The Tallest Man On Earth schenkt uns 2019 das, was viele seiner Kollegen gegen andere Auslegungen dieser Musikrichtung getauscht haben. Wem die alten Ben Howards & Bon Ivers fehlen, wer richtig gute Folkmusik mit raum-einnehmenden Gitarrensaiten sucht, kann sich in Mattsons neuem Album geborgen fühlen. Ja, Geborgenheit ist eine gute Beschreibung für das Gefühl, welches „I Love You. It’s A Fever Dream“ (REVIEW) auslöst. Hier wird dem Hörer nicht zu viel abverlangt, höchstens sein Herz.

Ein Artikel von Anna FliegeKristian Matsson, der Mann hinter dem Pseudonym The Tallest Man On Earth, gibt nur selten Interviews, zumindest lassen sich die Suchergebnisse an wenigen Händen abzählen. Umso schöner, einen kleinen Schriftaustausch zwischen New York und hier mit ihm führen zu dürfen und hinter die Kulissen blicken zu können. Kristian erläutert mir die zwei Seiten des Albumtitels, erzählt, wie es zur eigenständigen Produktion kam und berichtet von Konzerten.


Im Rahmen des neuen Albums sagtest du, dass die Leute die kleinen und meist besten Momente nicht richtig wertschätzen können. Haben Sie eine Erklärung gefunden, warum dies die ganze Zeit passiert?

Kristian Matsson: Es ist nicht unbedingt so, dass ich diese Momente nicht richtig wertschätzen kann, im Gegenteil. Viele Dinge passieren, um Aufmerksamkeit zu erregen. Inmitten dieses Lärms wird es für mich immer wichtiger, Ruhe zu finden.


„[…] im Moment ist es eine ziemlich beängstigende Welt – es ist fast so, als würde man aufwachen und feststellen, dass die Welt von Comic-Bösewichten geführt wird.“


Kannst du die Bedeutung des Albumtitels „I Love You. It’s A Fever Dream“ mal erklären?

Kristian Matsson: Dieses Album handelt vorrangig von der Welt um mich herum, dem allgemeinen Bedürfnis, sich gegenseitig zu trösten und zu helfen und gemeinsam dahin zu gelangen, wo wir hin wollen. Es gibt eine Menge von First-Person-Songs oder Liebesgeschichten. Aber das „I Love You“ ist für meine Freunde, mich und für Fremde. Für jeden. Es ist schwierig, dies in Worte zu fassen, aber im Moment ist es eine ziemlich beängstigende Welt – es ist fast so, als würde man aufwachen und feststellen, dass die Welt von Comic-Bösewichten geführt wird. Es fühlt sich einfach so lächerlich falsch an, was wir tun, und das ist der Fiebertraum-Teil.

Ich wette, du erhälst viele emotionale Nachrichten von Fans, in denen sie über ihre besondere Verbindung zu deiner Musik erzählen. Wie gehst du damit um?

Kristian Matsson: Die Leute sind im Allgemeinen wirklich unglaublich und positiv. Es ist weniger, dass ich damit fertig werden muss, sondern mehr, dass ich die Unterstützung schätze. Es ist schön zu wissen, dass die Leute sich mit dem verbinden, was ich tue.



Zum ersten Mal wurden Instrumente wie Orgeln und Hörner auf dem neuen Album prominent eingesetzt – werden wir diese auch live auf deiner Tour hören können?

Kristian Matsson: Nun, ich bin gerade auf Solo-Tour, also werden die Sounds, die ich mache, auf einer Gitarre, einem Banjo oder einem Keyboard gespielt. Mit diesen Instrumenten kann ich einiges anfangen, aber für die Liveshows bin ich im Moment hornlos.

Planst du in naher Zukunft ein weiteres kreatives Projekt wie „When The Bird Sees The Solid Ground“?

Kristian Matsson: Ich konzentriere mich erst einmal auf „I Love You. It’s A Fever Dream“ und denke nicht wirklich darüber nach, was als nächstes kommt. Aber ich denke, ich werde noch mehr in diese Richtung machen. Ich habe es geliebt.


„Es gibt so viele Möglichkeiten, Songs zu schreiben und aufzunehmen, und ich möchte es nicht nur auf eine Weise tun. Es ist kein Statement für sich, es selbst zu machen, es ist nur die Art, wie ich dieses Album gemacht habe.“


Was ist der Grund für die Entscheidung, das Album komplett selbst zu produzieren?

Kristian Matsson: Ich habe schon über ein Jahr lang auf diese Weise gearbeitet, als ich „The Light In Demos“  und dann „When The Bird Sees The Solid Ground“ gemacht habe. Da habe ich dann einfach dran angeknüpft.  Ich kam von der Tour im Herbst mit der Mission nach Hause, ein Album zu machen, und ging die Treppe hinunter und fing an, eines zu machen. Es gibt so viele Möglichkeiten, Songs zu schreiben und aufzunehmen, und ich möchte es nicht nur auf eine Weise tun. Es ist kein Statement für sich, es selbst zu machen, es ist nur die Art, wie ich dieses Album gemacht habe.

Der erste Teil deiner Tour ist bereits vorbei – wie hast du die neuen Songs live mit deinen Fans erlebt?

Kristian Matsson: Es war toll. Das Album kam während der letzten Tour heraus und es war cool zu hören, wie die Leute sich immer mehr mit den Songs vertraut machten.

Zu Beginn des Interviews habe ich dich auf die kleinen Momente angesprochen. Versuchst du, solchen Momenten bei Konzerten Aufmerksamkeit zu schenken? Oder bist du zu sehr auf das Spielen fokussiert?

Kristian Matsson: Ich würde sagen, dass ich immer versuche, auf diese Momente zu achten, und ich würde gestehen, manchmal zu versuchen, sie zu verwirklichen, auch während ich spiele.



THE TALLEST MAN ON EARTH live

04.06.19: Hamburg -Laeiszhalle
05.06.19: Berlin – Tempodrom
07.06.19: Köln – E-Werk
08.06.19: München – Circus Krone


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Kaitlin Scott