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Im Wortwechsel mit DREAM WIFE

Im Wortwechsel mit DREAM WIFE

Am Freitag stiegen Dream Wife mit „So When You Gonna…“ als einziges ausschließlich von Frauen* produzierte und auf einem Indie Label veröffentlichte Album auf Platz 18 der britischen Albumcharts ein. Das ist nicht nur völlig verdient, weil das Album des Trios grandios ist, sondern auch, weil es ein Game Changer sein kann. Radio Air Plays, bessere Festival-Slots, Buchungen für Festivals, denen es an Diversität fehlt.


Ein Artikel von Anna Fliege – Am Vorabend des Releases von „So When You Gonna…“ treffen Frontsängerin Rakel Mjöll und ich uns in einer Videokonferenz. Sie ist bei ihrer Familie in Island, ich sitze in meinem Wohnzimmer. Heute geht es nicht um die einzelnen Songs des Albums und welches Gitarrenriff sie zu welchem Chorus inspiriert haben. Rakel und ich sind schnell auf einer Wellenlänge und reden über wichtige Dinge, die uns tagtäglich beschäftigen.

Warum Dream Wife von der Musikpresse als die nächsten Spice Girls bezeichnet wurden und das uncool ist, wie man sich heutzutage für Female & Queer Empowerment einsetzen kann bzw. muss und wieso nur 5% der Beteiligten in der Musikproduktion weiblich sind, erfahrt ihr in unserem Wortwechsel.


Ihr habt ein wunderbares Album aufgenommen, „So When You Gonna…“ – ich muss zugeben, dass ich beim ersten Lesen eine negative Konnotation hatte. ich musste an die typischen Sätze denken, die man auf Familienfeiern hört: Wann heiratest du endlich, wann findest du endlich einen Freund, wann wirst du endlich schwanger….Aber deinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen war DAS nicht eure Absicht!

Rakel: Nein, du bist glaub ich die erste Person, die mir das erzählt! Sehr interessant, das sollte definitiv nicht so rüberkommen, denn diese Familien-Events sind sehr…anstrengend. 

Du bist in Deutschland, ich komme aus Island – zwei Länder mit einem guten Gesundheitssystem. Bedeutet, Menschen können versorgt werden. Es ist möglich, ein Kind zu bekommen, ohne bankrott zu gehen. Das liegt daran, dass es ein System gibt, das Dinge möglich macht, wenn man will. In England ist das nicht der Fall.

Hier in Island ist es total normal, jung Kinder zu bekommen. Die üblichste Zeit, in der man Kinder bekommt, ist, wenn man studiert. Da bekommst du stark ermäßigte Wohnungen, kostenlose Tagesbetreuung und all sowas. Deswegen haben viele meiner Freund*innen die Zeit genutzt, Babys zu bekommen.

Wenn du das zu jemandem in Großbritannien sagst…das ist ja das Schlimmste, was dir nur passieren könnte während deines Studiums. Aber um zu deiner Ursprungsfrage zurückzukommen: Es bezieht sich nicht auf Familienfeiern, die finde ich selbst viel zu anstrengend.


„Und selbst, wenn es keine Repräsentanz gibt: Mach’s trotzdem!“


Da bin ich froh und mag die positive Message dahinter. Und diesen Paradigmenwechsel. Weg von den familiären Erwartungen.

Rakel: Genau, es ist eigentlich das komplette Gegenteil davon. Es geht darum, Frauen* zu ermutigen, das zu machen, was sie machen wollen. Denn viele von uns wollen gar keine Familien oder grundsätzlich Partner*innen.

Wir sollten nicht alle dem gleichen Schema folgen müssen und Sachen von einer Liste abhaken. Jede*r sollte den eigenen Weg finden. Das ist dein Leben. Du solltest rausgehen und Dinge ausprobieren können.

Als wir über den Albumtitel und den Song nachgedacht haben, der Song selbst ist so frech, wollten wir eine Ermutigung schaffen. Leute ermutigen, Musikproduzent*innen zu werden, eine Rock Band starten, Bereiche betreten, die viel zu häufig von Männern dominiert sind.

Wir brauchen Repräsentanz. Und selbst, wenn es keine Repräsentanz gibt: Mach’s trotzdem! Suche und finde deine Kreise.



Ihr seid sehr engargiert, wenn es um Female & Queer Empowerment geht. Gab es da einen bestimmten Moment in eurer musikalischen Laufbahn, als du gemerkt hast, dass die Industrie ein männlich-dominiertes Problem hat?

Rakel: (lacht) Seit dem Zeitpunkt, an dem wir diese Band gegründet haben? Wir haben mit Dream Wife begonnen, weil wir Freund*innen sind. Das war vor fünf Jahren, während des Studiums. Wir waren Freund*innen, die reisen wollten. Da dachten wir uns „wieso nicht einfach eine Band gründen?„.

Damals haben wir gar nicht über unser Geschlecht nachgedacht. Erst als wir Shows gespielt haben, die keine Hausparties waren – also der Zeitpunkt, an dem wir auf ein professionelles Level kamen – wurden wir plötzlich als Girl Band betitelt. Das war wirklich verstörend.


„Wir wurden als die „neuen Spice Girls“ bezeichnet.“


Man nennt ja auch keine Indie- oder Rockband, die nur aus weißen Dudes in Skinny Jeans besteht, automatisch „Boyband“…

Rakel: Eben, unsere Kollegen wurden nicht als Boyband betitelt. Wir wurden als die „neuen Spice Girls“ bezeichnet. Ist ja ganz nett, aber wir haben schon damals nicht diese Art von Musik gespielt.

Was zur Hölle? Ihr wurdet ja auch nicht gecastet und zusammengestellt.

Rakel: Wir wurden dann auch gefragt, ob wir unsere Musik selbst schreiben würden. Das fand ich immer verstörend. Wer soll denn sonst unsere Musik schreiben?

Aber das sind so Sachen, die uns nie aufgefallen sind, bevor wir dieses professionelle Level erreicht hatten. Dann fanden wir es erst witzig, aber als es dann immer und immer wieder passierte…

Scheinbar wussten die Leute auch nicht, was für Musik wir machen. Das einzige Verkaufsargument war Girls with instruments. Zum einen war es seltsam, die Vorstellung einer anderen Person von dir zu sehen. Zum anderen habe ich nicht verstanden, wieso die Leute nicht wussten, was für Musik wir machen.

Wir wurden als Girls with guitars dargestellt, als ob das was total Seltenes wäre. In den letzten fünf Jahren hat sich aber Einiges verändert. Die Konversation ist heute eine andere. Und Gender allein, wenn es um weiblich besetzte Bands geht, ist nicht mehr der Selling Point.

Ich sehe zum Beispiel auch mehr Frauen* im Journalismusbereich. Zumindest hier in England.

Ja stimmt, das entwickelt sich immer besser. Aber wenn ich mir dann wieder angucke, wie die Situation auf Konzerten im Fotograben aussieht, sind es zu 90% wieder nur Männer.

Rakel: Wenn es immer nur die gleiche kleine Gruppe von Leuten ist, die über Bands spricht – und das waren bisher meistens weiße, mittelalte Männer – werden wir immer wieder als das Gleiche bezeichnet. Es ist so wichtig, vielfältige Autor*innen zu haben, damit man nicht immer wieder die selbe Meinung abbekommt.

Das sind schon fast faule Meinungen. „Wir hören eure Musik gar nicht, aber wir betiteln euch als die neuen Spice Girls“.

Das ist wirklich so strange mit den Spice Girls! Aber nicht nur im Journalismus braucht es mehr Diversität. Wenn ich so an die Festival-Line-Ups und Award-Nominierungen denke…hier in Deutschland, aber auch die in England, ist das eine Schande. Als gäbe es keine weiblichen, queeren, gender-fluiden Artists. Aber wir beide wissen, dass dem überhaupt nicht so ist. Da kriegt man dann immer zu hören „Ja aber wen sollen wir denn bitte buchen?“ und ich denke mir: Es gibt Unmengen coole Bands und Artists! 

Rakel: Das kommt mir bekannt vor und ich habe mich schon häufig sehr klar dazu geäußert. Die Frage ist ja auch: Wer bucht die Line-Ups für diese Festivals?

Reading & Leeds sind berüchtigt dafür. Meine Güte, als das Line-Up für 2020 rauskam, dachte ich, es wäre ein Scherz über Gender Equality in Line-Ups generell. Und dann habe ich realisiert, dass es das echte Line-Up ist. Ich war sprachlos. Da waren fünf Frauen. Nicht mal fünf weibliche Artists, sondern fünf Frauen allgemein, es gab zum Beispiel eine weibliche Drummerin.


„[…] es ist so wichtig, zu hinterfragen, wer diese Festivals bucht. Wer ist da im Vorstand? Gibt es dort BIPoC, Frauen*, non-binäre, trans Personen? „


Die Majorfestivals hier in Deutschland machen genau den gleichen Scheiß!

Rakel: Was bei Reading & Leeds so interessant ist: Im Jahr davor hat Billie Eilish dort gespielt, wieder eine der wenigen Frauen im Line-Up. Und es gibt Luftaufnahmen von diesem Auftritt, wo man sehen konnte, dass buchstäblich jede*r Besucher*in bei dieser Show war.

Und man dachte, dass das etwas ändern würde. Die Ticketkäufer*innen wollten sie sehen. Das hätte eine Veränderung geben können, weil es mal nicht die selbe Gruppe von Bands war. Die Leute wollten diese Vielfalt sehen.

Aber lass uns mal abwarten, was passiert, wenn Festivals wieder stattfinden können. Und wie ich schon meinte, es ist so wichtig, zu hinterfragen, wer diese Festivals bucht. Wer ist da im Vorstand? Gibt es dort BIPoC, Frauen*, non-binäre, trans Personen? Ist das immer noch der gleiche Freundeskreis, der das Festival vor 40 Jahren ins Leben gerufen hat?



In der ersten Folge euers Podcast „So When You Gonna…“ hast du ganz treffend gesagt, dass eigentlich die hohen Tiere hinter den Labels und Firmen dafür verantwortlich sind, dagegen anzukämpfen. Und nicht die Künstler*innen selbst. Ich glaube, dass viele Musikfans und Festivalgänger*innen das gar nicht realisieren, was hinter den Kulissen. Die hören immer nur die lauten Stimmen ihrer Idole und wundern sich dann, wieso sich nicht wirklich mal was ändert. 

Rakel: Wir sprechen ja glaube ich auch über einen generellen Wandel in der Musik, wenn es darum geht, dass du dein Möglichstes tust. Für uns war es schon immer we practice what we preach. Wir wollten auf den Frauen*mangel hinter den Kulissen aufmerksam machen. Nur 5% der Beteiligten in der Musikproduktion sind weiblich. 

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Es gibt keinen Mangel an Leuten. Es gibt einen Mangel an Möglichkeiten. Das ist ein wichtiger Punkt, denn es gibt eine Menge Frauen* da draußen, die Spaß und Interesse haben an Produktion, Engineering, Tour Management, Promotion, Journalismus – der ganze Kram.

Es ist so wichtig, Repräsentation in all diesen Bereichen sehen zu können. Es ist so wichtig, dich selbst wahrzunehmen und zu wissen, dass du es kannst! Frauen* in diesen Berufen zu sehen.

Deshalb ist es besonders schön, mit einem ganzen Team von Frauen* zusammenarbeiten zu können, wie auf unserem neuen Album. Das war so schön und sooo entspannt. Keine Egos!

Rakel, ich fand es so schön, als du in der selben Folge gesagt hast, dass du im Entstehungsprozess des Albums erst gar nicht realisiert hast, dass nur Frauen* daran beteiligt sind. Das find ich so so so erfrischend! Ich will den Job ja nicht, weil ich eine Frau bin, sondern weil ich qualifiziert, berechtigt und gut in dem, was ich mache, bin.

Rakel: Genau. Wir haben uns Marta Salogni als Produzentin ausgesucht. Tatsächlich hatten wir mehrere Sessions mit unterschiedlichen Produzent*innen, aber Marta war eben genau die Richtige.

Marta, so für eine eindrucksvolle Frau!

Rakel: Ohja. Sie ist das Gesamtpaket. Sie ist so eine unglaubliche Ingenieurin, Mixerin…sie ist die Beste! Als wir sie getroffen haben, hat es sich einfach richtig angefühlt. Wir waren absolut auf einer Wellenlänge. Man konnte richtig genießen, wie sie gearbeitet hat.

Und sie war es, die das Team zusammengestellt hat. Sie hat Grace Banks ins Spiel gebracht, die für das Engineering zuständig war und Heba Kadry, die das Album gemastert hat.

Es war wirklich großartig, mit ihr diese Unterhaltung zu führen.


„Es gibt auf jeden Fall eine Menge Frauen*, die diesen Berufsweg einschlagen wollen. Aber dafür müssen wir sie auch einstellen.“


Vielleicht eine kontroverse Frage, aber du bist da vorhin schon kurz drauf gekommen: Was ist der große Unterschied, mit einer weiblichen Produzentin zusammenzuarbeiten? Du hattest das fehlende Ego schon erwähnt.

Rakel: Definitiv! Aber es war so…direkt. Direkt und herzlich. Es gibt auf jeden Fall eine Menge Frauen*, die diesen Berufsweg einschlagen wollen. Aber dafür müssen wir sie auch einstellen.

Und wenn wir von Studio Set-Ups sprechen…klar kannst du auch Produzent*in auf deinem eigenen Wege werden, die kannst von Zuhause arbeiten. Aber viele Steps dieser Karriere setzen voraus, dass du für Jobs gebucht wirst. Praktika in Studios machen kannst, jemand anderem auf die Finger schauen oder Ingenieur*innen assistieren darfst.

Das ist nicht immer der Fall, aber häufig brauchst du diese Möglichkeiten und Erfahrungen, um weiterzukommen. Wenn du am Anfang der Karriereleiter nicht in einer Basisrolle arbeiten kannst, wird die ganze Leiter viel komplizierter für dich.

Ich glaube, das ist, was gerade passiert. Es gibt so viele Frauen*, die Lust darauf hätten, aber ganz simpel einfach nicht eingestellt werden. Das war ein wichtiger Punkt, über den wir gesprochen haben. Und das Gleiche gilt für Festivals.

Ich finde es wirklich schön und so wichtig, was ihr über eure Musik und euer Handeln für weibliche & queere Personen macht. Ich hab letztens einen Tweet gelesen, der kam mir bei der Vorbereitung zu unserem Gespräch wieder in den Sinn: „extrem dankbar in einer gesellschaft zu leben die mir als frau unzählige möglichkeiten bietet mich gegen benachteiligung einzusetzen“ – Ich mein, was sollten wir auch sonst mit unserer Zeit anfangen?

Rakel: Ist das nicht interessant? In einem weiblichen Körper zu existieren und in einem von männerdominierten Raum/Arbeitsumfeld zu sein – das ist deine Rebellion gegen die Infrastruktur, die schon lange nicht mehr bestehen dürfte. Ich hoffe inständig, dass sich das bald ändern wird.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Sarah Piantadosi

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