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Im Wortwechsel mit FENG SUAVE

Im Wortwechsel mit FENG SUAVE

Vor Kurzem veröffentlichten Feng Suave ihre neue EP „Warping Youth“. Schon ihre selbstbetitelte Debüt-EP zog 2017 unerwartet große Kreise, Daniël und Daniël bauten sich ein beachtliches Standing in der Szene. Nach der Stand-Alone-Single „Venus Flytrap“ melden sich die Niederländer jetzt wieder mit einer Ansammlung an Songs zurück. Wir trafen sie zum virtuellen Interview.


Ein Artikel von Anna Fliege – Entschleunigung, Me-Time, bewusste Langeweile. Nie ging das besser als 2020. Ein Jahr, das uns dazu zwingt, in den eigenen vier Wänden zu verharren. Sonntags ohne schlimmen Kater, der vor ein paar Jahren noch nicht so grausam gewesen wäre, aufzuwachen. Feng Suave liefern für solche gemütlichen Tage den richtigen Soundtrack.

Ich treffe die beiden Daniels nicht in einem ranzigen Backstage, sondern bei Zoom – wie man es gerade so macht. Sie klären mich über die niederländische Musikszene auf, wir stellen fest, dass wir die gleichen Entscheidungen unserer Jugend bereuen und sprechen über die Entscheidung des Duos, ihre Musik bewusst und mutig in eine neue Richtung zu transportieren.


Habt ihr schon irgendwas Verrücktes in der Selbstisolation gemacht?

Daniël de Jong: Wir sind nicht so crazy Typen.

Daniël Schoemaker: Nicht, dass ich wüsste. Ich chille nur zuhause und mache Musik. Ich mache höchstens mehr Stunden. Und ich trinke definitiv weniger Kaffee!

Ich wünschte, Letzteres könnte ich auch behaupten! Aber lasst uns Corona mal schnell vergessen. Erzählt mir doch was was über die Musik- & Kulturszene in den Niederlanden. Ich war höchstens mal für ein großes Festival oder internationale Konzerte da, habe aber ansonsten zugegebenermaßen gar keine Ahnung, was bei euch so abgeht. Da gibts bestimmt noch mehr zu entdecken.

Daniël Schoemaker: So viel mehr ist da gar nicht.

Daniël de Jong: Nur wir!

Daniël Schoemaker: Haha genau, nur wir uns niemand sonst! Nein, die Szene ist schon deutlich gewachsen in den letzten fünf Jahren. Die niederländische Musikindustrie bleibt aber gern in ihren eigenen Reihen. Es gibt nicht diese unfassbar großen nationalen Acts hier. Du verkaufst höchstens mal einen Klub aus und wirst dann zum Eurovision Song Contest geschickt. Und das ist dann das Highlight deiner Karriere als niederländische*r Musiker*in.

Daniël de Jong: Außer du machst EDM.

Ich hab drüber nachgedacht, in welchem Kontext ich niederländische Artists kenne und kam dabei auch auf den ESC.

Daniël de Jong: Also es gibt hier schon eine Szene, die spezialisieren sich auf Garage Rock. Also nicht wirklich das, was wir machen. Das ist die beliebte Alternativszene. Merkwürdige und chaotische Musik. Mit unserem Ding haben wir nicht wirklich viele Gleichgesinnte gefunden.

Ein unique selling point, ist doch klasse! Und ihr bleibt nicht nur im Land, sondern spielt auch internationale Shows. Kommen wir zu eurer neuen EP, „Warping Youth“. Ziemlich retrospektiv das Ganze. Ihr schwelgt in Jugenderinnerungen, denkt über eure Handlungen nach…bestand bei euch das Verlangen, diese spezielle Zeit in einem Stück Musik festzuhalten?

Daniël de Jong: Es war jetzt nicht so, dass wir miteinander gesprochen und gesagt haben: „Wir müssen darüber eine Platte machen!“. Nach ein paar Songs ist uns das wiederkehrende Muster dann aber doch aufgefallen: Nicht nur das Großwerden als Individuum, sondern auch als eine Generation.

Diese Zeit reflektieren und darüber nachdenken, was sie aus einem gemacht hat ist ja irgendwie auch ganz normal, wenn man älter wird. Zumindest nehme ich das so wahr.

Daniël de Jong: Wir wollten etwas schaffen, mit dem sich auch andere Menschen wohlfühlen können. Es liefert jetzt nicht unbedingt Lösungen. Nur: Wir erleben das. Und du auch. Vielleicht fühlt man sich dann weniger allein, weißt du?



Wie war der Prozess der EP-Entstehung? Gibt’s da gute Anekdoten?

Daniël Schoemaker: Wir hatten viel Spaß. Wir waren bei einem Freund von uns in Den Haag im Studio. Es war sehr kalt – das erzählen wir glaube ich sehr häufig. Das war ziemlich ungewöhnlich für ein Studio. Wir hatten ständig dicke Winterjacken an, haben den Ofen angeheizt. Und zwei Wochen, bevor wir da ankamen, wussten wir noch gar nicht, wo wir überhaupt aufnehmen würden oder mit wem. Alles super Last Minute, das war doch sehr unreif von uns. Aber dann kam alles doch noch rechtzeitig zusammen. Ziemlich verrückter Planungsprozess.

Daniël de Jong: Aber wir hatten viel Spaß!

Daniël Schoemaker: So spaßig war es gar nicht. Das war ziemlich harte Arbeit, drei Monate am Stück.

Daniël de Jong: Sehr lange Tage. Und irgendwann hatten wir es satt. So wie man alles irgendwann satt hat. Wenn die EP rauskommt, hab ich damit schon abgeschlossen.

Daniël Schoemaker: Das bewahrheitet sich für uns. Und sicherlich auch für Musiker*innen allgemein.

Ich glaube so gut es jedem, der einen kreativen Beruf hat. Dieser ganze Entstehungsprozess wird immer viel zu romantisiert. Die perfekte Überleitung, pathetisch zu werden. Wenn ihr euerm jugendlichen Ich etwas sagen könntet, was wäre das?

Daniël de Jong: Eine ganze Menge, aber vor allem: Geh nicht auf die Uni! Hör nicht darauf, was deine Eltern dir erzählen, mach einfach Musik. Du brauchst dich in dieser Hinsicht nicht zwingend anpassen. Ich hab ganz schön viel Zeit in der Schule verbracht, als ich gar nicht da sein wollte. Ja, das würde ich mir selbst sagen. Und damit eine Menge Zeit und Geld sparen.

Das kann ich nur allzu gut nachempfinden.

Daniël Schoemaker: Ich mochte studieren eigentlich, obwohl es ziemlich hektisch war, trotzdem hätte ich etwas ähnliches gesagt. Entweder das Studium beenden oder gar nicht erst anfangen. Jetzt bereue ich nämlich, dass ich nicht zu Ende studiert habe.



Lasst uns über die Songs der EP sprechen, die noch nicht als Single veröffentlicht wurden. Da wäre der Opener „Half-Moon Bag“. Was könnt ihr mir über den Song erzählen? Das klingt doch sehr persönlich.

Daniël Schoemaker: So persönlich ist das Song gar nicht. Nur ein bisschen. Es ist ein Song, wo es darum geht, im Bett zu liegen, mit dir selbst zu reden und zu wissen, dass das, was du zu dir sagt, nicht die Wahrheit ist. Aber du sagst es trotzdem. Und es geht um das Gefühl, dass sich das Leben manchmal wie die Truman Show anfühlt.

Daniël de Jong: Es geht eigentlich genau darum, was wir vorhin schon erzählt haben. Zur Uni gehen. Sich sagen „Ich mag die Uni!“

Daniël Schoemaker: „Das ist super!“

Daniël de Jong: „Ich liebe es!“


„Wo unsere Reise genremäßig hingehen soll, ist für uns grad ein großes Fragezeichen.“


„Irgendwann macht alles Sinn!“ und dann sitzt du da Jahre später, zahlst deinen Studienkredit ab und fragst dich, wo der verdammte Sinn denn jetzt ist. Wo wir jetzt schon über den Opener gesprochen haben, würde ich gerne zum Closing Song „Day One“ kommen. Der war so…anders, sehr zurückgenommen. Wolltet ihr bewusst mit so einem Vibe enden?

Daniël de Jong: Ob es bewusst war, kann ich gar nicht sagen. Aber bisher haben wir jeden Feng Suave-Song, den wir geschrieben haben, auch auf einer Platte veröffentlicht. Wir schmeißen keine Songs weg. Als wir fertig waren und uns um die Reihenfolge der Songs Gedanken gemacht haben – das haben wir vor den Aufnahmen nämlich nicht – war uns klar, dass es ziemlich seltsam wäre, einen Song wie „Day One“ in die Mitte der EP zu packen. Deshalb ist es am Ende gelandet.

Ziemlich trauriges Ende, ich mochte es aber so. Das lässt uns Raum, uns musikalisch danach in andere Richtungen zu bewegen. Wo unsere Reise genremäßig hingehen soll, ist für uns grad ein großes Fragezeichen.

Also quasi auch das Ende eines Kapitels, damit ihr ein neues öffnen könnt – musikalisch wie erzählerisch. Diskutiert ihr das regelmäßig, wo ihr euch in Zukunft stilmäßig seht?

Daniël Schoemaker: So aktiv sprechen wir nicht darüber. Wir hören zusammen Musik und sprechen dann darüber, was wir in ähnlicher Art und Weise gerne machen würden. Einen Song, der so klingt, eins der Instrumente nutzen, Übergänge oder auch alles andere, was unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht.

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Wir machen einfach. Und wenn es ein anderer Vibe als bisher ist, aber Sinn macht, ist das eine natürliche Sache. Wir haben dahingehend eine gewisse Freiheit für uns geschaffen. Von hier können wir in viele unterschiedliche Richtungen gehen.

Daniël de Jong: Weil es am Ende doch immer klingt wie „wir“. Da müssen wir uns keine Gedanken drum machen. Zumindest sagen das die Leute. Wir machen jetzt natürlich kein Techno-Album. Wir hören sehr warme, sanfte Musik – das passt also immer irgendwie.

Daniël Schoemaker: Wir machen Songs. Poppige Songs. Und was auch immer dabei rauskommt, liegt bei uns.

Das ist ein generelles Thema, was ich in der Musikindustrie beobachte. Sich nicht mehr auf ein Genre oder einen Groundsound limitieren, sondern immer weiter expandieren.



Als ich mich auf unser Gespräch vorbereitet habe, habe ich viele ältere Interviews und Artikel gelesen, in dem jede*r von eurer überraschend erfolgreichen Debüt-EP schwärmt. Was für Gefühle habt ihr heute, wenn ihr daran zurückdenkt? Auch mit Blick auf „Warping Youth“.

Daniël de Jong: Die erste EP war ja ein Schuss ins Blaue. Wir haben einfach all unsere Songs draufgepackt und vorher nie Sachen mit allem drum und dran, Schlagzeug und so, aufgenommen. Produktionstechnisch haben wir uns weiterentwickelt, aber vor allen Dingen, was Songwriting angeht. Wir haben in den letzten Jahren eine ganze Menge über Musik gelernt. Für mich fühlt es sich so an, als würden wir bessere Songs und bessere Songtexte schreiben. Gar nicht so einfach, die Frage.

Daniël Schoemaker: Ich finde, wir haben uns gut weiterentwickelt seitdem. Ich bin froh, dass es so viele Leute erreicht hat und die Leute es mochten, aber wenn ich die EP jetzt nochmal höre, kann hören, wie unsere jüngeren Ichs zum ersten Mal alles herausfinden. Ich wäre jetzt gerne dabei gewesen, weißt du, was ich meine? Alles noch ein bisschen aufpolieren.

Und gute Ratschläge geben, die ihr seitdem verinnertlicht habt.

Daniël Schoemaker: Genau. Das ist alles ein Lernprozess. Diese EP ist unser erster Versuch, Popsongs zu machen. Und das ist, was dabei rumgekommen ist. Das ist, was wir damals machen konnten und wir haben glaub ich alles gegeben.

Ihr habt damals schon viel über Druck gesprochen. Und wenn ich euch jetzt in unserem Gespräch zuhöre, frage ich mich, ob da noch Druck hinzugekommen ist. Im Sinne von Erwartungshaltungen – von euch wie von euren Fans?

Daniël Schoemaker: Als wir uns das erste Mal wieder daran gesetzt haben, Songs zu schreiben, die ersten vier Songs, war das auf jeden Fall die Zeit, in der ich den meisten Druck verspürt habe. Das ist zum Glück weniger geworden und möchte ich einfach nur mich und Dan zufriedenstellen. Und nicht zu viel darüber nachdenken, was Andere davon halten könnten.

Daniël de Jong: Wir vertrauen uns, dass wir gute Musik machen.

Das ist finde ich ein sehr gesunder Fortschritt vom Newcomer, der sich Sorgen darum macht, was die Leute sagen und hören wollen hin zur Realisierung, dass man als Künstler*in erst einmal machen kann, was man will. Und nicht Leuten zwanghaft gefallen müssen.

Daniël Schoemaker: Leuten gefallen wollen ist ja erst einmal etwas ganz Normales. Das will ja jede*r. Aber beim Songschreiben blende ich das aus. Ich will ja nicht schreiben, um Leuten gefällig zu sein. Das darf ein Nebeneffekt sein. Lieber etwas erschaffen, was sich echt anfühlt. Sonst hört es sich schnell unecht an.


„Den Leuten hätte es besser gefallen, wenn wir genau das Gleiche nochmal gemacht hätten. „


Und das ist was, was man bei vielen Musikstücken direkt festmachen kann. Klar hättet auch ihr eine EP machen können, die genauso klingt, wie die erste, und es wäre ein voller Erfolg. Eben auf Nummer Sicher gehen. Aber jetzt klingt’s halt viel spannender!

Daniël de Jong: Den Leuten hätte es besser gefallen, wenn wir genau das Gleiche nochmal gemacht hätten.

Ach Quatsch!

Daniël de Jong: Da gab es schon ein paar Kommentare, die gesagt haben, dass sie unseren alten Kram besser fanden, aber sie freuen sich, dass wir uns weiterentwickeln. Ich glaube, das waren die nettesten Kommentare! (lacht). Aber sooo anders fühle ich mich gar nicht, immerhin ist es ja keine 180 Grad-Drehung. Ist es wirklich so anders? Wir können das glaub ich nicht sagen, wir haben die Musik gemacht.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Max D’orsogna

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