz genau.
Till: Aber die EP war da noch nicht fertig.
Jan: Nein, die war fertig, aber der Paketbote…Also nochmal von vorne, DAS WAR SO: Ich wusste, dass das Paket an dem Tag vor dem Luisenfest ankommen würde. Ich war den ganzen Tag zuhause, bis meine Mutter mich anrief und ich sie von der Arbeit abholen sollte. Ich war vielleicht eine halbe Stunde nicht da – in der Zeit kam natürlich der Paketbote, hat es aber nirgendwo bei den Nachbarn abgegeben, sondern mit zur Zentrale genommen. Und dann hatten wir die EPs nicht dabei, weil man es Samstags nicht abholen konnte. Hier am Hutmacher hatten wir aber schon einige coole Gigs.
Till: Beim stadtMacher Festival war allerdings der große Fail, dass wir noch mit unserem alten Bandnamen auf all den Plakaten standen.

Inwieweit hat euch Wuppertal denn als Band geprägt? Glaubt ihr, dass man es hier grundsätzlich leicht hat?

Jan: Das coole hier an Wuppertal ist, dass das Publikum sehr dankbar ist und die Leute sich freuen, wenn etwas die Bühne kommt. Das ist glaub ich ein großer Unterschied zu Berlin, Hamburg und Köln – du kannst echt gut sein, aber es gibt an dem Abend halt noch fünf andere Konzerte und es bekommt niemand mit. Das ist hier anders, was uns auf jeden Fall in die Hände gespielt hat – sagt man das so?
Till: In die Karten.
Jan: Also das hatte den Vorteil, dass wir schnell an die Leute gekommen sind, die das auch interessiert. Die Szene hier ist sehr klein.
Markus: Man kennt sich dann halt und dadurch kannten wir dann zum Beispiel auch Thorben.
Till: Die Szene hier ist durchaus fruchtbar. Bis auf unser jetztiges Label haben wir beim Album jetzt, zumindest was die Wurzeln angeht, komplett mit Leuten aus Wuppertal und Umgebung zusammengearbeitet.

Till und Jan sind während der Aufnahmen zum neuen Album „Hokus Pokus“ nach Berlin gezogen, Markus und Thorben wohnen noch immer im Bergischen Land. Auf die Frage, was den Neu-Berlinern fehlt, sagt Till:

„Natürlich Freunde und Familie. Und bandtechnisch die Nähe zum gemeinsamen Proberaum. Aber das Experiment sind wir ja nunmal eingangen und hatten auch Bock drauf. Und ich glaube, das bringt auch irgendwie noch einmal eine andere Dynamik rein und wir sind gespannt, wie das weitergeht.“


Am 12. April, einen Tag vor dem heißgeliebten Record Store Day, veröffentlichen Darjeeling ihren zweiten Longplayer „Hokus Pokus„. Im Vergleich zum Debüt „Life Is An Intriguing Mosaïque Of Revealing Secrets“ ist der Titel knackiger und die Verlockung zu groß, um eine besondere Frage nicht zu stellen.

„Hokus Pokus“ also – könnt ihr denn auch ein paar klassische Zaubertricks?

Till: Ja klar, willst du einen sehen? Dann muss ich kurz mein Utensil auspacken.

Till macht sich an seinem Rucksack zu schaffen, stellt sich vor unsere kleine Sitzgruppe und hält ein rotes Tuch in den Wind. Eine Handbewegung später ist daraus ein riesiger Zauberstab geworden. Wir klatschen beeindruckt. Eine unbeteiligte Frau, die sich zu uns setzen wollte, ergreift schlagartig die Flucht, ihre letzten Worte lauten: „Sonne schön und gut, aber das ist mir dann doch zu krass.

Wir lachen herzlich und Thorben merkt an, dass ihm solche Begegnungen fehlen würden, wenn er in einer anderen Stadt wohnen würde. Als wir zurück auf die Zaubertricks zu sprechen kommen, erklärt Markus, dass die Band für einen Videoteaser zum Album extra ein paar Standard-Tricks geübt habe. „Hokus Pokus“ sei im klassischen Sinne kein aber Konzeptalbum rund um das Thema „Zaubern“ und würde vom eigenen Verständnis der Zauberei abhängen. „Der Inhalt des Albums setzt sich nicht mit Zaubershows auseinander“ wirft Till ein. Auf meine Frage, ob auf der Tour auch gezaubert werden würde, kontert Jan gekonnt:

„Wir zaubern vor allen Dingen mit unseren Instrumenten.“



Jetzt kommen wir aber mal auf die Musik selbst zu sprechen. Ich habe in „Hokus Pokus“ reingehört und finde eure Interludes total spannend – ich mein, das macht ja heutzutage kaum noch jemand. 

Thorben: Ich glaube das ist, was auf der Bühne eine Band wie Darjeeling von anderen Bands unterscheidet. Dass die [Interludes] auch live stattfinden nicht dieses stumpfe ‚Song fertig, Applaus, nächster Song‚.

Wir fangen an, über Interludes auf neueren Platten zu philosophieren. Es fallen Namen wie Portugal. The Man und Alben, die mittlerweile auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel haben. Schlussendlich stellen wir gemeinsam fest, dass meine Vermutung gar nicht so falsch wäre, das macht heute wirklich kaum noch jemand. Man sieht den Stolz in den Gesichtern der jungen Musiker durchschimmern.

Das ist für euch ein wichtiger Part des Story-Tellings, oder? 

Markus: Auf jeden Fall! Der Titeltrack ist ja auch ein Interlude, der eine ganz zentrale Rolle auf dem Album eingenommen hat.
Jan: Ich mag, dass du das als Story-Telling erkennst. Beim Zusammenstellen unserer Setlists wollen wir auch eine Art musikalische Geschichte erzählen. Und das ist bei einem Album natürlich noch viel krasser. Interludes sind bei uns der Leim, der das Ganze zusammenklebt.

Wovon das Album denn handle, frage ich neugierig nach. „Hokus Pokus“ spiele mit Motiven wie „ein alter Jahrmarkt in den 20er-Jahren„, „ein bisschen Zirkus„, aber es ginge dabei eher um die Verpackung als um die Inhalte, die „ziemlich divers“ seien. Jan ergänzt die Motive „Schein“ und „das Trügerische„, „Überraschungsmomente„. Und schlagartig ergibt der Albumtitel (noch mehr) Sinn.

Erzählt doch mal, wie und wo euer neues Album entstanden ist.

Till: Zusammengefügt haben wir unsere Ideen hier im Probenraum. Aufgenommen haben wir das Schlagzeug bei gefühlt 60 Grad auch hier in Wuppertal mit zwei mittlerweile sehr guten Freunden – Birk und Lukas – die wiederum in Hannover wohnen, wo wir den Rest aufgenommen haben.
Jan: Und „Hokus Pokus“ haben wir in einer Kirche in Radevormwald aufgenommen.
Till: Ohja, auf einer historischen Kirchenorgel.

Selbst, wenn man es auf dem fertigen „Hokus Pokus“ als Unwissender vermutlich gar nicht so klar definieren könnte: die Kirchenorgel ist ein echtes Highlight. Nicht eine x-beliebige, langweilige Kirchenorgel, nein, nein. Napoleon Bonaparte höchstpersönlich hatte schon mit ihr zu tun. Ich erhalte einen kleinen Geschichtsexkurs von Till:

Die beste Anekdote zur Orgel ist, dass sie unter Napoleon abgebaut, nach Frankreich gebracht, dort wieder aufgebaut und die Kirche, in der sie dort stand, in einen Pferdestall umgewandelt wurde. Und dann hat man sie wieder zurückgeholt irgendwann. Also eine ganz schöne Reise.“


Und nun findet man sie auf „Hokus Pokus„. Ein Funfact, der vermutlich noch häufig zum Einsatz kommen wird.

Markus: Was ich persönlich auch sehr interessant am Albumprozess fand, war, dass wir anders geschrieben haben. Wir haben viel mehr Ideen ausgetauscht und viel mehr Lieder zusammen geschrieben. Und auch Thorben war im Vergleich zum letzten Album viel mehr involviert, als es darum ging, die Drumparts zu schreiben. Außerdem haben wir in der Produktion selbst noch geschrieben.

Eure Songs sind so vielschichtig, ich wüsste gar nicht, wie ich einen Darjeeling-Song kompinieren sollte. Da kommen 1000 Sachen zusammen und es klingt wie 10 Songs ineinanderverwachsen. Wie kommt ihr darauf?

Thorben: Es gibt so viele Details! Und das ist nicht mehr selbstverständlich heutzutage. Dass man im Proberaum steht, ein Interlude aufnimmt und dafür die ganze Zeit in eine Plastiktüte pusten oder Tierstimmen nachahmen muss. Das machen nicht mehr viele Bands. Das meiste wird ja einfach gesampelt.
Till: Mein Lieblingsmoment in der Produktion war, als Birk meinte: ‚Also wirklich Leute, keine Band der Welt würde diesen Sound mit einer Orgel aufnehmen‘. Das sind dann manchmal so die Magic Moments. Wenn man den Song aufgenommen hat und dann noch einmal Ideen dafür haben kann.

Die Magie hört man dem fertigen Endprodukt an jeder Ecke an. Und nur zu gerne würde man einmal Mäuschen spielen, wenn die Jungs im Studio sitzen und an ihren Songs feilen. Markus ergänzt:

„Manchmal wusste man das aber auch schon vorher, was da passieren sollte. Und das sind ja die geilen Aufnahmen. Die ich nach drei Jahren oder auf einer anderen Anlage nochmal höre und mir dann etwas völlig Neues in dem Song auffällt. Das sind die geilen Produktionen, wenn du plötzlich merkst: ‚Die Stimme an der Stelle hab ich vorher noch nie gehört‘. In die man so richtig reintauchen kann.“



Eine Stunde voller Spaß, skurrilen Begegnungen und spannenden Geschichten aus dem Band-Leben der Darjeelings später bitte ich die Viererbande um ein paar abschließende Worte, mit denen ich diesen Wortwechsel beenden kann. Dass die Jungs nicht gerade wenig zu sagen haben, merkte man gleich zu Beginn, weshalb der Wust aus Abschlussworten auch überhaupt nicht überraschend ist. Eine Quintessenz daraus:

Jan: Wir haben mega Bock, das Album zu veröffentlichen und hoffen, dass alle so viel Spaß daran haben wie wir selbst. Wir sind ja alle totale Musiknerds. Wir versuchen, Musik für alle zu machen, nicht nur für Nerds. Wir freuen uns, wenn jemand nach dem Konzert zu uns kommt und sagt, dass er die Melodie mochte. Wir freuen uns aber auch, wenn jemand sagt: ‚Als du da in Takt 14 diesen Effekt angemacht hast, das war krass‚.
Till: Genauso freuen wir uns über abstruse Begegnungen, die man mittlerweile zu Hauf gehabt hat.
Thorben: Ich glaub, dass man eine Band wie Darjeeling nicht oft so zu sehen bekommt. Dass der Funke dann auch überspringt, sich ein bisschen mehr reinzuziehen als nur E-Gitarrensolo, fertig, Applaus. Man muss schon Bock drauf haben. Das ist Musik für Leute, die wirklich noch gerne auf Konzerte gehen.
Till: Und Platten am Stück hören.
Markus: Genau. Geht auf Konzerte! Hört Platten am Stück! Seid freundlich zu euern Recordstore-Verkäufern!

Das Album „Hokus Pokus“ erscheint am 12. April bei Listenrecords.


DARJEELING live

11.04.2019: Oberhausen – Druckluft w/ Kala Brisella
12.04.2019: Köln – Blue Shell
13.04.2019: Wuppertal – LOCH
27.05.2019: Lüneburg – Café Klatsch
28.05.2019: Kiel – Hansa48
29.05.2019: Bremen – Karton
30.05.2019: Jena – Café Wagner
31.05.2019: Berlin – Monarch
04.10.2019: Werne – Flöz – K
06.10.2019: Offenbach – Hafen2
07.10.2019: Reutlingen – Franz.K
08.10.2019: München – Milla
09.10.2019: CZ – Prague – Underdog’s
10.10.2019: CZ – Brno – Kabines Múz
11.10.2019: SK – Banská Bystrica – Záhrada
12.10.2019: SK – Bratislava – tba
13.10.2019: AT – Graz – Sub
14.10.2019: AT – Wien – Kramladen
17.10.2019: Göttingen – Dots
18.10.2019: Nürnberg – Club Stereo


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Liza Arbeiter