Ende Januar veröffentlichten Gengahr aus dem Norden Londons ihr drittes Album „Sanctuary“, gerade tourten sie damit durch Europa. Nach ihrem Debüt Debüts „A Dream Outside“ und dem Nachfolger „Where Wilderness Grows“ bereitet „Sanctuary“ einen neuen, weiterentwickelten Pfad für das Quartett aus Englands Hauptstadt vor. 


Ein Artikel von Anna Fliege – Londoner Gitarren-Indie und ich, das gehört einfach zusammen. So ist das schon immer. Und so besteht kein Zweifel daran, dass sich Gengahr und mit ihrem neuen Album „Sanctuary“ innerhalb kürzester Zeit in mein Herz spielten.

Mit Frontmann Felix Bushe spreche ich über das, was nach dem „Second Album Syndrome“ kommt, wie der typische Gengahr-Sound entsteht und inwieweit er sich in den letzten Jahren verändert hat.


Ich habe gelesen, dass es für euch ein langer und steiniger Weg zum neuen Album war. Rückblickend, jetzt unmittelbar nach der Veröffentlichung: Könnt ihr jetzt mal tief durchatmen? Ist es eine Erleichterung?

Felix Bushe: Bis zu einem gewissen Grad ja! Es ist viel in die Entstehung dieses Albums eingeflossen, und es ist eine Platte, auf die ich sehr stolz bin. Aber der Erfolg eines Albums hängt im Wesentlichen davon ab, wie beschäftigt man nach der Veröffentlichung ist. In diesem Sinne hoffe ich, dass wir für eine Weile beschäftigt sind!

Viele Leute reden über das mythische “ Second Album Syndrome“ – aber niemand spricht darüber, wie es sich auf dem dritten Album anfühlt. Das möchte ich nun endlich herausfinden – wie fühlt es sich an?

Felix Bushe: Für uns war es diesmal sicherlich ein viel klarerer Prozess. Ich kann nicht genau sagen, aus welchem Grund, aber es fühlte sich definitiv konzentrierter an und als ob sich alles ständig vorwärts bewegt. Bei der Produktion unseres zweiten Albums hatte ich das Gefühl, dass wir oft alles wegwerfen und dann wieder bei Null anfangen, um einen Grad an Perfektion zu erreichen, der nie wirklich möglich war. Mit der Zeit, so denke ich, lernt man, wie man mit seinen künstlerischen Erwartungen am besten umgeht und wie diese mit den vorhandenen Ressourcen zusammenpassen.



Ich liebe die Komplexität in euren Songs. Die vielen Schichten, all die Elemente, die zusammenkommen. Wie lange dauert ein Gengahr-Lied von der Idee bis zum fertigen Stück?

Felix Bushe: Ich denke, das ist wirklich unterschiedlich. Ich kann den Kern eines Liedes ziemlich schnell schreiben, aber ein Großteil der Feinheiten in den Schichten und der Produktion kann eine Weile dauern, bis es richtig funktioniert. Das Wichtigste ist immer, dass die Abschnitte stark sind, auch wenn man die Schichten zurücknimmt. Wenn die Schichten alles zusammenhalten, dann ist der Song selbst nicht stark genug, um damit zu beginnen.

Ihr habt mit eurem Freund Jack Steadman an dem neuen Album gearbeitet und wart kürzlich mit seiner Band Bombay Bicycle Club auf Tour – was habt ihr aus dieser Zeit mitgenommen?

Felix Bushe: Sehr viel! Es ist erstaunlich zu sehen, wie andere Menschen arbeiten. Ich denke, der beste Weg zu lernen ist, andere zu beobachten, und in diesen Monaten mit Jack in einem Raum zu sein und Musik zu machen, war eine wirklich inspirierende Erfahrung für uns alle.


„Als ich mich hinsetzte und ein weiteres Album schrieb, war es unmöglich, all das zu ignorieren, und es fühlte sich gut an, eine Menge dieses emotionalen Gepäcks in etwas Positiveres zu verwandeln.“


„Sanctuary“ ist ein zutiefst persönliches Album. Gab es in der Zwischenzeit irgendwelche Ängste oder Zweifel, so offen zu sein? Was würdest du sagen? Machst du dich verwundbarer? Oder macht es dich stärker?

Felix Bushe: Ich weiß nicht, ob es einen unbedingt stärker macht, aber für mich fühlte es sich damals wesentlich und unvermeidlich an. Ich war allein und hatte in meinem Leben viel zu tun, das sich meiner Kontrolle entzogen hat. Als ich mich hinsetzte und ein weiteres Album schrieb, war es unmöglich, all das zu ignorieren, und es fühlte sich gut an, eine Menge dieses emotionalen Gepäcks in etwas Positiveres zu verwandeln.

Es wurde jetzt ziemlich viel darüber gesprochen, dass das Album einen „neuen Gengahr-Sound“ darstellt – War das ein natürlicher Prozess oder habt ihr euch irgendwann hingesetzt und beschlossen, euren Sound zu modifizieren?

Felix Bushe: Die größte Veränderung lag wahrscheinlich in der Art und Weise, wie wir geschrieben haben. Früher haben wir fast alles im Proberaum zusammen gemacht, aber aufgrund der vielen Tourneen brauchten wir eine kleine Pause von all dem. Das meiste von dem, was wir für SANCTUARY schrieben, wurde also zu Hause oder in der Isolation geschrieben, und wir teilten sie dann per E-Mail mit anderen, damit diese sie anhören und an ihnen arbeiten konnten. So kam ein Großteil der zusätzlichen Produktion, der Samples und der intensivere Einsatz von Synthesizern und Tasten zustande.



„Heavenly Maybe“ hat es auf dem Soundtrack von „eFootball Pro Evolution Soccer 2020“ geschafft. Seid ihr selbst Fußball- und Videospielfans?

Felix Bushe: Yeah, wir mögen Fußball alle sehr. Und lustigerweise haben wir alle früher PES gespielt, als es noch besser war als die FIFA. Ich habe allerdings keine Konsole mehr, da es mich viel zu abhängig macht und ich nichts anderes machen würde!

Und wie fühlt es sich an, wenn man weiß, dass Tausende und Abertausende von Menschen euren Song beim Spielen hören? Ich wurde als Kind tatsächlich stark von Videospiel-Soundtracks beeinflusst.

Felix Bushe: Es war verrückt, so viele Menschen aus der ganzen Welt unsere Musik entdecken zu sehen, die ohne diese Verbindung nie von uns gehört hätten.

Was habt ihr aus dieser Albumphase gelernt? Als Band, aber auch ganz persönlich für euch?

Felix Bushe: Ich habe gelernt, dass man weitermachen muss. Es ist zu leicht, sich selbst zu bemitleiden, und man hat nur ein Leben, also stell sicher, dass du es lebst.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Jay Whitehead