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Im Wortwechsel mit DIZZY

Im Wortwechsel mit DIZZY

Am 31. Juli veröffentlichten Dizzy aus Ontario, Kanada ihr zweites Studioalbum „The Sun And Her Scorch“. In unserem Wortwechsel spricht Sängerin Katie Munshaw mit Anna über intensive Gefühle, Reisen und warum es okay ist, auch mal einen schlechten Tag zu haben.

Katie, wie schön, dich immerhin digital zu treffen! Wie geht’s dir?

Katie Munshaw: Hey! Eigentlich ganz gut, hier in Kanada lockert es sich langsam, Sachen fühlen sich wieder relativ normal an…aber immer noch ziemlich komisch.

Wie fühlt sich das an, im verrückten Jahr 2020 ein Album zu veröffentlichen?

Katie: Meine Gefühle wechseln jeden Tag. An manchen Tagen bin ich ziemlich optimistisch, aber gestern zum Beispiel war ein schlechter Tag. Dann mach ich mir zu viele Gedanken darum, dass das Album Ende des Monats rauskommt…denn, ich glaube, es wird sich nicht wirklich echt anfühlen, wenn es rauskommt. Normalerweise kann man mit neuen Alben touren, Leute face to face treffen. Ja, irgendwie fühlt es sich realer an, wenn man tourt. Das bricht mir schon das Herz, wenn ich dran denke, dass ich das momentan nicht machen kann.

Und ihr seid echt ganz schön viel getourt die letzten Jahre…würdest du sagen, dass es euer Schreiben und Produzieren beeinflusst hat?

Katie: Mit Sicherheit! Es hat sich dahingehend verändert, dass wir mehr darüber nachgedacht haben, wie die Songs live klingen. Auf dem neuen Album haben wir viele Live-Drums integriert und Sounds, die organischer klingen, als auf unserem ersten Album. Die meiner Meinung nach live besser rüberkommen.

…eine sehr direkte Metapher für mich selbst und die Art und Weise, wie ich manchmal ein Arschloch gegenüber den Menschen in meinem Umfeld sein kann.

Euer neues Album wird „The Sun And Her Scorch“ heißen – magst du mir die Bedeutung dahinter verraten?

Katie: Es ist eine Songzeile aus „Ten„. Im Song bezieht es sich auf die Sonne und ihre tatsächliche Hitze. Aber in Bezug auf den Albumtitel ist es eine sehr direkte Metapher für mich selbst und die Art und Weise, wie ich manchmal ein Arschloch gegenüber den Menschen in meinem Umfeld sein kann.

Du sagtest im Vorfeld, dass es geht viel darum, sich selbst das Herz zu brechen. Das ist was, worüber die Gesellschaft viel aktiver sprechen sollte. Wann und wie bist du dir bewusst geworden, dass das ein reales Ding ist?

Katie: Als wir mit dem Schreiben für dieses Album angefangen haben, war ich sehr darauf fokussiert, mehr von diesen romantischen Herzschmerz-Songs zu schreiben, das waren auf „Baby Teeth“ die erfolgreichsten Tracks. Aber alles, was dabei rauskam, war ziemlich abgedroschen und nicht echt. Und dann habe ich gedacht: Vielleicht ist das so, weil ich das selbst gerade nicht durchlebe. Da musste ich herausfinden, was oder wer dafür verantwortlich war, wie ich mich zu dem Zeitpunkt fühlte.

Wenn mir nicht auf romantische Weise das Herz gebrochen wird, wie dann? Und sobald man dieses Fass aufmacht, öffnet sich eine völlig andere Tür, die ziemlich herzzerreißend sein kann. Das hat mir plötzlich sehr viele andere Themen gegeben, über die ich reden konnte und vorher nicht kannte.

Und ihr wollt mit dem Album normalisieren, dass negative Gedanken auch okay ist. Finde ich richtig gut, ich kann diese übermäßige Positivität und Selbstliebe, die wir vor allem durch Social Media konsumieren, manchmal nicht ertragen.

Katie: Ich hoffe wirklich, dass das, was die Leute aus dem Album mitnehmen, ist, dass sie sich ein bisschen besser mit diesen Emotionen fühlen. Als ich die Songs geschrieben habe, dachte ich zwischendurch, dass ich der einzige Trottel weit und breit bin. Was ich aus Gesprächen mit meinen Freund*innen, aber gerade auch mit dir gelernt habe: Vielen Leuten geht es so. Das ist sehr beruhigend.

Ich glaube, es gibt momentan generell einen Shift in der Musik, der Künstler*innen erlaubt, ehrlicher mit ihren Gefühlen zu sein. Kannst du dich an bestimmte Gefühle erinnern, die du während des Albumprozesses durchlebt hast?

Katie: Es gab viel Eifersucht, eine Menge Selbstzweifel und auch Selbsthass. Eine Menge Vorwürfe, die ich versucht habe, auf andere Leute abzuwälzen. Ja…(lacht), gar nicht mal so lustig, das zuzugeben.

Kann ich mir vorstellen, danke für die Ehrlichkeit! Wurde es besser, als du Songs fertiggeschrieben hattest?

Katie: Ja, ich glaube schon. Lange Zeit war ich mir glaub ich gar nicht richtig bewusst, was ich genau ich fühle. Und sobald der Song fertig war, wusste ich: „Oh, das war also Eifersucht! Damit kann ich arbeiten“. Das Gute an den Songs ist, dass wenn ich in eine dieser Stimmungen reinrutschen sollte, ich mich daran erinnern kann. „Okay Katie, wir haben das schon einmal durchgestanden! Wir wissen genau, dass wir uns so eigentlich nicht mehr verhalten sollten!„.

 Deshalb dachten wir: Wir schaffen das.

Ihr habt das neue Album selbst produziert. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Katie: Das wollten wir schon bei „Baby Teeth“ machen, da fehlte uns aber die Erfahrungen und das technische Wissen. Mittlerweile ist unser Drummer Charlie ein Gear Head und kennt sich mit der Technik aus. Deshalb dachten wir: Wir schaffen das. Und müssen niemanden dafür bezahlen, uns zu sagen, was wir machen müssen.

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Das hat auch echt gut funktioniert. Ich bin absolut nicht gegen eine*n Produzent*in, das kann bestimmt hilfreich sein, ein weiteres Paar Ohren im Raum zu haben. Aber bei diesem Album haben wir es vor allem für uns selbst getan.

Ich durfte das Album schon hören und mochte die ganzen kleinen Reiseanekdoten. Hast du diese Momente auf ihren Touren gesammelt und sie später zusammengebracht?

Katie: Nicht unbedingt. Es ist eher so, dass bestimmte Orte hervorstechen und wenn du schreibst, fühlst du dich zu ihnen hingezogen, so ist das zumindest für mich.

Hat das viele Reisen eigentlich eure Beziehungen innerhalb der Band verändert?

Katie: Auf jeden Fall, Touren bringt dich viel näher zusammen. Es überschreitet schon fast die Grenze zwischen Freundschaft und Verwandtschaft. Weißt du, dieses Gefühl, wenn man zusammen im Auto sitzt und sich nicht dazu verpflichtet fühlt, miteinander sprechen zu müssen?

Zum Abschluss muss ich noch auf einen Track zu sprechen kommen, der mir als große London-Liebhaberin direkt ins Auge gesprungen ist: „Primrose Hill“. Was steckt dahinter?

Katie: Das freut mich so sehr, dass du diesen Song ansprichst, der kriegt meiner Meinung nach viel zu wenig Aufmerksamkeit! Der Song handelt von einer Nacht in London. Wir waren mit einem Freund unterwegs, der dort wohnt. Er hat uns mit nach Primrose Hill genommen und ich glaube, ich hatte ein bisschen zu viel getrunken. Dort habe ich ein paar Sachen gesagt, die ich am nächsten Morgen auf jeden Fall bereut habe. Das können glaube ich viele Leute nachvollziehen.

Das war eines der ersten Male, dass mir sowas passiert ist. Die Woche darauf habe ich mich so schrecklich gefühlt. Und dann ist dieser Song entstanden. Im Endeffekt geht es darum, gemein zu den Leuten zu sein, die dir nahe stehen und dir helfen wollen.

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