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Im Wortwechsel mit OMBOYS

Im Wortwechsel mit OMBOYS

Spiritualität und Rap waren bisher nicht unbedingt Worte, die wir zusammengebracht haben. Doch Anna hat die OmBoys kennengelernt und sich im Wortwechsel über die außergewöhnliche Kombo unterhalten.

OmBoys, das sind Yung Krishna und Shiva108. Vor wenigen Wochen veröffentliche das Duo ihre Single „Energie“ und brachte dort erstmals mal ihre besondere Kombination aus Deutschrap und Spiritualität zusammen. Die Beats sind stark und zeitgeistig, unaufmerksame Hörer*innen würden vielleicht erstmal gar keinen Unterschied zu dem hören, was in den tagesaktuellen Playlists rumgeistert. Doch spitzt man die Ohren, so findet man im Debüttrack der OmBoys etwas, das man noch nirgends so gehört hat.

Doch wie passt ein Genre wie Deutschrap, in seinen vordersten Reihen rau, materialistisch veranlagt und alles andere als harmonisch, mit Spiritualität, der Lehre des Yogas und bewusstem Leben zusammen?

Dafür sollte man im Fall der OmBoys einmal in der Geschichte zurückgehen. Die beiden kennen sich seit knapp 20 Jahren, führen seither eine „tiefe, innige Freundschaft“ und teilen ihre Liebe zu Hip Hop und Rap. Die Spiritualität folgt viele Jahre später. Persönliche Krisen führen die beiden Freunde zu einem bewussteren Leben, zu großen Veränderungen: Beide widmen sich spirituellen Elementen wie einem positiven Mindset, gesunder Ernährung, Meditation. Yung Krishna lässt sogar seinen 9 to 5-Bürojob hinter sich und beginnt einen neuen Lebensabschnitt in einem Allgäuer Yogazentrum, in dem er seit mittlerweile vier Jahren lebt und arbeitet.

Und Yoga, das ist viel mehr als die 30-minütigen YouTube-Videos, die ich in meinem Wohnzimmer mache. Dafür bekomme ich trotzdem Props (irgendwo muss man ja anfangen), lerne aber auch, dass hinter dem Begriff Philosophie und System stecken.

Die Idee für OmBoys kommt ihnen während des Besuches eines Yoga Xperience Festivals. „Dort haben wir gemerkt, dass wir gerne unsere Spiritualität mit Rap verbinden wollen“ sagt Shiva108. Er erzählt von den musikalischen Erlebnissen, von elektronischen Acts und auch Auftritte, die man im Hip-Hop verzeichnen könnte – doch es fehlt etwas. „Wir wollten diesen freshen Hip-Hop-Sound mit spirituellem Sound und spirituellen Inhalten kombinieren.“ Yung Krishna ergänzt: „Da war eine tolle Grundenergie und doch war es so, dass mein eigenes Hip-Hop-Herz gerne noch mehr wollte“. Sie nehmen das Schicksal des Spiritual Raps also selbst in die Hand, lassen Deepness nicht für Swag und Tanzbarkeit links liegen, sondern erschaffen eine ganz neue Fusion aus diesen Komponenten.

Das Ästhetische mit dem Inhaltlichen kombinieren in einer tanzbaren Geschwindigkeit hat zu unserem ersten Song „Energie“ geführt

Das Wort Energie fällt in unserem Gespräch häufig. Es wird einleuchtend, wieso der Debüttrack so heißt und wieso sie gerade diesen Song dafür ausgewählt haben. „Der Song ist der Transformationskraft gewidmet“ erzählen sie. Und wie sie ihr Leben angehen, so behandeln sie auch ihre Musik. Es sei ein sehr bewusster Schreibprozess gewesen, nachdem die OmBoys das Instrumental erhalten haben. „Wir haben uns erstmal gefragt, welches Chakra wir mit diesem Song assoziieren. Also zu fragen ‚Was spüren wir da?‘.“

Nach der yogischen Lehre gibt es sieben Chakren, welche die „angenommenen subtilen Energiezentren zwischen dem physischen Körper und dem feinstofflichen Körper des Menschen“ bezeichnen. Sie spüren ganz eindeutig das Sonnengeflecht-Chakra (Manipura Chakra), finden darin Energie und Transformation. Für die Spiritualität, aber auch die Musik. Der Kreis schließt sich und plötzlich scheint diese Kombination gar nicht mehr so absurd zu sein, wie sie beim ersten Eindruck vielleicht scheinen könnte.

Heutzutage spricht man häufig vom Genrelosigkeit, Genrefluidität – Hauptsache nicht mehr alles in ein und die selbe Schublade quetschen wollen. Und doch erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich versuche, Dinge einzuordnen. Sie zu vergleichen, ihnen eine Position in einem bestehenden Kosmos zu geben. Die OmBoys wenden sich davon ab:

Es ist Yoga-Rap, aber am Ende des Tages ist es gar nicht der Anspruch, dass es in der Rapszene stattfindet.

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Energie“ lebt von den Flows, aber endet Rap-untypisch mit etwas, das in der Popkultur allgemein eher selten auftritt: Ein Mantra – ein energetisches natürlich. „Also ein Song auf Spotify, der ein Mantra hat“ lacht Shiva108, „da ist mir klar, dass es das so nicht im Rap gibt“. Am Ende gehe es ihnen mehr um die innere Energie, nicht um das äußere Gewand der Musik. „Es ist ein Herzensprojekt.

Es kommt darauf an, worauf wir Lust haben und was sich gut anfühlt“ fügt Yung Krishna hinzu. Und er geht noch tiefer: „Man kann gleich in der Entstehung der Musik, im Kreationsprozess, diese yogischen Philosophien und Ansätze finden. Einer davon ist, die Erwartungshaltung aufzulösen. Das heißt auch, viel eher dahinzugehen, aus dem Hier und Jetzt heraus etwas zu erschaffen, und dann loszulassen. Zu sagen: Ich habe mein Bestes gegeben mit großer Freude – wenn es dir gefällt, wunderbar! Wenn es dir nicht gefällt: auch okay. Dann hört man auf, zu kreieren, was andere kreieren oder was en vogue ist und macht stattdessen das, was in einem selber da ist und vibriert. Dann gibt man das nach Außen und so entsteht etwas Authentisches.

In ihrem Projekt trifft Ernsthaftigkeit auf Leidenschaft. Man wiegt Rap und Spiritualität nicht gegeneinander auf oder spielt sie durch voreingenommene Erwartungen runter. Das ist beeindruckend und inspirierend, zeigt mir noch einmal ganz neue Gedankengänge in der Musikkreation.

Doch eine Sache brennt mir noch auf der Seele, etwas, das ich mir noch nicht selbst beantworten kann: Funktioniert Yoga Rap auch live? Und wenn ja: Wie? Und wo? Meine Gedanken schwirren beim Thema Festivals irgendwo zwischen ekstatischem Moshpit und dem in den letzten Jahren so hip gewordenen Bier Yoga. Die OmBoys bringen zum Glück Klarheit in meinen kläglichen Selbsterklärungsversuch. „Mit „Energie“ steht zum Beispiel die energetische Seite im Vordergrund, das ist natürlich perfekt festivalgeeignet“ sagt Yung Krishna, deutet im gleichen Zuge aber auch an, dass im Zukunft durchaus auch andere Songs von den OmBoys kommen, die sich davon entfernen. Tanzen ist also erstmal ausdrücklich erlaubt. Dann aber eher nicht bei altbekannten Hip-Hop-Festivals, sondern erstmal im Rahmen der Yoga-Festivals.

Und sobald das Xperience Festival, auf dem vor zwei Jahren die Idee für die OmBoys entstanden ist, wieder stattfinden kann, kommen Yung Krishna und Shiva108 nicht nur als Besucher, sondern auch mit dem mittlerweile verwirklichten Projekt als Act vorbei. Wir dürfen also gespannt sein, was die OmBoys in der nächsten Zeit noch bereithalten.

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