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Im Wortwechsel mit MARIA BASEL

Im Wortwechsel mit MARIA BASEL

Kennt ihr diese Menschen, die euch mit ihrem Wesen und ihren Worten ganz ungeniert inspirieren? Maria Basel ist so ein Mensch.

Wir sind zum Mittagessen im Wuppertaler Luisenviertel verabredet. Die Sonne scheint und der Sommer zeigt sich in seinen letzten Tagen noch einmal von seiner besten Seite. Das Schimmerlos Deli ist in seiner noch kurzen Bestandsgeschichte schon zu einem erinnerungsträchtigen Ort für Maria geworden. „Hier haben wir uns damals mit Ruth getroffen, um über das Video zu sprechen“, erzählt sie mir mit einem breiten Grinsen, während sie auf die obere Etage des Restaurants zeigt.

Es ist wenige Tage vor der Veröffentlichung von Maria Basels Debütsingle „Lioness“, als wir uns treffen. Eine klassische Newcomerin ist die 29-Jährige Wuppertalerin aber nicht. Seit sechs Jahren spielt sie in einem Jazz-Duo, legt als DJ auf, spielt in unterschiedlichen Bands Keyboard, singt Backing Vocals und beteiligt sich an Produktionen.

Aber eigentlich ist für mich schon immer klar gewesen, dass das, was ich selbst schreibe, der Fokus sein wird“, erzählt mir Maria auf die Frage, wie man bei so vielen Projekten eine Priorisierung festlegen konnte. 

Maria: “Es ist einfach ein ganz anderes Commitment, eine ganz andere Gefühlswelt, etwas selbst zu schreiben, etwas selbst zu erschaffen, was man vorher nur in seinem eigenen Kopf hatte. Das dann in Sound zu verwandeln und anderen zu zeigen – dieser Prozess alleine ist schon so unglaublich.“

Das ist Arbeit, die man in sich selbst reinsteckt.

Ich liebe Neujahrsvorsätze. Sie klingen vielversprechend, sie motivieren und dieses Jahr ziehe ich es wirklich durch. Wirklich! Das wird MEIN Jahr. Drei Wochen lang funktioniert es, danach schweigt man kollektiv darüber. Hasta La Vista, neues Ich! Doch hat Maria etwa eine Lanze gebrochen und ihr Vorhaben tatsächlich erfolgreich in die Tat umgesetzt?

Maria: „Das habe ich tatsächlich. Denn ich habe es schon viel zu oft gesagt. Und es gibt auch genügend Leute, die mich über die Jahre immer wieder gefragt haben: ‚Was ist denn los? Warum kommt da nichts und wann kommt denn mal was? Du machst schon so lange Musik, spielst Konzerte und wir finden deine Sachen gut, aber wann kann man das denn mal hören oder kaufen?’.

Diese Frage ist irgendwann fast schon unangenehm geworden, weil ich selbst schon lange diesen Wunsch hatte. Und wenn man es dann noch von außen hört, ist es irgendwo motivierend, aber irgendwo kann man diese Frage auch irgendwann nicht mehr hören.“

Und dann merkt man selbst, dass es reicht mit den Ausreden und „mach ich später“s. Dass manchmal nur ein kleiner Schubser fehlt, um den Stein endgültig ins Rollen zu bringen. Marias Erkenntnis aus den letzten Monaten ist wahnsinnig inspirierend:

Maria: „Ich habe noch nie so viel für mein Projekt getan wie dieses Jahr. Die letzten Monate habe ich nur durchgeackert. Ich habe schon immer viel getan, aber so intensiv, jeden Tag so viel am Rechner sitzen, Mails schreiben, Texte, irgendwelche Dinge organisieren, die wirklich nur mich und mein Soloprojekt betreffen, das habe ich nie so intensiv gemacht. Und das fühlt sich total schön an.

Das heißt aber auch, dass man seine Zeit anders priorisieren und auch Abstriche machen muss. Aber das fühlt sich richtig an. Das ist Arbeit, die man in sich selbst reinsteckt. In das, was man erreichen will. Man ist sein eigener Chef und sein eigener Fuß, der sich in den Arsch treten muss. Man weiß aber im Endeffekt, wofür das dann ist.“

Sie setzt ihren großen Traum endlich in die Tat um. Unterschreibt vor Kurzem einen Vertrag beim Berliner Indie-Label Listenrecords. Und mit „Lioness“ präsentiert uns die Künstlerin jetzt endlich die ersten Ergebnisse ihrer unermüdlichen Arbeit.

Einen Song, den sie selbst geschrieben und produziert hat. Die Gänsehaut kommt ganz von allein, wenn Maria über wabernde Beats und chorale Gesänge mit ihrer dunklen Stimme von der besonderen Verbundenheit zweier Frauen erzählt.

Für alle wäre schnell klar gewesen, dass „Lioness“ der erste Song werden würde, erzählt Maria beiläufig. Ich bin neugierig und erkunde mich genauer.

Maria: „Ich habe selbst darüber nachgedacht, und habe dann das Label gefragt, vorher aber nicht ausgesprochen, dass ich mir ‚Lioness‘ wünsche, sondern die haben es auch gesagt und somit mein Denken bestätigt. 

Zuerst auf das eigene Bauchgefühl hören. Darauf vertrauen. 

Ich mag die Metaphorik des Songs. Schon der Titel, der so einleuchtend ist, in der Musiksprache doch viel zu selten Verwendung findet. Immer spricht man vom Löwen, stilisiert ihn, schenkt ihm Attribute der Stärke und des Willens. Nie wird von der Löwin gesprochen, was plötzlich total absurd erscheint.

Maria: „Und die ist ja diejenige, die eigentlich die ganze Arbeit macht. Sie geht jagen, kümmert sich um ihr Junges. Wenn der Typ jagen geht, dann nur für sich.

Ich habe noch nie so ein starkes Musikvideo zu einer Debütsingle gesehen. Das entgegne ich Maria schon zu Beginn unseres Gesprächs.

Vor einem halben Jahr setzt sich Maria das erste Mal mit ihren Freunden Norman Tebel und Arne Schramm zusammen. Gemeinsam mit den beiden Filmemachern hört sie sich ihren eigenen Song wieder und wieder an, entwickelt während unzähligen Treffen Ideen.

Im späteren Prozess kommen Pauline Pfingsten & Maurice Egen als Produktionsleitung hinzu, bringen Struktur und Machbarkeit in das vor Kreativität übersprudelnde Team. Das richtige Drehbuch steht erst kurz vor Drehbeginn, das Team wächst, irgendwann sind rund 25 Leute beteiligt.

Eine davon ist Hauptdarstellerin Ruth Amarante. Die Wuppertaler Tänzerin gehört seit vielen Jahren zum Stamm-Ensemble von Pina Bausch. In einem normalen Jahr würde sie gerade mitten in Welttourneen stecken – doch 2020 ist eben anders. Und so kommt es, dass Maria mit ihr in Kontakt tritt.

Maria: „Irgendwann wurden die Pläne konkreter und ich habe Ruth angerufen, wir kannten uns vorher gar nicht. Ich habe ihr kurz von dem Song erzählt, sie hat mich direkt unterbrochen und meinte: ‚Hey, lass uns doch treffen‘.

Dann haben Norman und ich uns hier im Schimmerlos mit ihr getroffen. Sie war unsere erste Wahl für die Hauptdarstellerin und wir haben keine Alternative gehabt zu dem Zeitpunkt. Sie hat auch direkt zugesagt, was total schön ist.

Viele Beteiligte und viele Ideen bedeuten hohe Produktionskosten. Maria eröffnet eine StartNext-Kampagne. Sie erzählt von ihren Visionen, stellt sich dabei aber gar nicht in den Mittelpunkt, sondern bewirbt wieder und wieder ihr Team. Das hier ist ein Herzensprojekt, das steckt in jedem Satz, in jedem Bild, in jedem Aufruf. Die Aktion ist erfolgreich.

Eine Auswahlmöglichkeit: “Lass Maria vom Bungee-Turm springen!“. Und so schnell es online ist, so schnell ist es auch „vergriffen“, oder besser gesagt: erfüllt. So findet sich Maria einige Wochen später am Strand von Scheveningen bei Den Haag in einem Korb wieder, der am großen Bungee Turm über der Nordseeküste hängt.

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So ein Sprung stand eh auf der To Do-Liste für’s Leben,“ lacht Maria, „dass ich das in so einem riesigen Kleid mache, hätte ich allerdings nicht gedacht.

Einen einzigen Sprung hat sie, um die Szene zu drehen. In der Nachbearbeitung werden Gurt und Seile raus retuschiert. Was so easy aussieht, entpuppt sich beim Dreh als echte Herausforderung. Um die perfekte Kameraposition zu bekommen, muss Maria in eine bestimmte Richtung springen.

Der Seewind hat allerdings andere Pläne. Zum Glück steht ihr der Inhaber zur Seite: „Irgendwann ist er auf den Käfig geklettert – ungesichert – und hat die Verankerung angedreht. Dann meinte er: Du hast jetzt noch drei Sekunden, dann musst du springen.

Ich bekomme schon beim Zuhören einen leichten Anflug von Panik. Doch der Sprung sei ein Kinderspiel gewesen, versichert sie mir. Die schwierigste Szene, rein körperlich, hat Maria auf dem Cover des Songs verewigt: Im offenen Meer treibt sie scheinbar schwerelos in ihrem gigantischen roten Kleid. Von einem Life Guard wird sie in Scheveningen rausgefahren und ins Meer gelassen, für die Aufnahmen muss sich das Boot wieder entfernen.

Maria: „Ich lag komplett alleine im Meer. Und es war so schwierig, weil ich keine Anweisungen bekommen habe. Wir haben es kurz an Land mit Norman abgesprochen, was ich machen soll, aber ich hatte kein Gefühl für Zeit. Keiner konnte mir sagen ‚mach das anders’. Zwischendurch hat mich das Kleid dann noch runtergezogen und ich hatte einfach Angst. Irgendwann konnte ich mich zum Glück entspannen.“

Das Musikvideo zu „Lioness“ strotzt vor lauter Momenten, die von Mut und Furchtlosigkeit geprägt sind. Maria zeigt sich in diesen Augenblicken nicht laut und aufmerksamkeitsfordernd, sondern ruhig und anmutig.

Maria: „Ich habe superviele Sachen gemacht, die ich davor noch nie ausprobiert habe und mich vermutlich nicht unbedingt getraut hätte. Ich habe meine Grenzen auch irgendwie erweitert dadurch, bin durch das ganze Projekt gewachsen.

Lioness erzählt mit seinen Bildern Geschichten mit großem Deutungsspielraum, „Ich finde es superspannend, was da für Interpretationen von unterschiedlichen Menschen rauskommen“ sagt Maria. Woran allerdings kein Zweifel besteht, ist die Stärke der Künstlerin. Die Kraft der Weiblichkeit. Die Sanftheit, die darin liegen kann.

Eindrucksvoll die Szenen, in der eine ganze Gruppe von Frauen – so divers in ihrem Aussehen, ihrem Alter, ihrer Hintergrundgeschichten – durch den Wald schreiten. „Diese verschiedenen Frauen symbolisieren diejenigen, die mich in meinem Leben geprägt und begleitet haben“, verrät sie mir. In ihrer Mitte schreitet Maria selbst, gekrönt mit einem imposanten Blumenkranz. Es erinnert mich an die Ästhetik des Films „Midsommar“. Die Idee entstammt allerdings nicht dem Horrorfilm.

Geboren und aufgewachsen in der Ukraine, kommt Maria mit sechs Jahren nach Deutschland. Sie möchte ihre Herkunft würdigen, bringt den Brauch der ukrainischen Trachten in eine moderne Fassung. Verewigt so auf ihre eigene Weise die Folklore ihres Heimatlandes.

Lioness“ ist der imposante Einstieg in eine aufregende Zeit. Im nächsten Frühjahr soll Marias erste EP veröffentlicht werden, bis dahin dürfen wir uns über „die ein oder andere Single“ freuen. Sie möchte mit ihren Songs auf Reisen gehen, Konzerte spielen, Leute berühren. Das ist ihr großes Ziel, wenn es um ihre Musik geht.

Maria: „Es gibt keine konkrete Botschaft, die ich ausdrücken möchte, kein politisches Statement. Ich möchte meine Gefühlswelt, die ich erlebe, wenn ich die Songs schreibe und spiele, kurz in jemand anderes schicken. Auch wenn es manchmal wehtut. Aber das ist natürlich und echt. Das ist etwas, was ich mir beibehalten möchte: echte Emotionen.

Das ist so etwas wie eine Superpower. Wenn man es schafft, die Barriere zu durchbrechen, obwohl man sein Gegenüber nicht kennt, und so das Herz von jemandem zu berühren. Das ist ganz schön viel Verantwortung.

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