Darf man Leoniden noch als Geheimtipp betiteln? Wenn die Antwort „ja“ lautet, ist dies zumindest nicht mehr all zu lange der Fall, denn ihr Album „Again“ wird die Kieler Band ab morgen endgültig in die Ohren und Herzen Aller spülen – Gott sei Dank!

Anna hat Sänger Jakob Amr auf dem Green Juice Festival in Bonn getroffen und mit ihm über die Disziplin einer Albumproduktion, die Bedeutung hinter „Again“ und den uniquen Stil der Indie-Band gesprochen. Warum Jakob besonders große Angst vor ProSieben hat, erfahrt ihr im Wortwechsel.


Wie war eure Festivalsaison bis jetzt?

Jakob: Der Hammer! Letztes Jahr war ja auch schon cool, wir haben 45 Festivals gespielt und dachten ehrlich gesagt, dass wir damit alle Festivals gespielt hätten, außer die ganz Großen wie Deichbrand oder Rock am Ring. Und jetzt haben wir total glücklich festgestellt, dass Deutschland eine wirklich krass diverse Festivallandschaft hat. So viele krasse kleine und große Festivals, wir könnten definitiv noch 2 Jahre nochmal 45 Festivals pro Jahr spielen und es hätte sich nichts gedoppelt. Das haben wir vorher einfach gar nicht geahnt, was vielleicht auch daran liegt, dass Norddeutschland das krasseste Schlusslicht ist.

Sind denn auch ein paar Sachen schiefgelaufen? Bei Instagram hat man ja das ein oder andere Mal mitbekommen, dass ihr nochmal zurückfahren musstet.

Jakob: Wir haben ungefähr acht Mal unser Banner vergessen, wo unsere Tourdates draufstehen für die Tour zum neuen Album im November. Natürlich da reißt dann mal die Saite oder ich vergesse, meinen Mikrofonständer wieder mit auf die Bühne zu nehmen und dann versuchen muss, das Mikro zu halten und gleichzeitig Keyboard und Percussion zu spielen. Aber sonst, irgendwie desaströsen Sachen – (Jakob klopft drei Mal auf den Holztisch) habt ihr gehört! – sind zum Glück nicht passiert.

Wann hattet ihr bitte Zeit, ein ganzes neues Album zu produzieren? Ihr wart doch gefühlt jeden Tag on tour.

Jakob: Ein guter Freund von uns aus Kiel verleiht Ton- und Lichtequipment für Läden und Touren und wir haben uns bei ihm eingemietet. Wir haben uns dort provisorisch einen Schreibtisch und unsere Instrumente reingebaut und waren dort jeden Tag, wirklich jeden Tag, an dem wir nicht unterwegs waren. Wir sind um 9 Uhr losgegangen, beim Bäcker einen Kaffee geholt, an den Schreibtisch und haben dieses verfluchte Album geschrieben. Das erste Album war schon anstrengend, aber es war kein Vergleich dazu. Absolut komprimiert, wir waren viel härter mit uns selber. Da ist jetzt nichts durchgerutscht, was wir irgendwann blöd finden könnten.

Wie kann man sich denn die Entstehung eines Leoniden-Albums vorstellen? Ihr seid ja nach außen schon eine ziemlich chaotische Truppe auf der Bühne.

Jakob: Genau, auf der Bühne! Das behalten wir uns auch genau dafür vor, weil der Rest so viel Disziplin fordert, dass es dann auf der Bühne quasi der Umschalter ist.
Im Studio sitzen wir da richtig mathematisch vor. Wir haben eine Box, wo Riffs und Melodien drin sind und je älter die sind, heißt es für uns, dass sie gut sind, weil sie sich quasi schon bewährt haben. Dann sitzt du da, puzzelst und veränderst das Tempo nochmal ein bisschen, ein paar andere Tonhöhen, dann doch nochmal auf ein anderes Instrument und schließlich findest du es blöd und alles fliegt in die Tonne. Alles gelöscht und nochmal ganz von vorne. Wir haben beim Schreiben von „Again“ bestimmt drei Alben weggeschmissen. Dann diskutiert man wie in der Politik, denn Musik ist eine Geschmacks- als auch eine emotionale Sache und wenn ich sage „wir schreiben mathematisch“ bedeutet das nicht, dass wir glauben, Musik quantisieren zu können. Aber wir kämpfen einfach. Jeder kämpft um seine kleinen Lieblingsmomente.

Ziehen sich die Streicher- und Chorelemente aus „Kids“ und „River“ durchs ganze Album oder war das eher ein Zufall, dass die beide Singleauskopplungen in die Richtung gehen?

Jakob: Guter Punkt! So präsent wie in „River“ und „Kids“ sind sie nicht immer. Dann müssten wir auch ehrlich zu uns sein und mit Chor und Streicherquartett auf die Bühne gehen. Beim Schreiben war es uns aber ein Stück weit egal, ob wir die Songs live genauso realisieren können oder etwas verändern müssen. Du sitzt da zu fünft vor und fünf Leute wissen, dass die Stelle besser wäre, wenn es ein Chor singen würde. Die vernünftige Seite würde sagen: „Wir haben aber keinen Chor, wir können das nicht machen“. Aber wir sagen: „Nein, der Song soll maximal geil werden!“, also rufen wir unsere Freunde an, holen uns einen Studiotermin und nehmen es auf.

Mich interessiert die Entstehungsgeschichte von „River“, der Song hat so viele Elemente, die man nicht in dieser Mischung unbedingt erwarten würde.

Jakob: Schön, dass du das sagst, denn das ist genau dieser Kniff, den wir mit dem Song erreichen wollten. Wir stehen ja total drauf, verschiedene Genres miteinander zu mischen, auch im Laufe eines Albums. Bei „River“ gab es die Eingangsmelodie schon ziemlich lange und dann haben wir gemerkt, dass Soul und Grunge ziemlich viel gemeinsam haben. Das hat alles etwas sehr Schluffiges, was sehr Ich-Bezogenes, Emotionales, vieles geht mit depressiven Inhalten um – da haben wir uns überlegt, dass die Mischung irgendwie klappen könnte. Der Refrain war lange gar nicht so, wir wollten aber schließlich einen Bruch haben. „River“ ist für uns selbst der kunstvollste Song, ohne ein Epos zu sein, der 8 Minuten geht und 24 Parts hat.

Der Titel „Again“ ist ja sehr…direkt und simpel: Kam die Idee dazu erst mit der Zeit oder war das von Anfang an klar?

Jakob: Wir haben eine Vorschlagsliste gehabt, die immer wieder erweitert oder gekürzt wurde und „Again“ hat sich irgendwie am längsten gehalten. Stimmt schon, es ist ein simpler und unknalliger Name, nichts Pathetisches. Es ist einfach nur „Again“, was für uns aber super gut gepasst hat, weil wir im Grunde genommen beim Schreibprozess nichts anders gemacht haben als letztes Mal. Das ist für uns eine total schlüssige Fortführung. Wir haben uns mit dem Album nicht neu erfunden, weil wir uns auf dem ersten Album schon 12x unterschiedlich erfunden haben und machen damit genau weiter.

Mit „Two Peace Signs“ habt ihr damals euer eigenes Label gegründet – gibt es eigentlich Pläne, dort noch weitere Bands zu signen?

Jakob: Leider momentan eher das Gegenteil, weil wir festgestellt haben, dass durch diese ganze Labelarbeit so viel Zeit auch draufgeht, die wir dann auch lieber wirklich im Proberaum verbringen wollten oder beim Schreiben oder sonst was. Selbst, wenn man Nachrichten bei Instagram beantworten will, aber stattdessen gleichzeitig die Steuererklärung als auch irgendwie die nächste Rutsche planen muss. Deshalb haben wir uns dieses Mal sogar Hilfe gesucht. Aber unser Traum ist es, dass wir in Kiel irgendwann einen kompletten Turm haben. Wir kennen zwar noch keinen, der einen Turm bauen kann, aber da wäre dann das Studio drin, der Probenraum, Büroräume und das Merchlager, da würden dann immer unsere Freunde abhängen, die wir über das Label auch rausbringen – aber das wird wahrscheinlich niemals passieren.

In den letzten 1 1/2 Jahren hat sich ziemlich viel bei euch verändert, wie empfindet ihr da selbst?

Jakob: Es ist gigantisch! Wir versuchen immer vorsichtig zu sein mit der Euphorie und zwischendurch gibt es auch Tage, die erden einen wieder, wenn man auf einem Festival spielt, wo einen dann doch keiner kennt – was überhaupt nicht schlimm für uns ist. Aber generell ist die Tendenz völlig überwältigend. Wir sitzen in Kiel, fahren immer 15 Stunden, egal wo wir hinwollen. Dann kommst du in ein Dorf, in dem du noch nie warst, auf ein Festival, auf dem du noch nie warst und dann stehen da trotzdem irgendwie 150 Leute und 50 davon kennen die Texte. Das ist krass, ein großes Privileg auf jeden Fall.

Was hat sich für euch als Band verändert?

Jakob: Nö. Wir bleiben auf dem gleichen Level perfektionistisch, wie wir es immer sind.

Ihr steht ja schon mittlerweile in der Öffentlichkeit bei Instagram & Co…

Jakob: Djamin steht in der Öffentlichkeit! Ich habe manchmal Albträume, dass ProSieben anruft und ihm einen Slot anbietet, der frei geworden ist. BITTE MACHT DAS NICHT, DER BLEIBT BEI UNS!

Ihr bringt von Anfang an so viel Energie und Selbstbewusstsein auf die Bühne, egal wo und vor wem ihr spielt. Wo nehmt ihr das her?

Jakob: Wir drücken uns gerne mal um kitschige Antworten, aber jetzt ist glaube ich mal die Zeit dafür: Musiker sein ist wirklich viel Stress, viel im Auto sitzen, viel Bürokram machen und viel proben. Aber das „auf der Bühne stehen“ ist genau das, warum man es macht. Und bei diesem 1% meiner Zeit, die ich auf der Bühne verbringe, merke ich beim ersten Schritt, dass es genau das ist, was ich machen will. Und zwar richtig dolle. Das platzt dann so aus uns heraus. Wir machen einfach Musik, die auch Spaß macht, selbst, wenn wir manchmal Dinge besingen, die gar nicht so viel spaßig sind. Wenn ich da oben stehe und auf Kuhglocken haue, muss ich mir dabei nicht ernst auf die Füße gucken, denn es ist lustig und macht Spaß. Da wollen wir niemanden ausschließen, da soll jeder mitmachen.



LEONIDEN live

01.11. Bremen, Tower
02.11. Göttingen, Musa
03.11. Münster, Sputnikhalle (hochverlegt)
07.11. Hamburg, Knust
08.11. Berlin, Lido (ausverkauft)
09.11. Leipzig, Naumanns
10.11. Chemnitz, Atomino
12.11. AT – Wien, B72
14.11. AT – Graz, Forum Stadtpark
15.11. AT – Salzburg, Rockhouse
16.11. AT – Linz, Posthof
20.11. Augsburg, Kantine
21.11. CH – Zürich, Exil
22.11. CH – Bern, Rössli
23.11. CH – Basel, Sommercasino
24.11. Freiburg, ArTik
25.11. Heidelberg, Halle 02
27.11. Stuttgart, ClubCann
28.11. LUX – Luxemburg, Rotondes
29.11. Wiesbaden, Schlachthof
04.12. Aachen, Musikbunker
05.12. Köln, Gebäude 9
06.12. Oberhausen, Druckluft
07.12. Hannover, Musikzentrum
08.12. Rostock, Peter-Weiss-Haus
14.12. Kiel, Die Pumpe
14.02.19 Berlin, SO36 (Zusatzshow)


Autorin & Photocredit: Anna Fliege