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Im Wortwechsel mit SYLVAN ESSO

Im Wortwechsel mit SYLVAN ESSO

Das amerikanische Electro-Pop-Duo Sylvan Esso veröffentlicht mit „Free Love“ sein drittes Studioalbum. Anna hat sich mit Amelia Meath & Nick Sanborn bei Zoom verabredet, um im neuen Wortwechsel über Liebe, Tanzen und Mut zu sprechen.

Amelia und Nick sitzen auf ihrem Sofa, als sich ihr Zoom-Fenster öffnet. Wir lassen Förmlichkeiten schnell hinter uns, als die beiden mir erzählen, wie verkatert sie sind. Es folgt eine detailreiche Beschreibung ihrer 3 Personen-Haus-Party und alles daran ist so herzlich und sympathisch, dass man selbst gern dabei gewesen wäre. Beinahe könnte man vergessen, dass wir eigentlich für ein Interview zu ihrem neuen Album verabredet sind.

Schnell stelle ich fest, wie interessant es ist, den beiden (nicht nur Bandmitgliedern, sondern auch Ehepartnern) nicht nur zuzuhören, wie sie auf meine Fragen antworten. Sondern auch zu beobachten, wie sie interagieren und ihre Gedankengänge inmitten eines Satzes über den Haufen werfen – so, dass es in der Nachbearbeitung unmöglich ist, angefangene Gedanken herauszuschneiden. Und das mit einer Wärme und Empathie, als würden wir uns schon ewig kennen.


Ich bin so dankbar für all die Sylvan Esso-Musik, die wir dieses Jahr bekommen. Das „WITH“-Live-Album hat meinen Lockdown definitiv so viel besser gemacht! Hattet ihr dieses Release eigentlich so schon vor der Pandemie geplant?

Amelia: Oh, wie schön, danke!

Nick: Alles war vor Corona geplant. Aber einer der eigenartigen Hoffnungsschimmer war, dass es von einem Gefühl des „Oh, wir bringen eine Live-Platte heraus, als Warm Up für das Album fungiert“ zu „Oh, das ist eine Sache, die wir jedem mitgeben können“ wurde.

Es ist, als ob wir begonnen hätten, unsere Arbeit auf eine ehrlichere und andere Weise zu sehen. Ich habe angefangen zu realisieren, dass es darum geht, den Menschen Freude zu bereiten und ihnen eine Tür zu öffnen, durch die sie sich mit sich selbst verbinden können. Es fühlt sich an, als sei es jetzt so viel wichtiger und machbarer.

[…] ich glaube, es gibt eine Unsicherheit, die sich da einschleichen kann, bei der man das Bedürfnis verspürt, Musik zu machen, die auf diese Räume zugeschnitten ist. Anstatt die Musik zu machen, die dich überhaupt erst an diese Orte gebracht hat.

Als ihr auf Tour gegangen seid, war „Free Love“ halb fertig. Wie hat die „WITH“-Tour die Vollendung des neuen Albums beeinflusst?

Amelia: Der coolste Teil unserer „WITH“-Tour war: Wir konnten nie das, zu was Sylvan Esso geworden ist, mit anderen Menschen teilen. Davor waren es nur Nick und ich, die Ideen aufeinander losließen. Und gemeinsam die Band leiteten – aber die Band waren nur wir, zusammen mit unserem Team im Hintergrund. Als wir das mit unseren Freund*innen teilen konnten, waren wir zum ersten Mal Band Leaders. Und konnten die Band wirklich beleben. Es war fast so, als würden wir zum ersten Mal von außen betrachten können, was wir überhaupt tun.

Das hat uns tatsächlich Vertrauen eingeflößt, ich glaube, es hat uns die Erlaubnis gegeben, breitere, kreativere Entscheidungen zu treffen. Denn statt Sylvan Esso als etwas sehr Zartes zu behandeln, das man leicht zerbrechen könnte, haben wir erkannt, dass Sylvan Esso vollständig und solide und wirklich flexibel und dynamisch ist. Und das bedeutet, dass Sylvan Esso immer da ist, wenn Nick und ich am Ruder sind.

Nick: Ja, ich glaube, es hat unser Selbstvertrauen gestärkt, das zu tun, was wir machen wollten. Ich glaube, auf der letzten Platte … das ist etwas, was vielen Bands passiert, die irgendeine Art von Erfolg haben. Man fängt an, vor immer größer werdendem Publikum mit immer größeren Soundsystemen auf immer größeren Festivals zu spielen. Und ich glaube, es gibt eine Unsicherheit, die sich da einschleichen kann, bei der man das Bedürfnis verspürt, Musik zu machen, die auf diese Räume zugeschnitten ist. Anstatt die Musik zu machen, die dich überhaupt erst an diese Orte gebracht hat.

Und ich denke, bei der letzten Platte gibt es dieses Element von „Es muss größer und lauter sein und mehr Bass und all das„. Die „WITH“-Tour war für mich vielleicht der letzte nail in the coffin für diese Denkweise. Es hat mir klar gemacht, dass dieses Ding sehr laut, aber auch sehr leise sein darf.

Als wir in die Endphase des Albums gingen, ließen wir einige Dinge einfach so, wie sie waren, weil wir sie so mochten, wie sie waren. Wohingegen wir bei Dingen, die wir versucht haben, größer zu machen oder weiterzuentwickeln, in der Lage waren, uns die Zerbrechlichkeit mancher Songs, die danach verlangten, zu eigen zu machen. Anstatt zuzulassen, dass unsere Unsicherheit sie in einer Weise verstärkt, die wir gar nicht wollten.

Das finde ich gerade vor dem Hintergrund eines dritten Albums spannend. Nachdem sich Artists mit dem ersten Album einen Ruf aufgebaut haben, ist der Druck auf dem nachfolgenden so groß und ich kann mir vorstellen, dass der Befreiungsschlag zum dritten Album hin kein einfacher ist. Und Nick, das, was du sagst, höre ich eigentlich immer nur anders herum. Bands, die Musik für genau diese großen Live-Erlebnisse konzipieren.

Nick: Ich glaube sowas passiert, wenn du sensitive Musik in so große Venues bringst. Für mich ist der Gedanke, es müsse laut und schnell und sonst was sein, einfach Unsicherheit.

Amelia: Laut und schnell ist schon toll!

Nick: Klar, davon machen wir reichlich. Das will ich gar nicht ausschließen! Aber ich freue mich schon sehr sehr darauf, „Make It Easy“ auf einem gigantischen Soundsystem zu spielen. Ich kann mir schon ganz genau vorstellen, wie das funktionieren wird. In einer Art und Weise, wie es vor „WITH“ nicht passiert wäre.

Amelia: Ich werde die ganze Zeit einfach nur weinen. Auch, wenn wir Coachella spielen!

Nick (lacht): So wird’s enden, wir werden zukünftig sehr viel weinen.

Musik transportiert natürlich immer Botschaften – was ich aber viel spannender finde: Welche Emotionen wollt ihr mit dem Album ausdrücken?

Amelia: Hmmm, ich liebe die Frage! Ich habe herausgefunden, dass ich immer wieder Lieder über dieselben Dinge schreibe. Meistens schreibe ich über die Widerstandskraft, herauszufinden, wie … es ist in vielerlei Hinsicht irgendwie wie Sia. Außer, dass sie so macht :[Amelia ändert die Stimmlage und singt] „I’m gonna get up on the top of the ladder and reach right for the staaaars„.

Nick: Ist das deine Interpretation eines Sia-Songs?

Amelia: Ja.

[Wir lachen und Amelia singt kurzzeitig weiter]

Amelia: Wie dem auch sei. Etwas, worüber ich viel schreibe, ist die Erkenntnis, dass man, wenn man lange genug durchhält, wieder zu Freude kommen wird. Und dass alles eigentlich nur ein Teil ein und derselben Suppe ist. Weißt du das? Alle Geschmacksrichtungen sind vorhanden und man muss sie immer wieder probieren und finden. [Pause] Alles ist dasselbe! Auf eine gute Art und Weise.

Ich hab durch die Pandemie so viele, so unterschiedliche kreative Ansätze für Musikvideos gesehen – aber nichts war so cool wie euer Animal Crossing-Video für „Ferris Wheel“ – und ich spiel nicht mal Animal Crossing! Das ist so cool, ihr habt da sogar virtuellen Merch. Wie ist es dazu gekommen?

Nick: Es hat tatsächlich mit dem Merch angefangen. Wir wollten unbedingt Sylvan Esso-T-Shirt für Animal Crossing haben.

Amelia: Und dann hat eine wundervolle junge Frau, die bei unserem Label arbeitet, eine Art Animal Crossing-Fashionlabel gefunden, das „Crossing The Runway“ heißt. Die bilden High Fashion-Looks für das Spiel nach. Dann haben sie ein paar Designs für uns gemacht und meinten: „Hey, sollen wir ein Musikvideo für euch machen?„. Und wir haben natürlich sofort „yeeees“ gerufen.

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Nick: Also ich meine, aus welchem Grund sollten wir KEIN Animal Crossing-Musikvideo haben wollen?

Amelia: Ich bin so froh, dass wir das machen konnten. Das ist so besonders.

Nick: Einfach eine weitere Möglichkeit, jemandem einen Moment lang Zeit zu geben, um gerade jetzt über etwas anderes nachzudenken. Das war für uns der offensichtlichste Grund, Ja dazu zu sagen. Das Motiv ist Freude.

„Free Love“ heißt euer Album und handelt von den ganz unterschiedlichen Arten von Liebe, die einem im Leben so begegnen. Seid ihr während der Entstehung auch eine ungewöhnliche Liebe gestoßen?

Amelia: Ich glaube, generell über die Liebe zu schreiben, ist so neu für mich. Oder konkret über meine Lieben zu schreiben. Denn als ich anfing, Lieder zu schreiben, hatte ich diese überhebliche Idee, dass es zu einfach sei, über sich selbst in der ersten Person zu schreiben. [Seufzt] Ich war so eine Schlaubergerin. Aber das habe ich nun einmal gedacht. Ich musste also lange Zeit herausfinden, wie ich über mich selbst schreiben, aber es in einer anderen Art und Weise framen konnte.

Indem ich mir also die Erlaubnis gab, einfach Liebeslieder zu schreiben, fing ich an, über so viele verschiedene Dinge zu schreiben. Ich fing an, darüber zu sprechen, dass ich bisexuell bin, worüber ich noch nie zuvor gesprochen habe. Und ich glaube, die wahre Voraussetzung dafür, dass ich mir die Erlaubnis dazu gab, war, dass ich mich selbst auf eine andere Art und Weise kennen lernen konnte, als ich es je erlebt habe.

Und ich fühle das besonders mit unserer Kunst, weil wir sie noch gehaltvoller wird. Die ganze Zeit haben wir über diese wahrhaftigere Offenheit gesprochen, und ich denke, dass wir immer wieder aufs Neue beweisen, dass das, was wir versuchen, einfach nur ehrlich zu sein. Ich möchte mich wirklich vollständig repräsentieren. Es fühlt sich an, als ob jetzt alles in Farbe wäre.

Nick: Du hast die Tür endlich komplett geöffnet.

Was würdet ihr sagen ist euer bisher größtes Learning aus der „Free Love“-Ära?

Nick: Das Selbstvertrauen, loslassen zu können, war eine große Sache. Und die damit verbundene echte Ehrlichkeit. Ich denke, das Entscheidende ist einfach, dass wir Zuversicht gewonnen haben, um uns selbst vertrauen zu können. Auf eine Art und Weise, die nicht übertrieben ist.

Ich habe das Gefühl, dass ich endlich volles Vertrauen in das, was ich tue, habe. Und in das, was ich als Nächstes tun werde. Und ich bin mir sicher, dass das nicht passiert wäre, wenn wir dieses Album nicht gemacht hätten.

Amelia: Da stimme ich dir zu.

Nick: Zu wissen, dass wir das Besondere an uns sind.

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