2004 schaffte die damals 13-jährige JoJo mit dem Song „Leave (Get Out)“ einen weltweiten Durchbruch und kletterte an die Spitze der Charts. Lange war es um die Sängerin aus Vermont ruhig, der traurige Grund dahinter ein Debakel aus alten Plattenverträgen. Mit „Good To Know“ erkämpft sich JoJo 2020 endlich die Freiheit, nach der sie sich so lange gesehnt hat. 


Ein Artikel von Anna Fliege – Hätte ich meinem 10-Jährigen Ich erzählt, dass ich einmal, an einem sonnigen Montagabend mit DER JoJo telefonieren würde, mir wäre vor Ungläubigkeit die Zahnspange aus dem Mund gefallen. Doch so sitze ich hier und stelle fest, dass JoJo nicht nur wahnsinnig sympathisch, sondern 15 Jahre später mehr denn je ein tolles Vorbild ist.

Wir sprechen über ihr neues Album „Good To Know„, Single-Sein in seinen Zwanzigern, was toxische Schönheitsideale der Medien und Gesellschaft mit einem machen und warum Frauen zusammenhalten sollten. Nebenbei putzt die Sängerin ihr Badezimmer. Wieso, erfahrt ihr hier im Wortwechsel.


Hey JoJo, schön, mit dir zu sprechen! Wie geht es dir?

Jojo: Mir geht’s super! Ich hoffe, dir auch?

Danke dir. Sag, wie verbringst du deine Zeit momentan?

JoJo: Also grad bin ich dabei, das Bad zu putzen, weil ich später eine virtuelle Home Tour mache. So verrückt, ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass ich Leute auf die Weise in mein Zuhause lasse. Aber wir sind ja grad alle ziemlich flexibel. Wie ist es denn bei euch in Deutschland?

Die Regeln lockern sich langsam ein bisschen, aber komisch ists trotzdem. Was ich noch sagen wollte zu Beginn: Glückwunsch zu deinem neuen Album. Wie fühlt es sich an, dass es endlich draußen ist und die Leute es sich anhören können?

JoJo: Vielen Dank! Es fühlt sich richtig an. Musik ist dafür da, um sie miteinander zu teilen. Ich bin so dankbar, dass das Album nun endlich draußen ist und ich in eine Routine kommen kann, in der ich weitere Musik veröffentliche. Ich wollte ja nie diese langen Pausen zwischen den Alben machen, aber das ist nun mal passiert.

Deshalb bin ich sehr froh, dass „Good To Know“ da ist und meine Fans es lieben. Es kann jetzt weiter wachsen. Und ich kann es nicht erwarten, damit auf Tour zu gehen. Das ist eigentlich mein Lieblingspart, die Musik, die man macht, zu performen.



Ich muss zugeben, dass ich ein großer Fan von dir war, als „Leave (Get Out)“ rauskam. Damals war ich 10 Jahre alt… seitdem ist so viel passiert! Ich habe mir deine Uproxx-Dokumentation angesehen und, wow, das war ziemlich emotional. Du bist unglaublich inspirierend und stark!

JoJo: Oh, das ist lieb, danke dir!

Ich bin froh, dass du endlich das tun kannst, was du liebst. Glaubst du, dass du jetzt an dem Punkt bist, an dem du einfach du selbst sein kannst? Und die Künstlerin sein kannst, der du immer sein wolltest?

JoJo: Ich glaube, dass das mit der Zeit kommt. Weißt du, ich bin jetzt am Ende meiner Zwanziger und ich bin an einem Punkt, an dem ich freier, selbstbewusster und wohler fühle als je zuvor. Das ist ein wunderbares Gefühl.

Ich hoffe natürlich, dass dieses Gefühl bleibt, aber ich weiß auch, dass es anders sein kann. Es ist ein Prozess, mich selbst zu akzeptieren, und natürlich gibt es da immer noch Dinge, an denen ich arbeiten muss.


„Am Ende geht es vorrangig um die Frage, wie ich selbstbewusst und komfortabel damit umgehen kann, Single zu sein.“


Erzähl mir ein bisschen über „Good To Know“. Was verbirgt sich hinter dem Titel? Welche Gefühle und Botschaften möchtest du mit dem Album rüberbringen?

JoJo: Ich habe während des Albumprozesses viel über mich und mein Verhalten nachgedacht. Was meine Abwehrmechanismen sind, wie ich mich in Beziehungen verhalten habe, der damit Herzschmerz – ich habe all diese Informationen genommen und mich damit befasst, was daran gut und was schlecht ist. Alles, was ich erlebt oder woran ich mich beteiligt habe, ist „Good To Know“ (gut zu wissen).

All das hat mich dorthin gebracht, wo ich heute stehe. Es ist wie es ist und das ist good to know. Am Ende geht es vorrangig um die Frage, wie ich selbstbewusst und komfortabel damit umgehen kann, Single zu sein. Weißt du, ich war lange eine Art Serial Dater, es war immer jemand da. Dadurch hatte ich immer den Komfort, am Ende eines Tages nach Hause zu kommen und dort auf jemanden zu treffen, mit dem ich meine Erlebnisse teilen kann.

Zwar ist das schön, aber auf Dauer nicht gesund. Das ist mir während der Entstehung dieses Albums bewusst geworden. Zufriedenheit in mir selbst zu finden, statt nach externer Bestätigung zu suchen.



Du sprichst mir aus dem Herzen! Es gibt da etwas, das beschäftigt mich seit Tagen: Ich habe in Vorbereitung auf unser Gespräch einige Artikel über dich gelesen, und was mir auffiel, ist, dass du, wie so viele Frauen im Rampenlicht, auf ihr Aussehen reduziert wirst. Es heißt nicht „die Künstlerin hat ein Lied veröffentlicht“, sondern „die Schönheit zeigt uns ihren neuen Hit“. Es ist 2020,  wieso muss das noch sein? Kannst du mit so etwas heutzutage besser umgehen?

JoJo: Es gibt diese ungesunde Obsession mit dem Erscheinungsbild von Menschen in unserer Gesellschaft. Ungesund, weil es großen Einfluss auf häufig junge und angreifbare Mädchen hat.

Aber um auf deine Frage zu kommen. Kann ich damit besser umgehen? Ja. Ich möchte so aussehen und mich so fühlen, wie ich es für mich selbst als in Anführungszeichen gut bezeichnen würde. Denn ich fühle mich am besten, wenn ich mich in dem einen Körper, den ich habe, selbstbewusst fühle. Das wird für jeden Einzelnen natürlich ein etwas anderes Gefühl sein. Für mich ist das ein ewiges Trail & Error, meinen eigenen Körper zurückzufordern.

Jetzt bin ich an einem Punkt, an dem ich machen und tragen kann, mich selbst präsentieren kann in einer Art und Weise, die mir gefällt. Nicht, damit es anderen Leuten gefällt. Wenn das Sinn macht?

Ja, das macht total Sinn. Und so sollte es auch eigentlich grundsätzlich sein. Das ist eine sehr wichtige Message, die du da ansprichst!

JoJo: Ich glaube schon, dass wir gerade an einem besseren Punkt als je zuvor sind. Ich glaube, es gibt keine Zeit in der Geschichte, in der ich lieber eine Frau sein würde, als jetzt. Natürlich gibt es immer noch viele Dinge, an denen gearbeitet werden muss. Hier in Amerika gab es in den letzten Jahren viele Fortschritte und ich bin optimistisch, dass wir damit in die richtige Richtung gehen.


„Der Erfolg einer Frau nimmt dem Erfolg einer anderen Frau nichts weg.“


Wir sind beide in einer Zeit aufgewachsen, mit Filmen wie „Mean Girls“, in denen uns immer wieder gesagt wurde, dass es die guten Mädchen und die bösen, beliebten Cheerleader gibt. Und dass Frauen sich ständig vergleichen und gegeneinander ausspielen sollten. Musstest du lernen, andere Frauen mit anderen Augen zu sehen?

JoJo: Es ist interessant, denn ich glaube, dass die Industrie so konstruiert ist, dass man permanent im Wettkampf miteinander sein muss. Und da ist es einfach wahnsinnig schwierig, sich nicht zu vergleichen. Grad in dieser Social Media-Ära, in der wir uns gerade befinden. Permanent wird man mit Halbwahrheiten und dem, was Leute wollen, was man sieht, konfrontiert. Aber du bekommst nicht mit, was hinter den Kulissen wirklich passiert. Nur das angeblich so perfekte, erfolgreiche Leben. Man hat keine Ahnung davon, ob die Leute glücklich sind, unterstützt werden, all diese Dinge.

Ich denke, dass ich durch meine eigene Geschichte mit Selbstverwirklichung und dem Versuch, an mir selbst zu arbeiten, um dabei eine Art Frieden und Glück zu finden, zu dem Schluss komme, dass Vergleich nicht zur Freude beiträgt.

Und, wobei ich mir sehr sicher bin: Der Erfolg einer Frau nimmt dem Erfolg einer anderen Frau nichts weg. Das Gleiche gilt für ihre Möglichkeiten, für ihre Geltung, für ihre Großartigkeit. All das. Sie müssen sich nicht gegenseitig ausstechen. Frauen hatten schon immer weniger Platz am Tisch, sodass der Wettbewerbsgedanke natürlich größer war, als für Männer in den meisten Fällen. Weil so viel Druck auf uns lastet – nicht nur, dass wir mehr erreichen müssen, sondern dabei auch noch eine ganz bestimmte Weise aussehen. Dabei meine ich nicht mal eine bestimmte Kleidergröße. Allein die Erwartung, Make-up zu tragen.

Wenn ich darüber nachdenke, was weibliche Politikerinnen durchmachen müssen. Viel früher aufstehen als ihre männlichen Kollegen, um sich entsprechend zu präsentieren. Frauen dürfen keine Augenringe haben. Das ist unglaublich. Als Frauen werden wir in einen Druckkochtopf gesteckt.

Die Erwartungen an uns sind schon so hoch und hart, dass ich glaube, dass wir mehr erreichen, indem wir zusammenhalten. Als Verbündete füreinander. Um uns gegenseitig zu unterstützen.

Das mochte ich an deinem Musikvideo zu „Man“ so gern.

JoJo: Genau das. Ich konnte meine Freundinnen zusammenbringen. Ich respektiere jede Einzelne für das, was sie macht und für sich selbst erreicht. Sie unterstützen mich, ich unterstütze sie. Das erfüllt mich mit großer Freude.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Warner Music