Mit Release ihres selbstbetitelten Debüts entfachen The Amazons im Jahr 2017 das Feuer ihrer Karriere. Nach Platzierungen in den Top 10 der Charts, ausverkauften Touren und einer immer größer werdenden Fangemeinde kapselten sich die vier Jungs aus Reading ab, um an einer neuen Platte zu arbeiten. 

Ein Artikel von Anna Fliege – Wenige Stunden vor dem Release ihres zweiten Albums „Future Dust“ (REVIEW) telefoniere ich mit The Amazons-Frontmann Matt Thompson. Im Wortwechsel erzählt er mir über ihre Entwicklung, wie man als junge Band überhaupt mit einem plötzlichen Hype umgeht und ob sich The Amazons von Gute Laune-Musik getrennt haben.


„Future Dust“ erscheint in ein paar Stunden – bist du nervös?

Matt: Ohja! Ich bin gespannt, was die Leute sagen werden. Mein Leben hat sich in den letzten 18 Monaten um dieses Album gedreht, meinen Alltag bestimmt – und jetzt kann ich raus und über die nächsten Pläne nachdenken.

Würdest du denn sagen, dass es die gleiche Anspannung ist wie beim Release eures Debüts?

Matt: Es ist schon ein bisschen anders. Bevor das erste Album überhaupt draußen war, waren wir schon zwei Jahre mit den Tracks unterwegs. Da war die Veröffentlichung nur ein Teil des Ganzen. Und diesmal hat es etwas viel Geheimnisvolleres. Keiner hat vorher etwas daraus gehört, deshalb können wir noch gar nicht abschätzen, wie die Leute es annehmen werden.


„Seinen Sound zu verändern ist nie eine schnelle, kurze Entscheidung, es ist eher etwas, mit dem man wächst.“


Bei „Future Dust“ gibt es eine ziemlich prägnanten Soundwechsel. War das eine gemeinsame Entscheidung der Band?

Matt: Ja, es war schon eine gemeinsame Entscheidung beziehungsweise ein natürlicher Prozess. Wir haben zwei Wochen in Wales verbracht, viel Musik zusammen gehört und abgehangen. Es war gut, um wieder zusammenzufinden. Wir haben uns gegenseitig viel Musik gezeigt und Künstler gehört, die wir schon als Kinder cool fanden, Led Zeppelin zum Beispiel. Seinen Sound zu verändern ist nie eine schnelle, kurze Entscheidung, es ist eher etwas, mit dem man wächst. Manchmal merkt man das auch erst im Nachhinein.

Gibt es einen bestimmten Song auf dem Album, der diese Änderung ausgelöst hat? Ein Song, bei dem ihr dachtet: „Das ist es, das ist was wir machen wollen!“?

Matt: Absolut, das war „Mother„. Wir haben da eine ganze Weile dran gearbeitet und irgendwann funktionierte es. Der Song und auch das Album als Ganzes sind irgendwie düster und groovy. Wir haben zu der Zeit genau solche Musik gehört, daraus resultierte das Ergebnis, das wir als guten Startpunkt für das neue Album empfunden haben.

So wurde „Mother“ dann schließlich auch der erste Song auf dem Album und ebenso die erste Singleauskopplung.



Ich liebe die Retro-Stimmung! Du sprichst von älteren Inspirationen wie Led Zeppelin – gibt es denn auch aktuelle Bands, die euch dahingehend beeinflusst haben?

Matt: Oh, schwierig zu sagen. Klar gibt es da Bands wie Queens of the Stone Age, die Arctic Monkeys, und viele andere Leute, die uns im Verlauf des letzten Jahrzehnts inspiriert haben. Kings of Leon auf jeden Fall auch! Und Arcade Fire, die haben wir auch ziemlich lange gefeiert. Generell Bands, die sich auf bestimmte Motive einschwören und trotzdem mit jedem Album anders klingen. Das wollten wir auch.

Ich wette, viele – ich selbst eingeschlossen – nennen „Future Dust“ ein ausgereiftes Album. Ich stelle mir Schlagzeilen wie „The Amazons sind erwachsen geworden“ vor, weißt du? Würdest du das so bestätigen?

Matt: Ich hoffe doch! Ich möchte nicht mehr klingen wie ein Teenager oder wie jemand, der gerade erst in seine Zwanziger geraten ist. Alles ist ja geformt durch die Erfahrungen, die man macht – die Musik, die man macht, die Meinungen, die man vertritt. Und wenn wir uns verändern, verändert sich auch unsere Musik. Wenn Leute schreiben, dass wir erwachsen geworden sind, finde ich das cool!


„Wenn man es genau nimmt, ist sie zu der Zeit zum fünften Bandmitglied geworden.“


Ihr habt wie schon beim ersten Album wieder mit Catherine Marks zusammengearbeitet. Was hat sie zum neuen Sound beigetragen?

Matt: Wir haben schon nach den Aufnahmen zum ersten Album gemeinsam reflektiert, was wir geschaffen haben und diskutiert, wohin es in Zukunft gehen soll. Und da kam es ganz natürlich zu der Entscheidung, dass wir ein weiteres Album zusammen produzieren wollen. Diesmal waren die Songs schon ausgereifter, als wir uns zusammengesetzt haben, aber sie hat sich viel mit den Arrangements der einzelnen Tracks beschäftigt. Wenn man es genau nimmt, ist sie zu der Zeit zum fünften Bandmitglied geworden. Es war gut, jemanden zu haben, dem ich meine Texte zeigen konnte. Morgens, bevor wir mit den Aufnahmen begonnen haben haben wir uns immer in der Küche getroffen, mit ihr über die Lyrics gesprochen und während des Kaffees ihre Meinung dazu gehört.


„Wir wollten nicht nur die „hottest band for a day“ sein.“


Es gab und gibt einen großen Hype um deine Band. Wie seid ihr 2017 als aufstrebende Band damit umgegangen?

Matt: Wir waren dahingehend ziemlich geerdet, würde ich mal behaupten. Die Band gab es ja bereits ein paar Jahre und auch davor haben wir alle in Bands gespielt. Das gibt dir genug Zeit, darüber nachzudenken, was passiert, wenn du berühmt wirst. Und die Hype-Sache – wir waren zwar jung, aber schon lange genug in der Branche um zu sehen, was mit anderen Bands passiert. Das gibt dir eine Art Perspektive. Und wir wussten, dass wir nicht ewig in diesem Rampenlicht stehen würden.

Wir wollten nicht nur die „hottest band for a day“ sein. Wir wollen etwas viel Bedeutenderes tun: gute Alben schreiben, die beste Version seiner selbst sein.

Kommen wir nochmal zurück zum Album. Ich habe meine eigene Interpretation des Albumtitels, aber ich würde gerne deine Bedeutung hinter „Future Dust“ hören!

Matt: Ich hab schon ein paar seeehr verrückte Interpretationen gehört. Die Lyrics von „Future Dust“ bedeuten für mich Chaos und ein wenig Hilflosigkeit. In den letzten Jahren sind ein paar Dinge passiert, auch solche, an denen man nichts ändern kann, da steckt das Chaos und die Ungewissheit drin. Außerdem ist es eine biblische Referenz: „dust to dust“ („Asche zu Asche„).

Und wir müssen über das Cover reden. Auf dem ersten Album haben wir euern brennenden Tour Van in Reading gesehen – eine Metapher für eure Heimatstadt, in der ihr euer ganzes Leben verbracht habt und den ‚brennenden‘ Wunsch, in Abenteuer zu flüchten. Jetzt können wir mit „Future Dust“ eure Schatten in einer der Küstenhöhlen in der Nähe von Swansea sehen, wo ihr nur zwei Wochen verbracht habt, um das neue Album zu schreiben. Gibt es da auch eine Metapher dahinter?

Matt: Bei den Covern ist es uns wichtig, etwas damit verbinden zu können. Bei dem neuen fühlt es sich an wie ein Schnappschuss – ehrlich gesagt ist es sogar einer. An dem Tag war das eine Art Flucht, eigentlich der ganze Trip. Vor etwas flüchten ist meine Standardreaktion, wenn etwas passiert. Ich liebe das, wenn man sich mal abkapselt. Und genau das drückt das Artwork aus: Ein Entkommen. Das war schon das Motiv beim ersten Album und jetzt können wir es aus einem anderen Blickwinkel sehen.

Das Album ist sowohl klanglich als auch textlich schwerer und dunkler, nicht wahr? Musstest ihr für eine Weile aufhören, Gute Laune-Musik zu machen?

Matt: (lacht) Vielleicht, ja. Wir wollen Rock’n’Roll aus Befreiung nutzen und ein bisschen tiefer abtauchen in die dunklere Seite unserer Musik. Auf dem ersten Album finden sich schon Songs wie „Black Magic„, „Little Something“ und „In My Mind„, in die Richtung sollte es noch weiter gehen. Ein bisschen heavier, mehr evil. Und die Lyrics, das sind einfach verarbeitete Erfahrungen und Erlebnisse, die in der Zeit ein bisschen weniger positiv waren.



THE AMAZONS live

11.10.19: Köln, Artheater
15.10.19: Hamburg, Molotow
18.10.19: Berlin, Musik & Frieden
23.10.19: München, Hansa 39


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Alex Lake