Now Reading
Im Wortwechsel mit DECLAN MCKENNA

Im Wortwechsel mit DECLAN MCKENNA

Mit „Zeros“ kehrt Großbritanniens große Indie-Rock-Hoffnung auf die Bildfläche zurück. Anna hat sich für unseren neusten Wortwechsel mit Declan McKenna über sein Album unterhalten.

Es ist Mitte Juli, als ich Declan McKenna anrufe. Und es ist sein Umzugstag. Aber der Brite empfängt meinen Anruf als willkommende Ablenkung vom Kistentragen. Und so sprechen wir über sein neues Album „Zeros„, klären, wenn der eigentlich dieser Daniel aus seinen Songs ist, reden über seine Beziehung zum Glauben und in welcher Show er lieber mitmachen würde als Love Island.

Hey Declan, schön, mit dir zu reden! Wie geht es dir?

Declan McKenna: Es wird langsam wieder entspannter. Aber sonst war es echt okay – ich war wahnsinnig busy. Ich musste mich natürlich anpassen und eine Menge canceln, deshalb war ich meistens zuhause. Lustige Livestreams sind jetzt Teil meines Jobs (lacht).

Obligatorische Frage. Was hat es mit dem Namen des Albums auf sich – Zeros?

Declan: Ich wollte etwas simples, einen Titel mit nur einem Wort. Ich hatte jede Menge Auswahlmöglichkeiten, aber „Zeros“ hat irgendwie am meisten Sinn gemacht. In Bezug darauf, dass ich über die Zukunft spreche, künstliche Intelligenz, welchen Stellenwert Technologie haben wird und wie es sich verändert. Und auf der anderen Seite bezogen auf die menschlichen Aspekte. Leute, die sich in der Welt verloren fühlen.

Und so hat „Zeros“ alles zusammengebracht und war dabei sehr simpel. Ich wollte mit Blick auf das Album nicht zu spezifisch werden. So gibt es ein offenes Ende. Das war meiner Meinung nach nötig.

Ich mag es, wie das Album voller gut erzählter Geschichten steckt. Wie bringst du Inspirationen bzw. Ideen dafür zusammen?

Declan: Ich versuche immer so verrückt wie möglich zu schreiben. Ich schreibe immer automatisch basierend auf einer Geschichte. Im Allgemeinen ist mein erster Instinkt, eine Geschichte zu schreiben, die seltsam ist und nicht unbedingt viel Sinn ergibt oder eine bestimmte Richtung hat. Und während ich weiterschreibe, versuche ich herauszufinden, was ich sagen wollte. Und auf halbem Wege wird es mir dann irgendwann klar.

Auch bei diesem Album gibt es so viel Raum, um kleine Ideen einzubringen und die Geschichte des Albums an verschiedenen Orten zu erzählen. Ihm diese Entwicklung zu geben. Es erzählt eine Geschichte vom Anfang bis zum Ende ebenso wie durch die individuellen Songs selbst.

Ich versuche immer, die Balance zwischen dem ersten, was mir in den Sinn kommt, und dem eigentlichen Ursprung zu finden.

In deiner Single „Daniel, You’re Still A Child“ treffen wir, wie es der Name schon verrät, auf die Figur Daniel. Und wir werden ihn in dem Lied „Be An Astronaut“ (übrigens mein Lieblingslied des Albums) wieder treffen. Wer ist Daniel?

Declan: Ich kam auf Daniel, als ich „Be An Astronaut“ schrieb. In der ersten Hälfte dieses Liedes ist es nämlich so, als würde ich mit jemandem reden, aber die erste Zeile wollte mir nicht gelingen. Also dachte ich mir: Wie wäre es, einen Namen zu verwenden? Und Daniel passte ganz gut.

Das passt gut zu dem, was ich vorhin erzählt habe. Dass ich eine Idee habe. Und die Idee so tatsächlich anwenden kann. Dass dieser Charakter die Geschichte des Albums repräsentiert. Und dass ich ihn irgendwie an diese Geschichte des Songs binden kann.

Aber es gibt nicht den einen Daniel. Ich sehe ihn mehr stellvertretend für viele jüngere Menschen.

Quasi als Repräsentant unserer Generation?

Declan: Ja! Eine Rolle zu spielen, nach der ich in der Welt suche, die meiner Meinung nach vernachlässigt wird. Sich in der Welt genauso verloren zu fühlen und für eine Weile in einer Ecke des Internets zu verweilen, die einen auf den falschen Weg führt. Oder wo auch immer das sein mag.

Ich habe das Gefühl, dass Daniel für eine ganze Reihe von verschiedenen Eckpunkten im Leben steht, an denen Menschen missverstanden werden. Und ich glaube, dies ist einer der Hauptzwecke von Daniel, da er eine Figur ist, zu der die meisten Menschen meiner Meinung nach auf irgendeine Weise eine Verbindung herstellen können.

Ein anderes Thema, das ich beim durchhören entdeckt habe, sowohl in „You Better Believe“ als auch in „Sagittarius A*“, ist, dass du mit biblischen Motiven spielst. Welche Beziehung hast du generell zu Religion und Glauben?

Declan: Ich bin katholisch aufgewachsen. Als Kind wurde mein Blick auf die Welt und auch auf die Gesellschaft dadurch geprägt. Und ich glaube, dass sowowauf natürlichem Wege zu uns findet. Es ist ein weitere gute Möglichkeit, über unsere Verantwortung auf der Erde zu sprechen, wie ich es auf „You Better Believe“ mache.

Oftmals, wenn ich solche biblischen Referenzen benutze, ist es, die Idee zu platzen lassen, dass es etwas gibt, das größer ist als wir. Aber wenn man sich das Lied ansieht, die Geschichte, die es tatsächlich erzählt, ist es, dass wir nur uns selbst die Schuld geben können. Und eher auf uns selbst als auf eine Art Gott vertrauen sollten.

Unabhängig vom Glauben selbst, gibt es schließlich Verantwortlichkeiten, die immer noch in unseren Händen liegen. Auf die wir uns alle irgendwie eininigen können. Aber ja, es gibt viele biblische Referenzen in meinen Texten, weil sie einen großen Teil meines Verständnisses ausmachten, als ich aufwuchs.

Gibt es denn etwas, an das du glaubst?

Declan: Ich mag die Idee, dass alles irgendwie miteinander verbunden ist. Und dass es verschiedene Dimensionen des Seins gibt, die wir nicht kontrollieren können. Ich glaube schon, dass es da noch viel mehr gibt, wovon wir nichts wissen. Es könnte eine geistige Welt geben oder Energien, die unser Leben kontrollieren. Ich finde es schwer, sich da eine Sache rauszupicken. Ich habe immer das Gefühl, dass wir nicht genug wissen. Meiner Meinung nach ist es wichtig, für die unterschiedlichen Ideen der Welt offen zu sein. Denn in jeder Schöpfungsgeschichte, die es da draußen gibt, steckt immer ein Stückchen Wahrheit und ein Stückchen Weisheit.

Für mich dreht sich alles um das Gleichgewicht. Ich beschränke mich nicht auf eine bestimmte Weltanschauung.

Und nicht auf die Annahme, dass der Mensch das geilste, schlauste, größte Lebewesen im ganzen Universum ist…

Declan: Ja…und der wichtigste Part des Universums…

See Also


Ohje, das wäre ziemlich schlimm, wenn wir der wichtigste Part des Universums wären…

Declan: Das wäre schrecklich! Wir zerstören alles! Also es könnte schon sein, dass uns etwas Unbekanntes umgibt…aber es kann auf keinen Fall sein, dass der Mensch der Mittelpunkt des Ganzen ist. Dafür ist das Universum viel zu groß.

Ich bekomme Angst, wenn ich merke, dass ich nicht präsent bin.

Das ist die ideale Überleitung zu meiner nächsten Frage, Declan! Ich habe gelesen, dass „Beautiful Faces“ von unserer gegenwärtigen, nicht ganz unfragwürdigen Popkultur inspiriert wurde, in der Menschen ihr ganzes Leben lang auf Instagram und in Shows wie Love Island vebringen. Wie gehst du damit um? Wirklich entkommen können wir dem Ganzen ja nicht.

Declan: Ne, nicht mit der Art und Weise, wie wir heute über Social Medie kommunizieren. Es ist so intensiv und Angst einflößend. Das kann ziemlich einschüchternd werden. Die Entwicklung ist es, die mir Angst macht: Wie tief geht es? Wie weit kann es gehen? Wie diese Interaktionen unser Leben bestimmen.

Es ist schwer, die Oberhand zu behalten. Es macht mir Angst, aber andersherum könnte es für mich als 21-Jähriger nicht mehr kein Teil meines Lebens sein. Natürlich liebe ich es auch. Das Internet bietet so viele Möglichkeiten und Ressourcen.

Deshalb ist es wichtig, sich selbst Grenzen zu setzen. Und auch mal in der Lage zu sein, das Handy auszumachen und für ein paar Stunden abzuschalten, ohne sich währenddessen Sorgen darüber zu machen, dass man nicht connected ist. Ohne zu befürchten, dass man irgendwas Wichtiges verpasst. Denn letztendlich verliert man  häufig die Fähigkeit, präsent zu sein. Ich bekomme Angst, wenn ich merke, dass ich nicht präsent bin.

Oh, das kenn ich zu gut. Ich finde es auch so schwierig, sich bewusst darüber zu sein, was man konsumiert. Häufig kann man ja gar nicht unterscheiden, was wirklich real ist und was nur als picture perfect-Welt verkauft wird. Wie bei „Love Island“…da frage ich mich, ob Dating in 2020 bedeutet, dass man ständig irgendwelche Six Packs sehen muss.

Declan: Total. Mit so Sachen wie „Love Island“ kommt es glaube ich auf die Perspektive an. Das kann schon eine Show sein, die ich mir gerne angucke, weil es unterhaltsam und spannend ist. Aber da wird nicht nur Dating in ein bestimmtes Licht gerückt, dort wird eine ganze Fake-Welt erschaffen. In der Rollen erschaffen werden und der Sportler zum Beispiel der „Starke“ der Gruppe sein muss.

Und die sind da alle unverschämt durchtrainiert und healthy. Und trotzdem werden da diese Rollen verteilt. Wo ich mir denke „ugh, das sind doch alles Models!“. Wenn diese Welt erschaffen wird und die dazugehörigen Charaktere, muss trotzdem irgendjemand der bad guy sein.

Es ist auch so vielen Ebenen erschreckend, nicht nur, was es mit den Zuschauer*innen macht, sondern auch mit den Leuten in der Show selbst.

Ständig sagen wir uns, dass wir uns von diesen 2000er-Filmen mit den bösen Cheerleadern, den erfolgreichen Football-Playern und den unbeliebten Nerd distanzieren wollen, und doch reproduzieren wir diese lächerlichen Rollenbilder immer und immer wieder.

Declan: Ja, wir kreieren konstant irgendwelche Welten, in denen die Leute nicht komplexer sein können als das.

Aus diesem Grund versuche ich, solche Formate nicht zu konsumieren. Aber gibt es eine Fernsehsendung, irgendeine Fernsehsendung, bei der du gerne mitmachen würdest, wenn wählen müsstest?

Declan: Wir haben wir in UK eine Show, ich weiß nicht, ob du schon mal davon gehört hast, die „Hunted“ heißt. Normalerweise gibt es Zweier-Gruppen, die 30 Tage lang auf der Flucht sein müssen. Da gibt es dann sowas wie Undercover-Polizist*innen, Ermittler*innen. Und ja, du musst auf der Flucht sein und von der Bildfläche verschwinden für 30 Tage und dabei nicht erwischt werden. Ich habe mir immer vorgestellt, dass ich da Lust drauf hätte. Weißt du, das ist so eine der Formate, bei denen du zuhause sitzt und denkst „man, ich wäre echt gut darin!„.

Scroll To Top