„Catch Me If You Can“ ist nicht nur ein Di Caprio/Hanks-Klassiker, sondern könnte auch das Motto der britischen Indierocker FOALS sein. Kaum war ihr fünftes Album „Everything Not Saved Will Be Lost Part 1″ (REVIEW) veröffentlicht, packte die Band das Tour- und Reisefieber. Vor einem ihrer raren Deutschlandkonzerte treffen wir die Band im Mai in Berlin zum Wortwechsel. 

Ein Artikel von Anna Fliege – Ich treffe mich mit Drummer Jack Bevan und Keyboarder Edwin Congreave im Backstage des Huxley’s, um mit ihnen vor allem über ihre Spezialität zu sprechen: Ausgedehnte Touren. Außerdem bekomme ich einen kleinen Einblick in „Everything Not Saved Will Be Lost Part 2„, spreche mit den beiden über den Stellenwert von Social Media, erfahre, wie Jack zu „Game Of Thrones“ kam und wieso Edwin auf Tour lernen muss. Doch der eigentliche rote Faden des Interviews? Humor und Ironie!



Hi, schön euch kennenzulernen!

Edwin: Hi, das ist jetzt das Interview zu den Songtexten, oder?

Jack: (lacht) Keine Angst, wir verarschen Edwin manchmal und erzählen ihm, dass sich das nächste Interview nur um die Lyrics dreht, wo wir beide wohl am allerwenigsten aus der Band erzählen könnten.

Edwin: Oh man, das wäre echt anstrengend geworden! (lacht)

Aber die Idee merke ich mir! Wie geht’s euch auf eurer schirr endlosen Tour?

Jack: Super! Wir hatten jetzt einen Off-Day in Amsterdam, aber nach solchen Tagen ist es immer nochmal ein bisschen schwerer, wieder reinzukommen. Aber sonst alles super, wenn man bedenkt, dass wir seit Anfang März auf Tour sind.

Ihr habt das Album im März veröffentlicht, einige UK-Show gespielt und seid dann nach Kanada und in die USA gereist, um danach noch durch Südamerika zu touren. Jetzt seid ihr für eine kleine EU- und UK-Tour zurück, bevor ihr nach Neuseeland und Australien geht. Nur um zu kommen zurück, um hier Festivals zu spielen. Und dann werdet ihr wahrscheinlich Part 2 des Albums veröffentlichen und alles geht von vorne los.

Edwin: Wenn du das so erzählst, kriege ich gleich eine Panikattacke!


„Wir sind auf jeden Fall bescheuert.“


Geht mir ähnlich! Deshalb, lange Rede, kurzer Sinn: Seid ihr total bescheuert?

Edwin & Jack: JA!

Jack: Wir sind auf jeden Fall bescheuert.

Edwin: Naja, also eigentlich ist das ja Standard mit so einem Tourplan.

Jack: Ja, stimmt. Es ist zumindest FOALS-Standard! Manche Bands fahren ein bisschen runter, wenn sie älter werden, um es angenehmer zu machen. Dieses Memo haben wir nicht erhalten. Deshalb touren wir immer noch wie 20-Jährige.

Wie bleibt man denn auf so einer Wahnsinnstour gesund?

Jack: Einen Großteil der Zeit sind wir gar nicht wirklich gesund. Man muss da Routinen finden, um mit dem konstanten Reisen klarzukommen. Ein paar von den Jungs gehen viel ins Fitnessstudio – ich nicht, ich glaube Schlagzeug spielen ist genug Sport für mich.

Edwin: Rausgehen. Das mag so simpel klingen, aber es ist auf Tour viel zu einfach, drinnen zu bleiben.

Jack: Ich war heute zum Beispiel noch gar nicht draußen!

Und wenn ihr rausgeht, habt ihr dann wirklich Zeit, die Städte auch zu erkunden?

Edwin: An Off-Days auf jeden Fall. Und vielleicht morgens, wenn man es schafft, früh aufzustehen. Aber mit den Jahren waren wir in vielen der Städten auch schon. Aber man muss versuchen, euphorisch zu bleiben, das ist wichtig.

Jack: Das ist ja oft so, dass man so viel unterwegs ist und nicht wirklich viel von den Städten mitbekommt. Über die Jahre verändert sich dein Blick auf die einzelnen Städte, in denen du spielst. Da ist es dann nicht allzu schlimm, wenn du keine Zeit hast, weil du die Stadt schon kennst. Wir spielen aber nie mehr als drei Konzerte hintereinander, daher haben wir häufiger Off-Days, in denen wir dann auch mal wirklich rauskommen.

Und vermutlich realisiert, wo ihr überhaupt seid. Habt ihr denn die Chance, von Zeit zu Zeit mal nach Hause zu fahren? Oder ist das eher kontraproduktiv?

Jack: Der Kanada-USA-Südamerika-Teil war mit Abstand das längste Stück dieses Album-Zyklus, das wir von Zuhause weg waren. Zwei Monate waren das, das war wirklich eine lange Zeit. Für mich persönlich reicht tatsächlich eine Nacht Zuhause, um meinen Kopf zu resetten.

Dieser kurzer Abstecher daheim trägt so viel dazu bei, sich wieder klarer zu fühlen. Wir fahren morgen für ein paar Tage zurück nach England, bevor es weitergeht und versuchen, das in den nächsten Monaten auch ein bisschen ausgeglichener zu halten, als die letzte Zeit.



Ihr hattet jetzt zwei ruhigere Jahre, in denen ihr nicht auf Tour wart. Muss man dann quasi seinen Alltag aufgeben, wenn man wieder ewig unterwegs ist?

Edwin: Du hast wirklich ein gutes Händchen dafür, die Tatsachen sehr furchterregend darzustellen. (lacht)

Jack: Ohja!

Edwin: Ich hab mein echtes Leben aufgegeben, du hast Recht. F*ck!

Sorry, Jungs! Aber in eurer Q Magazine-Coverstory hab ich gelesen, dass du Edwin zum Beispiel einen offenen Universitätskurs in Mathematik begonnen hast. Was passiert denn damit? Bist du rechtzeitig fertiggeworden oder unterbrichst du das und kommst darauf in gefühlt 5 Jahren zurück, wenn ihr fertig mit der Tour seid?

Edwin: Das ist ein Onlinekurs, ich hab also keine Anwesenheitspflicht in der Uni. Deshalb kann ich das in meiner Freizeit machen.

Aber nicht auf Tour, oder?

Edwin: Naja, ich muss! Ich habe nächsten Monat Klausuren. Ich weiß, das klingt ziemlich langweilig und gar nicht nach Rock’n’Roll….obwohl, vielleicht ist gerade das Rock’n’Roll! Aber ich versuche mich davon nicht stressen zu lassen.


„[…] leider fungiert Jeremy wie ein Fußballspieler, der gerade nur für eine Saison an einen anderen Verein ausgeliehen ist.“


Wenn wir schon über’s Touren sprechen: Können wir Jeremy Pritchard nicht als festes neues Mitglied etablieren? Ich meine, ich liebe Everything Everything und sie sollen sich auf keinen Fall auflösen…

Jack: Oh, wir auch! Aber das geht leider nicht. Wir haben wirklich viel Spaß mit ihm, aber leider fungiert Jeremy wie ein Fußballspieler, der gerade nur für eine Saison an einen anderen Verein ausgeliehen ist. Bei Everything Everything sind hauptsächlich Jonathan [Anm. d. R.: der EE-Frontsänger] und Alex [Anm. d. R.: der EE-Gitarrist] für das Schreiben von Songs zuständig, weshalb Jeremy Zeit hat, mit uns zu spielen.

Ich glaube, dass wir nur noch bis September mit ihm unterwegs sind und hoffe, dass wir auch irgendwann nochmal mit ihm zusammen arbeiten können, aber ich möchte die Everything Everything-Fans nicht verärgern! (lacht)

Verständlich, aber auch schade. Immerhin passt er irgendwie perfekt in eure Band.

Edwin: Das solltest du ihm sagen!

Klar, und dann ist es am Ende meine Schuld. Aber Spaß beiseite: Dann geht die Suche nach einem Bassisten wieder von Vorne los?

Jack: Wir wollen uns den September als Auszeit nehmen…

Edwin: Nur, um einen Bassisten zu suchen! Wir reisen einmal um die Welt dafür. (lacht)

Jack: Das ist der Plan, wir durchkemmen die Straßen. Ne, also, ich denke im Oktober…

Edwin: Und besuchen eine Menge Jazz-Gigs. „Hey, das Riff hat mir gefallen, du hast den Job!“ (lacht)

Lasst uns kurz über „Everything Not Saved Will Be Lost Part 2“ reden. Ihr beschreibt das in Interviews immer mit einem „anderen Vibe als Part 1“ – könnt ihr diesen Vibe noch näher erläutern?

Jack: Ich würde sagen, dass es anders, aber irgendwie auch gleich ist. Wir haben es zur selben Zeit wie Part 1 aufgenommen. Produktionstechnisch gibt also es Gemeinsamkeiten. Grob gesagt haben wir die  Songs in zwei Gruppen aufgeteilt, sodass sie gut zusammen funktionieren. Ich würde sagen, dass Part 2 rockiger ist als Part 1.

Ähnlich wie „What Went Down“?

Edwin: Ich würde behaupten, dass „What Went Down“ beide Seiten bedient hat. Auf Part 1 hat man Songs wie „Exits“ und „In Degrees“ – auf Part 2 wird es keine Songs wie diese geben. Eher Songs wie „White Onions“ und „On The Luna„.

Jack: „White Onions“ war ein Song, der auch ohne Probleme auf Part 2 gepasst hätte.



Wie fühlt sich das eigentlich an zu wissen, dass dieses Jahr noch ein zweites FOALS-Album erscheint? Ihr habt gute Arbeit im Voraus geleistet!

Jack: Das ist aufregend! Normalerweise ist eine Art Antiklimax, wenn du ein Album veröffentlichst. Sobald es released ist und alle es gehört haben, fühlt es sich immer ein bisschen so an, als wäre es vorbei. Man ist monatelang aufgeregt und fragt sich, wie die Leute es finden werden. Aber sobald du ein Album gehört hast, vergeht diese Erwartung.

Aus diesem Grund ist es schön zu wissen, dass wir noch ein zweites Album und somit einen Haufen neuer Songs in der Hinterhand haben, die man in unser Live-Set aufnehmen kann. Wir sind ja jetzt schon an einem Punkt, an dem wir so viele Alben veröffentlicht haben, dass wir allein mit Part 1 ein großes, aufregendes Set spielen können. Und wenn jetzt noch weitere 10 Songs zur Auswahl stehen, müssen wir wohl oder übel noch längere Sets spielen.

Ach, das ist okay! Gibt es dann eigentlich nach den zwei Alben eine größere Pause? Oder kommen euch schon wieder neue Ideen?

Jack: Ich kann mir vorstellen, dass wir wieder eine Pause machen werden, aber nicht so eine lange wie beim letzten Mal. Ich meine, wir sind mit „Holy Fire“ und „What Went Down“ unmittelbar nacheinander getourt. Und ehrlich gesagt haben wir von „Antidotes“ bis „What Went Down“ nie wirklich eine Pause gehabt, deshalb war das dringend nötig.

Ich glaube, am Ende kommt es darauf an, wie wir uns nach diesen zwei Alben fühlen – man muss mit Begeisterung an die Sache gehen und nach so großen Touren fühlt man sich wie überfahren. Den ersten Monat nach „What Went Down“ habe ich buchstäblich überhaupt nichts gemacht, ich war so müde. Videogames und Deliveroo, mehr ging nicht. Und dann musste ich mich darum kümmern, mein Leben wieder zusammenzukriegen. Deshalb, mal schauen, wie es jetzt läuft, wir haben ja erst Mai.


„Ich bin ganz froh darüber, mit einer Art Mysterium um meine Lieblingsbands aufgewachsen zu sein.“


Der Titel – „Everything Not Save Will Be Lost“ – hat mich über unser Verhalten in den sozialen Medien nachdenken lassen. Es ist interessant, genau euch beide hier zu haben. Edwin, du hast keinen öffentlichen Instagram-Account, Jack du schon. Wie erlebt ihr die Bedeutung von Social Media in unserer Gesellschaft? Als Bandmitglied aber auch als Privatperson?

Jack: Instagram ist echt seltsam. Ich hasse es auf eine Art, aber ich habe irgendwann unterbewusst festgelegt, dass ich ein relativ öffentliches, „offizielles“ Profil habe. Ich kommuniziere da direkt mit meinen Real-Life-Freunden und veröffentliche aber trotzdem irgendwie Content für die FOALS-Fan. Ich finde das alles so weird – manche Leute sind echt super gut darin, eine Online-Persönlichkeit zu besitzen – Jimmy [Anm. d. R.: der FOALS-Gitarrist] zum Beispiel! Ihm ist glaub ich echt egal, was er da für komisches Zeug hochlädt und ob es dann nur 10 Leute liken.

Das ist heutzutage ja schon fast eine eigene Fähigkeit, seinen Humor und seine Persönlichkeit online gut einzusetzen. Und ich bin nur ein 33-Jähriger, der Instagram mal vor 6 Jahren runtergeladen hat. Ich bin damit nicht aufgewachsen und nicht daran gewöhnt, meinen Alltag auf diese Weise zu dokumentieren, wie es die jüngere Generation tut.

Ich bin ganz froh darüber, mit einer Art Mysterium um meine Lieblingsbands aufgewachsen zu sein. Man wusste nicht, wie sie sind und was sie gerade tun. Natürlich können Bands das heute immer noch, wenn sie Social Media dafür nicht nutzen – ich glaube jemand wie Alex Turner oder die Arctic Monkeys als Band sind weder auf Social Media-Kanälen aktiv noch geben sie sonderlich viele Interviews. Da besteht das Geheimnisvolle noch.

Apropos Instagram-Account, Jack – wir müssen über ein bestimmtes Bild (LINK) sprechen! Bevor das Interview gleich zu Ende ist, musst du mir noch von deinem Game of Thrones-Cameo erzählen!

Jack: Unser Manager kennt die beiden Drehbuchautoren Dave Benioff und D.B. Weiss und weiß, dass wir riesige Fans der Serie sind. Deshalb hat er nachgefragt, ob wir mal in Irland vorbeischauen und Teil einer Folge sein dürfen. Es war der Wahnsinn – ich mein, du kannst uns zu keinem Punkt auch nur irgendwie erahnen, aber das Erlebnis, am Filmset zu sein und mitzukriegen, was hinter so einer Produktion steckt, war sehr cool! Ich habe vorhin die allerletzte Folge geschaut…

Keine Spoiler, bitte!

Jack: Auf keinen Fall. Das ist ja das Allerschlimmste am Internet. Überall warten Spoiler auf einen und man wird beeinflusst und kann sich nicht mehr eigenständig ein Bild davon machen.

Eigentlich wie bei Musik heutzutage, oder? Bevor man den Song gehört hat, hat schon jemand gepostet, dass er ihn schlecht findet. Und dann hört man selbst rein und versucht, das Schlechte darin zu finden.

Jack: Was ich früher als Kind am CD-Kauf so mochte, war, dass sie so teuer waren und man deshalb die Hälfte seines Taschengeldes dafür ausgeben musste. Und dadurch hat man automatisch schon mehr Zeit darin investiert, das Gute in einem Album zu finden, selbst, wenn du es nicht wirklich zu 100% mochtest. Und heute – da schließe ich mich gar nicht aus – gehst du auf Spotify, skippst durch ein Album und denkst „naaah, bin mir nicht sicher“ und hörst nie wieder rein. Bevor man weiß, worum es bei diesem Album überhaupt geht, schreibt man es schon ab. Das ist eine Schande.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Alex Knowles | Anna Fliege