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Im Wortwechsel mit der CRUCCHI GANG

Im Wortwechsel mit der CRUCCHI GANG

Dolce Vita, Pasta, Aperol Spritz, der Geruch von Sonnencreme. Wer dieses Jahr Urlaub in Italien (Obacht Ohrwurmgefahr) machen konnte, kann sich glücklich schätzen. Für alle anderen steht die Crucchi Gang bereit. Anna hat sich im Wortwechsel mit Co-Gründer Francesco Wilking über das außergewöhnliche Projekt unterhalten.

2020 ist, wenn Von Wegen Lisbeth, Faber, Steiner & Madlaina, Thees Uhlmann und ein bunter Haufen weiterer deutscher Künstler*innen plötzlich auf Italenisch singen. Strippenzieher hinter der berühmt berüchtigten Crucchi Gang ist Francesco Wilking, bekannt als Sänger bei Die Höchste Eisenbahn und Halbitaliener.

Wir sind zum Interview verarbredet. Und wenn Francesco Wilking durchklingelt, hat man quasi den Jackpot schon gewonnen. Von ihm bekommt man Geschichtskurs, Sprachkurs und Kochkurs in einem, wenn man die richtigen Fragen stellt. Und gelacht wurde viel, während wir über die Crucchi Gang, Italo-Pop und Pesto gesprochen haben.


Francesco, schön, dich über’s Telefon kennenzulernen! Wie geht es dir?

Francesco Wilking: Gut, danke dir! Ich habe schon ein paar Interviews gegeben und versuche immer was ganz anderes, dem vorherigen Interview entgegengesetztes zu sagen, damit ich mich selber nicht langweile.

Na, dann bin ich mal gespannt, welchen Francesco ich da in den nächsten Minuten kennenlerne!

Francesco (lacht): Ich versuche mir jedes Mal einen anderen Character auszudenken, weißt du, jetzt spricht jemand ganz anderes als vorher.

Oho! Gleich vorweg: Ich bin ein riesiger Fan eures Projekts! Wer kam auf diesen genialen Namen?

Francesco: Danke! Ich glaube, das Projekt selber hat sich Charlotte Goltermann ausgedacht. Und den Namen habe ich mir glaub ich ausgedacht. Man weiß das ja immer nicht, auch wenn man sich einen Bandnamen ausdenkt, dann weiß man nur, dass man vier Wochen kopflos durch die Gegend gerannt ist, bis er dann auf einmal da war.

Dieses Crucchi Gang war tatsächlich erst mal nur ein Spaß, von wegen „das ist ein Wortspiel, aber wir nennen es dann eh ganz anders„. Weil „crucchi“ ist zu krass, das ist tatsächlich ein sehr hässliches Wort, das benutzen die Italiener, wenn der Hass hochkocht, irgendwelchen Politikern gegenüber oder sowas. Das hat ja was mit Europa zu tun. Europa hat ja das Verhältnis Deutschland-Italien nicht unbedingt einfacher gemacht.

Und wieso ist es dann doch dabei geblieben?

Francesco: Na, dieses Wortspiel hat irgendwie was und dann ist es auch eine schöne Überlegung, sich so einen ganz ganz negativen Begriff zu kapern und den praktisch positiv zu verwenden, ihn auf eine Platte und auf Pullis drauf zu drucken. Das find ich irgendwie cool.

Und das Witzige ist, wenn ich Italienern von dem Projekt erzähle und die fragen „wie heißt das denn?„, und ich sag Crucchi Gang, dann müssen die immer lachen. Weil’s dann doch irgendwo provokant ist.

Aber so bleibt man auch in Erinnerung! Wie wurde denn aus so einer eigentlichen Schnapsidee dann Realität?

Francesco: Charlotte unterscheidet sich tatsächlich von anderen Menschen dadurch, dass sie an so Schnapsideen einfach festhält und dann in regelmäßigen Abständen die wieder vorbringt. Und irgendwann springt man halt auf den Zug auf. Ich habe, glaub ich, die ersten drei oder vier Male, als sie mir davon erzählt hat, hab ich immer gelacht und „jaja, witzig“ gesagt, „lass mal wieder über die anderen wichtigen Themen reden, die wir gerade machen wollen„.

Aber irgendwann fand ich’s dann geil und habe angefangen, mir irgendwelche Lieder rauszupicken und zu übersetzen. Und je mehr ich das gemacht hab, desto cooler fand ich es. Und inzwischen kommt mir diese Idee total natürlich und klar vor.

Du hast grad erzählt, dass du dir die Lieder rausgesucht hast. Also ging es so los, dass du überlegt hast: „welche deutschen Lieder gefallen mir und würden auch in so einem Italo-Pop-Rahmen funktionieren“, und bist dann auf die Künstler*innen zugegangen?

Francesco: Ja, eigentlich war es so. Wir haben uns erst mal über die Künstler*innen gebrainstormt, überlegtm wen hätten wir Bock da anzusprechen, wo könnten wir uns vorstellen, dass es auf Begeisterung stößt.

Und dann bin ich die Kataloge durchgegangen, hab irgendwie tausend Lieder angeklickt und irgendwann kam immer – ich kann gar nicht sagen, was für Kriterien das sind – aber irgendwann kam immer ein Lied, da war es ganz klar so „Ich! Ich! Ich! Übersetz mich!“. Das hat wahrscheinlich auch mit ganz kronkreten Sachen zu tun, wie, dass es weniger Text hatte als die anderen. Ich hätte mir nicht zugetraut, einen Raptext zu übersetzen.

Ich glaube, das hätte auch nicht zu dem Grundgefühl gepasst, dass das Album mit sich bringt. Und kann mir vorstellen, dass du unterbewusst auch dahingehend entschieden hast.

Francesco: Ja, wahrscheinlich. Und dann natürlich von Leuten, die ich mag und von denen ich die Telefonnummer in meinem Handy habe.

So ein Rapsong wäre also eine große Herausforderung gewesen – bist du denn auch generell an Grenzen gestoßen?

Francesco: Joa, aber das ist ja nichts Ungewöhnliches. Ich stoß ja dauernd jeden Tag bei allem an meine Grenzen. [lacht] Nicht nur beim Übersetzen.

Aber ja, auf jeden Fall! Es gab Stücke, die sofort funktioniert haben, die gar nicht lange gedauert haben, die sich so wie von selber übersetzt haben. Und es gab Stücke, wo ich an so Bildern wochenlang rumgeschraubt habe. So Zweideutigkeiten oder Pointen. Es gab schon ein paar Nüsse zu knacken.

Und dann natürlich noch die Künstler*innen, die das singen. Ich hab vorhin den Post von Thees Uhlmann gelesen und habe herzlich gelacht – „Er lügt mich an und lobt mich, wie gut meine Aussprache ist.“

Francesco: Thees hat das total super gemacht und war aber wahnsinnig nervös. Als er dann aber richtig drin war in der richtigen Stimmung – also wahrscheinlich gibt es so etwas wie eine richtige Stimmung, in die man reinkommen muss, die auch vielleicht ein bisschen entfernt ist von der Stimmung, in der man normalerweise Lieder singt. Als er dann dadrin war, war alles super.

Ging es den anderen auch so?

Francesco: Bei verschiedenen Künstler*innen gab es manchmal so Wörter, die sie einfach nicht geknackt haben. Wo man dann lange geübt oder ein anderes Wort gewählt hat. Aber im Großen und Ganzen war das total super. Ich hab auch ein bisschen Vorarbeit geleistet, weil ich wirklich versucht habe, keine Italo-Zungenbrecher einzubauen.

Ich hatte das schon mal in die andere Richtung gemacht. Letztes Jahr habe ich mit einem italienischen Künstler seinen Song auf Deutsch übersetzt und eingesungen – das war eine totale Vollkatastrophe. Wo er dann auch wirklich nur geflucht hat die ganze Zeit. Er hat dann irgendwann auch gesagt: „Warum muss ich denn überhaupt in dieser Kacksprache nen Song singen?“. Das war nämlich nicht seine eigene Entscheidung, das hatte jemand für ihn entschieden.

Ich muss dir danken. Du hast es geschafft, meinen Sommerhit 2017 noch einmal zu meinem Sommerhit 2020 zu machen.

Francesco: Oh geil!

Wie bist du darauf gekommen, „Bungalow“ von Bilderbuch einzusingen? Ist das quasi übrig geblieben? Oder „ich will auch was singen und am allerliebsten diesen Song“?

Francesco: Ja, im Grunde war es das, dass ich selbst auch was singen wollte. Ich mochte diese Arbeit so, dass ich praktisch nicht meine Texte übersetze, sondern die von anderen. Das fand ich irgendwie cool. Ich war mit Bilderbuch in Kontakt und die meinten, sie sind gerade an einer eigenen Platte dran und dann hab ich gesagt: „Geil, dann will ich gerne „Bungalow“ singen!“ Weil es tatsächlich auch einer meiner All Time-Lieblingsliedern auf deutsch ist.

Ich hoffe ,dass das jetzt noch ein bisschen weitergeht und größere Kreise zieht. Also Francesco, machst du Italo-Pop jetzt in Deutschland groß? Wäre nach Austro-Pop und Latin-Trap ziemlich cool.

Francesco: Du meinst, dass wir damit so richtig Italo-Pop zum neuen Trap machen?

Quasi als Trendsetter. Musik geht grad von diesem cleanen Standard-Ding weg, hin zu kulturspezifischen Sounds. Wenn ich mir überlege, wie Spanisch und Portugiesisch grad seinen Platz im Mainstream findet.

Francesco: Das stimmt! Das ist total geil. Tatsächlich eine Entwicklung, die nicht von etwas Bestimmtem gesteuert wurde, aber es gibt die Möglichkeit, dass ein Hit, der auf Französisch gesungen wird, auch in Deutschland ein Hit wird.

Hatte man vor 10 Jahren mit Stromae ja schon.

Francesco: Genau! Und mit dem Deutschen ist es ein bisschen schwieriger tatsächlich, deshalb ist die Idee vielleicht ganz gut, auf eine andere Sprache umzusteigen.

Ich sehe da großes Potential! Und andersherum gedacht: Bringt die Crucchi Gang jetzt deutschsprachige Musik nach Italien?

Francesco: Auch geil, find ich super!

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Wie siehst du die Chancen?

Francesco: Na, man könnte ja das Projekt einfach umdrehen. Man sucht sich italienische Künstler*innen und ich übersetze ihre Songs ins Deutsche. Und die singen das dann auf Deutsch.

Dann fluchen sie wieder alle im Studio.

Francesco: Ja, dann fluchen wieder alle im Studio. Aber ich weiß jetzt schon, welche Vokale und welche Konsonanten ich nicht benutzen darf.

Wie geht es denn eigentlich weiter? Geht es weiter mit der Crucchi Gang?

Francesco: Ja, auf jeden Fall. Es gibt keinen konkreten Plan, aber es gibt Lieder, die nicht fertig geworden sind, wo wir es zeitlich irgendwie nicht gebacken gekriegt haben. Es gibt tausend Ideen. Aber jetzt kommt erst mal dieses Album. Und dann schauen wir, ob wir auf eine Art weitermachen.

Ich möchte auf jeden Fall auch selbst noch eine italienische Platte machen. Mit eigenen Songs. Aber das habe ich mir jetzt schon sehr sehr lange vorgenommen. Aber durch die Crucchi Gang ist es irgendwie konkreter geworden. Davor hab ich immer gedacht „jaja, ich mach mal irgendwann diese ominöse italienische Platte, aber davor mach ich noch das und das und das“.

Na, dann ist das doch jetzt die perfekte Plattform, um direkt weiter zu machen.

Francesco: Ja, wobei immer wenn ich höre „perfekte Plattform“, dann schlaf ich ein. Ich hab schon so oft eine perfekte Plattform gehabt, wo ich dann einfach gar nichts gemacht hab.

Weil es zu einfach ist?

Francesco: Weiß ich nicht. Weil ich so ein Trotzkopf bin.

Letzte Frage: Wozu sollte man das Album genießen? Gibt es kulinarische Tipps vom Chef?

Francesco: Du hast eine Abspielmöglichkeit in der Küche, richtig?

Ja.

Francesco: Okay, dann schmeißt du die Platte an. Setzt Wasser auf. Ein, zwei Löffelchen Salz ins Wasser. Dann nimmst du eine kleine Kartoffel, wirklich nur eine kleine. Schälst die und tust sie ins Wasser. Dann lässt du das Wasser kochen.

Und während das Wasser kocht, nimmst du Basilikumblätter, eine Knoblauchzehe, Olivenöl, Parmesan und Pinienkerne und machst daraus ein Pesto. Pinienkerne natürlich vorher ein bisschen anbraten.

Wenn das Wasser kocht, bevor du die Nudeln ins Wasser schmeißt, schmeißt du noch eine Handvoll grüne Bohnen ins Wasser. Dann die Nudeln. Wenn die Nudeln durch sind, kippst du alles raus – als die Kartoffel, die grünen Bohnen und die Nudeln. Die Kartoffel nimmst du raus, zerdrückst sie mit einer Gabel und mischt sie mit dem Pesto. Das gibt dem Pesto so eine Sämigkeit, das ist ganz cool.

Das ist dann klassisches ligurisches Pesto. Das ist sehr sehr lecker und geht ganz schnell. Das hast du so schnell gekocht, wie du die Platte gehört hast. Beim Essen musst du dann was anderes auflegen.

Oder nochmal hören, weil es so schön ist!

Francesco: Genau!

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