Wer in 2020 mit SEA GIRLS auf dem Laufenden bleiben will, muss sich ganz schon ranhalten. Die britische Band ist extrem beschäftigt, Fans können sich glücklich schätzen, ständig kommt neuer Content oder Neuigkeiten. Im Rahmen ihrer EU-Debüttour haben wir uns mit den Jungs in Berlin getroffen, über ihre neue EP `Under Exit Lights´, das erste Album und Autobahnraststättenduschen gesprochen.


Ihr startet das neue Jahr bzw. sogar Jahrzehnt mit einem ziemlichen Knall. Mitte Januar habt ihr eine Single herausgebracht, seid gerade auf Europa-Tour, im März veröffentlicht ihr eine EP (Under Exit Lights EP jetzt überall verfügbar), im April geht ihr auf eure bis jetzt größte UK-Tour, außerdem wart ihr auf der shortlistet für MTV PUSH: Ones To Watch 2020. Wie fühlt ihr euch mit dem Allen?

Sehr positiv! Wir dachten letztes Jahr schon, das wäre unser Jahr, aber es ist dieses! Aber das werden wir wahrscheinlich jedes Jahr sagen. Hoffentlich wird es immer besser. Aber ja, wir sind sehr positiv gestimmt.

Soll eure letzte Single `Ready For More´, die Premiere bei Annie Mac’s Hottest Record In The World hatte, das widerspiegeln? Seid ihr auch bei so viel Wirbel noch bereit für mehr?

Es hat auf eine coole Art eine Doppelbedeutung. Ursprünglich geht es in dem Lied darum, sich nicht unbedingt gut zu verhalten und irgendwo auch ungesund, was ich eigentlich nicht machen wollte, aber es trotzdem getan habe. Ich habe mir die Frage gestellt wie ich davon wegkomme oder ob es einfach unvermeidlich für immer so weiter gehen wird. Aber dadurch, dass es so früh im Jahr rausgekommen ist, können wir damit auch sagen ‚Hey, wir sind bereit auf das, was auf uns zukommt!‘ So ist es gleichzeitig eben ein recht positives Statement. Letztes Jahr ist schon viel für uns passiert, daran ändert sich erstmal nichts.

Die Single klingt gleichzeitig optimistisch, aber auch pessimistisch, was die EP insgesamt meiner Meinung nach auch tut. 3 der Songs darauf konnte man bereits vor Erscheinung der EP anhören, neu sind die beiden Lieder ´Soldier On` und `Timeless`.

Timeless haben wir auch auf der Tour gespielt, das ist ein Moment, den wir so während Konzerten bisher nicht hatten. Ein sehr ruhiger Song, deswegen auch etwas aufregend. Die EP allgemein ist aber auch ein Teaser auf unser Album.

Sollte die EP eine Art Hommage an junge Leute sein oder ist sie allein auf persönlichen Erfahrungen basiert?

Man kann meistens gar nicht anders als auf der Basis von eigenen Erfahrungen zu schreiben. Das und was einem auch anderweitig während des Schreibprozesses im Kopf rumgeht. Man möchte mit seiner Musik eine Energie rüberbringen, die für einen selbst auch aufregend ist. Die EP wurde nicht als `Das ist die Under Exits Lights EP` geschrieben, es ist eher eine Kollektion aus Liedern, die für uns zusammen Sinn gemacht haben. Wir haben nicht gesagt, wir schreiben jetzt eine EP und dann setzen wir uns an ein Album. Es war eher so, dass wir der Meinung waren, dass diese Songs zusammen gut funktionieren würden und wir dachten, es wäre das gut, das so vor dem Album rauszubringen.

Meine liebe Kollegin Anna hat letzten August bereits ein Interview gemacht und es wurde über das Album gesprochen, außerdem habe ich online gelesen, es hätte eigentlich Anfang des Jahres veröffentlicht werden sollen. Wie sieht es damit aus?

Wir beeilen uns damit nicht. Zu diesem Zeitpunkt ist es fast fertig. Wir nehmen so viel auf wie wir können, je mehr wir aufnehmen, desto besser wird es am Ende auch sein. Wir wollen wirklich sicher gehen, dass es ein gutes Album wird.


„Optimalerweise soll das Album viele verschiedene Seiten von uns zeigen, weil wir sehr dynamische Personen sind.“


Habt ihr eine Menge an Liedern und versucht zwischen diesen zu entscheiden, welche aufs Album kommen?

So ziemlich. Wir haben schon eine ungefähre Idee, aber noch keine feste Reihenfolge. Klar gibt es ein paar für uns offensichtliche Wahlen, aber allgemein wollen wir einfach unsere besten Lieder, die gleichzeitig aufregend und relevant sind, darauf haben. Optimalerweise soll das Album viele verschiedene Seiten von uns zeigen, weil wir sehr dynamische Personen sind. Macht das Sinn?

Ja, macht es! Wie sieht denn euer kreativer Prozess aus, poppt euch einfach etwas hier und da in den Kopf oder trefft ihr euch und brainstormt dann zusammen?

Beides! Es gibt keinen festen Ablauf wie so etwas passiert…. Das ist eine langweilige Antwort. Aber es stimmt. Manchmal kommt jemand mit einem kompletten Song, den er zuhause geschrieben hat, manchmal haben wir als Band eine Idee und setzen uns dann zusammen dran. Als wir letztes Mal im Studio waren, kam Henry mit einer Idee an, aber letztendlich haben wir dann eine Woche damit verbracht und daran gearbeitet. Jeder hat jede Idee, die er dazu hatte in die Runde geworfen und so haben wir den Song geformt. Man baut ein Lied auf, dekonstruiert es, baut es wieder auf, dekonstruiert es, drei bis vier Mal, bis man etwas hat, womit man zufrieden ist. Wenn es zum Text kommt, versucht man sich von diesen `Ich sitze in einem Raum und schreibe einen Text` zu distanzieren. Gewissen Emotionen kommen bei gewissen Bewegungen raus, wenn man also zum Beispiel hart seine Gitarrenseiten trifft, ist es wahrscheinlicher, dass Lyrics ohne Hemmungen zu einem kommen.


Es gibt eigentlich keine Ausreden mehr, seinen Geschmack nicht zu erweitern, wenn man etwas kreiert.


Wie steht ihr denn zum Thema `Genre´? Ist das etwas, was eurer Meinung heutzutage noch wichtig ist? Findet ihr, es ist wichtig auch mal Grenzen zu überschreiten?

Tyler. The Creator hat vor kurzen etwas dazu gesagt. Leute hatten ihn als Urban abgestempelt, aber soweit er sich selbst -und die meisten anderen ihn auch- beurteilt macht er Pop-Musik. Es ist alles relativ wenig hilfreich mittlerweile, wenn überhaupt, hilft es dabei Dinge leichter verdaulich zu machen. Es gibt eigentlich keine Ausreden mehr, seinen Geschmack nicht zu erweitern, wenn man etwas kreiert. Heutzutage ist es allgemein schwieriger, die Aufmerksamkeit der Masse zu gewinnen und dann auch zu behalten. Alles ist so leicht verfügbar, man kann zwischen den verschiedensten Sachen hin- und herwechseln. Das kann eine gute und eine schlechte Sache sein. Das bedeutet, man bekommt am Ende meistens interessantere Musik. Es gibt bestimmt Menschen, die tatsächlich zum Beispiel nur Rock-Musik mögen. Aber solang ein Lied eine gewisse Attitüde hat, könnte er in jede Stilrichtung gehen und trotzdem alle Art Leute anziehen. Das macht ein Werk wirklich attraktiv.

Ihr seid als Band relativ schnell gewachsen, gibt es etwas, dass ihr rückblickend anders machen würdet?

Wir schreiben inzwischen definitiv viel weniger zusammen, als wir es früher getan haben. Damals waren es nur wir in unserem Proberaum, jetzt arbeiten wir mehr individuell an Dingen, einfach weil wir beschäftigter sind. Abgesehen davon hat sich nicht viel verändert, was vermutlich auch wichtig ist, um alles am Boden zu behalten. Ansonsten vielleicht einfach etwas entspannter und generell sehr offen an Dinge heranzugehen. Uns nicht wegen jeder Kleinigkeit zu stressen. Beispielsweise spielen wir live immer so wie wir gerade finden, dass es sich am besten anfühlt, statt kleinlich auf alles zu achten. Zwar haben wir das recht von Anfang an gemacht, aber es ist einfach eine Routine zu entwickeln und berechenbar zu werden. Wir wollen alles genießen, weil wir Glück haben, das zu machen, was wir machen. Grob zusammengefasst: etwas mehr chillen.

Was ist eurer Meinung nach eine Band, die im Moment mehr Anerkennung verdient, als sie bekommt?

Sea Girls? Spaß! Oder auch nicht? Wir haben Freunde zuhause, die sich Marsicans nennen, die sind super. Wenn wir in England mit anderen Bands oder auf Festivals spielen, laufen wir eigentlich oft den gleichen Künstlern über den Weg. Es gibt eine Band namens `whenyoung´, die ist auch toll. Man sieht diese Bands und sieht, wie hart sie arbeiten und die gleichen Festivals und Venues wie wir spielen. In England gibt es auch eine Künstlerin, die L Divine heißt. Sie wird sowieso mega erfolgreich sein, also ist es nicht so als ob die die Hilfe bräuchte, aber sie ist fantastisch.

Singt ihr in der Dusche und wenn ja, was singt ihr gerade?

Das ist eine gute Frage! Hmmm, wir singen alle unterschiedliche Lieder von der `Under Exit Lights´ EP. Nein, ernsthaft, was singen wir? Heute hatten wir tatsächlich kaum Zeit für auch nur ein Lied, weil wir an einer Autobahnraststätte duschen mussten, das hat 1€ für 4 Minuten gekostet. Nicht gerade komfortabel.

Habt ihr Venues auf euer Bucketlist, die ihr unbedingt mal spielen wollt?

Brixton Academy in England. Red Rocks in Amerika. Den größeren Raum des Paradiso in Amsterdam. Und natürlich ein DJ-Set im Berghain!


Autorin: Theresa Liebl Foto: Parri Thomas