Am Freitag veröffentlicht Fabian Römer sein neues Album „L_BENSLAUF“. Fabian, oder F.R., sein alter Künstlername, unter dem ich ihn vor vielen Jahren einmal im Dortmunder FZW als Support sah. Nun, 8 Jahre später, sind wir zum Telefonat verabredet. Es ist ziemlich genau 13:30 Uhr, als mein Handy klingelt.


Ein Artikel von Anna Fliege – Fabian sitzt in einem sonnigen Berliner Park, während in Wuppertal die eintönig grauen Wolken noch näher zusammenrücken. Er erzählt mir, woher das ständig schlechte Wetter in meiner Wahlheimat käme, das hätte ihm mal ein Freund erzählt.

Der Künstler ist mir auf Anhieb sympathisch, eine perfekte Grundlage für solch ein Telefongespräch. Im Laufe unserer Unterhaltung merke ich, dass wir von oberflächlichen Antworten weit entfernt sind und diese rund 20 Minuten viel mehr Wirkung auf mich und vielleicht später auch auf den Leser haben werden, als ich es mir hätte ausmalen können.

Fabian Römer ist ein besonderer Mensch, mit dem man über den tieferen Sinn von Autotune ebenso gut reden kann wie über den tieferen Sinn des Lebens. Hier geht es nicht nur um die Promo für sein neues Album. Ganz im Gegenteil.


Fabian, wie hast du die letzten Jahre erlebt, in denen du eher im Hintergrund agiert hast?

Fabian: Ganz unterschiedlich habe ich die erlebt. Ich habe natürlich nicht aufgehört, Musik zu machen, habe für mich selber immer weiter Ideen gesammelt und auch weiter Songs gemacht – es hat sich nur anders verteilt.

Weil ich nicht mehr jede Idee, die mir einfällt, auf mich selber beziehe, da ich Songwriting-mäßig viel für andere Künstler unterwegs bin. Dadurch leidet mein eigener Output ein bisschen. Heißt: nicht mehr aus allem, was mir so einfällt, wird am Ende auch ein Song für mich. Manche Sachen parke ich für andere Baustellen. Aber ich habe schon viel Musik gemacht in den letzten Jahren.

Man bekommt das ja immer wieder mit, liest deinen Namen häufiger mal in den Credits. Also, du hast viel für andere Künstler gearbeitet. Da beschäftigt man sich sicherlich auch viel mit anderen und mal weniger mit sich selbst. Und ich kann mir vorstellen, dass das irgendwann umschlägt. Du sagst ja selbst, dass du nicht alle Ideen für deine eigene Musik verwenden konntest. Gab es einen Schlüsselmoment, in dem du dachtest: ich muss wieder anfangen, es wird Zeit für ein neues Album?

Fabian: Das ist bei mir auf jeden Fall immer ein Balanceakt, dass ich irgendwann merke: Ich hab die eine Seite mehr oder weniger befriedigt, jetzt muss wieder die andere Seite in den Vordergrund rücken. Weil ich denke, dass sich beide Seiten ganz gut bedingen. Wenn ich jetzt nur Musik für mich selber machen würde, fühlt es sich irgendwann einfach extrem narzisstisch an, wenn man sich permanent nur mit sich selbst beschäftigt.

So ist es total erfrischend und befreiend, sich auch mal mit anderen Leuten auseinanderzusetzen. Da weiß ich dann, dass ich den Song mitschreibe und er zum Teil auch mein „Baby“ ist, ich aber damit fertig bin, sobald der Song veröffentlicht ist. Bei eigener Musik hängt da ja immer noch ein ganz langer Rattenschwanz dran.

Auf der anderen Seite: Wenn ich jetzt nur noch meine Energie in andere Leute investieren würde, würd’ sich wahrscheinlich irgendwann das Ego melden, anklopfen und sagen „Hey, mach auch mal wieder ganz kompromisslos dein eigenes Ding.“

Deswegen ist es bei mir ein ganz guter Ausgleich. Und klar, irgendwann muss man in den Tunnel gehen, zumachen und auch lernen, mal „nein“ zu sagen. Ich freu mich aber jetzt auch schon wieder auf die andere Seite der Medaille.

Hast du die Songs für „L_BENSLAUF“ dann an einem Stück geschrieben, als du in dem eben von dir genannten „Tunnel“ warst? Oder ist es eher eine Ansammlung der gesamten Zeit seit „Kalenderblätter“?

Fabian: Ich bin schon so’n Sammler. Ich mach mir immer ganz viele Notizen, schreib mir oft Kleinigkeiten ins Handy oder mache mir irgendwelche Sprachnotizen. Irgendwann merke ich, dass sich viele Notizen um eine bestimme Sache drehen und kann daraus dann recht schnell einen Song bauen.

Es läuft nicht so, dass alle Songs innerhalb von zwei Monaten entstanden sind, sondern es war schon so, dass über die letzten vier Jahre verteilt. Aber wenn man dann im Tunnel ist, schärft sich natürlich alles nochmal und spitzt sich zu, wenn man checkt, in welche Richtung es insgesamt gehen kann.


„Irgendwann einsehen, dass es auch okay ist, mal nichts zu machen, sich in dieses Nichtstun zu verlieben und es im Alltag zu etablieren. Das ist ein ganz wichtiger Bestandteil – mindestens so wichtig, wie jeden Termin, den man annimmt.“


Im Titeltrack, da rappst du: „Damit der kleine Mensch merkt, er braucht sich nicht stressen und nicht wie ich ’n Viertel-Jahrhundert braucht, ums zu checken“ – Das hat mich total berührt. Ich werde in ein paar Wochen selbst 25 und mich nervt dieser ewige Stress und Zwang nach Erfolg – wann und wie hat es bei dir Klick gemacht, dich selbst nicht mehr so unter Druck zu setzen?

Fabian: Das war bei mir kein klassischer Klick-Moment. Eher, dass man irgendwann das Gefühl hat, dass das Lebensgefühl, was die ganze Zeit so mitschwingt und man nicht wirklich greifen kann, nicht so ist, wie man sich das gerne wünschen würde. Weil’s irgendwie vernebelt ist und man das Gefühl hat, dass man sehr selten Momente oder sehr selten Sachen, die eigentlich objektiv betrachtet sehr schön sind, genießt, weil man eben die ganze Zeit in diesem Rush ist.

Da war die Konsequenz daraus für mich, mir nicht mehr so viele Sachen aufzuhalsen. Ich meine, damals konnte ich das gar nicht so richtig vermeiden, weil ich sehr früh mit der Musik angefangen habe und die Schule noch im Nacken hatte. Ich wollte es auf allen Ebenen perfekt machen, ich war immer getrieben von ganz unangenehmen Perfektionismus. Da irgendwann zu merken: Man muss sich selbst gar nicht so ernst nehmen und man kann auch Dinge mal ein bisschen lockerer und weniger verkrampft angehen, war in meinem Kopf eine Art Schlüsselmoment.

Obwohl ich es weniger als Moment bezeichnen würde, sondern als schleichende Entwicklung. Irgendwann einsehen, dass es auch okay ist, mal nichts zu machen, sich in dieses Nichtstun zu verlieben und es im Alltag zu etablieren. Das ist ein ganz wichtiger Bestandteil – mindestens so wichtig, wie jeden Termin, den man annimmt.

Hast du das in deinem persönlichen Umfeld auch wahrgenommen? Also haben sich die Leute in die selbe Richtung entwickelt wie du?

Fabian: Ich hatte leider nicht das Gefühl, dass die Anderen ruhiger werden. Es ist eher so, dass ich häufig mit Freunden telefoniere und das Gefühl habe, ich müsste mich fast dafür rechtfertigen, dass ich schon wieder gar nicht so viel zu erzählen habe. Weil es sich ja beinahe schon so gehört, also zum guten Ton gehört, dass man sagt: „Oahr, heute hatte ich schon drei Meetings und komm ich da und da her und hab das und das gemacht.“ – also dass man das so runterrattert.

Das kann ich meistens nicht und dadurch entstehen manchmal ganz lustige Situationen, weil ich mal wieder nicht so wahnsinnig viel zu erzählen habe, außer dass ich mir nebenbei über Texte Gedanken gemacht habe. Es ist eben auch ein ganz ganz großer Teil von dem, was ich mache: Dass ich mir Raum für Inspirationen gebe. Das ist nunmal am einfachsten, wenn ich mir diesen Raum ganz frei gestalte und dabei nicht so viel zu tun habe.

Passend dazu ist, wie wir schon besprochen haben, ist dein letztes Studioalbum vier Jahre her. Mal der so schnellen, ständig nach Neuem schreienden Welt trotzen. Gerade muss alles so schnell gehen, ein Song nach dem Nächsten wird rausgehauen und zwei Minuten später will man schon etwas Neues. Setzt dich dieser Wandel, ausgelöst durch Streaming & Co., eigentlich manchmal unter Druck? Oder versuchst du, davon Abstand zu nehmen?

Fabian: Ich versuche, Abstand zu nehmen. Und wieder spielt es mir in die Karten, dass ich meine eigene Musik mittlerweile eigentlich als Liebhaberprojekt sehe und sehen kann. Dass ich mich natürlich wirtschaftlich freue, wenn es was abwirft, ich aber nicht zu 100% darauf angewiesen bin.

Das ist ein total entspannendes Gefühl, weil ich dadurch nicht so krass nach Außen schielen muss oder mir allzu viele Gedanken machen muss, wem es gefallen wird, dass es genug Leuten gefällt und den Streaming-Standards entspricht – „Muss ich vielleicht doch das Intro und Outro kürzen, weil alle Songs heutzutage nur noch zwei Minuten lang sind?“. Zum Glück fällt es mir da noch relativ leicht, mich davor zu schützen.

Das thematisiert dein Album ja auch, oder? Die Lücke im Lebenslauf. Seine Arbeitshaltung zu ändern und sich nicht ständig selber so ernst zu nehmen. Ich finde, dass dein Album da sehr viel zum Nachdenken mitgibt. Ist das eine bewusste Intention?

Fabian: Ne, das kommt beim Schreiben einfach mit. Weil es eher so zu verstehen ist, dass es irgendwie Selbstgespräche sind. So abgedroschen das auch klingen mag: Diese Ventilfunktion ist bei mir immer noch der ausschlaggebende Grund, Musik zu machen.

Irgendwann kommt’s einfach. Irgendwann schreib ich einfach. Irgendwann schreibe ich über die Sachen, die mich beschäftigen und die ich die ganze Zeit mit mir rumschleppe. Das geht gar nicht anders, das muss ich irgendwann machen, daraus entstehen Songs. Ich hab mich glaube ich noch nie hingesetzt und gedacht: Das will ich jetzt mal ansprechen, damit Leute sich darüber Gedanken machen.

Ich freue mich natürlich total, wenn die Resonanz dann kommt, das ist was schönes. Am Ende ist es aber nicht das Motiv.


„Ich hatte nie dieses „das ist mein Platz in der Rapszene“-Gefühl.“


Lass uns nochmal kurz auf die Rapszene zu sprechen kommen. Da gehts ja grad richtig rund. Ich komm da gar nicht mehr hinterher, wer jetzt welchen Rekord wieder gebrochen hat. Kannst du dich mit dem Genre noch identifizieren oder findest du dich da auch nicht mehr richtig zurecht?

Fabian: Um ehrlich zu sein, habe ich mich da nie so wirklich zurecht gefunden. Ich hatte immer diesen Einzelgänger-Stempel. Klar habe ich auch mit Leuten zusammengearbeitet, aber da Musik machen und Songs schreiben für mich eigentlich etwas Isoliertes ist, überträgt sich das auch auf alles andere.

Ich hatte nie dieses „das ist mein Platz in der Rapszene“-Gefühl. Deswegen hat sich das in den letzten Jahren auch nicht mehr großartig verändert. Vermutlich spielst du mit deiner Frage auch auf den Autotune-Trend ein. Da gibt´s Sachen, die ich mag, da gibt´s Sachen, die ich nicht mag – aber das war auch schon immer so.

Meiner Meinung nach gibt es gerade nicht mehr NUR noch das – was ja viele beklagen. Liegt wahrscheinlich auch daran, dass der Autotune-Effekt etwas sehr „Gleichmachendes“ hat. Bedeutet aber auch, dass oft vor allem die Künstler damit erfolgreich werden, die eine so prägnante Delivery haben, dass selbst Autotune das nicht kaputt macht. Und das ist doch eigentlich etwas Positives.

Es doch immer diese fünf-sechs Speerspitzen einer Stilrichtung, die in meinen Augen auch ihren Erfolg total verdient haben, und alles, was drumherum passiert, muss man sich meiner Meinung nach nicht anhören. Aber das ist keine neue Entwicklung.

Danke für diese Sichtweise! Jetzt aber nochmal zurück zum Album. Was mir direkt aufgefallen ist beim Durchhören: Die Kinderstimme. Was hat es eigentlich damit auf sich?

Fabian: Das ist der Sohn von zwei sehr guten Freunden von mir, Lena und Kaya. Lena war mal meine Background-Sängerin, hat auf ein paar Alben von mir gesungen und Kaya war mal mein DJ – da kann man sich schon erschließen, wie sie sich kennengelernt haben (lacht).

Deswegen habe ich auch eine ganz besondere Connection zu dem Kind. Ich hatte die Idee, ein paar Sachen von einer Kinderstimme einsprechen zu lassen, was fast wie ein roter Faden durch das Album leitet – quasi der meist gefeaturete Gast. Cool, dass dir das direkt aufgefallen ist!

Was mir auch schnell im Gedächtnis geblieben ist, sind die Skits. Die haben mich nicht mehr wirklich losgelassen. Erstmal grundlegend: Wie und aus welchem Grund sind die entstanden?

Fabian: Das war ähnlich wie bei „Kalenderblätter“ auf dem letzten Album, das ging fließend, weil ich plötzlich Ankerpunkte hatte, ein Songmotiv wie „den Schlüssel zum Glück verlieren“ und das dann tatsächlich zu einem Bild zu machen, ein wirklicher Schlüssel also, den man da verliert. Diese Metapher über eine ganze Strophe durchzuziehen macht mir Spaß.

So sind diese drei fast gedicht-artigen Kurzssongs entstanden, von denen ich selbst gar nicht genau weiß, wo sie hinführen sollen. Aber ich habe gemerkt, dass es doch irgendwie in allen drei Songs ein bisschen ums nach Hause kommen geht.

In „Münztelefon“ gibt es am Ende den Satz „…um dir zu sagen, ich komm endlich nach…“ und dann bricht das Telefonat ab. Bei „Schlüssel zum Glück“ geht es im Endeffekt auch ums nach Hause wollen, aber der Schlüssel passt nicht. Und bei „Realität“ gibt es dann mehr oder weniger ein kleines Happy End. Aber vorher flüchtet man die ganze Zeit vor der Realität, die ich wieder personifiziere und in ein Bild packe, dass einen die Realität wirklich verfolgt als Person.

Das sind Spielereien, die mir beim Schreiben gefallen und in die ich wie in einen Film eintauche. Aber im Endeffekt ist es für mich immer noch ein Mysterium, wenn ich das höre, es ist sehr abstrakt.

Es hat mir gefallen, mit einem solchen Interlude zu starten und nicht mit einem plakativerem „L_BENSLAUF“. Sondern erst einmal eine ganz absurde, abstrakte Situation aufzumachen.


„Ich glaube, man macht was falsch, wenn man so bleibt, wie man ist.“


Da passt meine letzte Frage gut zu, du sprichst vom „nach Hause kommen“. Zum Schluss möchte ich von dir wissen: Wie kommt man denn an? Und kommt man jemals wirklich an?

Fabian: Wow, tief-schürfend philosophische Frage! Ich finde, das Wort „Ankommen“ hat immer auch etwas Langweiliges. Weil es bedeutet, dass man irgendwo bleibt. Mir gefällt der Satz „Bleib so wie du bist“ deshalb auch nicht. Ich glaube, man macht was falsch, wenn man so bleibt, wie man ist.

Eigentlich müsste man Leuten sagen: „Ich wünsch dir eine gute Veränderung in die Richtung, in die du es dir wünscht“, weil man ja immer weiter wachsen und immer mehr Erfahrungen sammeln will. Dadurch verändert man sich logischerweise.

Deswegen finde ich Ankommen als Wort, und das ist jetzt gerade auch nur laut gedacht zum allerersten Mal, glaub ich ein bisschen überbewertetes Wort. Weil die Reise dann doch eher das Ziel ist? Selbst, wenn es nur die innere Reise ist. Vielleicht hast du irgendwann tatsächlich deine Familie, deine zwei Kinder und deine Idylle mit dem Haus am Meer, aber trotzdem geht die Reise ja irgendwie
weiter.

Also ist Ankommen mehr eine Zwischenstation? Wo man umsteigt, um dann in die nächste, andere Richtung zu gehen?

Fabian: Das ist auch schön gesagt! Das man vielleicht häufiger ankommen kann.



L_BENSLAUF TOUR 2019

18.10. Bremen – Kulturzentrum Schlachthof
19.10. Hamburg – Übel & Gefährlich
20.10. Hannover – Musikzentrum
21.10. Dortmund – FZW
23.10. Frankfurt – Batschkapp
24.10. Münster – Skaters Palace
25.10. Stuttgart – Im Wizemann
27.10. München – Backstage Halle
28.10. Köln – Gloria Theater
29.10. Leipzig – Naumanns
30.10. Berlin – Lido


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Ramon Haindl