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Im Wortwechsel mit GLASS ANIMALS

Im Wortwechsel mit GLASS ANIMALS

Am Freitag findet die jahrelange Sehnsucht endlich ein Ende, dann erscheint mit „Dreamland“ endlich ein neues Album der britischen Indie-Band Glass Animals. Anna hat sich für unseren Wortwechsel mit Frontmann Dave Bayley unterhalten.

Dave und ich sprechen kurz nachdem Glass Animals ihr drittes Studioalbum vom 10. Juli auf den 07. August verschoben haben. Grund dafür sind die anhaltenden Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt. In einem Statement schreiben sie: „[…] It couldn’t felt more like the wrong time to release music. All eyes and minds needed to be focused on civil rights and understanding how to defeat prejudice, and we made the decision to pause our album release plan indefinitely„.

Das ist ein starkes und wichtiges Signal von euch, das Album zu verschieben. Wie geht es dir damit?

Dave Bayley: Es war absolut nötig. Wenn du ein Album veröffentlichst, verlangst du damit ein Stück Aufmerksamkeit von den Leuten. Und ich fände es so falsch, jetzt über unsere neuen Songs zu sprechen. Selbst, wenn mir die Tracks persönlich sehr viel bedeuten. Ich wollte nicht darüber sprechen. Ich habe diese Videos von George Floyd gesehen und war so am Boden zerstört. Da habe ich realisiert, dass Schweigen keine Option ist. Wenn man Sachen verändern möchte, müssen wir anfangen, Konversationen zu führen.

Ich kann nicht fassen, dass wir 2020 haben und Leute immer noch von der Polizei umgebracht werden. Und dazu kommen so viele andere Facetten: Ökonomische Ungerechtigkeit, Diskriminierung des Gesundheitssystems aufgrund von Hautfarben. Ich wollte lieber darüber reden.

Dreamland“ ist das erste Album seit dem 2016er-Erfolg von „How To Be A Human Being„, für das Glass Animals beim Mercury Prize nominiert waren. Es folgen monatelange Touren und ausgelassene Festivalsommer. Bis zum Juli 2018, als Drummer Joe Seaward bei einem Unfall lebensgefährlich verletzt wird. Es folgen mehrere neurologische Eingriffe. Schon kurz nach dem Unfall teilt die Band ein Statement auf ihren Kanälen, sagt alle Konzerte für den Rest des Jahres ab. Es ist ein großer Schock für alle.

Doch die Hoffnung bleibt. Und so lassen Glass Animals ihre Fans am langsamen Genesungsprozess ihres Drummers teilhaben, statt sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Und wie durch ein Wunder wird Joe wieder gesund, lernt grundlegende Fähigkeiten wie Sprechen und Laufen neu, übt schon bald wieder Schlagzeug. Nur 15 Monate später, am 01. November 2019, spielt die Band ihr erstes Konzert seit dem Unfall in ihrer Heimat Oxford.

Es war der Moment, als ich ihm Kopfhörer aufgesetzt und Musik abgespielt habe, und er anfing, seine Beine zum Takt zu bewegen. Da wusste ich: Er hat immer noch den Rhythmus. Er wird wieder gesund.

Ich habe gelesen, dass ihr zwischenzeitlich überlegt habt, aufzuhören – was ich hätte nachvollziehen können. Und jetzt sitzen wir hier beide vor unseren Kameras und reden zum Glück über ein neues Glass Animals-Album. Was war der entscheidende Moment, in dem ihr euch dazu entschieden habt, weiterzumachen?

Dave: Ich war mir damals überhaupt nicht sicher, ob er jemals wieder körperlich in der Lage sein könnte, Schlagzeug zu spielen. Es war der Moment, als ich ihm Kopfhörer aufgesetzt und Musik abgespielt habe, und er anfing, seine Beine zum Takt zu bewegen. Da wusste ich: Er hat immer noch den Rhythmus. Er wird wieder gesund. Er wird es schaffen.

Vier Tage nach seinem Unfall gab es eine große OP, die ungefähr 12 Stunden dauerte. Innerlich dachte ich: Wenn es gut läuft, gibt es eine Chance, dass er sich erholen wird, wir wissen nicht wie gut. Wir wissen nicht, ob er danach wieder Sprechen oder Reden kann. Ich erinnere mich noch genau, es war drei Tage nach dieser OP, als ich ihm die Kopfhörer gegeben habe und er sich bewegt hat.

Anfang dieses Jahres spielen Glass Animals eine Klubtour in den Staaten, bis Covid-19 dazwischenfunkt und die Band Hals über Kopf zurück nach England reisen muss. Dave tröstet uns mit atemraubenden Quarantine Covers von Nirvana, Lana Del Rey, Bill Withers und Drake. Darauf folgt das wohl eindrucksvollste, in Isolation gedrehte Musikvideo dieser Zeit: „Dreamland„. Komplett über Zoom und in Eigenregie in seinen eigenen vier Wänden gedreht, wird Dave Bayley zum Multi-Tasking-Helden. Er stellt sein Zuhause auf den Kopf, baut ein Set auf und übernimmt sogar eindrucksvolle Kamerafahrten selbst.

Dave, dieses „Dreamland“-Video…holy shit. Total abgefahren, aber wenn man an euch denkt, auch irgendwie total normal. Was mich seit der Veröffentlichung brennend interessiert hat: Wie lange hat der Aufbau dieses Sets gedauert? Und wie nervig war der Abbau danach?

Dave: (lacht) Der Abbau war tatsächlich ziemlich easy, das hat vielleicht einen Tag gedauert. Auch der Aufbau hat rund einen Tag gedauert. Aber weißt du, was wirklich anstrengend war? Sachen tragen. Ich musste alles drei Etagen hochtragen. Ich habe hier sehr viele Treppen. SEEEHR VIELE TREPPEN. Der Truck, der alles gebracht hat, konnte nur unten an meiner Straße parken, nicht direkt vor meiner Haustür, sondern 200 Meter weiter. Alles diese 200 Meter zum Haus und dann hier noch mal drei Etagen hochtragen, hat mich 2 1/2 Tage gekostet. Nur Tragen…den kompletten Tag, von morgens bis abends. Ich hatte so schlimmen Muskelkater.

Ich meine, all die Sachen waren echt schwer, die Lichter, die Kameras. Die haben mir eigentlich ein komplettes Studio geschickt. Und ich dachte, dass das total einfach wird. Mein Plan war es, auf einem Skateboard zu sitzen und eine GoPro zu halten… aber der Regisseur wollte, dass ich mich abrackere für das Video.

Du bist so ein wahnsinnig kreativer Mensch. Wie gehst du mit Schreib- und Kreationsblockaden um?

Dave: Ich habe Techniken entwickelt, da rauszukommen. Wenn du eine Kreativblockade hast, gerät man schnell in einen Teufelskreis. Je mehr du versuchst, sie zu brechen, desto schwieriger wird es, wirklich rauszukommen. Du musst dich ablenken und etwas komplett anderes machen. Sobald das passiert, kommen mir neue Ideen. Deshalb habe ich sehr viel Kram um mich herum, der mich ablenkt. Ich zeig’s dir.

Dave gibt mir eine virtuelle Führung durch sein Studio, das mir durch die Quarantine Covers schon bekannt ist. Der in neonpinkes Licht getauchte Raum kommt einem Paradies sehr nahe. Videospielkonsolen, ein alter Fernseher, über den Raum verteilte „weird toys„, wie Dave sie nennt. Stapel mit Zines und ein Skateboard lehnen an der Rückwand des Studios. Aber der verrückte Kram beschränke sich nicht nur auf diesen Raum, versichert mir der Sänger. Wenn das nicht ausreicht, helfen Musik und Filme, Besuche im Museum oder eine Joggingrunde. Die wichtigste Regel jedoch, die er mir mitgibt: „Don’t try to hard„.

Noch so eine Frage, die mich seit Monaten beschäftigt: Woher kommen so ungewöhnlichen Sounds wie berühmte „Tokyo Drifting“-Schniefen? Und wie landen sie in den Songs?

Dave: Das passiert tatsächlich sehr spontan. Das Schniefen in „Tokyo Drifting“ kam hinzu, weil die Figur im Song Drogen nimmt. Oft schaue ich mir die Songtexte an und wenn es dort bestimmte Motive gibt, wie zum Beispiel einen Fernseher, dann füge ich diesen statischen TV-Sound hinzu. Oft manipuliere ich diese Sounds auch. Und ich habe hier ein Mikrofon rumstehen, das immer an ist. Dann geht das alles ganz einfach, wie das Schniefen, weil ich direkt neben dem Mikro sitze – ziemlich unkompliziert.

Aber ja, ich ziehe diese Sounds aus den Lyrics raus. Wenn es um Cartoons geht, suche ich nach Cartoon-Soundeffekten. Ich habe einen extra Synthesizer dafür, der nur Cartoon-Sounds macht.

Ich habe ja wirklich gedacht, du würdest ungewöhnliche Sounds sammeln und sie von Beginn an in die Songs einbauen… und nicht erst am Ende. Sehr spannend!

Dave: Ja, diese Soundeffekte kommen normalerweise immer zum Schluss. Aber eine große Sound-Datenbank habe ich trotzdem. Manchmal versuche ich, irgendwo ein Schiefen einzubinden und es funktioniert nicht, dann archiviere ich es in einem Ordner. Ich habe tausende Sounds hier… lass mich mal schauen.

Ein Interview mit dem Glass Animals-Frontmann wird definitiv nicht langweilig. Nach der Studiotour bekomme ich nun einen Einblick in die geheime Soundsammlung. Er erzählt mir zwei Ordner mit Tiergeräuschen, die eben erwähnten Cartoon-Sounds, Pfiffe, eine riesige Sammlung an Motorrad-Aufnahmen. Wir dürfen gespannt sein, wann Letztere einen Weg in die Musik der Briten findet.

Wir können uns immer noch so glücklich schätzen, dieses Musikding machen zu dürfen.

Wie man vielleicht schon gemerkt hat, bin ich riesiger Glass Animals-Fan und muss sagen, dass ich es so schön finde, wie intensiv ihr euch mit eurer Fanbase beschäftigt. Eure Interaktionen bei Social Media, die Open Source-Website, wie ihr uns an Joes Genesungsprozess vor ein paar Jahren teilhaben lassen habt. Das ist nicht der Standard für eine Band eurer Größe.

Dave: Das ist für uns ziemlich wichtig, ich meine, so haben wir angefangen und das soll sich auch nicht ändern. Wir können uns immer noch so glücklich schätzen, dieses Musikding machen zu dürfen. Und diese Leute sind diejenigen, die das überhaupt möglich machen. Als wir angefangen haben, Shows zu spielen, standen da zwei Leute im Publikum. Wir kennen diese Menschen mittlerweile sehr gut, die waren bei vielen Shows und sind zu einer Art „Fan-mily“ geworden. Und so soll es sich nach wie vor anfühlen, wenn auch größer. 

Ich bewundere das sehr, dass ihr das nicht aufgebt. So viele Bands fangen damit an und lassen es dann irgendwann schleifen, weil sie auf einmal zu „beschäftigt“ sind.

Dave: Meiner Meinung nach ist es eine Schande, wenn Leute das aufgeben. Fans sind doch der wichtigste Part in unserem Job. 

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Im Pressetext gibt es ein Zitat von dir, wo du darüber sprichst, dass du Essen mit Nostalgie und Erinnerungen verbindest. Außerdem habt ihr schon immer so viel über Essen gesungen, das scheint dir sehr wichtig zu sein.

Dave: Also, wie viel Zeit verbringst du am Tag mit Essen? VERDAMMT VIEL. Essen ist, glaube ich, für alle Menschen auf diesem Planeten das Allerwichtigste. Und was wir essen, sagt etwas über uns aus. Ich weiß nicht. Ich liebe Essen! (lacht)

Das merkt und hört man!

Dave: Ja, ich liebe Essen. Und finde, dass es viele Dinge kontextualisiert. Ein Geschmack oder ein Geruch erinnern dich an bestimmte Situationen. Vielleicht geht es nur mir so. Aber wenn ich an den Geruch von Kaffee denke, erinnert mich das an bestimmte Zeiten und Dinge. Oder wenn ich an Zigarettengeruch denke. Eigentlich bringen alle Gerüche und Geschmäcker gewisse Erinnerungen hervor. Ich finde Essen sehr mächtig. 

Ich schließe mich dir an! Was ist das Lieblings-Comfort-Food aus deiner Kindheit?

Dave: Müsli. Erdnussbutter. Besonders Erdnussbutter mit Marmelade, das habe ich als Kind immer zum Frühstück gegessen. Mac & Cheese, das habe ich oft in meiner Kindheit gegessen… SEHR OFT. Aber die Fake-Variante, mit dem Fake-Käse. 

Dieses grell-orangene Zeug?

Dave: Ja, genau! Das mochte ich sehr. Was noch? Pancakes. Pop Tarts. All das. Und natürlich Eis. Ich liebe Eis. Jede*r hat doch Erinnerungen, die er/sie mit Eis verbindet, oder? 

Zwei Dinge fallen mir auf, während Dave sein Lieblingsessen aufzählt: Man merkt direkt, dass der Sänger seine Kindheit in Amerika verbracht hat (mit 14 zog seine Familie nach England). Und, dass Glass Animals-Songs viel persönlicher sind, als sie im ersten Moment vielleicht scheinen. In meinem Kopf geht unweigerlich der Song „Gooey“ los, der 2014 auf dem Debütalbum „ZABA“ erschien: „I’d say I told you so but you just gonna cry / You just wanna know those peanut butter vibes

Wir bleiben zum Ende unseres Gespräches bei der Nostalgie. Gestern hast du auf Instagram nach Lieblingssendungen gefragt – da muss ich jetzt natürlich noch nachhaken und dich nach deinen Lieblingen fragen, Dave.

Dave: Ich mochte „Breaking Bad“ sehr gerne, das war eine unfassbar gute Serie. Und ich liebe… „Spongebob Schwammkopf„, ich weiß nicht, ob das komisch ist?

Ey, ich LIEBE Spongebob auch! Besonders, weil es als Erwachsene*r noch mal ganz anders lustig ist als früher.

Dave: Spongebob ist einfach super. Und sehr charmant, oder? Und dieser Titelsong! Ansonsten mag die „Die Simpsons„, die Kunst dieser Serie ist super. Es gibt einen Instagram-Account, @scenic_simpsons heißt er, der einzelne Frames aus den Episoden zeigt und es ist so schön. Was habe ich denn zuletzt geschaut? „RuPaul’s Drag Race“ ist eine meiner Lieblingsshows. „BoHorse Jackman“ ist toll, „Rick & Morty“ auch. Ja, ich glaube, ich schaue ziemlich viel Fernsehn. Seinfeld“ ist auch einer meiner Favoriten, damit bin ich groß geworden. Und du?

Hmmm. Von den neueren Shows auf jeden Fall „Fleabag“, das fand ich unglaublich gut gemacht. Und der Alltime-Classic „Twin Peaks“!

Dave: „Twin Peaks“ habe ich nicht gesehen.

So verwirrend, aber so gut! David Lynch ist ein Genie. Die erste Staffel ist noch relativ nachvollziehbar, aber die zweite Staffel ist einfach nur noch völlig verrückt. Musst du unbedingt gucken.

Dave: Okay, das werde ich mir anschauen!

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