Den Namen Normandie sollte man sich besser mal schnell merken, denn wenn die Schweden so weitermachen gehen sie noch durch die Decke.

Solider Alternative-Rock der bis aufs kleinste Detail durchdacht ist, aber dennoch nicht zu gewollt klingt – so klingt Normandie. Mit ihrem Debütalbum Inguz haben sie schon gezeigt was sie so können und die ersten Vorab-Singles des neuen Albums White Flag (VÖ: 26.10.2018) deuten darauf in, dass Normandie immer noch eine Schippe drauflegen können und dies auch tun.

In Deutschland waren sie zuletzt als Support für Crossfaith mit dabei und wir hatten die Gelegenheit mit ihnen über das neue Album und über die Band zu reden.


Wie schafft ihr es Normandie klingen zu lassen wie Normandie klingt und habt ihr lange gebraucht um euren Sound zu finden?

Philip: Seit 2-2,5 Jahre haben wir ein Studio in Stockholm, d.h. wir können viel an unserem Sound herumexperimentieren. Manchmal hört man etwas und dann probiert man rum. Das kann mit einer Gitarre sein, eine Melodie oder mit Synthesizern. So können wir halt eher sagen, das ist Normandie und so klingen wir anstatt nur zu sagen, dass wir Gitarren, einen Bass oder Drums haben. Damals als wir Inguz aufgenommen hatten, hatten wir für alles nur 2-3 Monate Zeit, was sehr wenig ist, und wir wussten nicht was wir da kreieren, aber es hat einen Grundstein gesetzt. Wir hatten ein Album und wir dachten wir wären stolz darauf aber es war nicht so wie es hätte sein können. Also haben wir für das jetzige uns nochmal Inguz angehört und nachgedacht was an dem Album gut ist, wie wir diesen Sound noch verbessern können und wie man ihn mehr wie Normandie klingen lassen kann. Das haben wir die letzten 2 Jahre getan.

Gibt es unter euch einen Perfektionisten?

Lucas: Das sind wir alle.

Philip: Wir alle. Mit uns hat man es schwer, also innerhalb der Band. Wir alle lieben Musikvideos, Promo-Fotos und Musik und wir haben auch Kontrolle über all diese Bereiche und das kann manchmal sehr schwer sein, vor allem für dich Lucas, oder?

Lucas: *lacht* Alles ist immer bis in das kleinste Detail ausgefeilt und so mag ich es anstatt die Sachen nur halbherzig zu machen. Man kann es immer noch besser machen.

Philip: Das Schlimmste was mir passieren kann, ist, wenn ich eine Demo hochlade und jemand sagt „Oh, das ist gut!“. Ich höre viel lieber „Oh, das ist gut ABER“ und dann kann man es noch besser machen. Für den letzten Schliff braucht man halt viele Seiten, damit es halt nicht nur einseitig wird und so ist es auch mit den Musikvideos. Wir alle dürfen unseren Senf dazugeben und unsere Ideen einbringen. Auch als wir Anton, unseren neuen Drummer, ins Studio geholt haben als das Album schon fast fertig war. Wir waren für 4 Tage dort und ich konnte miterleben wie Drums so geschrieben werden wie ich es mag und ich selber konnte es nie herausfinden. Man ist nie schlauer als sein Publikum oder der Rest der Band, also ist es immer gut verschiedene Meinungen und Ansichten zu hören.

Ihr habt ein paar der Inguz Songs in den Soundtrade Studio Sessions Versionen gespielt und veröffentlicht. Wie war es für euch 2 der Inguz Songs als komplett neue Versionen aufzunehmen?

Philip: Da wir keine Akustikband sind und solche Songs nicht für ein Album schreiben war es natürlich ein großer Spaß einen Song außerhalb des Albums und Studios und anders aufzunehmen im Namen von Normandie. Es ist auch ein bisschen Schummeln, weil eine Piano Version von “Collide“ es auch nie auf ein Album geschafft hätte, aber jetzt hatten wir die Möglichkeit mal eine andere Version zu spielen und konnten uns kreativ austoben.Wir haben eine Studio-Version von “Believe“ akustisch aufgenommen und wir wollten unbedingt eine Live Aufnahme mit dem Piano machen, die komplett unbearbeitet ist – und es war sehr nervenaufreibend. Deswegen haben wir diese Session gemacht, wir wollten mal was anderes ausprobieren, gerade weil wir nicht nur eine Studioband sein wollen.

Wie lange habt ihr jetzt insgesamt an White Flag gearbeitet?

Håkan: Wie lange könnte es sein? 2 Jahre?

Anton: Haut hin. Philip: Länger als 2 Jahre?

Håkan: Wir haben sehr schnell nach dem Release von Inguz angefangen, als Philip die Demos hochgeladen hatte.

Philip: Gerade weil wir ein Studio haben.

Håkan: Ja seitdem war es ein langer Prozess, aber es war gut! Wir haben ein paar Songs die wir quasi nach dem Release von Inguz geschrieben haben die jetzt komplett anders sind, White Flag zum Beispiel, der jetzt sehr unterschiedlich klingt. Also ja, ca. 2 Jahre.

Auf Instagram konnte man sehen, dass ihr schon an Studioalbum 3 arbeitet. Stimmt das?

Håkan: Na klar!

Philip: Ja, das ist wahr! Soweit haben wir schon 3 Demos geschrieben aber es ist nicht so, dass wir sagen, dass wir jetzt an Album Nummer 3 schreiben. Wir schreiben Songs und das werden wir immer machen. Außerdem ist es dazu da um zu sehen in welche Richtung es gehen könnte und was als ein mögliches Ziel dienen könnte. Wir möchten uns nicht selber eingrenzen, sodass wir nicht sagen „Oh, “Collide“ war ganz gut, jetzt schreiben wir Collide 2.0“ und dann diese komischen Sachen machen. Für das jetzige Album, White Flag, haben wir 30-40 Demos gehabt, jetzt sind es nur 12 Songs auf dem Album.

Manchmal ist das besser als alles auf einem Piano oder Akustikgitarre zu schreiben, wir können im Studio direkt unterschiedliche Sounds mischen und dann z.B. diese 30-sekündige Sequenz auf das Maximum bringen, sodass es wie ein fast fertiger Track klingt. Wenn es dann immer noch nicht gut ist, wird es halt zur Seite gelegt. Manche Tracks brauchen halt etwas mehr um gut zu klingen und andere klingen gerade gut weil das komplette Arrangement gut ist. Also wollen wir nicht in die Falle tappen und nur 12 Songs schreiben und hoffen, dass sie alle gut sind. Wir schreiben lieber 40 *lacht* und sehen was man daraus machen kann.

Anton, du bist an Jespers Stelle als Drummer eingetreten. Wie war es in den Schreibprozess vom neuen Album eingebunden zu werden?

Anton: Es hat echt viel Spaß gemacht aber es war auch anstrengend. Für die Drums hatten wir vielleicht noch 1- 1,5 Wochen.

Philip: Ja, 1,5 Wochen!

Anton: Es war gut und wir haben viel gemacht. Die Drums habe ich dann für 11 Songs in 4 Tagen aufgenommen.

Philip: Er war auch schon bei den Soundtrade Studio Sessions dabei und hat im Hintergrund die Einstellungen für die Drums und alles gemacht.

Anton: Das stimmt.

Philip: Du bist schon eine ganze Weile bei uns mit dabei.

Anton nickt

Philip: Man sollte die Demos für White Flag hören und vergleichen wie sie jetzt auf dem Album klingen nachdem Anton dazu kam und seine unglaublichen, neuen Ideen einbrachte!

Dann veröffentlicht diese Demos doch!

Philip: Auf gar keinen Fall! *lacht* Weil in den meisten Songs *singt ausgedachte Wörter* so klingen. Die Lyrics kommen ganz zum Schluss bei den Demos. Ich beneide echt Songwriter die auf einem Piano einen Song schreiben und die Lyrics zuerst schreiben und der Song schon eine Bedeutung hat ehe er komplett fertig ist. Bei mir ist es das Gegenteil, ich warte mit den Lyrics bis zum Schluss, ich will wissen wie die Musik, ob positiv oder negativ, klingt ehe ich entscheiden kann wie die Lyrics klingen sollen. Deswegen klingen die Demos dann halt so merkwürdig was die Lyrics betrifft.

Wird es auf dem neuen Album neue Elemente geben? Also Akustik-Elemente, stimmliche Änderungen etc…?

Philip: Auf diesem Album gibt es SO viel, dass unsere Fans es gar nicht erst begreifen werden! Zum Beispiel gibt es in “Ecstasy“ diesen Gospel Chor aus den USA die „Hey!“ und „Woo!“ singen und das gibt diesem Song dieses kleine, verrückte Element. Und in einem anderen Track “Heaven“ singe ich fast wie in einer Oper. Das klang so cool und ich habe das ganze einfach ein paar Mal geloopt und es kam als eine Art Chor raus und ja, es ist fast wie eine Oper. Und da gibt es noch “Maniac“, dort haben wir Slap Bass in der zweiten Strophe.

Håkan: In dem Song haben wir übrigens auch Bongos!

Philip: In “Keep Fucking It Up“ haben wir, keine Ahnung, 10 verschiedene Percussions drin, aber es passt zusammen. Wir haben immer noch die ganze Zeit fette Base Drums, fette Kit Bases und Gitarrenriffing aber das sind alles nur extra Elemente. Es hat alles was Normandie sein soll und ein paar Dinge noch oben drauf.

Welcher Song hat am längsten gebraucht?

Philip: Ich denke “Heaven“, wir hatten ungefähr 5 verschiedene Versionen von diesem Song und wir wussten nie wie wir diesen Song arrangieren sollen. Das hat sehr lange gedauert. Dieser Song oder “White Flag“. Als aus der Demo “Science“ dann “White Flag“ wurde war es dann ein Kinderspiel, ein Geistesblitz. Dann war der Song fertig.

Håkan: “Maniac“ hat auch sehr lange gebraucht. Da mussten wir mit den Elementen auch sehr lange rumprobieren.

Philip: Oh ja, “Maniac“ hat auch lange gebraucht.

Gibt es viele Diskussionen wenn ihr Songs schreibt?

Philip: Nein, meistens können wir uns dazu überreden warum diese Idee gut ist und wir versuchen alle das dann nachzuvollziehen. Ich war zum Beispiel Producer bei Inguz und Håkan hat den Label Reducer geholt, weil er meinte, dass einige Sachen zu viel wären und er hatte meistens Recht. *Håkan nickt* Natürlich hören wir aufeinander, niemand ist besser als der andere wenn es um Meinungen geht. Natürlich kann jemand anders besser die Drums arrangieren oder die Synthesizer aber wenn es um Ideen geht – da ist keiner besser als der andere.

Håkan: Du bist auch für alles offen und probierst alles erstmal aus.

Philip: Ja, weil ich denke, dass ich nicht besser bin als die anderen *lacht*. Manchmal kann eine Idee halt komisch klingen, aber wenn Håkan eine Idee hat sage ich, dass ich es ausprobiere bis zum fertigen Track und dann verstehe ich eventuell was er gedacht hatte. Wenn ich eine Demo hochlade sage ich auch zu den Jungs, dass sie noch etwas warten sollen und dann werden sie meinen Gedankengang hoffentlich verstehen. Gerade weil die Idee in deinem Kopf ist und es sehr schwer ist, die Idee genau so im Schreibprozess zu mischen weil man sich fragt was reinsoll.

Jeder Song auf White Flag ist über das Aufgeben. War das nur ein Zufall?

Philip: In einer gewissen Weise schon. Einige Songs weichen von dem Thema etwas ab, aber wenn man genauer hinschaut sieht man, dass die Lyrics nur das Gefühl vom Songs widerspiegeln. Denn wenn ich mein Gibberish singe und dann ‚holding back‘ kommt ist natürlich ‚holding back‘ ein Anker, weil die Worte zuerst da waren. Einige diese Wörter können eine unterbewusste Bedeutung haben weil sie an dieser Stelle sind, also gibt es eine Reihe an Wörtern die in diesem Song vorkommen und wo dann danach die Lyrics kommen. Letztendlich denke ich, dass Inguz auch ein sehr positives Album ist und wir etwas davon wegkommen wollten, nur um vom ganzen „Alles ist gut“ zu entfliehen. Denn manchmal ist es halt nicht so und so handeln viele Songs von dem Moment indem man die Vergangenheit Vergangenheit sein lässt und man in gewisser Weise aufgibt. Als wir über das Album gesprochen haben, habe ich gesehen, dass es in den Songs eine Art roter Faden gab und das waren die ersten 6 von 12 Songs. So wurde der Rest dann um dieses Thema herum geschrieben, es ist also 50/50. Es hat sich natürlich angefühlt und ich denke wir haben eine gute Message gefunden, auch wenn es um das Aufgeben geht – im Sinne von „Ja, du solltest aufgeben, aber hör mir erstmal zu“.

Wie verlief denn euer Auswahlprozess dieser Songs?

Philip: Am Anfang hatten wir 35 Songs, von denen haben wir und für 25 und dann 20 entschieden. Wir hatten dann ein Gespräch mit unserem Label, Jamie Osman kam vorbei und wir haben über das Album geredet wo das Limit sein soll und wohin es überhaupt geht. Nur um ein klares Ziel vor den Augen zu haben, weil es bei diesem Album sehr offen war. Da der Release im Herbst ansteht hatten wir dann 18 Songs an denen wir auch sehr hart gearbeitet haben. Aber wir wollten kein Album mit 18 Songs haben von denen 13 gut sind und der Rest eher mittel. Also haben wir uns dann auf 13 Songs geeinigt und letztendlich haben wir Nummer 13 namens “Exhale“ auch rausgeschmissen. Der Song ist noch gut und wir haben ihn manchmal als Intro für “Ghost“ während der Shows. Es sind halt nur Synthesizer und meine Stimme und es hat sich nicht wie Normandie angefühlt, also musste der Song raus.

Gibt es Songs die ihr aus alten Zeiten wieder rausgekramt habt und die später dann erschienen sind?

Håkan: Wir haben das tatsächlich mit “Collide“ UND “Believe“ gemacht. Sie waren keine passende Songs damals für uns als Metalcoreband und als Inguz quasi fertig war haben wir darüber nachgedacht noch einen Song dazuzunehmen. Wir sind durch unsere alten Demos gegangen und haben über “Collide“ nachgedacht. Den Song haben wir komplett überarbeitet und es ist super geworden. Es ist also nicht unmöglich, dass ein alter Song irgendwann mal wieder auftaucht.

Philip: Ja, z.B. “Dead“, du warst damals im Studio *zeigt auf Anton* und hast die Drums aufgenommen als ich die Demo fertig hatte und meinte, dass wir den jetzt fertig machen sollten. Also haben wir einen anderen Song rausgeschmissen und “Dead“ auf das Album gepackt. Diesen Song hatten wir 1-2 Wochen vor der Deadline fertig.

Habt ihr White Flag selber produziert/co-produziert?

Philip: Oh ja, ich habe es produziert und Anton hat die Drums produziert, die Songs haben wir zum selben Audio Engineer geschickt wie damals mit Inguz. Wir lieben es mit ihm zu arbeiten und er hat so etwas, was wir gerne im Sound von Normandie haben und wir können den Sound auch noch etwas gestalten. Er lebt in Stockholm also kann ich dort hin und ihm sagen, wie wir es gerne hätten und er ist da auch sehr offen. Er ist super, weil wir seine Sachen mögen und wir aber auch noch Mitspracherecht haben und das nicht immer der Fall bei Audio Engineers ist.


Autorin und Foto: Carolin Czarnecki