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Im Wortwechsel mit FLETCHER

Im Wortwechsel mit FLETCHER

Die 26-Jährige Cari Fletcher als New Jersey ist eine der vielversprechendsten Pop-Künstlerinnen der letzten Jahre. Nach ihrer ersten Major-EP „you ruined new york city for me“ im letzten Sommer legt die Sängerin mit den Songs „Forever“ und „Bitter“ zwei weitere Ohrwurm-würdige Tracks nach. 


Ein Artikel von Anna Fliege – Eigentlich hätte ich Fletcher im Rahmen ihrer Europatour treffen sollen, doch dann kam Covid-19 dazwischen. Also treffen wir uns in einer digitalen Zoom-Besprechung und während bei ihr der Tag gerade erst begonnen hat, geht meiner langsam dem Ende zu.

Ein typischer Isolations-Talk mit Bananenbrot-Rezepten und Tiger King-Anekdoten kommt während der halben Stunde nicht zustande. Wir sprechen zu einem Zeitpunkt, in dem die Proteste gegen rassistische Polizeigewalt nach dem grausamen Tod von George Floyd die Medien, aber auch unsere Gedanken dominieren.

Fletcher und ich sprechen in unserem Wortwechsel über unsere Verpflichtungen im #BlackLivesMatter-Movement, die Suche nach queeren Vorbildern und die Notwendigkeit von Female Empowerment in der Musikindustrie.


So schön, mit dir zu sprechen! Wie geht es dir mit allem, was gerade so passiert?

Fletcher: Es war ein sehr emotionaler Prozess…hier passiert gerade sehr viel in den Staaten. Der aktuelle Kampf für racial justice. Ich fühle sehr viele Emotionen – ich schäme mich dafür, dass ich so lange dafür gebraucht habe, aktiv zu werden. Dass ich so lange gebraucht habe, diese Gespräche zu führen, mit Leuten darüber zu sprechen.

Ich habe die letzten Wochen dafür genutzt, mich hinzusetzten und zuzuhören. Ich lerne viel und nehme viel auf. Ich will nicht nur ein guter, sondern ein effektiver Ally für die Schwarze Community sein. Als weiße Cis-Frau ist das absolut meine Verantwortung, das zu lernen und die Stimmen zu bekräftigen, die im Moment wichtiger sind als meine eigene.

Es wird sich nicht über Nacht ändern, das ist noch ein langer Weg. Ich schäme mich, dass es so lange gedauert hat – aber es ein Weckruf für die Welt, dass wir eine faire Umgebung brauchen, in der jede*r existieren kann. Wir müssen damit anfangen, bessere Allies zu sein und sicherstellen, dass all dieser Scheiß aufhört. Es ist eine sehr komische, aber sehr sehr wichtige Zeit grad.

Absolut, eine aufschlussreiche Zeit! Mir geht es da sehr ähnlich wie dir. Ich dachte immer, ich wäre bereits ein guter Ally und mir wäre bewusst, was abgeht, aber dem ist überhaupt nicht so. So viele Firmen, Menschen, etc., die man mochte, stellen sich als rassistisch heraus, das ist verrückt.

Fletcher: Ohja. Wir alle haben die Augen davor verschlossen. Aber wir müssen uns konstant und bewusst mit unseren Privilegien und unseren eigenen Vorurteilen auseinandersetzen. Es ist alles verwoben mit der Art und Weise, wie wir aufgewachsen sind. Und das ist nicht okay! Es öffnet einem die Augen. Man dachte, man sei ein guter Ally, man sei kein*e Rassist*in – aber wir haben keine Ahnung, was wir getan haben und welchen Schaden wir damit angerichtet haben.

Es geht hier um weiße Menschen. Das ist ein weiße Menschen-Problem. Ich fühle mich verpflichtet, Verantwortung zu übernehmen. Teil der Veränderung zu sein, die diese Welt so dringend braucht. Auch außerhalb Amerikas. Das ist kein rein amerikanisches Problem.

Die Leute hier in Deutschland reden darüber, als ob wir nicht davon betroffen wären. Als wären wir besser und als gäbe es Rassismus hier nicht. Dabei haben wir ein massives, alltägliches Rassismusproblem. Ein Polizeiproblem. Aber man zeigt lieber mit dem Finger auf Andere.

Fletcher: Ich habe die Proteste in Deutschland gesehen. Das ist so wichtig, immerhin ist es ein globales Problem. Wir müssen alle besser darin werden. Deshalb habe die Zeit genutzt, aufmerksam zuzuhören und herauszufinden, wie ich mein eigenes Leben dementsprechend verändern kann.


„Bei egal, was du in deinem Leben machst, solltest du dir bewusst machen, was du in deiner Community ändern kannst.“


Ich sehe bei Instagram, wie du deine Reichweite nutzt, das ist sehr inspirierend! Ich habe mich gefragt, was du als Künstlerin aktiv tun kannst – abseits vom Internet.

Fletcher: Am Wichtigsten ist, abseits des Internets zu handeln. Social Media wird so schnell performativ und viele wollen einfach nur so wirken, als seien sie Teil einer Bewegung. Aber ich glaube, dass es wichtig ist zu realisieren, dass es ein movement ist, kein Moment.

Nicht nur eine Instagramstory oder eine Woche lang, sondern Maßnahmen im real life. Anrufe, Spenden, Petitionen unterschreiben, Unterhaltungen führen – mit unseren Familien, mit Freund*innen. Wieso ist das überhaupt eine Debatte? Warum müssen wir darüber diskutieren, dass das Leben einer Gruppe von Menschen zählt? Der Fakt, dass das eine Unterhaltung ist, die wir gerade führen, ist so beunruhigend.

Bei egal, was du in deinem Leben machst, solltest du dir bewusst machen, was du in deiner Community ändern kannst. Wenn du Unternehmer*in bist und dir eine Firma gehört, solltest du schauen, wie viele Schwarze Mitarbeiter*innen du angestellt hast. Dich fragen, wieso es nicht mehr sind.

Auch als Künstler*in. Ich selbst umgebe mich mit vielen queeren Leuten und BIPoC (Anm.d.R.: Black, Indigenous and People of Colour), aber ich weiß, dass es noch besser darin sein könnte. Ich sollte mich aktiv darum kümmern und mich fragen: Kann ich zum Beispiel einen Schwarzen Musikvideo-Editor finden? Oder Wege finden, die Probleme in den Mittelpunkt zu rücken und darauf aufmerksam zu machen. Leute brauchen mehr Chancen, es gibt so viele Ebenen. Ich lerne immer noch. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich überhaupt korrekt darüber spreche. Es gibt noch so viel zu tun, zu lernen.

Eine wichtige Sache ist es glaub ich, offen für Kritik zu sein. Feedback annehmen, Schwarzen Menschen zuhören. Wir müssen unsere Egos kontrollieren. Wenn wir etwas sagen, was nicht richtig ist, müssen wir damit umgehen können und dürfen nicht defensiv werden. Check deine eigenen Privilegien und dein eigenes Ego. Wir müssen belehrt werden. Es steht uns nicht zu, uns selbst in den Mittelpunkt zu rücken. Ich kenne die Erfahrungen nicht und werde sie niemals kennenlernen. Aber ich sympathisiere und stehe der Black Community bei.


„Deshalb muss ich die Künstlerin sein, die ich selbst gebraucht hätte, als ich klein war. „


Und damit bist du deinen Fans ein tolles Vorbild. Nicht nur in diesem Bezug, auch, was Female und Queer Empowerment angeht. Zum Beispiel im Video zu „Forever“, wo du dich mit einer sehr diversen Gruppe von wunderschönen Frauen umgeben hast. Es tut gut, nicht ständig nur weiße Frauen zu sehen, die dem gesellschaftlichen Schönheitsideal entsprechen. Oder mit dem Release von „Bitter“ hast du so ein wichtiges Zeichen gesetzt, indem du mit einem rein weiblichen Team zusammengearbeitet hast! Das ist so bestärkend und ich frage mich immer wieder, was Leuten bzw. Künstler*innen daran so schwer fällt, wenn es doch so viele tolle, diverse Frauen* da draußen gibt. Warum immer die weißen Dudes?

Fletcher: Es gibt da viele Überschneidungen. Das System wurde von und für weiße Männer geschaffen. Und so funktioniert es dann. Das System ist nicht kaputt – es funktioniert genau so, wie es designed wurde. Es geht also darum, die Initiative zu ergreifen, um zu erkennen, dass wir mit dem Löffel gefüttert werden müssen mit dieser Art von Erzählung, dass jede Person oder jedes Geschlecht überlegen ist. Ich weiß, dass es so aussehen soll. Aber es ist ganz und gar nicht das, wonach es aussieht.

Und wieder geht es darum, eine bewusste Entscheidung zu treffen. Repräsentation ist so wichtig. Und wenn du Leuten nicht zuhörst, die anders sind als du selbst oder anders aussehen, bist du kein intelligenter Mensch. Dann erlebst du nicht alles, was es in dieser Welt zu erleben gibt. Mich selbst mit Frauen unterschiedlicher Form, Größe und Farbe zu umgeben – mein Gott, das ist die schönste Sache der Welt. Das ist so inspirierend! Wer will denn nicht von einer Gruppe heißer, tanzender Frauen umgeben sein?

Ich war so nervös beim Videodreh. Ich hab die ganze Zeit an komischen Stellen geschwitzt alle waren viel bessere Tänzerinnen als ich. Ich war so verlegen. Ihre Körper waren der Wahnsinn und es ist so bestärkend. Wenn Frauen* andere Frauen* unterstützen, wird die Welt ein besserer Ort.

Alle sind doch müde von diesem white-washed bullshit, oder? Es ist 2020. Wir brauchen Perspektive und Repräsentation. Es ist wichtig. Es macht die Welt besser. Wir alle haben das gleiche Spielfeld verdient. Das ist für mich sehr, sehr wichtig.

Mir als queere Frau fehlte die Repräsentation, als ich aufgewachsen bin. Queere Leute passten damals in eine sehr bestimmte Form. Ich möchte, dass sich meine Fans und Follower*innen, wenn sie einen Song von mir hören oder ein Video von mir sehen, in jemandem wiedererkennen. Das es okay ist, wie man ist. Wissen, dass eine solche Person, mit der man sich identifizieren kann, existiert. Dass so eine Person in einem Musikvideo sein kann. Oder Video Editor ist.

Ich möchte, dass sie sehen, dass ihre Träume berechtigt sind. Dass sie tun können, was auch immer sie wollen. Und sein können, wer sie wollen. Lieben, wen sie wollen. Ich hätte das genötigt, als ich ein Teenager war. Deshalb muss ich die Künstlerin sein, die ich selbst gebraucht hätte, als ich klein war. Und all die Leute um mich herum mit hochziehen, die es verdient haben, Aufmerksamkeit zu bekommen.



Das kann ich so gut nachvollziehen und kann dir sagen, dass du genau diese Künstlerin gerade für mich bist. Inwieweit planst du denn für die Zukunft, Frauen* und queere Menschen in deine Arbeit noch aktiver einzubeziehen?

Fletcher: Danke dir! Mit „Bitter“ hatten wir eine rein weibliche Zusammenarbeit. Die Regisseurin ist Shannon Beveridge, sie ist queer. Die Video-Editorin ist queer, die Produzentin war weiblich. Es ist mein liebster Song, den ich jemals veröffentlicht habe. An dem ich Teil haben durfte. Es war ein sehr gemeinschaftlicher Prozess. Kito und ich haben die Produktion über FaceTime gehandled. Und all das lässt mich darüber nachdenken, wieso ich das nicht schon viel früher so gemacht habe. Das frage ich mich in vielen Belangen.

Ich glaube, es fällt vielen Leuten schwerer, sich in dieser white washed-Industrie zu behaupten ist, weil Weiße und vor allem Männer viel mehr Möglichkeiten bekommen. Es gibt mehr dieser Leute auf einem höheren Level, die erfolgreicher und eindrucksvoller sind, weil sie mehr Chancen erhalten haben als Frauen und BIPoC. Es ist doch verrückt, dass es so schwer ist, einen weiblichen Editor zu finden. Es ist so schwer, weil wir ihnen bisher gar nicht die Möglichkeiten gegeben haben.

Unsere Aufgabe ist es, Leuten eine Chance zu geben, selbst, wenn jemand nicht so weit oben auf der Liste imposanter Regisseur*innen steht. Wir müssen die Zukunft der Unterhaltungsbranche kultivieren. Damit fangen wir jetzt an. Leuten erstmal überhaupt die Chance geben, besser zu werden. Das faire Spielfeld. Das passiert ja nicht einfach so, wenn wir mit dem Finger schnipsen. Ich engagiere mich auf meine eigene Weise sehr bewusst. Ich will den Leuten eine Chance geben, die es verdammt nochmal verdient haben!

Wir sollten alle nicht den einfachen Weg nehmen, sondern den richtigen. Das scheint mir das allergrößte Problem zu sein. Ich freue mich immer riesig, wenn hinter Songs oder Alben eine Produzentin steckt. Und frage mich wieder und wieder, wieso es nicht häufiger passiert. Und dann fällt mir wieder ein, dass die meisten einfach faul sind und sich an der Liste mit den Top 10 weißen Produzenten-Dudes bedienen, statt sich tiefergehend mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Fletcher: Es heißt immer „wir brauchen mehr„, aber dann sollten junge Mädchen auch sehen können, dass so ein Job überhaupt eine Option für sie darstellt. Wer ist also dafür verantwortlich? Das ist meine Verantwortung, die bewusste Entscheidung zu treffen, dass ich mit diesen Personen zusammenarbeiten will. Damit die Kids sagen können: „Oh mein Gott, ich kann Musikproduzent*in werden! Regisseur*in! Ingenieur*in! Sound-Mixer*in! Ich kann verdammt nochmal werden, was ich will!“ Das ist so wichtig für die Zukunft unserer Welt. Wir müssen es einfach machen.

Ich bin froh, dass sich die Industrie gerade dahingehend entwickelt, dass Frauen* auf unterschiedlichste Art selbstbewusster sein können. Und damit auch irgendwie vergleichbarer für einen selbst. Als Kind konnte ich mich nie mit einer Beyoncé identifizieren, weil sie in ihrem Selbstbewusstsein schon 10 Schritte weiter war. Heute scheint der Konsens zutreffender zu sein. Wie erlebst du das in deiner musikalischen Karriere?

Fletcher: Leute wollen eine Sache mehr denn je: Wahrheit. Und Transparenz. Keiner will mehr mit Bullshit gefüttert werden. Die Leute können das mittlerweile durchschauen. Wir haben 2020, keiner hat Zeit für noch mehr Bullshit.

Diese überperfekte Barbie-Plastik-Welt verschwindet…

Fletcher: Ja, das ist vorbei! Das ist nicht real. Und, soll ich dir was sagen? Der Winkel, in der ich meine Webcam positioniert habe ist der einzig gute Spot. Ich bin in meinem alten Kinderzimmer. Wenn ich sie nur ein bisschen bewegen würde…es sieht aus, als wäre hier eine Bombe explodiert.

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Oh Gott, das ist bei mir hier genau das Gleiche!

Fletcher: Das ist so gruselig, oder? Das ist die perfekte Metapher! Man hat früher immer nur einen bestimmten Ausschnitt von allem gesehen. Aber hinter den Kulissen sieht es ganz anders aus – mein Zimmer ist a fucking shit show. Das ist halt mein Leben. Ich hab keine Ahnung, was ich tue. Ich hab meinen Scheiß nicht zusammen. Ich hinterfrage alles permanent. Meine eigene Sexualität verwirrt mich immer noch. Aber weißt du, das ist okay.

Wie du sagst, Künstler*innen haben mehr Perspektiven und Freiräume. Wir sind so vielschichtige Menschen, die alle möglichen Gefühlslagen erleben. Manchmal fühlst du dich heiß und cool und gehst mit deinen Freund*innen aus und findest dich selbst sexy und dann wachst du am nächsten Morgen als heulendes Häufchen Elend in deinem Zimmer auf. Das ist alles Part des Ganzen. Wir müssen mehr davon zeigen. Wir brauchen mehr Menschlichkeit in dieser Welt. Mehr Empathie und Leidenschaft.

Ich bin selbst so ein Sensibelchen. Und das möchte ich zeigen. Das ist die Kunst, mit der ich mich verbunden fühle. Meine Lieblingsartists sind die, die Sachen so sagen, wie sie sind. Die so unverfroren sie selbst sind. Das ist inspirierend. Da willst du aus der Tür stürmen und aus vollem Herzen schreien, was auch immer du willst.


„Ich bin selbst eine schreckliche Tänzerin. Lange Zeit habe ich gedacht, dass ich deshalb keine Pop-Künstlerin sein könnte.“


Ja, und nicht nur die Songs selbst. Auch zu sehen, wie die Künstler*innen sie auf der Bühne performen und man realisiert, dass man sich bewegen kann, wie man will.

Fletcher: Guck dir Lorde an. Am Anfang kam sie auf die Bühne und die Leute haben sich gefragt, was dieses Tanzen soll. Aber wenn du sie live siehst, siehst du die Musik in ihrem Körper. Die Art und Weise, wie sie es fühlt. Das ist so befreiend. Du brauchst keine heiße, durchchoreografierte Tänzerin sein. Ich bin selbst eine schreckliche Tänzerin. Lange Zeit habe ich gedacht, dass ich deshalb keine Pop-Künstlerin sein könnte. Ich hab immer gedacht: „Ich kann nicht tanzen. Ich kann dies nicht. Ich kann das nicht„. Aber das ist eigentlich völlig egal. Man muss nicht in eine bestimmte Schublade passen. Man kann alles sein.

Und trotzdem drängen die Medien Künstler*innen immer noch dazu. Wenn ich darüber nachdenke, wie vor ein paar Jahren über Dua Lipa hergezogen wurde, weil sie eben nicht diese perfekte Tänzerin auf der Bühne war. Mittlerweile ist sie so selbstbewusst und hat krasse Choreos – aber es macht mich traurig, dass Artists das nicht aus freien Stücken machen können, sondern von der Öffentlichkeit dazu gezwungen werden.

Fletcher: Es herrscht so großer Druck. Selbst, wenn ich sage: „Geh raus! Mach was du willst!“ existiert der Druck ja nach wie vor, gewissen Idealen zu entsprechen, um erfolgreich zu sein. Die Leute haben eine ganz bestimmte Idee davon, wie ein Popstar aussehen soll. Ich bin ein riesiger Dua-Fan – sie sieht unfassbar gut auf der Bühne aus. Sie ist toll!

Jede*r sollte seine/ihre eigenen Wahrheiten ausleben, was auch immer das ist. Auch hier muss man bewusste Entscheidungen treffen. Was sagt mir meine innere Stimme? Was sagt mein Bauchgefühl? Es ist so einfach, beeinflusst zu werden – von deinem Label, deinem Team, deinen Fans, deiner Familie. Jede*r hat diese Idee, wie du sein solltest. Aber worauf es ankommt ist, wie ich selbst sein möchte.

Es ist ziemlich bizarr, das auszugleichen. Mir selbst fällt es schwer und ich habe schon alle möglichen Emotionen in meinem Kopf durchlebt. Der Druck ist echt. Und hart.

Wie gehst du damit um?

Fletcher: Ich war ehrlich gesagt lange Zeit wirklich nicht gut darin. Bis vor ein paar Monaten. Mit allem, was gerade passiert ist – monatelang in Isolation leben – war es eine aufschlussreiche Phase für mich. Ich habe Zeit mit meiner Familie verbracht. Ich habe das Musikvideo zu „Bitter“ mit nur einer weiteren Person gedreht.

Da gab es keine außenstehenden Meinungen. Keine Stimmen in meinem Kopf, die mir sagen, ob ich meine Haare für das Video besser in einem Pferdeschwanz oder geflochtenen Zöpfen tragen soll. Ob mein Bodysuit schwarz oder rot sein soll. Ich konnte mit dem Filmen anfangen, wann ich wollte. Ich konnte all die Ideen ausprobieren, die ich hatte. Ich habe mich selbst um Haare und Make-Up gekümmert, ohne dass jemand seinen/ihren Kommentar dazu abgeben konnte.

Diese Erfahrung hat mir die Augen geöffnet. Ich hab realisiert, dass meine eigene Meinung zählt. Meine Stimme zählt. Ich kann dahingehend mit dem Druck umgehen, indem ich mir klarmache, dass ich diese innere Stimme nicht ablegen kann. Das ist mein Bauchgefühl. Das, wonach ich mich richten sollte. Ich versuche zu lernen, besser auf mein eigenes Herz zu hören. Auch wenn es mir Sachen erzählt, die mir eine Scheißangst einjagen. Du musst trotzdem drauf hören.

Ich glaube das ist allgemein etwas, was man im Laufe der Erwachsenwerdens lernt. Dass man nicht nur auf Andere hören sollte, sondern zuerst einmal auf sich selbst.

Fletcher: Es gibt da ein Buch, das heißt „Untamed“ von Glennon Doyle. Hast du davon gehört?

Der Titel sagt mir was, gelesen habe ich es aber noch nicht.

Fletcher: Das musst du lesen! Das befreiendste Buch, das ich jemals gelesen habe. Es geht zum Beispiel darum, wie wir im Verlauf unserer Kindheit unsere Fantasie aufgrund von gesellschaftlichen Normen und Zwängen verlieren. Wir glauben, dass wir irgendwo reinpassen müssen und kriegen vorgelegt, was Richtig und was Falsch, was Gut und was Schlecht ist. Jeder sollte dieses Buch lesen.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Universal Music

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