Mit dem Album „Love, Death & Dancing“ kehrt Jack Garratt zurück auf die Bildfläche. Vier Jahre nach seinem erfolgreichen Debütalbum „Phase“, den öffentlichen Höhepunkten und privaten Tiefpunkten, veröffentlicht der Brite am 12. Juni 2020 ein extrem persönliches Album. 


Ein Artikel von Anna Fliege – Wenige Tage vor dem großen Lockdown, vor Absagewellen und geschlossenen Läden, treffe ich Jack im Backstage des Helios 37, wenige Stunden vor seinem „WORK IN PROGRESS„-Konzert (Konzertbericht). Wir lächeln uns an, verzichten auf Händeschütteln oder eine Umarmung, die ich nach unserem ausufernden Gespräch hätte gebrauchen können.

Als Künstler bewundere ich Jack Garratt seit Jahren, Songs seines ersten Albums sind stetiger Begleiter. Als Menschen lerne ich ihn heute zum ersten Mal kennen, zwar nur für die Zeitspanne von ein paar Minuten, aber mit einer solchen Herzlichkeit und Offenheit, dass es mir Monate später immer noch ein warmes Gefühl gibt.

Wir sprechen über seinen Wiedereinstieg ins Tour- und Musikerleben, schwärmen gemeinsam von seinem neuen Album „Love, Death & Dancing„, thematisieren Jacks öffentliche Thematisierung von Mental Health und wie woran große Labels dringend arbeiten sollten.


Jack, deine Tour heißt „Work in Progress“ – worauf bezieht sich der Name? Eher Musik oder Mindset?

Jack Garratt: Es passt zu beiden sehr gut, das ist auch mit der Grund, wieso ich diesen Namen für die Tour gewählt habe. Es kategorisiert diesen Zeitpunkt grad sehr gut. Besonders, wenn man bedenkt, dass diese Tour nicht unbedingt auf ein Album gemünzt ist. Das war auch gar nicht meine Absicht, ich wollte es separat halten.

Ich hatte ein paar Jahre Zeit, mit „Phase“ zu touren, bevor ich es überhaupt veröffentlicht hatte. Und so wollte ich es wieder machen. Konzerte spielen, bevor das neue Album rauskommt und ich offiziell damit auf Tour gehe. Nicht nur die Show selbst ist work in progress, sondern auch ich und mein aktueller Standpunkt und die Gefühle, die ich für die Songs habe.


„Mehr Bowie kann ich gar nicht werden.“


Ich liebe den Titel  „Love, Death & Dancing“, das ist wie die Millennial-Version von „Liebe, Glaube, Hoffnung“. Würdest du sagen, die drei Elemente sind in den Titeln gleichmäßig ausgewogen?

Jack: Als wir beschlossen hatten, das Album so zu nennen, habe ich schon versucht, die Tracks in diese drei Parts zu sortieren und zu schauen, ob es tatsächlich so ist. Viele der Songs vermischen zwei der Kategorien oder sogar alle drei, weshalb ich diese Dreiteilung wieder komplett verworfen habe.

Was ich am Albumtitel so sehr liebe: Die Idee kam instinktiv und zuerst, die Bedeutung dahinter erst später. Es „Love, Death & Dancing“ zu nennen bedeutet zum einen, dass es ein verdammt geiler Name für ein Album ist. Mehr Bowie kann ich gar nicht werden. Ich liebe es! Aber der ausschlaggebende Punkt, warum ich es wirklich liebe, ist, was die drei Worte und besonders das Album für mich in den letzten Jahren bedeutet haben. Ich versuche, wieder eine Verbindung zu mir selbst herzustellen.

Dinge, die mir schwerfallen oder mit denen ich mich schlecht auseinandersetzen kann – in der Öffentlichkeit. Ich bin nicht gut darin, mich selbst zu lieben. Als Kind habe ich getanzt, habe aber in der Minute damit aufgehört, als ich anfing, aufzutreten. Ich habe den Bezug zum Tanzen, zur Bewegung und zum Körpergefühl verloren. Und Tod, beziehungsweise die Angst davor, ist etwas, was mich seit meinem 14. Lebensjahr beschäftigt.

Ich wollte eine Art Rückgewinnung beginnen. Das ist der Kern des Albums. Ich mag, wie es sich entwickelt hat.

Und jede*r kann noch mal ganz persönlich Bezug zu den drei Begriffen aufbauen.

Jack: Genau das. Was die drei Worte für mich bedeuten, ist vermutlich etwas völlig anderes, als für dich. Und das ist so schön daran.

Ich mag den ungewöhnlichen Releaseweg, den du gewählt hast mit den „Volumes“. Kannst du dazu mehr erzählen, wie du die Songs kuratiert hast?

Jack: Die Volumes werden auf den Streamingplattformen veröffentlicht. Aber die physische Version des Albums hat eine ganz andere Sortierung und wird als Track 1-12 gezählt. Es ist für eine komplett andere Hör-Experience gedacht.

Für „Vol. 1“ habe ich „Time„, „Mara“ und „Return Them To The One“ zusammengestellt, weil sie für mich allesamt sehr nostalgisch klingen. „Vol. 2“ ist tanzbarer. Ich spreche im Bezug zum Album gerne über mich selbst als jemand, der tanzbare Musik liebt, Feiern gehen aber nicht. „Vol. 3“ hat diesen Singer-Songwriter-Touch, sehr introvertiert. Und schließlich „Vol. 4„, da kommt all das traurige Zeug zusammen.

Auf der physischen Track 1-12-Version ist es eher eine lineare Story über das, was mir die letzten vier Jahre widerfahren ist, die erzählt wird. So erzählen beide Versionen ihre ganz eigene Geschichte.

Ich habe mich für diese Vorgehensweise entschieden, weil es mich als Hörer widerspiegelt. Ich höre meine Musik bei Spotify, aber auch auf Vinyl. Das sind zwei völlig unterschiedliche Herangehensweisen. Wenn ich Musik streame, bin ich meistens unterwegs, raus aus meinem Safe Space und suche nach schnell zugänglicher Musik. Wenn ich zuhause Platten höre, ist das ein richtiges Ritual. Ich bin der gleiche Hörer mit zwei ganz unterschiedlichen Experiences. Das wollte ich auf meinem Album unterbringen.



Danke für die ausführliche Erklärung! Ich muss zugeben, dass ich mich riesig gefreut habe, als du letzten Monat das erste Mal nach so langer Pause wieder Musik veröffentlicht hast! „Time“ hat mich bei der Premiere völlig umgehauen. Um ehrlich zu sein, war ich mir in den ersten Sekunden nicht sicher, ob ich den richtigen Jack Garratt angeklickt habe. So eine mutige Wahl für ein Comeback! In meinem Kopf fühlte es sich wie Karneval an – oder zumindest so, wie ich es mir vorstelle, weil ich nicht zu Karneval gehe. Warum „Time“?

Jack: „Dance music for people who don’t like to go out„, sag ich ja! Es war der erste Song, den ich fertiggestellt hatte. Nicht der Erste, den ich damals angefangen hatte. Das waren „She Lay My Body On The Stone“ und „Mara„.

Von „Mara“ hatte ich sogar schon ein Demo aufgenommen und an Marcus Mumford geschickt, um seine Meinung dazu zu hören. Er hat sich monatelang nicht zurückgemeldet…aber dann kam eine sehr liebenswerte Entschuldigungs-Mail! Und er hat den Song geliebt. Das war die Zeit, in der ich mit „Time“ begonnen hatte.

Mir war es schon immer wichtig, dass sich meine Songs allesamt voneinander unterscheiden, auch auf diesem Album. Ich möchte keinen Tonträger mit 12 Songs machen, die gleich klingen. Das ist nicht, wie das in Anführungszeichen „Genre Jack Garratt“ klingt.

Time“ hatte ich als erstes fertiggeschrieben, als erstes mit Jacknife Lee, meinem Co-Produzenten, aufgenommen hatte. Es war der erste fertig-gemischte Song, der erste, zu dem ich eine Musikvideo-Idee hatte. Sehr viele firsts. Dabei klingt der Song gar nicht nach einer Lead-Single. Trotzdem funktioniert er wie eine.

Generell ist mir beim Durchhören und Eintauchen in das Album der starke Kontrast zwischen den verletzlichen, ehrlichen Texten und der allzu hoffnungsvollen, aufbauenden Musik aufgefallen.

Jack: Wenn man die Motive und Themen der Songs bedenkt, ist es sehr wichtig, eine Art Optimismus mitzuliefern, auf einem abstrakteren Level. Natürlich gibt es auf dem Album auch pessimistische Momente. Die spiegelt aber eher die Stille wider. Musik existiert ja auch nur, weil es eine Stille gibt, die man füllen kann. So existiert der Pessimismus auf meinem Album, weil der Optimismus Platz schafft.

Ich war nie der optimistische Schreiber, wenn ich ehrlich bin. Ich wusste aber, worum es auf diesem Album gehen sollte und dass ich dies nur aus meiner eigenen Perspektive schreiben konnte. Ich wollte über die letzten Jahre mit meinen Erfahrungen mit meinen Emotionen schreiben. Und diese Emotionen waren nun mal nicht positiv.

Dennoch habe ich mich dagegen gesträubt, das Album depressiv klingen zu lassen. Das ist eine so einschränkende Art, Musik zu verstehen. Es sollte proaktiver klingen. Es soll Leute überfallen, ergreifen. Nicht, weil Leute das wollen – sondern weil meine Musik es muss.



Ich möchte gerne über etwas sprechen, das mich jetzt seit über einer Woche beschäftigt. Es war dein erster freier Tag nach deinen Konzerten in UK. Du hast eine Story auf Instagram gepostet, in der du dich darüber freust, dass Greg James in der Breakfast-Show über „Time“ spricht. Etwas später postest du ein Video von dir draußen, wie du mit dem Hund Gassi gehst, und du erzählst, dass du eine heftige Panikattacke hast. Ich habe mich selten so verstanden gefühlt, weil ich selbst damit zu kämpfen habe. Du siehst normalerweise keinen Artist, der in dem Moment selbst darüber spricht. Fällt es dir schwer, so offen darüber zu sprechen?

Jack: Ich finde es nicht schwer! Und das ist der Grund, wieso ich es teilen kann und möchte. Ein riesiger Grund, warum ich das Gefühl habe, dass es mir nicht schwerfallen sollte und ich mich selbst dazu ermutigen sollte, ist, dass es umso leichter wird, je mehr ich es tue. Zumindest hoffe ich das. Ein großes Ziel von mir ist es, das Gespräch über „mental health“ weiter zu erkämpfen und zu entstigmatisieren.

Und der beste Weg, dies zu tun, ist, Beispiele dafür zu zeigen. Den Menschen die Möglichkeit zu geben, zu wissen, was ich durchmache, wofür ich Worte habe, dass ich dort sitzen und sagen kann: Ich habe so etwas wie eine sehr lange, langwierige Panikattacke über einen Zeitraum von x Stunden. Wegen etwas, das an diesem Tag passiert ist. Es beschäftigt mich auch noch acht Stunden später und hat meinen ganzen Tag gefressen.

Ich teile es, weil ich es kann, und deshalb fühlt es sich für mich richtig an, es zu tun. Nicht, weil ich das Leben von jemandem damit verändern will – aber für meine ganz eigenen Gründe.

Was sich durch die Songs, die Konzerte, das Album, diese ganze Zeit gerade zieht – und das habe ich auch als Feedback vom Publikum bekommst – ist, dass ich all das vorrangig für mich selbst getan habe.

Ich verwende das Wort „egoistisch“ mit Freuden. „Egoistisch“ ist ein weiteres Wort, das mit negativen Stigmata behaftet ist. Egoismus ist etwas Gutes, wenn es dich mit Selbstliebe und Selfcare belohnt. Ebenso Arroganz, wenn es dich zu Selbstglauben und Selbstwertschätzung ermutigt.

Ich habe das Album für mich geschrieben. Ich habe das Video für mich gemacht. Ich spiele die Show für mich. Und bisher hat es jeder genauso geliebt.

Bedeutet für mich im Umkehrschluss, dass, wenn ich an mich selbst glaube, mich um mich selbst kümmere und auf mich selbst höre – drei Dinge, die mir wahnsinnig schwerfallen – wenn ich das also aktiv in Angriff nehme, ermutigt es eine andere riesige Angst von mir. Nämlich, was andere Leute über mich denken.

Natürlich denke ich da permanent drüber nach. Das kann ich nicht abschalten. Aber wenn ich die Gewissheit habe, dass ich selbst aktiv etwas zu meinem Wohl getan habe, entkräfte ich damit andere. Das hilft mir. Und ich hoffe, dass ich, wenn ich offen spreche, anderen Menschen damit helfen kann.


„Und du denkst „Wow, dieses Leben muss unfassbar geil sein„. Wenn ich dir jetzt aber sage, dass es das definitiv nicht ist – wird mir gesagt, dass ich mich nicht über diesen Kram beschweren sollte.“


Für mich als Fan beziehungsweise Nicht-Star ist es sehr angenehm zu sehen und zu wissen, dass das „Gras auf der anderen Seite“ nicht grüner ist. Sondern einfach identisch.

Jack: Aus deiner Position siehst du dieses metaphorische Gras auf der anderen Seite. Ein Künstler auf Tour. Und du denkst „Wow, dieses Leben muss unfassbar geil sein„. Wenn ich dir jetzt aber sage, dass es das definitiv nicht ist – wird mir gesagt, dass ich mich nicht über diesen Kram beschweren sollte.

Und du dankbar dafür sein solltest…

Jack: Genau! Aber am Ende des Tages ist es immer noch ein Job. Ein Job, den ich liebe. Aber es ist trotzdem Arbeit, trotzdem ein Job. Es gibt Dinge, die ich nicht machen will. Dinge, die ich machen muss. Dinge, die ich lieber mag als andere.

Aber mir geht es nicht nur darum, die Attitüde von mental health in der Musikindustrie zu ändern. Ich rede da auf einem sehr menschlichen Level drüber.

Ich habe letztens noch auf Instagram gepostet, wie überrascht ich bin, dass im Jahr 2020 nicht mehr proaktive Arbeit speziell von Majorlabels geleistet wird. Sich nicht nur um ihre Investments, also ihre Künstler, die sie unter Vertrag nehmen, besser zu kümmern.Sondern auch für ihr Personal und die Menschen, die in diesen Gebäuden arbeiten.

Ich verstehe nicht, wie eine Branche, die vom Gespräch über psychische Gesundheit profitieren kann, anscheinend nichts Proaktives tut, um in dieser Hinsicht zu helfen.

Ich habe darauf keine Antworten, wie man es ändern könnte. Aber immerhin sollte ich meine Plattform und Reichweite dafür nutzen, sagen zu können: „Das ist komisch und ich bin der Meinung, dass wir darüber sprechen sollten!“



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Universal Music