Die Ärzte sangen bereits vor 21 Jahren „Männer sind Schweine“ fröhlich im Radio, NOT ALL MEN!1! möchten einige aufgebrachte weiße Hetero-Herren darauf empört lautstark bei Twitter rumposaunen. Der Begriff „Toxic Masculinity“ taucht seit einigen Jahren immer häufiger auf, das Patriarchat ist längst noch keine verstaubte Gesellschaftstheorie, sondern Alltag.  

Ein Artikel von Anna Fliege – Mit den Jungs von Sultans Court habe ich mich genau darüber unterhalten – Toxic Masculinity. Was ist das eigentlich, inwieweit betrifft es mich und was macht eigentlich die Musikbranche damit? Konstantin, der bei Sultans Court für Gitarre und Produktion zuständig ist und Julius, ebenfalls Produzent und Frontsänger der Band, haben sich meinem Fragenhagel zum manchmal brisanten, aber sehr wichtigen Thema mit sehr interessanten Meinungen und Thesen gestellt.


Wie würdet ihr Toxic Masculinity in euren eigenen Worten beschreiben?

Julius: Für mich sind das alle negativen Eigenschaften die Männlichkeit mit sich bringt. Allem voran ist es die fehlende Fähigkeit, seine Emotionen anderen mitzuteilen und den Mut zu haben sich verletzlich zu zeigen. Ein Mann muss immer stark und dominant sein und hat Angst diese Rolle in Frage zu stellen. Ich glaube die Debatte um Toxic Masculinity ermöglicht es, das zu hinterfragen ohne sein Mannsein aufgeben zu müssen sondern das Rollenbild über die Zeit zum positiven hin zu verändern.

Der Begriff ist in den letzten Jahren zu einer Art Modewort geworden – glaubt ihr, dass es durch so eine Polarisierung besser wird? Oder einen gegensätzlichen Effekt hat?

Julius: Ich glaube, dass eine Popularität erstmal dazu führt, dass das Thema endlich gesamtgesellschaftlich diskutiert wird und dazu führt, dass vielleicht viele Männer, denen dieser innere Konflikt vorher gar nicht so klar war, anfangen darüber nachzudenken. Leider kommt es vielerorts falsch an und viele Männer haben das Gefühl, dass sie nicht mehr Mann sein dürfen. Dem ist ja nicht so. Hier muss also noch viel Vermittlungsarbeit geleistet werden.


„Als weißer Mann werde ich selten direkt mit Toxic Masculinity konfrontiert. Beobachten kann ich dies aber eher.“


Wie erlebt ihr das Problem in eurem Alltag? Nehmt ihr es eher passiv oder aktiv wahr?

Konstantin: Ich für meinen Teil eher passiv. Als weißer Mann werde ich selten direkt mit Toxic Masculinity konfrontiert. Beobachten kann ich dies aber eher. Ich war zum Beispiel erschrocken, als mir eine Bekannte mal erzählt hatte, dass sie nicht in den Bezirk Wedding ziehen will, obwohl dort die Mieten günstig waren, da sie dort regelmäßig auf der Straße angemacht wird. Persönlich wurde ich zum ersten Mal in meiner Teenager – Phase mit dem Problem konfrontiert, als ich angefangen hatte enge Jeans zu tragen und mir die Haare hab lang wachsen lassen. Mit einmal wurde ich grundlos beleidigt, einige Schulkameraden wollten nichts mehr mit mir zu tun haben und im Fußballverein wurde ich ausgegrenzt

Julius: Ich bekomme es passiv mit, da ich fast nie selbst Ziel von sexueller Belästigung bin. Wenn ich allerdings mit queeren oder weiblichen Freund*Innen unterwegs bin, bekomme ich es leider sehr oft mit. Eine Zeitlang war ich quasi eine Hotline für Freundinnen, die nachts nach Hause gingen und anriefen um sich sicherer zu fühlen. Ich bin einerseits froh, dass man darüber reden kann und so großes Vertrauen besteht andererseits bin ich immer wieder erschüttert, wenn ich von diesen Geschichten höre.

Würdet ihr sagen, dass euer Video zu „Haunted“ diesen Alltag gut widerspiegelt? Oder ist das eine überspitzte Darstellung?

Konstantin: Das Konzept zu dem Video hat sich Julius zusammen mit Laurean, dem Hauptdarsteller des Videos überlegt. Die Grundlage waren unter anderem Laureans persönliche Erfahrung zu diesem Thema. Es ist dennoch eine überspitzte Darstellung, bei der wir das Thema experimentell und kreativ untersucht haben.

Julius: Wir wollten auch noch etwas mehr tun, als im Video nur sexuelle Belästigung zu zeigen. Die Choreografie zeigt abstrakt, dass toxische Männlichkeit nur eine Angstreaktion ist und diese toxischen Männer gar nicht so viel Kontrolle über das Opfer haben, wie sie denken. Wir wollen einen positiven Ausblick schaffen: eine Auseinandersetzung des männlichen mit den Attributen des weiblichen kann einen positiven Effekt haben.



Was meint ihr: Ist es damit in Berlin besser, schlimmer oder wie überall sonst auch?

Konstantin: Wir leben gerade in einem Umfeld, in dem viel Wert auf Respekt gelegt wird. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass es außerhalb von unserer Blase die gleichen Probleme wie in anderen Orten auch gibt. Es gibt hier mit Sicherheit viele Menschen die reflektiert mit diesem Thema umgehen und bestimmte Orte in denen Toxic Masculinity kein großes alltägliches Problem ist. Dies hängt aber vermutlich auch einfach mit der Größe der Stadt zusammen.

Julius: Das ist schwer zu sagen. Ich habe viele queere Freunde, für die viele Bezirke leider No-Go Zonen sind an denen sie sich nicht aufhalten wollen. In Berlin gibt es dafür aber auch viele Schutzräume, wo Hass keinen Platz findet.

Ihr heißt Sultans Court…und wenn ich an den Hof eines Sultans denke, schreit es ja nur so nach toxischer Maskulinität. Da frage ich mich natürlich, wie es zu der Namensfindung kam.

Julius: Samples von alten, verstaubten Platten vom Flohmarkt inspirieren uns oft dazu Musik zu schreiben. Den Namen haben wir von einer alten Platte auf der antike türkische Musik drauf war und er gefiel uns auf Anhieb sehr gut. Ich lebe an der Sonnenallee und türkische Kultur ist sozusagen ein fester Bestandteil meines Lebens. Ich habe mich auch selbst schon dabei erwischt, wie ich Melodien aus türkischen Liedern, die ich im Späti gehört habe vor mich hin gesummt habe. Da beginnt die Frage, die auch der Name aufwirft: was bedeutet Kulturvermischung heutzutage? Wie ist mein persönlicher Bezug zu Kulturen, ohne dass ich mir blindlings etwas aneignet, was andere verletzen könnte?


„Ich glaube das, was jeder Mann da allem voran erstmal tun kann ist, sexistisches Verhalten anderer Männer nicht durchgehen zu lassen und darüber zu reden.“


Würdet ihr euch selbst als Feministen bezeichnen?

Julius: Es geht ja um die Gleichberechtigung aller Geschlechter, mir fällt nicht ein, was dagegensprechen könnte. Ich glaube das, was jeder Mann da allem voran erstmal tun kann ist, sexistisches Verhalten anderer Männer nicht durchgehen zu lassen und darüber zu reden. Vor allem in den “Männerrunden”, wo so manch einer plötzlich denkt, es sei plötzlich ok fragwürdige Kommentare in die Runde zu werfen.

Konstantin: Ich achte vor allem auf meine eigenen Werte und mein eigenes Handeln und denke nicht darüber nach, ob ich mich einer bestimmten Gesinnung zugehörig fühle. Die entscheidenden Inhalte, um die es im Feminismus geht sind für mich Dinge, die eigentlich normal sein sollten und keine Kategorisierung brauchen. Wenn für Gleichberechtigung sein und einen respektvollen Umgang mit Frauen und Menschen jedes Genders pflegen bedeutet, dass ich ein Feminist bin, dann bin ich einer.

Ein Merkmal von Toxic Masculinity ist, als „echter“ Mann keine Gefühle und Emotionen zu zeigen. Wie sieht‘s bei euch aus? Liegt in der Schwäche die eigentliche Stärke?

Julius: Allein daran, dass Verletzlichkeit mit Schwäche assoziiert wird, sieht man, dass da was falsch läuft. Ich glaube es braucht großen Mut und Größe seine Verletzlichkeit anderen zu zeigen und über Probleme zu reden. Eben sich nicht immer wie der Größte zu fühlen und anderen ein Gefühl von Fehlerhaftigkeit zu geben, sondern sich einzugestehen, dass Menschsein eben beinhaltet Fehler zu machen und dass das auch kein Weltuntergang ist, sondern ich, ganz im Gegenteil, viel daraus lernen kann.

Seid ihr auch in dieser vorherrschenden „Mädchen spielen in ihrer rosaroten Puppenwelt, Jungen spielen Fußball“-Filterblase aufgewachsen?

Konstantin: Zum Teil, wobei ich nicht genau sagen kann, inwiefern dass mein persönlicher Instinkt war, oder mir das von der Gesellschaft auferlegt wurde. Als Kind habe ich zum Beispiel gerne mit dem alten Puppenhaus von meiner Mutter gespielt. Sehr schnell war ich aber von Indianern, Holzschwertern und Piraten begeistert. Fußball gespielt habe ich auch schon immer gerne und ich liebe es ins Stadion zu gehen. Ballsportarten machen halt einfach Spaß und das Adrenalin was du im Stadion bekommst, wenn du mit deinem Team mit fieberst, habe ich noch nirgendwo anders erlebt. Ich glaube aber, dass du Fußballfan sein kannst und gleichzeitig alle Menschen respektierst, die anders sind als du selbst.

Julius: Klar habe ich mit Matchbox Autos gespielt, Star Wars geschaut und Fußball gespielt. Mit meinem Bruder habe ich damals aber auch neben “Jungssendungen” auch Animes geschaut wie Sailor Moon, Jeanne die Kamikaze Diebin und Ranma ½; alle zielen zwar auf Mädchen ab, wir haben uns als Kinder dabei nicht viel gedacht; Sie liefen damals eben auch im Fernsehen.

Wie macht sich Toxic Masculinity in der Musiklandschaft bemerkbar?

Konstantin: Es fällt schon auf, dass die meisten Führungspositionen im Musikgeschäft von Männern besetzt sind. Weiterhin steht ja gerade die Frauenfeindlichkeit im Hip-Hop sehr im öffentlichen Diskurs. Das ist für mich auch ein spannendes Thema, da ich ein passionierter Hip-Hop Hörer bin, aber es gibt da echt einige Textzeilen, die gar nicht klargehen.

Außerdem habe ich das Gefühl, dass weibliche Künstlerinnen in der Popmusik oft auf ihr Äußeres reduziert werden und die Musik nicht an erster Stelle steht. Natürlich gibt es Ausnahmen. Ich selbst hatte im Gegensatz dazu noch nie das Gefühl, dass mein Aussehen irgendeine Rolle dafür spielt, wie meine Musik wahrgenommen wird.


„Ich habe mir mal aus dem Stehgreif eine Playlist mit mehr als 100 verschiedenen queeren und weiblichen Künstler*innen erstellt um mir selbst und anderen ein für alle Mal bewusst machen zu können, dass an diesem Argument wirklich nichts dran ist.“


Ein Teil von euch hat sich auf dem Weg zu einem Festival kennengelernt. Glaubt ihr, das Argument „unser Festival-Line-Up ist nur so männlich, weil es zu wenige Künstlerinnen gibt“, welches man immer wieder zu hören bekommt, ist gerechtfertigt?

Julius: Ich habe mir mal aus dem Stehgreif eine Playlist mit mehr als 100 verschiedenen queeren und weiblichen Künstler*innen erstellt um mir selbst und anderen ein für alle Mal bewusst machen zu können, dass an diesem Argument wirklich nichts dran ist. Große Institutionen wie Festivals, Förderprogramme und Labels haben die Verantwortung solchen Künstler*Innen die Sichtbarkeit zu verschaffen, die sie sonst wo nicht bekommen würden. Ein positives Beispiel ist zum Beispiel das Fuchsbau Festival, das jedes Jahr stark darauf achtet, besonders viele Künstler*Innen in ihrem Line Up unterzubringen.

Konstantin: Dem kann ich nur zustimmen. Mir würden spontan auch noch einige Acts mit weiblichen Künstlerinnen einfallen, die noch nicht jeder auf dem Radar hat. Ätna oder Madanii zum Beispiel.

Und wenn nicht, worin liegt eurer Meinung nach das Problem des geringen Frauen/Queer-Anteils in den deutschen Line-Ups? Selbst beim Dockville steht mit Billie Eilish im Sommer das erste Mal seit 2014 eine Frau ganz oben im Line-Up.

Konstantin: Das ist etwas schwer aus unserer Perspektive zu sagen, da wir ja gerade erst anfangen uns in der Musiklandschaft zurecht zu finden. Letztens habe ich ein Video gesehen, in dem eine Sängerin erzählt hatte, dass ihr Label ihre Veröffentlichung nach hinten geschoben hatte, weil in dem Jahr schon ein Release für das Genre “Frau” geplant war. Sowas kann halt nicht sein.

Julius: Genau ich glaube, dass das ein Teufelskreis ist, aus dem die Musikbranche nun langsam herauskommt. Deswegen müssen Künstler*Innen unbedingt von diesen wichtigen Institutionen unterstützt werden, damit mehr Vorbilder für die kommenden Generationen geschaffen werden.

Wie kann eine Band wie Sultans Court da helfen?

Julius: Natürlich können wir das Ganze nur aus unserer männlichen Perspektive betrachten und unsere weiblichen und queeren Freund*innen ausfragen, denn viele Dinge bekommst du als Cis Mann einfach nicht mit. Und manchmal muss es dann auch heißen: Klappe halten, wenn du nichts zu sagen hast. Doch ich glaube es ist wichtig, dass wir diese männliche Blase zerplatzen lassen, in der wir leben und anderen Männern zeigt, was für Diskurse und Konflikte es gibt. Diesen “direkten Draht” sollten wir nutzen.

Konstantin: Ich denke, wenn du Dinge verbessern oder ändern willst, solltest du erstmal in deinem eigenen Umfeld anfangen. Was wir in diesem Zusammenhang auf jeden Fall tun können, ist mit unseren Freunden, vor allem den männlichen, über Themen wie Toxic Masculinity oder Gender zu diskutieren, um dazu beizutragen die “Aufmerksamkeit” zu solchen Themen zu fördern.


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Kelvin Buegler