Wer in der Indie/Pop-Szene unterwegs ist, ist mit großer Wahrscheinlichkeit an ihrem Namen nicht vorbeigekommen:

Singer-Songwriter und aufkommende Pop-Sensation Maggie Rogers hat heute für alle etwas Besonderes im Gepäck, und zwar ihr Debütalbum Heard It In A Past Life. Nach ihrem riesen Erfolg mit Alaska, können sich Fans über eine LP freuen, die all das und noch mehr ist. Im zweiten Teil unseres Wortwechsels mit Maggie spricht sie unter anderem über die Entstehung des Albums, mentale Gesundheit und was Vorurteile über die Industrie damit zu tun haben.


Dies ist Teil 2 von 2 – Hier kommt ihr zum ersten Teil des Wortwechsels


Vorab: Glückwunsch zu deinem Debütalbum! Seit ich es in die Hände bekommen habe, läuft es bei mir rauf und runter.

Maggie: Ahh, vielen, vielen Dank, das freut mich sehr! Ich fühle mich momentan sehr verletzlich, denn dieses Album ist fertig und es ist nicht mehr nur meins. Ich weiß nicht, wer es hat und anhört. Aber ich weiß, dass ich damit zufrieden bin.

Wie „alt“ ist dieser Record? Wann hast du das erste Lied darauf geschrieben?

Maggie: Alaska und On + Off sind die ältesten Lieder auf dem Album. Von den Songs, die mit dem Album zum ersten Mal veröffentlicht werden, ist Say It als erstes entstanden. Dieses Lied wurde in meinem Apartment in New York mit viel Bier und einem Haufen Freunden geschrieben. Der Schreibprozess hat super viel Spaß gemacht. Der Großteil des Albums ist allerdings innerhalb von vier Monaten zusammengekommen, hauptsächlich zwischen Januar und April. Das ist ein relativ kurzer Zeitraum.

Was waren für dich wichtige Erfahrungen, die du während des Schreibprozesses gemacht hast?

Maggie: August 2017 endete die EP-Tour. Danach habe ich mir zwei Monate freigenommen, um herauszufinden und zu realisieren, was da überhaupt passiert ist. Außerdem denke ich, man muss leise sein, um laut sein zu können. Ich musste mir klar werden, was ich überhaupt sagen wollte. Während ich tourte, verbrachte ich 6 Wochen in meinem Apartment, und das über das ganze Jahr verteilt. Deshalb habe ich mir gedacht es macht keinen Sinn, Miete dafür zu zahlen, habe meine Sachen gepackt und bin zurück nach Maryland gezogen. Auf einmal war ich also wieder in meinem Kinderzimmer und habe von dort aus Lieder geschrieben. Irgendwie kam es mir so vor, als hätte ich nur geblinzelt und alles wäre wie früher.

Mittlerweile habe ich aber ein kleines Studio in Maryland und habe dort viel an der Produktion geschraubt. Dann habe ich angefangen diese Trips nach LA zu machen und hatte die Möglichkeit, mit diesen wahnsinnig guten Produzenten zu kollaborieren. Produzenten, zu denen ich immer aufgeschaut habe. Das war auch eine meiner Lieblingserfahrungen. Noch dazu habe ich so viel gelernt! Als Produzentin sagen dir immer alle, du solltest nicht mit anderen zusammenarbeiten, weil sie dich immer anzweifeln werden. Das ist definitiv irgendwo wahr, sie liegen nicht falsch. Andererseits wurde mir bewusst, ich muss einfach selbstsicher und zufrieden mit der Arbeit sein, die ich leiste und nicht darüber nachdenken, was alle anderen davon halten. Wenn ich nicht mit anderen zusammenarbeite, wie soll ich dann lernen?

Oft kommt es mir so vor, als würdest du in der ersten Strophe deiner Lieder – auch im neuen Album – erstmal eine bestimmte Stimmung oder Szene manifestieren wollen. Ist das Absicht oder kommt das natürlich, wenn du schreibst?

Maggie: Du bist tatsächlich die erste Person, der das aufgefallen ist und mich darauf anspricht, das ist cool! Es ist keine Absicht. Ich glaube, ich bin einfach so eine visuelle Person, dass ich den Drang habe, erst einmal festzulegen, wo wir uns befinden. Alaska ist ein gutes Beispiel dafür, oder auch Retrograde. Ein Setting zu haben ist sehr wichtig für mich.

Gibt es ein Lied, auf das du am stolzesten bist, und wenn ja, welches?

Maggie:Ich will nicht am „stolzesten“ sagen, weil ich eine starke Verbindung zu allen Liedern habe. Der Song, der sich für mich am verletzlichsten anfühlt, ist Light On. Zufälligerweise ist das auch der letzte, den ich geschrieben habe.

Apropos Light On: In diesem Lied gibt es eine Zeile, die „With everyone around me saying ‚You must be so happy now‘“ geht. Fühlst du dich manchmal so, vor allem seitdem du so bekannt geworden bist?

Maggie: Nicht mehr, nein. Was das alles betrifft, habe ich meinen inneren Frieden gefunden. Das Album geht quasi über das Jahr in dem ich getourt habe und das Jahr, das mein Leben verändert hat. Einerseits um es zu feiern, andererseits um auch zuzugeben, wie hart es teilweise war. Der Rest der Strophe geht „Oh, I couldn’t stop it / Tried to slow it all down / Crying in the bathroom / Had to figure it out / With everyone around me saying / ‚You must be so happy now‘“ Und das ist das Ding.

Ich war mental und emotional sehr am Kämpfen. Immer wenn ich meine Freunde, oder generell irgendjemanden, gesehen habe, meinten sie immer: „Das ist so toll, du musst so glücklich sein!“ Ich habe mich unter Druck gesetzt gefühlt, jedem dieses scheinbar glückliche Mädchen vorzuspielen, das den Traum lebt. Aber so habe ich es nicht empfunden. Gleichzeitig habe ich mich schlecht gefühlt, weil ich nicht undankbar sein wollte. Ich bin wirklich dankbar für alles. Trotzdem war es für mich schwer.

Meiner Meinung nach gibt es auch gewisse Vorurteile. Leute sehen die glamourösen Seiten eines Musikerlebens, nicht aber die negativen. In der Musikbranche wird auch viel zu wenig über mentale Gesundheit gesprochen.

Maggie: Ich glaube das letzte Mal, dass Touren so richtig dokumentiert wurde, war bei den Rolling Stones oder Musikern aus den 60ern, die jeden Abend die wildesten Parties geschmissen haben. Das ist aber nicht die Realität einer Tour. Es ist extrem anstrengend. Ich kenne mehr als genug Leute, die überhaupt keinen Alkohol trinken, sondern grüne Säfte, viel Sport machen und einfach versuchen, nicht krank zu werden.

Auf Heard It In A Past Life gibt es keine Features von anderen Künstlern. War das gewollt, oder hat es einfach nicht gepasst?

Maggie: Darüber habe ich nicht einmal nachgedacht! Ich habe im Februar viel Zeit mit Troye Sivan verbracht, weil wir beide bei dem gleichen Label sind und unsere Alben rausbringen wollten. Bis ich sein Album gehört habe, habe ich nicht mal an die Möglichkeit gedacht. Dann dachte ich auf einmal: „Oh, ich hatte Lieder mit anderen Künstlern aufnehmen können!“

Ich glaube, ich war so von dem Gedanken gepackt, erstmal meine beiden Füße auf den Boden zu bekommen und mich allein zu beweisen, dass ich nicht mal darüber nachgedacht habe. Aber in Zukunft will ich unbedingt mehr Musik mit meinen Freunden machen. Das habe ich in der Vergangenheit auch, aber nichts davon wurde bis jetzt veröffentlicht. Heißt aber nicht, dass sie nie das Licht der Welt sehen werden!



Autorin und Foto: Theresa Liebl