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Im Wortwechsel mit SIND

Im Wortwechsel mit SIND

War es 2018 noch „Irgendwas mit Liebe“, blickt man 2,5 Jahre später mit reiferem Blick auf die Welt und stellt fest: „Vielleicht ist es anders als Du denkst“. Bei SIND ist tatsächlich heute einiges anders, Liebe empfinde ich aber trotzdem haufenweise für die Berliner. Im Wortwechsel haben wir uns über den SIND-Spirit und Musen-Küsse unterhalten. Außerdem wird geklärt, wo der Punk plötzlich herkommt.

Diese Verabredung könnte 2020-iger nicht sein. Eigentlich säßen wir jetzt gemeinsam in Berlin und würden am Crémant nippen. Stattdessen sitze ich am heimischen Schreibtisch, der Kaffee ist kalt und der Zoom-Call „about to start„. Aber mit SIND ist sogar so ein Videotelefonat schön.

Unser letztes Interview ist jetzt knapp zwei Jahre her, damals machte ich es mir an einer Kölner Hauptstraße im kleinen Tour-Van der Band bequem und sprach mit Drummer Ludwig und dem damaligen Sänger Arne über das aufregende 2018, in dem sie ihr Debütalbum „Irgendwas mit Liebe“ veröffentlichten, damit nicht nur mein Herz eroberten und dann die Festivallandschaft Deutschland unsicher machten. Dieser Abend in Köln war der Auftakt ihrer ersten eigenen Headliner-Tour. Auch Ludwig erinnert sich an unser Zusammentreffen, sagt: „Wir sind fast genauso aufgeregt wie damals!

Während Mathias Zuhause ist, sitzen Hannes, Ludwig und Norm zusammen im SIND-Studio am Holzmarkt 25. Ein kleiner Schwenker mit der Webcam gewährt mir einen Blick in die heiligen vier Wände, in denen „Vielleicht ist es anders als Du denkst“ entstanden ist. Der Holzmarkt ist es auch der Ort, an dem SIND 2014 zum allerersten Mal live spielten – in ihrer geliebten Kim Bar (der sie auf dem Debütalbum mit „Danke Kim“ sogar ein Liebeslied widmeten).

Nach Abschluss der Tour und über 50 Konzerten auf dem Tacho nehmen sich SIND eine mehr als verdiente Auszeit. „2018 war extrem geil, aber danach fällt man erst mal in so ein Loch, weil so viel passiert ist„, erinnert sich Hannes. Auf der anderen Seite dieser Pause kommt das eigentliche Quintett nach sechs Jahren SIND-Sein nur noch als Trio heraus. Sowohl Sänger Arne als auch Gitarrist Max entscheiden sich dazu, andere Wege zu gehen. Und nun? Hannes erzählt:

Wir waren ganz kurz in Schockstarre, dann küsste uns aber zufällig die Muse. Wir sind in dieses ganze Ding nicht reingegangen und haben gesagt „wir machen das jetzt weiter, das muss jetzt irgendwie funktionieren“, sondern wir haben einfach Musik gemacht. Dann kamen Songs raus und dann hat sich das Schritt für Schritt ergeben.

SIND knutschten also mit der Muse rum und zack – waren die neuen Ideen da. Doch nicht nur kreativ, sondern auch personell tut sich in der Band einiges. Weil Mathias zu seinem Stamminstrument Gitarre wechselt (und das mit dem schönsten Zitat des Gesprächs metaphorisiert: „Als hätte man eine lange Reise gemacht und kommt jetzt ganz glücklich und erholt wieder zurück und knüpft dort wieder an, wo man losgefahren ist mit all den Erfahrungen, die man sammeln durfte„), brauchen SIND einen neuen Bassisten. Den finden sie in Norm, mit dem sie privat schon einige Jahre befreundet sind.

Norm: Es ist mega aufregend und spannend für mich. Für mich ist es das erste Album, es war die erste Single, das erste Musikvideo. Nicht die erste Band, aber auf einmal von „ich mach ein bisschen Musik mit Freunden zwei Mal die Woche“ zu „wir müssen Videos machen, wir müssen dies und das organisieren, du musst besser werden“. Ziemlich viel, aber es fühlt sich sehr gut und schön an.

Wer die Band im legendären Jahr 2018 live gesehen hat, kam um eine noch legendärere Sache nicht herum: Hannes und seine Eros Ramazotti-Einlage (darüber berichtete ich hier ausführlich). Und nun steht der ehemalige SIND-Gitarrist also an vorderster Mikrofront. Schon als Kind sang er gerne, Eros ebnete ihm auf der SIND’schen Bühne den Weg. Und als dann Arne ausstieg, passierte es quasi von ganz allein:

Hannes: Im Rahmen des Songschreibens hab ich die Demos eingesungen und dann hat sich das so ergeben. Ich glaube am Anfang mussten sich erstmal alle dran gewöhnen an diesen Gedanken, aber das hat nicht lang gedauert. Es macht mir fürchterlich viel Spaß, ich finde man kann sehr viel ausdrücken, sehr viel erzählen und teilen. Ich fühle mich sehr glücklich, dass ich das machen darf und die Jungs das auch in Ordnung finden, dass ich das tue.

Nur Ludwig, der sitzt immer noch treu an den Drums – „Ich bin der Fels in der Brandung„, sagt er.

Wie hält man den SIND-Spirit bei so viel Umstrukturierung aufrecht, fragt man sich da. Ludwig erklärt: „Das zählt ja zum SIND-Spirit, sich weiterzuentwickeln. Unsere ersten Bandjahre waren auch mit der alten Besetzung davon geprägt, dass wir immer irgendwie einen neuen Traum hatten.“

Mathias erinnert ergänzend : „Es sind immer noch drei von ehemalig fünf Mitgliedern dabei.“ Der Charakter sei musikalisch geblieben , durch Hannes am Mikrofon eine neue Facette hinzugekommen. Kann ich so bestätigen.

Hannes: Wenn man so lange Musik zusammen macht, dann haben wir ja früher schon einen gemeinsamen musikalischen Nenner gefunden. Der ist so tief in einem drinne, dass das nicht komplett auseinanderbricht, wenn einer oder zwei  gehen.

Das sind Worte, die man in Interviews nur zu gerne von Bands hört, die man selbst sehr gerne hat. Sie setzten sich im Sommer 2019 also wieder zusammen, schrieben drauf los und an ihrem eigenen Ziel „eine EP zum Jahresende“ straight vorbei. Stattdessen war ein zweites SIND-Album in greifbarer Nähe.

Ludwig: Es klingt so lapidar, aber es war für uns wirklich eine Konsequenz zu sagen „ey, wir machen jetzt ein Album“, das ist jetzt so weit gekommen und es hat sich so wieder zusammen gefügt, dass wir voll auf dieses Album brennen. Wir haben gemerkt, dass es doch alles schneller ging.

Grad die erste neue Singleauskopplung „Welt verändern“ klingt wie ein versöhnliches huhu, wir sind’s wieder – und beim genaueren Hinhören auch wie eine Antwort auf den Album 1-Opener „Wir kommen irgendwann an„.

Wo „Welt verändern“ noch sehr OG-SIND ist, offenbart „Vielleicht ist es anders als Du denkst“ (es macht einen fast ein bisschen sauer, wie passend der Albumtitel ist) ein bisher nie gehörtes Repertoire der Berliner. Musikalisch breiter werdend, textlich tiefer gehend.

Musikalisch wäre da als Glanzbeispiel mein Lieblingssong „Barcelona„. Da muss ich natürlich nachhaken, wo dieser Punk plötzlich herkommt. Und Hannes erläutert:

Naja, das ist eine ganz einfache Gleichung: SIND ist immer das gewesen, was jeder von uns mit reingebracht hat.

Waren es mit Arne die Deutschrap-Einflüsse, bringt Norm nun Indie-Rock rein, „und so hatten wir auch mal mehr Durchschlagskraft, was einen Punksong angeht„. Auch der Abschlusssong „Lass sie träumen“ besticht durch nie da gewesene Einflüsse. Elektronisch durch Produzent Aaron Ahrends, der Mut zur ausufernden Bridge in der Mitte „aus einer Emotionalität heraus„.

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Spätestens mit der Veröffentlichung von „Bataillon d’Amour“ war klar: Hier tut sich einiges in den Songtexten.

Mathias: Wir haben viele Wörter selbst hinterfragt, immer wieder und wieder, bevor es dann eingesungen wurde. Selbst mit zwei Wochen Pause noch mal. Einfach, um sich sicher zu sein, dass man es so will.

Kritisch, politisch, haltungsstark. SIND kommen aus der Comfort Zone raus, in der sich deutsche Musik häufig wohlfühlt. „Das ist immer so’n Zwiespalt„, merkt Hannes direkt an, „Irgendwie erwartet man, warum auch immer, oft von Bands, dass sie politisch sind. Auf der anderen Seite sind Bands per se eigentlich nicht politischWas sie machen können, ist eine Denkweise aufzeigen, zum Diskutieren anregen oder mal einen Diskurs anfangen. Das finde ich ist wichtig und das wollten wir auch machen.

Das gelingt der Band ziemlich gut. Nach Nachdenken anregen, ohne mit dem Finger verurteilend auf Leute zu schimpfen. „Und zeigen: Vielleicht ist alles anders als man denkt“ fasst der Frontmann es mit dem leicht abgewandelten Albumtitel perfekt zusammen.

Und woher rührt die restliche Tiefe? Vor ein paar Jahren veröffentlicht Hannes einen Gedichtband, eigentlich nur als Geschenk für die Familie. Für’s neue SIND-Album blättert er wieder darin herum, stößt auf große und kleine Inspirationen und ist selbst ein bisschen überrascht, hatte die lyrische Erzählweise doch bisher nicht gepasst:

Ich hätte nie gedacht, dass die Gedichte irgendwann Verwendung finden, es sei denn, man schreibt einen Element Of Crime-Song oder einen für Rammstein.

Es ist schön, dass SIND wieder da sind und ab heute unzählige Runden auf dem Plattenteller drehen. „Vielleicht ist es anders als Du denkst“ steckt voller Herzblut und die Band selbst voller Tatendrang. Und weil das Thema Tour gerade nicht das schillerndste ist, arbeiten SIND einfach schon wieder an neuer Musik.

Ludwig: Wir sind jetzt schon wieder an neuem Material dran und wollen da im Frühjahr wieder mit neuen Sachen aufwarten. 

Und dann gibt es hoffentlich auch wieder Konzerte, Crémant, „Più bella cosa“ und ausnahmsweise nicht die Bestätigung des Albumtitels.

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