Für sein neues Album „No Man’s Land“ hat der britische Singer-Songwriter Frank Turner 13 Songs über Frauen geschrieben, die aufgrund ihres Geschlechts in der Geschichte etwas oder gar vollkommen unbekannt sind. Die perfekte Grundlage, den Künstler mit Fragen zu löchern.


Ein Artikel von Anna Fliege – Würde ich eine Enzyklopädie verfassen, fände man beim Schlagwort „Sympathie“ ein Bild von Frank Turner. Dass sich die Vermutung, hinter dem unermüdlichen Künstler stecke genau der freundliche, lustige Typ, den er auf der Bühne präsentiert, in unserem Telefonat bestätigt, wundert mich ehrlich gesagt wenig.  Ein Mann der großen und wie im Folgenden zu lesen vielen Worte, mit dem man über ernste Themen genauso gut sprechen wie über nicht so ernstgemeinte Fragen lachen kann.


Die Songs handeln von meist unbekannten Frauen. Wie hast du die Wahl getroffen? Wie hast du die Frauen „kennengelernt“?

Frank: Zuerst muss ich sagen: Das Konzept des Albums kam erst auf der Hälfte des Schreibenprozesses. Zum Beispiel der Song „Jinny Bingham’s Ghost“ – ich wollte ein Song über Camden schreiben, weil ich Camden liebe. Die Idee war da, bevor ich einen Song über eine Frau schreiben wollte. Dann habe ich nach einer coolen Art und Weise gesucht, über Camden zu schreiben und schrieb schlussendlich über Jinny Bingham. Dann kam der Song über Dora Hand – ich habe ihre Geschichte gelesen und fand sie völlig verrückt und cool.

Und ich dachte mir: „Da muss jemand einen Song drüber machen! Und scheinbar bin ich das.“ Nach einer Weile realisierte ich, dass ich einen Haufen von Songs hatte, die eine Gemeinsamkeit hatten, welche weibliche Protagonisten war. Aber wie gesagt, das bemerkte ich erst, nachdem schon einige Lieder fertig waren.

Zu diesem Zeitpunkt wollte ich das Set fertigstellen und fing an, wirklich nach Leuten zu suchen, über die ich schreiben könnte. Was ein sehr interessanter Moment war, weil mir Freunde wirklich lange Listen mit Namen schicken, über die ich Texte verfassen könnte.

Aber man darf nicht vergessen: Das Album ist erster Linie eine Ansammlung von Songs. Auf jeden Fall durchforstete ich diese Liste mit Vorschlägen und da waren ein paar fantastische Menschen bei, die wundervolle Dinge getan haben und wichtig sind, die durch ihr Lebenswerk Dinge verändert haben – aber zu manchen habe ich keinen Zugang gefunden. Ich wusste nicht, wie ich dazu einen Song schreiben sollte.


„Du kannst nicht so einfach einen Song über Irgendetwas schreiben.“


Hast du da Beispiele? Das war tatsächlich meine nächste Frage.

Frank: Ja klar, hast du zum Beispiel von Amelia Earhart gehört? Amelia war die erste Frau, die über den Atlantik geflogen ist. Sie hat dieses tolle, verrückte Leben gelebt, eine großartige Story, die man erzählen kann. Aber ich konnte einfach keine richtigen Worte finden, um ihre Geschichte wiederzugeben. Ich habe einfach keinen Blickwinkel gefunden und das war ziemlich frustrierend.

Andersherum ein Positiv-Beispiel: Da gibt es einen Song auf dem Album, der von Huda Sha’arawi handelt, eine ägyptische Frauenrechtlerin. Als ich ihre Geschichte las, wusste ich sofort, wie ich es verpacken kann. Der Moment, wenn sie aus dem Zug steigt und ihren Schleier abnimmt, ist so dramatisch, dass ich direkt wusste, wie der Chorus werden würde.

Du kannst nicht so einfach einen Song über Irgendetwas schreiben.

Das Album enthält unter anderem auch einen Song über eine Serienmörderin – wie bist du denn darauf gekommen? War das ein Song, der einfach zu schreiben war?

Frank: Das war einer der letzten Songs, die entstanden sind. Und ich lief Gefahr, ein Album zu schreiben, dass von all diesen beeindruckenden Menschen handelt, die gute Sachen vollbracht haben. Das war mir irgendwie zu eindimensional. Also dachte ich mir: Wenn ich respektvoll über Frauen schreiben möchte, wäre es interessanter, auch mal wie weniger erwartbare Seite aufzuzeigen und über jemanden zu schreiben, der kein Vorbild ist.

Also war das nächste, was ich tat, in die Internetwelt der weiblichen Serienmörderinnen abzutauchen. Wenn du sehr viel Zeit deines Lebens verschwenden willst, kann ich dir das nur empfehlen. Es gibt viel mehr Serienmörderinnen, als ich es mir vorstellen konnte.


„Die Frage ist ja, welches Recht ich als Mann habe, die Geschichten zu erzählen.“


Ja, das ist echt verrückt. Sag mal Frank, jetzt bist du ja ein weißer Hetero-Mann und ich mag gar nicht so klischeehaft feministisch klingen, aber: Aus deiner Position heraus machst du jetzt ein Album über beeindruckende Frauen. Ich kann mir vorstellen, dass es da auch kritische Stimmen zu gibt, oder?

Frank: Natürlich gab es da schon Kritik. Und ich bin ein denkender, intelligenter Erwachsener – ich habe damit gerechnet. Ich glaube, dass es da schon ein paar Leute gibt, die gute, interessante Kritikpunkte haben. Selbstverständlich gibt es da dem Internet geschuldet auch Menschen, die nur daran interessiert sind, rumzupöbeln.

Aber lass uns nicht auf die fokussieren, sondern lieber auf die wirkliche Kritik eingehen. Da gibt es schon Sachen, mit denen ich mich verpflichtet fühle, sie anzusprechen. Die Frage ist ja, welches Recht ich als Mann habe, die Geschichten zu erzählen. Dazu habe ich eine zweiteilige Antwort!

Zum einen, und darüber habe ich viel nachgedacht, schließe ich andere Stimmen nicht aus. Was ich damit meine, ist, dass wenn es schon viele andere Künstler gäbe, die diese Stories erzählen würden, würde ich das als valide Kritik ansehen. Aber das ist bisher nicht der Fall. Zum größten Teil hat noch niemand Lieder über die Personen geschrieben. Und wir leben jetzt mit Spotify und so in einer Welt, in der jeder Musik rausbringen kann. Nur, weil ich dieses Album release, halte ich niemanden davon ab, ebenfalls Songs zu den Themen rauszubringen.

Ich habe im Nachhinein sogar herausgefunden, dass zu Sister Rosetta schon Lieder existieren. Und statt das als etwas Negatives anzusehen, zelebriere ich diese Tatsache, teile die Songs so gut ich kann, weil ich es cool finde!

Der zweite Teil meiner Antwort: Ich bin Songwriter und veröffentliche Alben. Das ist jetzt mein achtes Album – und ich kann als achtes Album „No Man’s Land“ rausbringen…oder schon wieder über meine eigenen Gefühle singen. Das werde ich in der Zukunft natürlich wieder tun, aber ich hatte das Gefühl, dass es nichts Schlimmes ist, die Plattform, die ich nunmal habe, zu nutzen, um etwas Interessanteres zu machen.

Ich freue mich ja, wenn es Diskussionen auslöst. Und ich glaube, dass viele der Leute, die sich die Musik anhören werden, vorher noch nie etwas von Huda Sha’arawi gehört haben. Und wenn das Einzige, was sie  aus dem Album mitnehmen ist, mehr über Huda zu wissen, feiere ich das.

Wow, danke für die ausführliche Antwort! Ich bin sehr froh, dass du mit Catherine Marks für das Album zusammengearbeitet hast. Es gibt viel zu wenige weibliche Produzenten, die an größeren Produktionen beteiligt sind, oder? Und ich verstehe nicht, wieso der Berufszweig so männerlastig ist.

Frank: Ich stimme dir da vollkommen zu! Die deprimierende Sache im Entstehungsprozess des Albums war, als ich dachte: „Es wäre wirklich cool, mit einer weiblichen Produzentin zusammenzuarbeiten“. Also wollte ich rausfinden, wer dafür infrage käme – und da gibt es leider wirklich nicht so viele. Glücklicherweise konnte ich mit Catherine telefonieren und sie war direkt von der Idee überzeugt.

Ich möchte außerdem sagen, dass ihr Geschlecht nicht der ausschlaggebende Punkt ist, mit Catherine zu arbeiten! Am wichtigsten ist, dass sie eine geniale Produzentin ist. Sie leistet unglaubliche Arbeit und hat mich dazu gebracht, ganz anders über meine eigenen Songs nachzudenken.

Aber ja, meine Möglichkeiten, mit Frauen in diesem Gebiet zusammenzuarbeiten, war sehr limitiert und das macht mich wahnsinnig traurig. Catherine selbst arbeitet viel daran, die Szene sowohl aktiv als auch passiv zu verändern. Sie tut viel dafür, Frauen in alle Gebiete der Musikproduktion zu bringen – aber auch ganz simpel als Vorbild. Junge Frauen, die an diesen Beruf interessiert sind, brauchen jemanden, zu dem sie hochschauen können und inspiriert sind.

Zum Glück gibt es aber schon allerhand weibliche Musikerinnen. Kannst du einige deiner aktuellen Lieblingskünstlerinnen nennen?

Frank: Oh okay, wie lange haben wir? Das kann dauern (lacht)! Okay, lass es uns ein bisschen aufteilen. Wenn es um die Entwicklung meines eigenen Geschmackes geht, war eine wichtige Künstlerin meiner Jugend auf jeden Fall PJ Harvey.

In der Mittelphase meiner Karriere war ich so inspiriert bei Regina Spector. Meiner Meinung nach ist sie eine der verrücktesten und einfallsreichsten, originellsten Songwriterinnen auf der Welt. Ich habe einen großen Teil meines Lebens damit verbracht, über ihr Songwriting nachzudenken.

Und aktuell? Ich habe dieses Jahr eine Künstlerin namens Grace Petrie mit auf Tour genommen. Sie ist aus Leicester und unfassbar! Sie hat meine Arena-Konzerte eröffnet, die ich in Großbritannien gespielt habe. Die größten Shows, die sie je gespielt hat – sie hat nichtmal geblinzelt!


„Es bleibt für mich erstaunlich, mit welcher Art von Scheiße einige Frauen zu kämpfen hatten. „


Oh das klingt wunderbar, ich werde mir Grace später mal anhören! Haben dich die Geschichten der Frauen auf dem Album eigentlich in irgendeiner Weise beeinflusst? Oder inspiriert?

Frank: Das ist eine interessante Frage. Über die Geschichten und Erlebnisse der unterschiedlichen Frauen zu lesen, bleibt in einer Weise, die sehr aufschlussreich für meine eigene Art von Privileg ist.

Es bleibt für mich erstaunlich, mit welcher Art von Scheiße einige Frauen zu kämpfen hatten. Ich bin ein Weißer, was auch immer das bedeutet, und ich habe diese Dinge nie direkt erlebt. Immer und immer wieder lese ich über Dinge, die passieren, und ich denke: Jesus Fucking Christ! Es ist immer noch überraschend für mich, was Leute für Scheiße ertragen müssen.

Darüber hinaus wäre einer der inspirierendsten Charaktere für mich auf einer direkt persönlichen Ebene Nica Rothschild, einfach weil das Wesen ihrer Geschichte darin besteht, dass sie das Leben, das sie führen sollte, vollständig abgelehnt hat. Sie wurde in diese Familie mit unglaublichem privilegiertem Reichtum hineingeboren und sie hatte dieses Leben, das für sie angelegt war. Und dann, in den späten 1940er Jahren, war sie in einer Bar in New York und wartete auf einen Flug und sie hörte gerade Thelonious Monk und sie ging einfach: „Weißt du was, scheiß drauf!“ Und hat ihr ganzes Leben verändert. Ich finde das einfach so unglaublich cool und so inspirierend.

Ich möchte mich nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen und mich mit irgendwelchen dieser Frauen vergleichen, aber zweifellos sollte ich nicht das Leben leben, das ich geführt wurde. Ich wurde nicht so erzogen, um zu sein, wer ich heute bin. Deshalb empfinde ich sie als Inspiration auf diesem Level.

Nun, du hast größtenteils mit Frauen gearbeitet…. aber es gibt kein Feature mit einer Künstlerin. Ist das für dich nicht in Frage gekommen?

Frank: Weißt du, wir haben darüber ziemlich viel gesprochen. Ich hatte Unterhaltungen mit Leuten, hauptsächlich mit meiner guten Freundin Ellie von Wolf Alice. Aber die Sache ist, das ist eine Frage, die weniger mit der Politik des Albums zu tun und mehr mit meiner Karriere im Allgemeinen. Ich mache nicht so häufig Features und fühlt sich das für mich auch falsch an. Nach dem Motto „guck mal, was für berühmte Freunde ich habe!„.

Ich habe auf jeden Fall drüber nachgedacht, kam aber am Ende zu dem Entschluss, es nicht zu tun. Hätte ich eine Künstlerinen auf einen Track gepackt, wäre die Frage aufgekommen, wieso dieser Track scheinbar wichtiger ist als die anderen und wieso die restlichen Songs kein weibliches Feature haben.

Aber jetzt, wo ich darüber spreche, fällt mir ein: Falls es Künstlerinnen gibt, die diese Songs singen und covern  würden, würde mich das unfassbar glücklich machen!

Das ist doch eine tolle Idee für eine Special Edition des Albums, oder?

Frank: Das ist eine wunderbare Idee! Okay, wenn ich das wirklich mache, solltest du Credits dafür bekommen.

Es wäre mir eine große Ehre! Und jetzt eine lustige Frage zum Schluss. Wenn Frauen gefragt werden, was sie tun würden, wenn sie einen Tag lang ein Mann wären, antworten sie immer: Im Stehen pinkeln. Wie sieht es andersherum aus? Was würdest du tun, wenn du einen Tag lang eine Frau wärst?

Frank: (lacht) Oh mein Gott, mit sowas hätte ich jetzt nicht gerechnet! Das ist eine ganz schön komplizierte Frage…ich habe keine Ahnung! Darüber habe ich wirklich noch nie nachgedacht.

Ich meine, ich könnte bei der Arbeit missachtet werden, ich könnte von Leuten respektlos behandelt werden, die mich einfach nach meinem Geschlecht beurteilen. Dinge, die ich in meinem täglichen Leben nicht erleben muss. Dann denke ich, wenn ich für einen Tag eine Frau wäre, wäre es wahrscheinlich eine gute Idee für diese Art von Sachen, etwas zu lernen. Aber es ist immer noch eine sehr schwierige Frage (lacht).

Ich denke, ich werde jetzt darüber nachdenken. Und wenn wir wieder miteinander reden, werde ich versuchen, eine bessere Antwort für dich bereitzuhalten.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Universal Music