Als ich Mine durch die Scheibe am Empfang des Deutschland Funk erblicke, packt mich die Nervosität. Doch die hält nicht lange an, denn schon in der Sekunde, in der wir uns gegenüber stehen, bricht das Eis. Und so fühlt sich die folgende halbe Stunde weniger nach einem klassischen Interview und mehr nach einem aufgeweckten Gespräch an. 

Ein Artikel von Anna Fliege – Eines, das man stundenlang weiterführen könnte. Es ist Donnerstag, nur noch wenige Stunden trennen uns von dem Release des Albums, für das Mine gerade auf Promotour unterwegs ist. Auf die Frage, wie es ihr bei dem Gedanken an die Veröffentlichung von „Klebstoff“ geht, sagt sie:

„Ich bin hibbelig und ziemlich nervös. Nicht, weil ich Angst vor den Reaktionen habe, sondern…weißt du, das ist wie ein Kind zu kriegen. Nur ohne Schmerzen. Das ist sehr aufregend, es endlich gehen zu lassen.“


Klebstoff“ ist Mines drittes Soloalbum und wie schon bei ihren vorherigen Arbeiten ist sie stark in die Produktion eingebunden. Das unterscheidet sie von vielen Künstlern, unterstreicht ihre Besonderheit. Doch ist man mit einer so großen Verantwortung überhaupt irgendwann mal mit dem Ergebnis zufrieden?

Mine: Das muss man. Ich glaube, dass es andere gibt, denen es schwerer fällt als mir. Ich hab meist eine sehr klare Vorstellung, wo es hingehen soll. Beim Mixen sieht die Sache dann schon ganz anders aus. Da fallen mir selbst jetzt noch Dinge auf.

Als ich den Titel deines Albums zum ersten Mal gelesen hab, dachte ich an die Metapher von „Sachen wieder zusammenkleben“ und fand deine Erklärung (hier) dann sehr spannend. Wie bist du darauf gestoßen?

Mine: Zuerst gab es das Lied „Klebstoff„. Da habe ich mich gar nicht als Mensch, der aktiv durch’s Leben geht gefühlt, sondern eher als jemand, der da durchgeschickt wird. Ich werde quasi geteert und dann gefedert vom Leben – das klingt voll schlimm, aber so schlimm ist es gar nicht gemeint (lacht). Sondern weder negativ noch positiv.

Man findet so viele Eigenschaften an sich und fragt sich, wo die herkommen. Das Bild fand ich sehr gut. Und aus Versehen irgendwo reinlangen, wo Klebstoff drin ist, passiert mir tatsächlich manchmal, weil ich so tollpatschig bin.


„Ja. Ich will wissen, ob du noch fühlen kannst wie grün, nein aber, wie krass grün dieses Gras war?“ – Zukunfts-Ich (Skit)


Das Album beginnt nicht wie jedes normale Album mit einem klassischen Opening-Song. Stattdessen hört man Mines Stimme, wie sie zu ihrem Zukunfts-Ich spricht. Ihre Frage hallt nach dem ersten Durchhören des Albums noch lange durch meinen Kopf: „Ja. Ich will wissen, ob du noch fühlen kannst wie…

Entstanden sei die Aufnahme „ziemlich genau vor einem Jahr“ nach einem langen Abend mit Mines bester Freundin, mit der sie seit fast 30 Jahren befreundet ist. Mine erzählt mir, wie schön das Wetter an diesem besagten Tag war, wie die Bäume anfingen zu blühen. Bis vier Uhr Nachts lagen sie gemeinsam auf dem Sofa, sprachen über früher und stellten fest, dass man keine Erinnerungen habe, sondern nur Erinnerungen an Erinnerungen. Und weil Mine ihrem Vergangenheits-Ich keine Nachricht mehr hinterlassen konnte, entschied sie sich, zumindest ihrem Zukunfts-Ich etwas aufzunehmen.

Mine: Erstmal war das ja gar nicht in so einem Rahmen gedacht, diese Aufnahme auf das Album zu bringen. Als ich am nächsten Tag aber die Idee für „90 Grad“ hatte und dieses Skit noch einmal angehört habe, hab ich mich kaputt gelacht. Und so kam es dann dazu.

Und wenn sie doch eine Nachricht an ihr Vergangenheits-Ich schicken könne, frage ich Mine. Die Künstlerin überlegt eine Weile, erzählt mir von einem bewegenden Youtube-Video, das sie einmal gesehen hat (hier), indem es in etwa um meine Frage geht. Schließlich zitiert sie daraus, womit sie ihre Antwort beginnt:

„Da saß ein junges Mädchen, das in etwa sagte: ‚Everything changes‘. Alles ändert sich irgendwann. Egal wie scheiße es dir geht, wenn du weißt, dass es irgendwann besser wird, fällt es dir leichter. Und egal wie gut es dir geht, weißt du es mehr zu schätzen, weil es nur ein Zustand ist, der sich jederzeit ändern kann. Das ist für mich eine sehr coole Sicht auf’s Leben.“


Das Thema ‚Veränderung‚ ist auf Mines neuem Album ein stets präsentes Thema. Sie sei seit „Das Ziel ist im Weg“ noch mehr bei sich selbst angekommen, könne aber selbst keine extreme Veränderung an sich feststellen – diese Selbstfindungsphasen hätte es vor ein paar Jahren, Mitte 20, gegeben. Wir einigen uns darauf, dass das Wort ‚Weiterentwicklung‚ viel besser passe.

Danach kommen wir noch einmal auf den Song „Klebstoff“ zu sprechen, genauer gesagt auf das dazugehörige Musikvideo. Da steht Mine mitten in Berlin mit einem Schild und einer Aufforderung vor sich. Im Laufe des Videos schreiben Fremde auf Kleidung und Haut der Sängerin. Ich habe großen Respekt vor ihrem Mut.

Die Inspiration dafür habe sie vor ein paar Jahren in einem Video gefunden (hier), in dem es um ein sozialen Experiment zum Thema Selbstakzeptanz ging. Mines Arme werden von Gänsehaut bedeckt, als sie davon erzählt.

Mine: Ich bin eigentlich nicht so jemand, der auf so cheesy Sachen steht, aber das hat mich total abgeholt. Auch ich habe den Druck durch diese Instagram-Öffentlichkeit. Dieses „so dünn wie möglich sein, so schön wie möglich sein“ – da habe ich mich zum Glück noch weiter rausgestohlen als andere. Aber trotzdem kenne ich das, wenn man diesen Druck spürt. Das hat mich damals so berührt, dass ich die Idee auf eine andere Ebene führen wollte. Die Konfrontation mit sich selbst.



Ich feiere dein Feature mit Giulia Becker total. An wen ist „Einfach so“ gerichtet?

Mine: An mich selber (lacht). Naja, es gibt keinen direkten Addressaten. Es geht eher um das ‚sich selbst mal abfeiern‚, denn es gibt genug Leute, die einen kleinreden. Da kann man sich selber auch mal großreden.

Du hast doch auch ein „Scheiden“-Tattoo (hier), oder? Kam das vor oder nach dem Track?

Mine: Ich glaube es war sogar währenddessen. Der Song war relativ schnell fertig und war erst gar nicht als Feature angedacht. Aber dann hatte Giulia mir auf meine Insta-Story geantwortet, ich bin vor Freude ausgerastet und wir haben schnell noch Platz geschaffen. Aber das Tattoo wollte ich eh machen – sie hat mir dann glücklicherweise die richtige Grafik geschickt, sonst hätte ich mir die halt aus dem Internet gezogen.

Mines Songs strotzen nicht nur so vor intelligenten Lines und hochkarätigen Features, sondern sind jedes Mal aufs Neue ein Instrumentenfeuerwerk. Manchmal entdeckt man bestimmte Instrumente erst nach Monaten des Hörens, andere wiederum stechen direkt ins…Ohr. So auch bei „Du kommst nicht vorbei“ – und weil man sich bei Mine nie sicher sein kann, welche kreative Meisterleistung sie wieder einmal vollbracht habe, frage ich lieber noch einmal nach, ob das zu Beginn tatsächlich ein Dudelsack sei. Sie bejaht meine Frage und erzählt von Thomas Zöller, Deutschlands einziger Dudelsack-Studiums-Absolvent.

Mine: Ich wollte diese Soundkullisse. „Du kommst nicht vorbei“ ist ja eine Textzeile von Gandalf aus „Herr der Ringe„. Da hat der Dudelsack natürlich am besten gepasst. Aber es gibt viele Leute, die den Song gar nicht mögen.

Die letzten beiden Songs auf „Klebstoff“ sind ebenfalls Features, die wir beide schon von deinem Orchester-Livealbum kennen.

Mine: „Guter Gegner“ wollte ich definitiv nochmal rausbringen. Mit einer Albumversion kann man ja viel mehr spielen. Da war nur Anfangs nicht klar, ob er alleinstehend veröffentlicht werden sollte oder nicht, weils ja eigentlich kein Mine-Song ist, sondern ein gemeinsamer.

Und den Dead Rabbit-Song, also „Schwer bekömmlich„, wollte ich schon so lange veröffentlichen. Der fügt sich ehrlich gesagt so gut in das Album ein und ich finde die Features voll passend. Da habe ich keinen Moment gezögert. Aber ich denke auch ehrlich gesagt gar nicht „passt das, passt das nicht„. Ich schreibe die Songs und möchte sie veröffentlichen. Und da ich es eh selber mache, passen die automatisch immer irgendwie zusammen, weil sie aus einer gewissen Zeit kommen.

Auffällig ist es bei beiden Songs, die „Klebstoff“ abschließen, dass Mine ihren Gästen nicht nur die ersten Worte, sondern sogar einen Großteil der Lyrics überlässt. Wieso Mine darin überhaupt kein Problem sieht und die Auffassung, man könne das nicht machen, für irrelavant hält, erklärt sie so:

Das ist sowas, was auch bei dem Fatoni-Album aufkam. Da hab ich so oft gehört: ‚Du bist ja nur die Hook-Sängerin‘. Naja, ich hab auch die ganze Musik gemacht. Nicht, weil ich sagen will ‚Ich kann das alles‘, sondern im Sinne von ‚Das soll auch einen Platz haben‘. Meine Gesangsparts sind zwar sehr klein, dafür habe ich aber die Streicher auf „Schwer bekömmlich“ komplett produziert und für mich gibt es da keinen großen Unterschied, ob ich nun singe oder nicht. Das ist für mich nicht das Ausschlaggebende für eine Beteiligung.“


Jetzt müssen wir zum Schluss nochmal auf ein anderes Thema zu sprechen kommen, das mich total überrascht hat. Du sagtest in einem anderen Interview, du würdest unter starkem Lampenfieber leiden. Das hätte ich niemals gedacht.

Mine: Es kommt immer drauf an, wer da ist, wie lange ich nicht mehr gespielt habe und wie gut ich geübt habe. Dieses Reden auf der Bühne hat sich langsam entwickelt, weil ich selbstbewusster geworden bin – aber ab und zu rede ich auch echt Scheiße, ich lege mir ja nie Ansagen zurecht. Manchmal merke ich, dass da nichts zurück kommt, oder noch schlimmer, ich was Dummes gesagt habe. Da kann ich mich echt so reinverlieren, dass ich von der Bühne gehe und richtig am Arsch bin, weil ich aus diesem Lampenfieber nicht rausgekommen bin.

Bevor sich unsere Wege wieder trennen, möchte ich gerne wissen, welches Mines Lieblingszitat auf „Klebstoff“ ist. Denn wer Musik mit so vielen potentiellen Lieblinglines macht, wird doch sicherlich selbst eine haben. Sie grinst, möchte die Frage erst gar nicht beantworten. Doch dann platzt es doch aus ihr raus, stolz und glücklich:

„Ich hab‘ das beste Team, es war schon da als noch überhaupt nichts ging“ – Einfach So



MINE live

02.05.2019 Köln – c/o Pop
03.05.2019 Mannheim – Alte Feuerwache
04.05.2019 Wiesbaden – Schlachthof
05.05.2019 Hannover – Musikzentrum
07.05.2019 Konstanz – Kulturladen
08.05.2019 Stuttgart – Club Cann
09.05.2019 Leipzig – Leipzig
10.05.2019 Berlin – Huxley’s Neue Welt (hochverlegt)
11.05.2019 Hamburg – Mojo
15.05.2019 Wien – Porgy Bess
16.05.2019 Nürnberg – Hirsch
17.05.2019 München – Ampere (ausverkauft)
18.05.2019 Zürich – Dynamo


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Simon Hegenberg