Sie sind der Traum jedes Brit-Indie-Fans. Aus der Musikermetropole Liverpool stammend, bringen The Night Café frischen Wind in die Gitarrenmusikwelt. Nach zwei heißgeliebten EPs in den vergangenen Jahren veröffentliche das Vierergespann am vergangenen Freitag ihr Debütalbum „0151“.


Ein Artikel von Anna Fliege – Ich unterhalte mich mit Frontmann Sean Martin über das Gefühl, das erste große Album zu veröffentlichen, erfahre, wieso es mein The Night Café-Lieblingssong nicht auf das Album geschafft hat und wie die Band zu ihrer Heimat und deren Musikszene steht.


Als ich zum ersten Mal die Tracklist eures Albums sah, war ich ziemlich überwältigt. Ziemlich viele Songs für ein Debütalbum. Was ist die Idee dahinter?

Sean: Es ist unsere Arbeit, die sich über die letzten Jahre angesammelt hat. Obwohl es schon 18 Songs sind, mussten wir vier fertige Songs rauslassen. Eigentlich sollten sie mit drauf, aber dann dachten wir, dass 22 Songs vielleicht doch ein bisschen zu viel des Guten sind.

Aber ich verstehe, das du meinst. Wir haben davor drei kleine EPs rausgebracht und jetzt haben wir ein großes Kunstwerk. Es war wirklich schwer, eine Auswahl zu treffen. Wir haben so viele Songs, mit denen wir zufrieden sind, die wir nun zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlichen werden.

Ihr habt ja einige eurer älteren Songs wieder für das Album aufgenommen. Wie ist die Auswahl zustande gekommen? Ich frage, weil mein Lieblingssong es nicht mehr auf das Album geschafft hat.

Sean: Welcher ist denn dein Lieblingssong?

„You Change with the Seasons“.

Sean: Oh, das tut mir leid. Aber das hat seine Gründe. „You Change with the Seasons“ ist ein imposanter, fancy Song, viel fröhlicher als viele andere unserer Songs. Der Style hat einfach nicht zum Album und zu dem gepasst, was wir momentan machen.

Wir haben uns zudem dagegen entschieden, weil wir uns ein paar alte Songs bewahren und nicht noch einmal aufnehmen wollten. Ich finde das auf Konzerten schön, wenn die Band ganz alte Songs spielt und alle trotzdem mitsingen können.


Es ist, als ob man eine Tür öffnet.“


Dann musst du mir die Bedeutung und Inspiration des Intros erklären. Ich musste sofort an die letzten Alben von Bon Iver und The 1975 denken. In dieser fragmentierten, electronic-getriebenen Art. Das Intro fügt sich nicht wirklich dem Stil des restlichen Albums.

Sean: Wow, was für Vergleiche! Und du hast es richtig gesagt, wir hatten gar nicht vor, ein Intro zu schaffen, dass das restliche Album repräsentiert. Es soll eine Art Stimmungsweiser sein. Es ist, als ob man eine Tür öffnet.

Kannst du generell einige musikalische Einflüsse für das Album nennen?

Sean: Auf jeden Fall die Menschen, die du gerade schon genannt hast, Bon Iver und The 1975 sind beide große Inspirationen. Ansonsten lieben wir Bombay Bicycle Club, der Spirit ihrer Songs spiegelt sich schon auf unseren EPs wider. Es ist die Mischung aus jenen, die uns schon damals mit 17, 18 beeinflusst haben und denen, die es heute tun. Das vereint sich auf dem Album.

Dann gibt es schwerere Songs wie „Turn„, „Leave Me Alone“ und „I’m Fine„, die von Bands wie Title Fight und Basement inspiriert sind.



Ihr habt in den letzten Jahren EPs veröffentlicht, unzählige Konzerte gespielt…fühlt es sich irgendwie anders an, jetzt ein ganzes, großes Album zu veröffentlichen?

Sean: Es fühlt sich seltsam an. Ich habe nie daran gedacht, dass wir mal ein Album machen würden. Aber das muss man als Band natürlich irgendwann machen, das ist mir aber erst bewusst gewesen, als es an der Zeit war. Aber ja, eigentlich fühlt es sich richtig gut an, ein so großes Stück Kunst rauszubringen mit 18 verschiedenen Songs drauf.

Ich denke, dass sich das Gefühl nochmal ändert, sobald es draußen ist. Wenn die CD im Laden verkauft wird, sich Leute das Album anhören, uns irgendeine Art von Rückmeldung geben. Ich freue mich schon drauf, wenn wir die Platte live spielen und die Leute die Songs kennen.

Worin besteht denn der große Unterschied zwischen der Produktion eines Albums und Ihrer EPs? Also abgesehen von der Anzahl der Songs natürlich.

Sean: Man muss anders darüber nachdenken, wie die Songs zusammenpassen könnten. Bei einer EP konzentriert man sich intensiv auf die individuellen Songs. Auf einem Album sieht man sie mehr als ein Stück eines Ganzen. Man macht die Lieder zum Teil eines Puzzles, denkt viel über die einzelnen Übergänge nach. Es ist kein Stand-Alone-Ding mehr.


„Daraus haben wir gelernt, dass wir uns auf Tour direkt am ersten Tag bei allen vorstellen sollten.“


Ich habe euch letztes Jahr als Unterstützung für The Wombats in Köln gesehen. Ihr wart viel mit ihnen unterwegs – was konntet ihr von so erfahrenen Musikern lernen?

Sean: Eine wichtige Sache, die wir gelernt haben, waren Umgangsformen auf Tour. Wie man richtig kommuniziert, wie man mit den Menschen, von denen man drei Wochen am Stück umgeben ist, vernünftig umgeht.

Am Anfang waren wir immer recht schüchtern, wenn wir irgendwo als Supportband gespielt haben. Wir haben nicht wirklich mit den anderen Bands auf Tour geredet. Aber die Jungs haben dafür gesorgt, dass wir uns wohlfühlen und uns so herzlich aufgenommen. Daraus haben wir gelernt, dass wir uns auf Tour direkt am ersten Tag bei allen vorstellen sollten.

Ich muss natürlich darauf zu sprechen kommen, dass The Wombats aus der gleichen Stadt wie ihr kommt. Sean, du hast einmal gesagt: „We get treated a little bit different just because we’re from Liverpool, but we act differently to all the bands in Liverpool scene.“ – Wie kann ich mir das vorstellen?

Sean: Dazu muss ich erstmal sagen, dass sich The Wombats auch nicht wie Bands aus der „Liverpool scene“ verhalten. Ich meine, die sind weltweit erfolgreich! Die Liverpooler Szene musst du dir so vorstellen, dass es dort viele junge Bands gibt, die sind vielleicht 16 Jahre alt – zu dieser lokalen Szene haben wir vor ein paar Jahren auch gehört, als wir in dem Alter waren.

Ich meine das gar nicht negativ, wenn ich das so kategorisiere, ich will mich gar nicht davon distanzieren. Es ist nur so, dass wir älter werden und auch mal rauskommen wollen. Bevor wir auf Tour gegangen sind, haben wir wirklich jeder kleinen Venue in der Stadt gespielt. Bestimmt einmal pro Woche. Das definiert die Liverpooler Musikszene eigentlich ganz gut und das wollten wir für The Night Café nicht.

Nicht in der Stadt hängenbleiben meinst du?

Sean: Ja genau. Dank des Internets ist man ja heute zum Glück nicht mehr darauf limitiert, wo man herkommt, sondern kann überall Leute erreichen. Wenn wir einen Song auf Soundcloud veröffentlichen, hören den viel mehr Leute, als wenn wir ihn nur im Pub um die Ecke spielen. Der daraus entstehende Fanboost war eine große Motivation, auf Tour zu gehen. Und weil wir so viel unterwegs sind, sind wir nicht mehr wirklich in der lokalen Szene integriert.


„Niemand außerhalb der Stadt spricht wirklich über die Kultur, die hier herrscht, das ist schade.“


Dein Zitat, das ich gerade begonnen habe, geht folgendermaßen weiter: „It’s not where people are from, it’s what they’re about that people remember“ – Ich verstehe, was du meinst, ich finde es lustig, dass dein Album-Titel die Vorwahl von Liverpool ist – eine klare Referenz auf eure Herkunft.

Sean: Da wurde ich falsch zitiert. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das so nicht gesagt habe. Ich habe darüber gesprochen wie es ist, aus Liverpool zu kommen und meine Antwort wurde völlig aus dem Kontext gerissen. Wir sprachen darüber, dass in England viele Vorurteile gegenüber den Nordengländern herrschen. Als Margaret Thatcher Premierministerin war, hat sie diese Vorurteile vorangetrieben.

Als ich das gesagt habe „It’s not where people are from, it’s what they’re about that people remember„, meinte ich, dass die Herkunft der Person sie nicht einschränken oder in eine Schublade stecken soll. Wir sind sehr stolz auf unsere Heimat und haben das Album deshalb auch „0151“ genannt, weil uns Liverpool zu dem gemacht hat, wer wir sind als Menschen. Niemand außerhalb der Stadt spricht wirklich über die Kultur, die hier herrscht, das ist schade. Wir haben uns als Band vorgenommen, Liverpool besser zu repräsentieren.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Charlotte Patmore