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Im Wortwechsel mit EVERYTHING EVERYTHING

Im Wortwechsel mit EVERYTHING EVERYTHING

2020 lief überhaupt nicht so, wie es sich Everything Everything vorgestellt haben. Wie sie trotzdem ein so grandioses Album wie „Re-Animator“ veröffentlicht haben, welche Steine ihnen in den Weg gelegt wurden und wie es zum Sinneswandel der Band kam, erfährt Anna im Wortwechsel mit Bassist Jeremy Pritchard.

Ich bin mit Drummer Mike Spearman zum Zoom-Call verabredet. Als nach kurzer Zeit allerdings die Verbindung hergestellt wird, begrüßt mich Bassist Jeremy Pritchard. Ich bin ein bisschen verblüfft und zugegebenermaßen auch schlagartig sehr nervös. Ich erinnere mich daran, wie ich den Jungs von FOALS im letzten Jahr vorschlug, Jeremy – der damals als temporärer Live-Bassist mit der Band auf Tour war – einfach als festes Mitglied aufzunehmen (Im Wortwechsel mit FOALS).

Das erzähle ich meinem Gegenüber jetzt aber nicht. Immerhin bin ich auch riesiger Everything Everything-Fan und möchte keinen falschen Eindruck hinterlassen. In meinem Kopf bricht kurz Panik aus. Also durchatmen, die Fragen im Kopf neuordnen und zur Überbrückung den typischen „Corona Talk“ führen.

Jeremy lässt die letzten Monate Revue passieren, beschreibt den Beginn des Lockdowns als „quite interesting„. Everything Everything mussten einfallsreich und phantasievoll werden, wenn es um Musikvideos und Pressefotos ging, was schließlich dazu führte, dass sie sich mit 3D-Softwares und Animationen auseinandersetzten.

Doch auch den kreativsten Bands gehen irgendwann die Ideen aus, Frust und Langeweile folgten, weil reale Treffen lange keine Option waren. Der Bassist beschreibt Sänger Jonathan Higgs als „great film maker“ und betont das Glück, viele Ideen inhouse umsetzen zu können.

Natürlich bin ich neugierig, was sonst so passiert ist. Hat Jeremy Pritchard etwa neue Hobbies oder gar versteckte Talente in seinen eigenen vier Wänden entdeckt?

JeremyIch bin viel gelaufen, was ich nicht erwartet hatte, weil ich wirklich faul bin, aber ich war kurzzeitig gut darin … (lacht) und jetzt bin ich wieder schlecht. Ich sagte mir, ich würde Französisch lernen und mehr lesen, aber davon habe ich nichts gemacht. Allerdings habe ich mich kurz mit teurem Wein beschäftigt und dann festgestellt, dass ich mir das nicht leisten konnte. Das ist im Grunde alles, was ich zu bieten habe.

Aber Pritchard sieht auch Vorteile in den letzten Monaten. Nachdem Everything Everything ihren Tourzyklus für „A Fever Dream“ abschlossen, sprang er als Bassist für FOALS ein, tourte mit der Band ein halbes Jahr um die komplette Welt.

„Es war schön, mal wieder mal länger als 24 Stunden am selben Ort sein zu müssen„, sagt er. „Normalerweise läuft ja irgendetwas schief, wenn du als Band nicht auf Tour bist oder keine Gigs spielen kannst. Da war es schon fast erfrischend, dass es uns völlig aus den Händen genommen wurde. Weil wir selbst nichts dafür können.“

Und trotzdem: Der Lockdown trifft England hart. Und als wäre das nicht schon genug, bricht am Tag der Ankündigung ein zerstörerisches Feuer im Lager der Band aus.

Jeremy: Ohja, das war am selben Tag, völlig irreal. Mike rief mich an und fragte: „Sitzt du?“, ich sagte „nein, wieso?“, und er antwortete „also, unser Lager brennt“. Ich bin in ein Taxi gesprungen und hingefahren, die Feuerwehr war schon da und alles war voller Rauch und Asche. Wir sagen uns heute, dass es hätte noch viel schlimmer kommen können. Niemand wurde verletzt, wir hätten in Summe noch mehr Ausrüstung verlieren können. Ich habe vier Bassgitarren verloren, Jonathan und Alex haben beide ihre allerersten Gitarren verloren – den emotionalen Wert kann man nicht ersetzen.

Am Ende war es aber vor allem einfach Stress pur. Es ist eine recht verwirrende Zeit, die Kontrolle entgleitet uns, eine Pandemie fegt über den Globus. Wir fragen uns: Sind wir in der Lage, Auftritte zu spielen? Sind wir in der Lage, ein Album herauszubringen? Und dann: Scheiße, unser Lager steht in Flammen.

Ein ziemliches Sinnbild für 2020, oder? Alles geht schief und wenn man gerade denkt, schlimmer könne es nicht mehr werden, bekommt man genau so einen Anruf. Aber das kann dann wirklich nicht getoppt werden – bis man den Fernseher anschaltet. „Ich habe tatsächlich aufgehört, die Nachrichten zu schauen. Letztes Jahr um diese Zeit wurde ich wirklich besessen von Brexit und es wurde ziemlich schlimm. Also musste ich mich davon distanzieren„, gibt Jeremy zu.

Ich finde es allerdings erwähnenswert, dass dies zwar unser am wenigsten politisches und apokalyptisches Album ist, aber die wirkliche Apokalypse gerade im vollen Gange ist […].

Der thematische Fokus von „Re-Animator“ passt ja eigentlich perfekt zu dem, was du grad erzählt hast: Sich auf das „Hier und jetzt“ konzentrieren. Kannst du das gut? Ich nämlich gar nicht.

Jeremy: Erst mal: Ich auch nicht. Aber es sind ein paar unterschiedliche Sachen passiert, die uns dazu gebracht haben, die Welt mit anderen Augen zu sehen und das in den Lyrics unterzubringen. Mike und Alex sind beide Väter geworden, während wir mit dem letzten Album getourt sind. Und mit den Alben davor haben wir unsere Arbeit eigentlich nie unterbrochen. Auch nach „Fever Dream“ nicht komplett, Jonathan hat permanent weiter an neuer Musik gearbeitet, aber nicht demselben zeitlichen Fokus.

Zum ersten Mal gab es nach 12 Jahren überhaupt eine gewisse Entspannung. Also nicht für mich, aber mit einer anderen Band unterwegs zu sein, hat mir zumindest eine ganz neue Perspektive gegeben.

Re-Animator“ ist das fünfte Studioalbum von Everything Everything. Für ihr Debütalbum „Man Alive“ bekamen sie einen Platz auf der Mercury Prize-Shortlist, mit „A Fever Dream„, dem 2018er-Album, schafften sie es erneut. Jeremy beschreibt es als eine Art Klammer. Er erzählt, dass die vier bisherigen Alben eine Art Konversation miteinander führen. Mit der erneuten Nominierung nimmt sich die Band Zeit, mit Stolz auf den bisherigen Erfolg zurückzublicken, beschließt gleichzeitig, ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Jeremy: All diese Dinge sind ganz natürlich geschehen, wir haben nicht bewusst darüber gesprochen oder es vorsätzlich geplant. Wir kommen zudem in ein Alter, in dem sich Leidenschaften ändern, wenn Babies zur Welt kommen zum Beispiel. Außerdem wollten wir uns nie wiederholen.

Die letzten beiden Alben sind eine Art Reaktion aufeinander. „Go To Heaven“ ist eine Art „Schau mal, was da kommt!“-Album und „A Fever Dream“ antwortete zwei Jahre später mit „told you so!“ (lacht). Die beiden Alben schwimmen in sozio-politischen Themen. Es ist Schwerstarbeit, das mit sich herumzuschleppen, wir wollten einfach wieder etwas mehr Wärme und Verwunderung teilen, haben so an Unbefangenheit zurückgewonnen. Das hat uns schlussendlich inspiriert. 

Ich kann mir vorstellen, dass das ziemlich schwer ist. Immerhin erwartet man ja heutzutage, dass jede Band hochpolitisch ist.

Jeremy: Wir hatten irgendwann den Ruf einer politisierten Band weg. Ich finde es allerdings erwähnenswert, dass dies zwar unser am wenigsten politisches und apokalyptisches Album ist, aber die wirkliche gerade Apokalypse im vollen Gange ist, wir während der Aufnahmen zum Album Parlamentswahlen hatten und die meiste Zeit im Studio über die Demokraten diskutiert haben.

Nächstes Mal also bitte wieder ein extrem politisches Apokalypse-Album, okay?

Jeremy (lacht): Ein parteipolitsches Album!

Das neue Album ist gewissermaßen ein Neustart. Eine neue Zeitrechnung für die Band. Ein neuer Abschnitt. Nun klingt das immer so toll, aber von mir selbst weiß ich nur zu gut, wie schwer es ist, Dinge abzuschließen und gewohnte Muster loszulassen. Für Everything Everything aber war es einfacher.

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Jeremy: Ich war mir der Tatsache bewusst, dass sich Dinge ändern und auch unsere Privatleben andere Richtung eingeschlagen haben. Trotz des ständigen Tourens und das damit verbundene jahrelange Hochgefühl. Wir sind alle älter geworden und hatten genug von diesem rastlosen Tourleben – zum Glück! 

Ich kann mir vorstellen, dass man als Künstler*in in dieser Blase lebt, wenn man ständig auf Tour ist, man sich ausschließlich mit Leuten umgibt, die das gleiche Leben leben und verliert so schnell den Blick für andere Sachen.

Jeremy: Genau das. Es hat mich umgehauen. Wir bringen ein Album heraus, spielen jahrelang auf der ganzen Welt, kommen zurück und unsere Schulfreunde haben in der Zwischenzeit zwei Babys bekommen . Da haben wir einfach nicht dieselben Messwerte. Ich habe mein Leben immer zum großen Teil an den Alben gemessen, die wir veröffentlicht haben. Das war unser Maßstab.

Das hat funktioniert, weil John Congleton Bands auswählt, die ihren Scheiß zusammenhaben. Und wir sind gerne eine Band, auf die das zutrifft.

Everything Everything-Alben leben von ihrem eklektischen Charakter, von großen Soundbildern und Ideen, auf die man selbst nie gekommen wäre. Umso spannender finde ich den Fakt, dass „Re-Animator“ in nur zwei Wochen Studio-Zeit aufgenommen wurde. Ziemlich ambitioniert, oder?

Jeremy: Das hat aus mehreren Gründen so gut funktioniert. John Congleton, der Produzent des Albums, ist so vorausschauend, es wurden permanent Entscheidungen getroffen und so hatten wir tatsächlich kaum offene Punkte. Zu dem Zeitpunkt, als wir ins Studio kamen, waren wir ziemlich gut vorbereitet, obwohl wir die Songs vorher nicht zusammen als Liveband geprobt hatten. Mike und ich haben vorher viel zusammen geübt, Jon und Alex haben qualitativ sehr hochwertige Demos der Tracks vorbereitet. Das gesamte Songwriting und das komplette Song-Arrangement waren fertig, bevor wir überhaupt ins Studio gegangen sind. Wir mussten alles nur noch zusammenbringen. 

Das hat funktioniert, weil John Congleton Bands auswählt, die ihren Scheiß zusammenhaben. Und wir sind gerne eine Band, auf die das zutrifft. Aber natürlich auch, weil wir wussten, dass es diese leuchtende Deadline gab: Wir haben nur zwei Wochen Zeit, also sollten wir besser alles bereit haben. John hat uns zudem dazu motiviert, nicht zu neurotisch oder paranoid zu werden, wenn es um unsere eigenen Leistungen ging. Wir haben pro Song vielleicht 3-4 Takes eingespielt, und dann auch noch gemeinsam, was nicht häufig der Fall ist, uns aber extrem viel Zeit gespart hat. 

Er hat immer gesagt: „Wir hören uns die Takes nicht noch mal an. Wenn ihr ein Problem habt, beheben wir das, ansonsten machen wir weiter“. Das war echt gut für uns. Wenn man uns mit unseren Geräten alleine lässt, fallen wir schnell in eine Endlosspirale.

Unser Gespräch findet sein Ende mit etwas, was mittlerweile wie der Einstiegs-Corona-Talk eigentlich zu jeder Unterhaltung dazugehört: Sehnsucht. Irgendwie haben wir den ausgefallenen Festivalsommer überstanden, an den nicht existenten Konzertherbst denken wir noch nicht. Neugierig frage ich Jeremy, was er vermisst.

Jeremy: Ich vermisse die grundlegenden menschlichen Berührungspunkte sehr, die das Live-Spielen von Songs mit sich bringt. Und das, was man als Band zurückbekommt, das Gemeinschaftserlebnis, wodurch ich am besten verstehe, was die Songs für andere Leute bedeuten. Ich hoffe, dass wir das bald zurückbekommen. Und bis dahin mit dem leben, was hoffentlich nur eine Art Anomalie ist (lacht). 

Und was vermisst du außerhalb deines Jobs?

JeremyIch vermisse tatsächlich, Konzerte zu besuchen. Deshalb habe ich mir vorgenommen, quasi als post-apokalyptisches Thema (lacht), die Branche zu stärken, in dem ich auf mehr Konzerte gehen. Die Livebranche liegt mir sehr am Herzen. Ich möchte mehr für Konzerte reisen. Hier in Manchester habe ich das Glück, dass es meist der zweitgrößte Tourstopp ist – deshalb musste ich nie weit fahren, um Bands zu sehen. Und wenn ich auf Tour war, konnte ich da natürlich auch viele Bands sehen, wir waren an Off-Tagen häufig auf Gigs. Aber jetzt möchte ich reisen, viele verschiedene Venues erleben, Bands sehen, die an diesem besonderen Punkt in ihrer Karriere sind, bevor sie ihr erstes Album rausbringen. Ich möchte mehr solcher Artists entdecken.

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