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Im Wortwechsel mit GIANT ROOKS

Im Wortwechsel mit GIANT ROOKS

Wir sitzen gerade im Probenraum…leider ein bisschen unaufgeräumt, aber sonst ist alles gut!“–  die ersten Momente unseres Telefonats brechen das Eis direkt. Giant Rooks Frontmann Fred und Gitarrist Finn rufen mich aus Berlin an.

Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs ist es noch ein Monat bis zur Veröffentlichung von „ROOKERY“, dem Debütalbum von Giant Rooks, auf das Fans und die Band selbst seit Jahren hinfiebert. Nach fünf-jährigem Bestehen und drei EPs nun der Longplayer.

Wir lange habt ihr denn eigentlich insgesamt an dem Album gearbeitet?

Finn: Es war vor allen Dingen ein Prozess in dem Sinne, dass wir die EPs als Entwicklung zum Album hin begriffen haben. In den letzten fünf Jahren haben wir  über 400 Konzerte gespielt. All das hat darauf hin gearbeitet. Sonst wäre das Album nicht möglich gewesen, glaube ich. Weil wir in dieser Zeit erst für uns definieren konnten, wie das Album klingen soll. Das war, glaube ich, ganz ganz wichtig. 

Aber so ganz konkret angefangen an dem Album zu arbeiten, haben wir so vor 1 1/2 Jahren und dann aber auch tatsächlich jeden Tag. 

Jeden Tag? Krass…

Finn: Ja…wenig Pause. Und ein Jahr davon hatten wir auch noch wahnsinnig viele Auftritte und sind dann immer vom Festival quasi ins Studio oder den Probenraum, zack zack zack, und wieder zurück. 

Ich habe mich schon gewundert…ihr wart ja permanent unterwegs, auf Tour, auf Festivals. Und mich dann gefragt: Wann zum Teufel hatten die bitte Zeit dafür, so ein Album aufzunehmen?

Finn: Das fragen wir uns tatsächlich auch. Keine Ahnung, wie wir das geschafft haben, aber es war tatsächlich so, dass wir, als es losging, auf Tour waren, Songs auf Tour geschrieben haben und es dann auch relativ straight irgendwie durchgezogen haben. 

Fred: Wir sind von der Bühne ins Studio und wieder zurück. 

Ihr seid also eine der Bands, die unterwegs kreativ arbeiten kann und die freie Zeit dann auch dafür nutzt?

Fred: Ja genau, auf jeden Fall. Es gibt tatsächlich nicht viel freie Zeit und man beschäftigt sich dann auch gerne mal mit anderen Dingen, oder macht Sport oder liest was. Aber ich finde es so interessant – man sieht so viel, man lernt so viele Leute kennen, und irgendwie macht man so viele schöne Erfahrungen, und kann davon berichten. Ich fühle mich immer sehr inspiriert, wenn ich auf Tour bin.  

…ich habe voll oft das Gefühl, dass es mich vielleicht auch bremsen könnte, wenn ich mehr wüsste.

Es gibt Bands, die schreiben Hits, jede Menge Hits – nach ihrem ganz eigenen Schema F. Nur Giant Rooks, die tanzen da mal wieder aus der Reihe. Bringen mit „ROOKERY“ ein enorm vielfältiges Debütalbum auf den Markt. Da treffen die erwähnten Erlebnisse auf die so diversen Musikgeschmäcker der fünf Bandmitglieder. Als ich meine Beobachtungen schildere, freut sich der Frontsänger.

Fred: Erst mal voll schön, dass du das so sagst. Genau das liegt uns am Herzen, beim Schreiben und Produzieren des Albums, uns nicht zu wiederholen, uns auch innerhalb eines Albums neu erfinden zu können. Davor nicht zurückzuschrecken. Und vor allen Dingen nicht in Genres zu denken.

Das ist für uns auch ein ganz wichtiges Thema, weil wir ja irgendwie in einem Post-Genre-Zeitalter leben. Keine*r interessiert sich mehr für Genres, keine*r fragt mehr danach. Keine*r fragt mehr nach, wo man herkommt – da ist es egal, ob man aus Hamm in Westfalen oder Reykjavik kommt.

Wir haben halt wirklich versucht, unsere Lieblingsmusik oder das, was uns inspiriert, das, was uns selbst richtig gut gefällt, auch in unsere eigene Musik mit einzubringen. 

Wie bringt ihr diese komplexen Ideen zusammen? Sagt da einer von euch: „Ey, ich hab voll Bock, da jetzt mal n bisschen AutoTune drunterzumischen“?

Fred: Wie kann man am besten beschreiben, wie die Songs entstanden sind? Ganz viel intuitiv ausprobieren. Ich finde es immer so interessant, wie viel Tolles aus Fehlern passieren kann. Ich zum Beispiel habe relativ wenig Ahnung von Musiktheorie und ich habe voll oft das Gefühl, dass es mich vielleicht auch bremsen könnte, wenn ich mehr wüsste. 

…wenn wir mehr darüber nachgedacht hätten, dann hätten wir uns vielleicht einige Sachen auch gar nicht getraut…

ROOKERY“ steckt voller Überraschungen. Track für Track trifft man auf eine musikalische Wendung, mit der man absolut nicht rechnet. Ob ich es überfordernd fände, erkundigt sich Fred vorsichtig. Ich verneine, erzähle den beiden, wie „total geil“ ich es finde.

Bei dem jahrelangen Hype, den großen Touren, der musikalischen Qualität vergesse ich oft, dass Giant Rooks gerade mal am Anfang ihrer Karriere stehen, sich zum ersten Mal auf das Release eines eigenen Studioalbums vorbereiten. Während ihrer Promotage bekommen sie nun das erste richtige Feedback, erzählt mir Finn aufgeregt. Was neben der ungebändigten Vorfreude permanent mitschwingt, ist das bewundernswerte Selbstvertrauen der jungen Band.

Fred: Als wir dieses Album aufgenommen haben, haben wir das relativ frei von Erwartungen gemacht. Ich glaube, wenn wir mehr darüber nachgedacht hätten, dann hätten wir uns vielleicht einige Sachen auch gar nicht getraut, die vielleicht ein bisschen progressiver sind. Teilweise ein bisschen moderner, nicht mehr so einen klassischen Ansatz verfolgen.

Das fand ich irgendwie ganz schön, so in der Mache des Albums, dass wir uns davon gelöst haben. Die Musik wirklich nur der Musik wegen machen und uns frei von Erwartungshaltungen gemacht haben. 

Es gibt eine Frage, die beschäftigt mich seit Ewigkeiten, und ich bin so froh, heute darauf hoffentlich endlich eine Antwort zu bekommen: Was hat es mit den Delfinen in euern Songtexten auf sich? 

Finn: Gute Frage. Du spielst jetzt wahrscheinlich auch auf den neuen Song „Heat Up“ an, oder? So ganz genau können wir dir das auch nicht sagen, aber ich finde Delfine bieten ziemlich viel Potenzial für schöne Bilder. 

Heat Up“ ist ja im Prinzip im Kern ein Lovesong. Und wir finden es interessant, so Begriffe, die wir aus einem anderen Kontext kennen, einzubauen. Heat Up selbst ist etwas, das man eigentlich mit einem ganz anderen Thema verbinde: der Klimakrise. Ein Begriff aus der Zeit nehmen und ihn in einen anderen Kontext zu stecken, das finden wir spannend. 

Ihr habt generell so ein Händchen für ästhetische Songtexte. Gibt es da Literatur oder Songwriter*innen, die euch dahingehend besonders geprägt haben? Habe ich eine Schullektüre verpasst, die das in Gang gesetzt hat?

Fred: Ich glaube in der Schulzeit eher weniger. Vielleicht während der Schulzeit, aber nicht in der Schule. Verpasst hast du nichts, wir haben auch nicht zugehört (lacht).

Ich glaube, wir lassen uns beide besonders von den Texten von Bob Dylan, Leonard Cohen und Bon Iver inspirieren. Wir stehen voll darauf, was uns beschäftigt und unsere Gefühle in große, surrealistische Bilder zu verpacken, die eine gewisse Kryptik haben. Dinge nicht so ganz klar auszusprechen, sondern auch eher Fragen zu stellen, wo man vielleicht keine direkte Antwort drauf hat. 

Es ist vermutlich kein Song, den man so erwartet hätte. Und ehrlich gesagt haben wir diesen Song auch selber nicht erwartet.

Wir unterhalten uns über unsere Lieblingssongs von „ROOKERY„. Zum Zeitpunkt des Interviews schwanke ich noch zwischen drei Tracks, mittlerweile hat sich mein Favorit („Very Soon You’ll See„) herauskristallisiert. Und auch Fred hat einen eindeutigen Favoriten.

Fred: Bei mir ist es relativ klar „Into Your Arms“. Vielleicht deshalb, weil dieser Song als Letztes entstanden ist. Wir wollten noch einen Song schreiben, der gut einen letzten Track des Albums abgibt und ich fand es so interessant, weil eine Freundin mal zu uns gesagt hat: „Ey, dieser Song ‚Into Your Arms’, das ist wie die letzte Folge einer Serie, wo man wissen will, wie es weitergeht, weil da noch mal so eine ganz neue Welt entsteht. 

Finn: Wir haben da noch mal eine neue Tür aufgemacht und man weiß nicht, was dahinter wartet.

Fred: Ja, man weiß nicht, was dahinter passiert. Es ist vermutlich kein Song, den man so erwartet hätte. Und ehrlich gesagt haben wir diesen Song auch selber nicht erwartet.

Ich finde schön, wie er diese klassischeren Rock und Pop und Indie-Elemente im Refrain hat mit diesen akustischen Gitarren und klassischen Drums und dann diese Strophe das aber komplett aufbricht und da dann auch Autotune benutzt wird und ein elektronischer Beat reinkommt.

Diese Kombination aus diesen beiden Welten finde ich gerade so interessant. Und auch interessant, dass beides zusammen so funktionieren kann. Das hätten wir vielleicht auch gar nicht so gedacht, sondern hätten uns das selber gar nicht so zugetraut. 

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Einen alten Bekannten trifft man dann aber doch: „Wild Stare“. Wieso gerade der Track?

Fred: Wir hatten Bock, neue Sachen zu machen. Aber „Wild Stare“, ja, der hat uns irgendwie so viel ermöglicht und uns an die verschiedensten Orte gebracht in Europa und in der Welt, für uns hat der so eine starke Bedeutung.

Und es ist natürlich auch eine musikalische Entscheidung, der passt einfach noch am ehesten in dieses Album rein und ergänzt die anderen Songs ganz gut. 

Habt ihr euch anfangs eigentlich Ziele gesetzt, an denen ihr, wie es aussieht, in der letzten Zeit meilenweit dran vorbei gerauscht seid?

Fred: Finn und ich sind früher auch schon immer zu Festivals gegangen, zum Beispiel zum Haldern Pop und ich weiß noch ganz genau, wie wir da vor dem Spiegelzelt saßen und haben uns damals gesagt: „Hey, wenn wir irgendwann mal in diesem Zelt hier spielen beim Haldern Pop Festival, dann hören wir auf!“

Wir haben dann ein oder zwei Jahre später wirklich da gespielt und natürlich nicht aufgehört. Das war immer noch etwas total Besonderes für uns, wir haben an dem Wochenende aber auch auf ein paar anderen Festivals gespielt. 

Und sonst hatten wir von Anfang an dieses Ziel, eben weil wir auf Englisch singen, auch international zu touren. Und versuchen, dass die Leute international vielleicht auch fühlen, was wir machen und die Musik mögen. 

Apropos Festivals – ich stecke gerade mitten in diesem Festival Blues und schaue mir sehnsüchtig Fotos vom letzten Jahr an. Was war eure liebste Festivalerinnerung?

Finn: Meine Lieblingserinnerung ist das Dockville – da haben wir auf der Hauptbühne gespielt als Co-Headliner, da war ein riesiges Menschenmeer, das war unglaublich. Man konnte das Ende gar nicht sehen. Das war für uns bisher die größte Festivalerfahrung. Das war überwältigend. Wir standen da und haben richtig gezittert. 

Fred: Ohja. Bei mir war es auch das Dockville. Und das Melt Festival, wo wir spielen durften. Und im letzten Sommer haben wir ein Konzert in Italien gespielt, auf Sizilien beim Ypsigrock Festival. Das war in so einer ganz alten Burg und wunderschön. 

Deshalb verblüfft es uns selber schon, dass es trotzdem funktioniert und Leuten gefällt.

Pathetische Frage zum Abschluss: Was meint ihr denn hat euch hierher gebracht, wo ihr gerade steht? 

Fred: Wir hatten von Anfang an irgendwie die Vision davon, wie es sein könnte. Und hatten die Idee, diese Band wirklich komplett durchzuziehen. Wir haben sehr viel Energie und Zeit investiert. Und wir haben sehr viel live gespielt, ich glaube das uns geholfen, uns selber zu finden und weiter zu entwickeln. Und am Ende auch, dass uns Leute kennen und dann vielleicht sogar für gut befinden, zu unseren Konzerten kommen. Das hat unsere Fanbase auf jeden Fall vergrößert. 

Fred hält inne, überlegt. „Irgendeinen Punkt hatte ich noch….achja! Glück! 

Finn: Auf jeden Fall. Das ist definitiv eine Glückssache, am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein. Mit den richtigen Leuten zusammen zu arbeiten, die richtigen Entscheidungen zu treffen, wo man manchmal auch gar nicht sicher sein kann, ob es wirklich der richtige Weg ist. Manchmal sind das einfach Bauchentscheidungen.

Und die Musik, die wir gerade machen, ist ja eigentlich relativ untypisch für diese Zeit. Bands sind jetzt einfach nicht mehr so am Start, würde ich sagen, einfach nicht mehr so gefragt wie noch vor 20 Jahren oder so. Das war damals ja total was anderes. Deshalb verblüfft es uns selber schon, dass es trotzdem funktioniert und Leuten gefällt. 

Als ich mir die Frage notiert hab, fiel mir direkt das Wort „Leidenschaft“ ein – und eure Antworten verstärken das noch einmal. Ich finde das bewundernswert, wie ihr gegen den Strom schwimmt. Ich glaube, viele Bands scheitern, bevor sie gegründet werden, weil alle sich denken „macht ja keiner mehr“.

Fred: Ich mag es, das zu tun, was gerade untypisch ist. Und auch, wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, ist ja genau das dann etwas besonderes gerade. Das macht mir Spaß, dass wir gerade so losgelöst sind von. Da passt Leidenschaft wirklich gut. 

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