Normalerweise fährt man für ein Interview meist in eine andere Stadt, trifft den Interviewpartner in einer Konzertlocation oder einer Hotellobby, spricht 20 Minuten und geht wieder getrennte Wege. Nunja, das Interview mit FYE & FENNEK lief etwas anders ab.

Die beiden besuchten mich am Abend vor ihrem Albumrelease, wir aßen Pizza und endeten schließlich in Wuppertals größter Attraktion: der Schwebebahn. 12 Meter über der Wupper sprachen wir schwebend über „Separate Together„, die allumfassende Bedeutung hinter dem Titel, die „Kasseler Schule„, Hanoi und die Dinge, die man als Duo voneinander lernen kann.


Wie geht es euch am Vorabend des Releases?

FYE: Aufgeregt! Aber irgendwie denkt man auch, das Album sei schon draußen, weil wir schon ewig darauf hinfiebern.

Was steckt hinter dem Albumtitel „Separate Together“?

FYE: Dieser Gegensatz, dass Leute, obwohl sie räumlich getrennt sind, trotzdem zusammen etwas bewirken können.

FENNEK: Leute, die örtlich voneinander entfernt, aber im Geiste eins sind.

FYE: Man kann da natürlich immer noch einen größeren Rahmen spannen, aber das ist der Kerngedanke dahinter.

Ihr habt euch zufällig kennengelernt, oder? Wie kam es denn schlussendlich zu FYE & FENNEK?

FYE: Genau so ist es. Über das musikalische Interesse. Kassel ist eine überschaubare Stadt und es schon einige, die Musik machen. Da ist es natürlich ein spannender Moment, wenn man auf jemanden trifft, bei dem man denkt „das könnte funktioniert, lass uns das mal probieren“. Ich war damals Singer-Songwriterin und Jan schon zu diesem Zeitpunkt Produzent – und dann haben wir es einfach probiert. Lustig ist, dass ich nur 200 Meter Luftlinie von ihm entfernt gewohnt habe und trotzdem hatten wir vorher überhaupt nichts miteinander zu tun.

Und wie war es im Studio? War das immer harmonisch zwischen euch?

FENNEK: Ich hab an Beats gearbeitet, Faye an Texten und dann haben wir geschaut, wo man da auf einen Nenner kommen kann.

FYE: Erstmal war es ein Prozess für uns, überhaupt ein Studio zu haben. Davor haben wir die Songs bei Jan im Zimmer aufgenommen, ganz sporadisch.

FENNEK: Unsere ersten Singles, „Shelter“ und „Focus„, sind da entstanden. Für das Album haben wir uns dann aber in Berlin in ein Studio eingeschlossen und daran gearbeitet. Viele der Sachen entstehen tatsächlich unterwegs auf den Reisen. Ich beim Pendeln, Faye im Urlaub. Im Zug von Kassel nach Berlin, aus dem Fenster schauen, da sind schon viele Songs entstanden. Oder wenn ich von Berlin zurück nach Kassel fahre, ist das für mich der Weg, Sachen Revue passieren zu lassen und der Versuch, das Ganze musikalisch auszudrücken.

Was war das Wichtigste, was ihr vom anderen gelernt habt?

FYE: Wir mussten uns auf jeden Fall charakterlich aufeinander einspielen. Man führt ja im Prinzip eine Beziehung, du verbringst super viel Zeit miteinander und wir sind einfach sehr unterschiedliche Typen. Ich bin immer sehr hitzig und will immer alles sofort, Jan ist da meist gelassener als ich. Man lernt voneinander.

FENNEK: Faye hatte einen schönen Tatendrang. Einfach Dinge machen, wie sie sind. Zum Beispiel mit den Tracks. Ich bin in solchen Sachen eigentlich sehr perfektionistisch und würde niemals sagen: „wir spielen diesen Track jetzt schon live, obwohl er noch nicht komplett fertig ist“. Wir haben die Songs geschrieben und zwei Tage später auf der Bühne gespielt. Ich hab gelernt, dass man einfach mal raus muss, sich nicht verstecken sollte mit dem, was man macht.

FYE: Für uns beide war es ein riesen Schritt hin zu einer Öffentlichkeit, die wir beide vorher so nicht hatten. Sich als Musiker besser kennenlernen und auch Grenzen austesten.

Ihr kommt aus Kassel – so wie Milky Chance auch. Und Faye, du warst sogar Tourfotografin. Hat dich bzw. euch das beeinflusst?

FYE: Mich hat es insoweit beeinflusst, dass ich das Musikbusiness gut kennenlernen konnte. Ich konnte einen Einblick in bestimmte Charaktere gewinnen, die man als Musiker, wenn man ganz neu in der Szene ist, sicherlich überraschend finden würde. Es waren bestimmte Abläufe: wie ist es auf einer Tour, was passiert dort. Musikalisch haben sie mich aber eher weniger beeinflusst. Was uns aber trotzdem verbindet, ist glaub ich so eine Art „Generationending“ – wir haben Sachen erlebt, die die Jungs auch schon erlebt haben. Gerade, weil sie auch aus Kassel kommen.

Was hat es mit der „Kasseler Schule“, von der man im Bezug zu euch häufiger liest, auf sich?

FENNEK: In Kassel und Umgebung gibt es sehr viele talentierte Musiker, die alle irgendwie die selbe Sprache sprechen. Man tüftelt sehr viel an Sachen, man reflektiert sehr viel über seine Handlungen. Eine Mischung aus leichter Melancholie und einem Streben nach Glück und Ausbruch. Aber der Begriff der „Kasseler Schule“ ist gar nicht auf Kassel bezogen, da war nur irgendwann einmal die Keimzelle des Ganzen. Kassel ist so klein und diese leichte Perspektivlosigkeit, die dadurch herrscht, macht irgendwie den Sound aus, ein freiheitliche Sound. Im Grunde genommen bezeichnet der Begriff das Mindset.

Einer eurer Songs ist nach einer berühmten Jazz-Legende benannt: Was verbindet euch denn mit „Miles Davis“?

FYE: Das war situationsabhängig. Gemeinsam Jazz-Musik, in diesem Falle Miles Davis, hören und sich darin ein Stück weit verlieren. Und gleichzeitig hab ich es genutzt, um daraus eine doppeldeutige Wortphrase zu schaffen. Jan schreibt viel auf Reisen und dieses „miles took us away“ beschreibt dieses Unterwegs sein sehr treffend. Als wir uns überlegt haben, wie der Song heißen soll, haben wir uns noch einmal über die komplette Story ausgetauscht und wo die Möglichkeiten liegen.

Wie seid ihr für eure neusten Videos auf Hanoi gekommen?

FENNEK: Es ging nicht um Hanoi direkt oder eine bestimmte Stadt, es ging darum zu beschreiben, dass es überall auf der Welt gewisse Konventionen gibt, aus denen man Mut schöpft und daraus ausbricht. Auf Hanoi kamen wir durch viele Umstände. Unser Manager hat dort Familie und dadurch hatten wir Zugang zu besonderen Orten, die man als Tourist wahrscheinlich niemals sehen würde. Wir wollen die Leute mit der Story ein bisschen an die Hand nehmen und mit auf eine Reise, aber die Interpretation ist dabei sehr offen. Und die Konventionen, die hier in Europa schon abgeschwächt sind, Homosexualität zum Beispiel, sind in Hanoi noch ganz groß. Da sind die Leute zum Teil noch nicht so offen wie hier. Das ist nur ein Beispiel, da gibt es sehr viele Bedrängnisse, in denen wir uns immer jeden Tag mit uns selbst beschäftigen und irgendwie gar nicht nicht rauskommen. Daraus auszubrechen ist ein Weg, den wir versuchen, musikalisch zu gehen.

FYE: Das beschreibt der Titel „Separate Together„. Gleiche Problematiken, gleiche Ziele, das gleiche Streben, das wir alle in uns tragen.

FENNEK: Viele trauen sich gerade nicht zu sagen, dass auch eigentlich vieles schön ist. Du wirst von den Medien immer nur mit schlechten Nachrichten überflutet. Wir haben uns da mal getraut zu sagen: „Hey, es ist zwar nicht alles schön, aber eben auch nicht immer alles schlecht.“.

FYE: Um es auf den Punkt zu bringen: Die Hoffnung in einem Zusammensein, obwohl  man auch manchmal alleine ist.

FENNEK: Auch mal Mut zu haben. Punkt.


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Simon Hegenberg