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Im Wortwechsel mit RAZZ

Im Wortwechsel mit RAZZ

RAZZ-Frontsänger Niklas Keiser hat sich zum Release ihrer neuen EP „Might Delete Later“ mit Anna im Wortwechsel über Corona-bedingte Lebenskrisen, die Suche nach dem richtigen Sound, nettgemeinte Kritik und das Verhalten im Internet unterhalten.

Schön, dass ihr als Band wieder da seit! Was habt ihr in der Zeit getrieben, in der ihr nicht unterwegs wart?

Niklas: Sehr viel geschrieben. Sehr viel auch verworfen, sehr viele beschissene Songs geschrieben, Sachen gehabt, in denen wir Razz 3.0 nicht gesehen haben. Dann irgendwann gemerkt, was cool ist und die Sachen gefunden, die wir machen wollten. „1969 – Conrad“ war zum Beispiel so ein Song, der das markiert hat und eine Art Meilenstein war für die Richtung, in die wir uns verliebt haben und wo wir gedacht haben „das finden wir sehr gut und so können wir das auf uns vorstellen“.

Aber zwischendrin haben wir sehr viele Songs geschrieben, es sind bestimmt um die 60, von denen 30 vorzeigbar sind, die wir dann nochmal vorsortiert haben, welche mit ins Studio kommen, welche nicht. Aber ja, auf jeden Fall sehr, sehr viele Songs geschrieben, was anderes blieb ja auch kaum noch übrig.

Ihr wart ja gefühlt seit dem Release eures Debütalbums permanent on Tour. Habt mittendrin euer zweites Album rausgebracht und wart weiter unterwegs. Da hat man ja auch irgendwann gar keine Zeit mehr, so wirklich zu realisieren, was alles passiert, eine Pause einzulegen oder zu überlegen, wie es überhaupt weitergehen soll.

Niklas: Das hatten wir jetzt Gott sei Dank schon vor dieser dritten Veröffentlichung, weil wir uns sehr viel damit auseinandergesetzt haben. Man sagt ja immer „das dritte Album, blabla„, diese Floskel.

Aber wir haben uns dadurch, dass wir jetzt eine EP gemacht haben und uns erstmal auf 6 Songs beschränkt haben,  ein bisschen den Druck genommen. Zum einen von Außen. Zum anderen auch nochmal dieser innere Druck, weil wir gesagt haben „Might Delete Later„, es muss jetzt einfach nicht perfekt sein. Wir sind happy mit der Moment-Aufnahme, die es jetzt gerade geworden ist.

Es ist dieses Lossprechen vom Perfektionismus und diesem ganzen „das muss jetzt zu hundert Prozent stimmen„. Manchmal reicht es auch, wenn man es in dem Moment fühlt und sich das richtig anfühlt. Das ist das, was „Might Delete Later“ widerspiegelt.

Ich lerne gerade für mich, ziemlich ähnlich, dass ich nicht immer schon alles 100%ig wissen muss, das ich keine langfristige Planung brauche.

Niklas: Ja, davon habe ich mich auch so ein bisschen los gesprochen, weil man einfach auch in dieser Pandemie gemerkt hat, dass man so viel planen kann, wie man will, gerade auch als Musiker*in bzw. Künstler*in – letzten Endes ist diese Bubble, in der wir stecken, so vage. Das habe ich zumindest im vergangenen Jahr für mich gemerkt, viel hinterfragt, besonders dieses ganze Musiker sein-Ding. Macht das für jeden Sinn oder macht das auch gerade für mich Sinn?

Ich bin zum Entschluss gekommen “ja, definitiv”, vielleicht weil ich auch nichts anderes kann, aber ich bin einfach so happy das machen zu dürfen und ins Studio zu gehen und mit Leuten zu arbeiten, die alle genau das gleiche wollen und wo man ein Ziel verfolgt, das ist einfach so ein wahnsinniges Privileg. Das ist eine positive Erkenntnis, die ich aus dem Corona-Scheiß  mitgenommen hab.

Habt ihr euch in der Zeit mal zusammengesetzt und gefragt: Wie gehts weiter? Geht es weiter? Oftmals gibts nach einer längeren Pause oft personelle Veränderungen, weil einer doch gern was anderes machen will, das sehe ich immer wieder. Hattet ihr solche Gespräche?

Niklas:Ich kann hauptsächlich für mich sprechen, dass ich im letzten Jahr, wie gesagt diese kleine Krise hatte, wo mir der Boden unter den Füßen weggerissen wurde, – weil es auch finanziell natürlich die Grundlage war, Festivals und Konzerte zu spielen. Aber auch diese Routine, der etwas andere Arbeitsalltag als Band, das ging plötzlich von 100 auf 0, war quasi ganz weg.

Ich glaube, das war einfach der Grund, warum ich mich nochmal gefragt habe “ist das das, was ich will? Mit dem ich leben will? Mit dieser ständigen Unsicherheit und dieses davon abhängig zu sein, dass alles andere gut läuft?” Aber da bin ich drüber hinweg, weil ich so happy bin mit dem, was ich machen darf. Ich bin da total dankbar für, auch wenn das so platt klingt, aber es ist wirklich so.

Langsam kommen Planungssicherungen und ein geregelter Alltag zurück – wie geht ihr damit um?

Niklas: Ich kam ganz gut damit klar, irgendwann zu merken, dass die Songs, die wir jetzt haben, uns gefallen. Und wenn wir so weitermachen und die Songs schreiben, dann hat man so sich viel, viel kleinere minimale Ziele gesetzt. Einfach Songs erstmal sukzessiv fertigzustellen und zu veröffentlichen – deswegen war das auch so ein Punkt, erstmal eine EP zu machen. Um nicht so lange zu warten, bis das komplette Album fertig ist, sondern direkt die EP zu machen, damit schon vorab den Leuten was zu zeigen. Es gibt natürlich auch noch anderes Material, was später rauskommen wird. Aber „Might Delete Later“ soals ersten Schritt war schon mal ein gutes erstes Ziel, um wieder Fuß zu fassen.

Als jahrelanger RAZZ-Fan möchte ich an dieser Stelle mal loswerden, wie cool ich die neuen Sound-Experimente finde! Und nach dieser längeren Pause mit einer EP auf diese Weise auch neue Spannung erzeugen kann. Oft hab ich das Gefühl, Leute sind komplett überfordert und fühlen sich persönlich angegriffen, wenn sich ihre Lieblingsbands „plötzlich“ weiterentwickeln.

Niklas: Also man bekommt ja tatsächlich selbst nicht so viele negative Kritik mit, aber ich erinnere mich an so 1-2 Nachrichten, die ich gelesen habe, dann stand „ich mag euer neues Zeugs alles cool„, aber dann ging es weiter mit „das ist mir etwas zu modern“ und was weiß ich irgendwie diese Richtung, und ich denk mir so: okay ja fair, ich verstehe das voll und das muss ja auch nicht immer jedem gefallen. Aber ich hab als Mensch irgendwie auch den Anspruch, dass ich nicht immer nur das machen möchte, was ich mit ersten beiden Alben gemacht habe .

Vielleicht ist das ne komische Herangehensweise, aber eigentlich ist glaube ich normal für so Künstler*innen, dass man hauptsächlich das macht, was sich für einen gerade richtig anfühlt, wie man sich gerade fühlt, die Musik soll das ja irgendwo widerspiegeln.  Ich könnte schon nochmal das erste oder zweite Album schreiben, aber es würde dann zum einen nicht authentisch sein und zum anderen  würde mich das total nerven. Das wäre auch gar nicht Sinn des Projekts.

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Ne, und dann müssen Leute auch endlich mal darüber hinweg kommen, dass Kunst und auch die Kunstschaffenden nicht darauf angewiesen sind oder sich danach richten, was diese einzelne Person in dem Moment möchte.

Niklas: Ich frag mich dann auch, was sich diese Leute erhoffen? Darüber habe ich glaub ich noch in keinem Interview gesprochen. Was denken diese Leute, die uns sowas schreiben? Ich findeFeedback ja immer cool und ich freue mich auch, wenn wenn ich irgendwas in der Richtung höre, aber letzten Endes mache ich das halt echt zu mache ich das zu großen Teilen für mich bzw. für uns.

Weil es meine Passion ist, und wenn das Leute mögen, freut mich das umso mehr und ich freu mich auch, wenn Leute aufs Konzert kommen und wir da irgendwie Momente und Erinnerungen schaffen können zusammen, die uns irgendwie verbindet mit Personen, die ich vielleicht nie in meinem Leben wiedersehen werde, dafür machen wir das ja auch. Aber was ist die Intention dahinter, zu sagen „ich finde das ganz gut, aber ich würde das verändern“ oder „ich finde beim ersten macht dir das besser„. Ist okay, ja, aber das ist halt einfach vorbei. Du kannst dieses erste Album auch immer noch hören, das ist super cool.

Und das erste Album ist immer noch großartige Musik, keine Frage. Das bleibt ja bestehen.

Niklas: Genau. Aber es wäre auch langweilig, wenn man drei mal das gleiche Album machen würde, oder?

Na klar, ihr müsst ja am Ende auch damit arbeiten. Ihr müsst damit auf Tour gehen und wenn ihr jetzt drei Alben rausbringen würdet, die komplett gleich klingen und das immer wieder spielt, vergeht einem doch die kreative Lust. Aber oft habe ich das Gefühl, dass viele gar nicht greifen können, dass ihr solche Nachrichten tatsächlich lest und damit umgehen müsst.

Niklas: Das ist ja noch mal so ein anderes Thema, die große weite Welt des anonymen Internet. Wir sind zum Glück sehr weit davon entfernt, Hassnachrichten zu bekommen, aber wenn ich mir zum Beispiel Kommentare unter den Posts der Tagesschau anschaue, ist das echt krass, was da abgeht.

Ich habe da einmal was kommentiert und wurde tagelang von Fremden bombadiert und beleidigt…

Niklas: Hate Speech ist ein krasses Thema, also was Leute sich da erlauben, auch die wahrscheinlich irgendwie selbst Probleme haben.Also irgendwo hat es ja immer einen Ursprung. Voll schlimm, wenn man sowas posten oder Hate Speech allgemein schreiben muss.

Auch bei Aktivist*innen, die sich für irgendwas stark machen, was sie dann als Gegenwind von Idioten zurückbekommen ist schon echt heftig und es muss in jeder Form dagegen angegangen werden und auch zeigen „ey, du bist zwar im Internet, aber du schreibst echte Leute an die das lesen und die du damit einfach verletzt, das ist beschissen!„.

RAZZ AUF „MIGHT DELETE LATER“ TOUR 2022

16.01.2022 Berlin, Columbia Theater
17.01.2022 Leipzig, Naumanns
18.01.2022 Dresden, Groove Station
19.01.2022 AT-Wien, Chelsea
20.01.2022 München, Ampere
22.01.2022 CH-Zürich, Kater
23.01.2022 Stuttgart, Im Wizemann Studio
25.01.2022 Hamburg, Knust
26.01.2022 Osnabrück, Lagerhalle
27.01.2022 Dortmund, FZW
28.01.2022 Köln, Luxor
29.01.2022 Frankfurt, Zoom
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