Der Festivalsommer 2019 ist für Sea Girls die große Europa-Premiere. Hierzulande füllten die Briten aus der englischen Hauptstadt bereits im Juni die Zelte beim Southside und Hurricane, beglückten zuletzt das Haldern Pop mit ihrem tanzbaren Indierock und werden in ein paar Wochen ein Geheimtipp beim Reeperbahn Festival sein. Auch mit ihrer neuen Single „Violet“, die gestern Abend ihre Premiere feierte, erobert die Newcomer-Band weiter Herzen.


Ein Artikel von Anna Fliege – Frontmann Henry Camamile erzählt mir in unserem Gespräch von seinem Fauxpas beim Southside Festival, ich höre erste Details zum heiß erwarteten Sea Girls-Debütalbum, wir reden über Seelenstriptease beim Songwriting und welchen Einfluss der Support von BBC1 und Annie Mac für die Band hatte.


Henry, wie geht es dir? Ihr befindet euch mitten in eurer großen Festivalsaison, oder?

Henry Camamile: Hey, super! Grad sind wir für ein paar Tage im Studio und nehmen unser Album auf. Und dann kommen wieder drei volle Festivalwochenenden.

Oh, das klingt busy! Irgendwelche bisherigen Highlights, die du nennen kannst?

Henry Camamile: Ich muss sagen, dass mich Southside und Hurricane Festival in Deutschland total beeindruckt haben. Das war verrückt! Wir haben zuerst beim Southside gespielt und waren total überrascht, dass so viele Menschen zu unserem Auftritt kamen, um uns zu sehen und sogar die Songs kannten.

Dann waren wir beim Rock Werchter, das war auch der Hammer. Danach haben wir noch in London bei einem gespielt, Community Festival heißt es, wo 20.000 Leute kamen. Das war ein großes Highlight, das war enorm.

Ich habe euch tatsächlich vor ein paar Wochen beim Hurricane Festival gesehen! Das waren eure ersten Konzerte in Deutschland, nicht wahr? Wie habt ihr das empfunden, außerhalb des eigenen Landes zu spielen und zum ersten Mal auf Leute zu treffen, die, wie du gerade erzählt hast, schon eure Songs kennen.

Henry Camamile: Wie cool! Es ist seltsam aufregend, würde ich sagen. Es bedeutet ja, dass unsere Musik Leute erreicht hat. Ich finde es wahnsinnig schön, dass unsere Songs für diese Menschen relevant ist. Weißt du, dafür, dass es unsere ersten Konzerte außerhalb Englands waren, waren da schon wirklich eine Menge Leute vor der Bühne. Das gibt uns allen Grund, wieder zu kommen. Wir können uns überlegen, ob wir dort auf Tour gehen wollen.

Es war verdammt aufregend. Um ehrlich zu sein, war ich so aufgeregt, dass mir etwas Peinliches passiert ist. Also, beim Southside war es glaub ich…da konnte ich gar nicht einschätzen, wie viele da kommen würden – und es wurde tatsächlich sehr voll. Und dann habe ich vor allen Leuten meine Gitarre fallen lassen und sie ist kaputt gegangen.

Der perfekte Weg, im Gedächtnis zu bleiben. Das ist das Rockstar-Image, das alle erwarten!

Henry Camamile: Indem ich meine Gitarre zerstöre? Auf jeden Fall! Aber jetzt muss ich ein bisschen mehr auf meine neue Gitarre aufpassen.

Du hast zu Beginn gesagt, dass ihr gerade im Studio seid und am Album arbeitet. Kannst du schon ein wenig mehr erzählen? Ich werde die Geheimnisse natürlich bewahren, wenn es sein muss. Aber ich würde wirklich gern mehr über euer Debütalbum erfahren.

Henry Camamile: Ich kann dir das erzählen, was man bisher dazu sagen kann. Wir haben eine Menge Songs dafür, ganz unterschiedliche. Wir sind vielseitig, wenn es um den eigenen Musikgeschmack geht und darum, was uns beim Songschreiben inspiriert. Künstlerinnen wie Lana Del Rey, Amy Winehouse, aber natürlich auch Bands wie The Killers – wir haben ein großes Spektrum, aus dem wir schöpfen können.

Neben Rocksongs haben wir ein paar Balladen, eine Art von Songs, die wir bisher noch nicht veröffentlicht haben, auch klavierbasierte Tracks. Das ist aufregend. Irgendwo zwischen minimalistischen Songs und ja, hymnenartigen Liedern. Es wird ein sehr abwechslungsreiches Album. Da wird nicht alles gleich klingen, sondern eine Replik von all der Musik werden, die wir selbst gerne hören. Da ist für jede Emotion und jede Situation was dabei!

Wir versuchen, so gut wie möglich zu sein. Es wird vermutlich zu Beginn des nächsten Jahres erscheinen.

Henry, du bist für den Text verantwortlich, nicht wahr? Lassen Sie uns ein wenig darüber reden. Du schreibst viel über Gefühle, das gefällt mir wirklich. Ich kann mich gut mit den Songs identifizieren. Hilft es dir, Emotionen zu schreiben und in Songs zu verwandeln, um sie besser zu verstehen?

Henry Camamile: Ja, ich würde sagen, dass ich zum größten Teil dafür zuständig bin. Und es hilft schon. Ich schreibe oft über schwierige Emotionen. Es gibt viel Glück und Hoffnung, aber es gibt auch eine dunkle Seite. Sachen wie Selbstzweifel oder das Schlimmste in Situationen sehen beziehungsweise erwarten. Ich versuche es zu akzeptieren – und das ist eine wirklich mächtige Sache.

Auf diesem Weg kann ich mit diesen Gefühlen umgehen, glaube ich. Und ich halte es für sehr wichtig, darüber zu schreiben. Weil es nunmal ein Part der eigenen Erfahrung ist, weißt du? Indem ich diese Dinge zu Songs verarbeite, zeige ich, dass es in Ordnung ist, so zu fühlen. Und so wird es irgendwie zu etwas Schönem.

Ist das nicht manchmal beängstigend, wenn man über seine Gefühle schreibt und sie dann für immer als Song veröffentlicht? Ich meine, Notizen kann man immer wegschmeißen oder löschen – einen Song oder ein Album nicht mehr.

Henry Camamile: Du bringst es auf den Punkt. Das ist etwas, das mich damals, als wir unsere erste EP aufgenommen haben, beschäftigt hat. Ich habe so oft überlegt, die Lyrics nochmal zu ändern, weil ich es irgendwie ziemlich beängstigend fand, ehrlich zu sein. Ich habe mir so viele Gedanken gemacht, was Leute davon halten und ob sie denken „Oh, dem Typen geht es immer schlecht„…da sind wir wieder bei  dem ‚das Schlimmste in Dingen sehen‘.

Aber jetzt denke ich anders darüber, wenn ich über meine Probleme schreibe. Das ist für mich Teil der Kunst. Heute fühle ich mich  dadurch sogar ziemlich befreit. Man sollte sich erstmal für nichts schämen, was man sagt oder fühlt. Nun mag ich es, aber früher war es tatsächlich beängstigend. Ich glaube, dass die Leute heute eher mein wahres Ich sehen können.

Ich fühle mich wohl, selbst, wenn ich manchmal an mir zweifle. Denn jedem geht es irgendwie so, oder? Warum also nicht offen damit umgehen und Songs darüber schreiben, das halte ich für sehr wichtig. Über die eigenen Gefühle schreiben ist ein bisschen wie Therapie. Du legst eines deiner Kapitel offen. Und dann machst du von da aus weiter.

Danke dir für die ehrliche Antwort. Das ist eine sehr schöne Sicht auf die ganze Thematik und ein großartiges Learning! Gibt es für dich denn Vorbilder, wenn es ums Songwriting geht?

Henry Camamile: Auf jeden Fall – Amy Winehouse! Ihr Texte sind so besonders, es gibt keine Fassade, hinter der sie sich versteckt. Sie entblößt sich lyrisch komplett, indem sie sich verletzlich zeigt. Und das finde ich so kraftvoll.

Das hat mir selbst den Anstoß gegeben, zu zeigen, was ich wirklich fühle. Ich glaube, das bringt es auf den Punkt, ich belasse es bei der Antwort.

Ich verfolge euch seit Anfang letzten Jahres und was im Laufe der Zeit passiert ist, ist unglaublich. Und ich frage mich immer, wie es ist, wenn man als Band größer wird?

Henry Camamile: Wir haben großes Glück gehabt, dass wir mit unserer Musik immer eine Chance bekommen haben. Es ist definitiv sehr schnell größer geworden – ich glaube, was daran schön ist, dass wir das alles zusammen erleben konnten. Es waren immer wir vier, die die Dinge gemeinsam gemacht haben, statt auf sich allein gestellt zu sein.

Es ist aufregend. Wir sind so glücklich darüber, die Musik machen zu dürfen, die wir lieben. Und jetzt können wir Festivals in ganz Europa spielen, das ist großartig!  Das wollten wir immer machen, davon haben wir von Beginn an geträumt. Wir sind uns bewusst, wie viel Glück wir haben. Wir nehmen die Sachen nicht einfach so hin.

Um ehrlich zu sein, hatten wir nie großen externen Druck. Wir haben einfach Musik gemacht. Selbst, nachdem wir unseren Plattenvertrag unterschrieben haben, hat sich nicht viel daran verändert. Außer, dass wir früher alle noch Vollzeitjobs nebenher managen mussten, das brauchen wir heute zum Glück nicht mehr. Wir stecken alle viel Arbeit in die Band, das mag ich.

Und dann passieren verrückte Dinge. Ihr wart die einzige Band, die auf „BBC’s Sound Of….“ für 2019 gelistet war. Euer Song wird plötzlich #tuneoftheweek auf BBC Radio 1,  die werden Touren größer und sind schneller ausverkauft, die Fanbasis wächst. Was bewirkt der Support von Medien wie BBC für eine Band wie Sea Girls eigentlich? Annie Mac scheint ja euer größter Fan zu sein!

Henry Camamile: Das war wirklich toll, dass wir auf dieser Liste standen. Nicht nur für uns, sondern für Bandmusik allgemein. Das haben wir lange gar nicht wahrgenommen, Bandmusik ist ja wirklich nicht mehr das Nonplusultra momentan. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Bandmusik, gerade in UK, durch so etwas wieder hervorgehoben wird.

Und Annie Mac einen Fan von uns nennen zu dürfen, ist eine große Ehre. Wir hatten unsere erste Single veröffentlicht und sie hat den Song direkt in der ersten Woche gespielt – das war der Wahnsinn. Sowas erwartet man ja nicht!

Klar wünscht man sich, dass Leute einen entdecken, wenn man Musik auf Soundcloud, Spotify und so weiter veröffentlicht und dass die Leute dann zu den Shows kommen – aber dass unsere Musik zu früh bei BBC gespielt wird, von Annie Mac, ist ohne Zweifel eine riesige Hilfe für uns.

Von Beginn an in einem Atemzug mit so vielen, so großartigen Künstlern genannt zu werden und im nationalen Radio gespielt zu werden, ist echt abgefahren.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Parri Thomas