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Im Wortwechsel mit KOKO

Im Wortwechsel mit KOKO

Das Power-Trio KOKO startete hoffnungsvoll ins Jahr 2020, als ihre erste EP „Follow“ im März erschien. Wenige Tage später steht die Welt Kopf. Sieben Monate später erscheint nun ihre zweite EP mit dem bittesüßen Titel „All Together Now“. Im Wortwechsel spricht Anna mit dem Trio über Lockdowns, Boybands und Best Of-Alben.

Es ist Montagabend, als sich erst Gitarrist Ashley, dann Bassist Harry und schließlich Sänger Oli in unseren Zoom-Call einwählen. Während Ashley in kuschelige Ambient-Beleuchtung getaucht ist, sucht Oli unermüdlich sein Ladekabel. KOKO, die drei Jungs aus Bristol, sind herzlich, charmant, unverfroren witzig und zusammenaddiert ziemlich chaotisch.

Wie ist die allgemeine Situation in Bristol im Moment? Ich verfolge etliche britische Nachrichten und was zur Hölle geht in eurem Land ab?

Harry: Puh, ja. Alles schließt gerade um 22 Uhr, wir müssen Masken tragen, niemand weiß wirklich, was abgeht.

Mein Highlight der letzten Tage war Für mich war die „Dont have sex inside“-Regel, aber Pub-Besuche gehen klar.

Ashley: Genau, jetzt hat man halt Sex im Pub.

Und wie erlebt ihr das Ganze als Band? Macht ihr Sessions via Zoom?

Harry: Das haben wir zu Beginn des Lockdowns gemacht. Aber jetzt können wir uns zum Glück wieder sehen und ins Studio gehen. Das machen wir grad so oft wie möglich. Wir schreiben einfach am liebsten zusammen, wenn man gemeinsam im gleichen Raum sitzt. Über FaceTime gehen manche Sachen verloren.

Ashley: Ja, wir lieben vibing and dancing. Das ist für den Schreibprozess wichtig.

Und ich finde, dass es weniger unangenehm ist, wenn man sich mal kurz anschweigt. In so einem Videocall hat man ständig das Gefühl, etwas sagen zu müssen.

Ashley: Und es ist schwerer, die Meinung aller einzufangen. Wenn du in einem Raum sitzt und jemand gedankenverloren eine Melodie vor sich hersingt, kann man darauf anspringen. Das ist cool. Aber in einem Zoom-Call fällt man sich einfach nur ständig ins Wort.

Harry: Das Internet funktioniert dann nicht richtig…

Sagt mal, letztens, als euer Finanzminister Rishi Sunak vorschlug, dass sich die Leute in der Unterhaltungsindustrie besser einen neuen Job suchen sollten…

Oli: He can piss off, can he?

Ich arbeite selbst in der Eventbranche und dachte mir nur: Willst du mich komplett verarschen?

Ashley: Oder? Man arbeitet so lange und hart dafür, an den Punkt zu kommen an dem man gerade ist und dann soll man umschulen?

Habt ihr diesen Test gemacht, der euch einen neuen Berufszweig vorschlägt? Ich habe bei einem Comedian „Meat Security“ gesehen.

Oli: Securitymann würde bei mir gar nicht funktionieren. Ich mein, hast du mich mal gesehen? Ich bin 3ft groß.

Ashley: Ich wollte immer Arzt werden. Vielleicht sollte ich das machen.

Oli: Ich wäre glaub ich gerne Pilot. Oder für das Präsidentenamt kandidieren.

Ashley: Vielleicht wäre ich auch gern Fußballer.

Harry: Dann will ich Astronaut werden.

Sagen wir’s mal so: KOKO machen nicht die typische Pop-Musik von nebenan. „Alt-pop“ nennen sie es selbst, die Club-Vibes lassen sich nicht leugnen. Mit fehlender eindeutiger Einordnung in die Genre-Schublade tut sich so mancher schwer, dem Trio einen Stempel zu verpassen. Meine Recherche vor unserem Interview zeigt mir das in der ein oder anderen Form, ein Highlight kann ich dann doch nicht verschweigen.

Heute habe ich herausgefunden, dass der NDR euch als „Techno-Boyband“ bezeichnet, und ich liebe das. Was haltet ihr von dem Titel?

Harry: Ich mein, wir sind keine echte Boyband, nur weil wir boys in a band sind.

Oli: Dann wäre Metallica auch eine Boyband.

Ashley: Ach das ist doch blöd.

Harry: Ich mein, ich akzeptiere das, wenn die Leute das feiern.

Ashley: Stimmt schon, das bleibt hängen.

Oli: Bald kommen wir mit Headmics auf die Bühne.

Ashley: Komplett in weiß!

Und dann tanzt ihr eine abgefahrene Choreo.

Ashley: Das wäre so gut, lass uns das machen!

Im Boyband-Universum definiert sich jedes Boybandmitglied durch unterschiedliche Eigenschaften. Wie würdet ihr euch selbst charakterisieren? Wer ist wer?

Ashley: Ich bin mysteriös.

Oli: Ja, wir haben unsere eigenen Superheldennamen. Er ist Mr. Mysterious. Harry ist Skater Boy. Und ich bin Anger Man. Weil ich immer wütend bin.

Ich glaub Anger Man ist das Britischste, was ich je gehört habe…

Ashley: Ich bin M&M. Mystery Man.

Und alles zusammen ergibt dann das  berühmte KOKO-Dreieck? Könnt ihr mir erklären, was dieses Dreieck definiert?

Ashley: Das ist die Energie, die wir voneinander bekommen.
Oli (lacht): Das klang einfach gut.

Das Dreieck besteht also aus Anger, Mystery and Skating?

Ashley: Jemand hat das mal über uns gesagt, als sie uns zum ersten Mal getroffen haben, dass wir diesen Vibe und diese Energie haben, wenn wir drei zusammen in einem Raum sind. Und je mehr Leute das angesprochen haben, desto mehr haben wir realisiert, dass es tatsächlich ein Ding ist. Und jetzt exisitiert das KOKO Triangle.

Wir lernen also: Eine Band, die aus drei (liebevoll chaotischen) Typen besteht, ist nicht automatisch eine Boyband. Dem Techno-Teil können sie aber nicht entkommen. Mit ihrer ersten EP „Follow„, getaucht in pink und schwarz, teasern sie ihre Liebe zu wummernden Bässen an. Mit „All Together Now“ zelebrieren sie es befreiter und hüllen es in eine gelb-schwarze Ästhetik.

Ich liebe es, wie ihr so viele verschiedene Genre-Ideen zusammenbringt – gab es Ideen, die nicht zusammengepasst haben?

Ashley: Ach, ganz viele Kombinationen haben nicht funktioniert.

Oli: Irgendwann haben wir’s mal mit Trap versucht.

Ashley: Stimmt, wir haben wirklich alles ausprobiert.

Oli: Da klang ich wie Post Malone.

Ashley: Irgendwann haben wir unseren Sound gefunden.

Harry: Ja, wir haben ewig rumprobiert und an irgendeinem Punkt dachten wir: fuck, that’s it! Wir haben dann automatisch angefangen, diese Art von Musik zu schreiben. Wir haben nie etwas erzwungen.

Ashley: Mittlerweile wissen wir, wann etwas funktioniert und wann nicht. Wenn wir bei einer Idee nach einer Stunde immer noch festhängen, lassen wir es bleiben.

Wie unterscheidet sich die erste EP „Follow“ von der neuen EP „All Together Now“ für euch?

Harry: Es ist dunkler.

Oli: Viel experimenteller als die erste EP.

Ashley: Wir haben uns nicht allzu viele Gedanken darüber gemacht, was wir mit der zweiten EP machen wollten. Wir haben einfach irgendwas gemacht. Und haben viel experimentiert. Bei der ersten war es so: „it has to sound like this, it has to sound like that„. Aber bei der zweiten EP haben wir unser Mindset beim Schreiben geändert. Wir haben einfach geschrieben und das Ergebnis abgewartet. Ohne irgendeinen Druck.

Harry: Ja, da lag kein Druck auf uns. Wir haben einfach geschrieben, lieben die Songs und wollen es veröffentlichen.

Ashley: Und wir verändern uns dabei ständig. Selbst die neuen Sachen, an denen wir gerade arbeiten, ist komplett anders.

Ihr seid ganz schön produktiv in dieser Corona-Phase.

Oli: Wir müssen, wir haben ja gar keine andere Wahl. Wir müssen mit dieser negativen Energie umgehen und sie in kreatives Schreiben umwandeln.

Ashley: Wir wollen bereit sein. Grad können wir keine Shows spielen, also müssen wir Musik veröffentlichen. Aber wenn wir nur Musik veröffentlichen und keine Shows spielen, verschwenden wir theoretisch die Musik. Grad schreiben wir so viel Musik wie möglich und sobald wir wieder Shows spielen können, hoffentlich im neuen Jahr, sind wir bereit. Man muss einfach das Beste aus der Situation machen.

Und diese neue Farbkombination, stylish! Wer hatte da das Sagen?

Oli: Ich! Dafür bin ich bekannt.

Oli ist also all fashion & anger, hm?

Oli: Haha, ne. Wir haben einen tollen Designer, der sich darum kümmert. Er lässt sich all die coolen KOKO-Sachen einfallen.

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Ashley: Ich mag die Farbkombo auch sehr gern.

Ich bin ja schon gespannt, welche Kombi als nächstes kommt. Irgendwann sieht eure Diskografie aus wie ein Regenbogen. Vielleicht eine Idee für’s Best Of-Album!

Ashley: Das wäre ein verdammt cooles Albumcover!

Oli: Wenn wir wieder aus dem Lockdown herauskommen, werden wir bei unseren Greatest Hits angelangt sein.

Harry: Mit 40.

Es ist verrückt, wenn man bedenkt, dass wir tatsächlich schon länger eine Band in Covid-Zeiten sind, als wir es ohne waren.

KOKO sind gemacht für die Bühne. Das signalisiert ihre Musik ebenso wie die Persönlichkeiten der drei Bandmitglieder. Doch damit wurden sie ausgebremst, bevor sie das Gaspedal überhaupt richtig durchtreten konnten. Auf den letzten Metern unseres Gesprächs werden wir gemeinsam nostalgisch und sprechen über Konzerte.

Das Verrückte: Obwohl KOKO von der Liveenergie lebt, haben die drei kaum Shows gespielt. Das erste Konzert absolvieren sie im Januar, dann bricht eine Pandemie aus. Vor kurzem konnten sie beim Reeperbahn Festival und in Berlin Konzertluft schnuppern. Aber Konzerte, wie geht das überhaupt nochmal? Wir sind uns einig, dass die ersten Gigs ziemlich socially awkward werden.

Lass uns an schönere Tage denken. Was war euer Lieblingskonzert? Fangen wir mit euren eigenen Auftritten an. Und dann gehen wir zu Konzerten, die ihr gesehen habt.

Ashley: Ich glaube mein Lieblingskonzert von uns, und wir haben nicht viele gespielt, aber, meins war das Allererste.

Harry: Das hätte ich jetzt auch gesagt.

Oli: Bei unserem ersten Konzert standen wir kaum auf der Bühne, wir sind eigentlich die ganze Zeit ins Publikum gesprungen. Es ist verrückt, wenn man bedenkt, dass wir tatsächlich schon länger eine Band in Covid-Zeiten sind, als wir es ohne waren. Deshalb hatten wir noch nicht wirklich Zeit, viele Gigs zu spielen. Aber ich gehe mit den Jungs, für mich wäre es auch das erste Konzert.

Harry: Und ansonsten, Gigs bei denen wir waren….Royal Blood beim Reading Festival waren ziemlich cool.

Ashley: Man, Festivals, das vermisse ich richtig doll!

Total, ich auch. Alles daran.

Oli: Das erste Konzert, was mir einfällt, ist Biffy Clyro in Birmingham. Das ist ein Konzert, das ich niemals vergessen werde. Das war in einer ziemlich kleinen Location während der „Only Revolutions“-Tour. In einer winzig kleinen O2 Academy in Birmingham. Da waren vielleicht 2000 Leute? Das war krank. Und jetzt spielen sie nur noch die riesigen Arenen.

Ashley: Für mich sind es The Neighbourhood.

Oli: Du hast dieses Konzert geliebt!

Ashley: Ich hab’s wirklich geliebt.

Oli: Ich hatte mir ein falsches Ticket gekauft und musste oben auf dem Balkon stehen, während die Crowd ausgerastet ist. Und ich hab die beiden von dort oben neidisch beobachtet.

Ashley: Das war so ein tolles Konzert. Als unsere Band angefangen hat, haben wir The Neighbourhood geliebt. Wir wollten so sein wie sie, weil sie so dark and weird sind. Und dann zu dritt auf dieses Konzert gehen zu können, selbst wenn Oli oben stand, war ziemlich besonders.

Gebt mir für die Ziellinie unseres Interviews eine kleine Inspiration da: Wie bleibt ihr positiv?

Harry: Miteinander reden!

Ashley: Versuch Sachen zu planen. Wir lieben es, im Voraus zu planen. Wenn nichts im Kalender steht, einigen wir uns darauf, den ganzen nächsten Monat lang Musik zu schreiben. Einfach nur, um etwas zu tun zu haben. Und natürlich darauf achten, mental gesund zu bleiben. Harry und ich gehen regelmäßig zum Sport und versuchen, uns gesund zu ernähren.

Harry: Aber auch Alkohol. Und Spaß mit den Freund*innen haben. Das ist immer eine Möglichkeit, um positiv zu bleiben.

Mit KOKO wächst gerade eine Band mit riesigem Potential und großer Motivation heran. Ihre zweite EP „All Together Now“ ist seit dem 30. Oktober 2020 auf allen gängigen Streaming-Plattformen erhältlich. Eine nächste Veröffentlichung der drei dürfte nicht allzu lange auf sich warten lassen. Und sobald man wieder Haut an Haut in Klubs schwitzen und tanzen darf, sind wir mehr als bereit für eine epische Eskalation.

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