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Im Wortwechsel mit THIS IS THE KIT

Im Wortwechsel mit THIS IS THE KIT

Mit „Off Off On“ veröffentlicht Kate Stables aka. This Is The Kit ihr neues Album. Im Wortwechsel hat sie mit Anna über Selbstreflektion, Freiheit, „The IT Crowd“ und Matt Berningers Texte gesprochen.

Es rauscht ziemlich laut, als Kate Stables an einem verregneten Montagmittag ein Stück Tape von ihrer Webcam reißt. Sie strahlt, ich strahle, wir lachen. Es ist, als würde man sich schon ewig kennen. Die gebürtige Britin sitzt in ihrem Zuhause in Frankreich. Wir unterhalten uns über das schlechte Wetter und stellen fest, dass man mit den Monaten besser in Zoom-Calls wird („It’s a new skill to master, isn’t it?“ fragt sie lachend).

Alles immer noch ziemlich strange, oder? Wie hast du die letzten Monate erlebt?

Kate Stables: Es ist schon in Ordnung. Ich habe Glück gehabt, ich war nicht krank, niemand, den ich kenne, war ernsthaft krank. Ich arbeite sowieso von zu Hause aus, also kann ich immer noch von zu Hause aus arbeiten. Ich fühle mich ganz gut.

Mir ist klar geworden, dass sich viele Menschen im Moment in einer sehr schwierigen Situation befinden. Deshalb hoffe ich, dass ich in diesem großen Ganzen irgendwie eine nützliche Person sein kann.

Ich glaube, dass die negativen Aspekte so grausig sind, dass man sich fast schämt, über positive Seiten zu sprechen. Selbstreflektion war für mich ein großes Ding.

Kate: Ja, schon, man muss es ausbalancieren. Denn zu viel Selbstreflexion kann ein echter Stimmungskiller sein.

Oh, total. An dem Punkt war ich letzte Woche. Wie sieht es bei dir aus?

Kate: Als Frankreich im strengen Lockdown war, war das ziemlich hart. Wir hatten gerade erst die Aufnahmen zum Album abgeschlossen, und so gab es all diese Themen und Fragen und Dinge, die man erledigen und Entscheidungen treffen musste. Dabei hat man sich wie in diesem seltsamen emotionalen Schnellkochtopf gefühlt. Ein merkwürdiger Katalysator-Effekt, bei dem alles irgendwie beschleunigt oder übertrieben wirkt. Das fand ich ziemlich bizarr.

So wie sich die Außenwelt an die Situation anpasst, so passt sich auch die Innenwelt an. Wir lernen gerade erst, wie wir uns jetzt in einer solchen neuen Situation verhalten sollen. Es ist schon komisch, selbst wenn man sich Sachen im Fernsehen ansieht, wo die Leute ganz nah beieinander sind, oder wenn man sich küsst oder umarmt, lässt uns plötzlich zusammenzucken und denken: „Oh mein Gott, nein! Wasch dir die Hände! Stop“. Ich hoffe, dass wir irgendwann zum normalen Berühren zurückkehren [lacht].

Ich komme darauf zu sprechen, da ich beim Hören das Gefühl hatte, dass dein Album meine Selbstreflektionen total gut widerspiegelt. Sich so intensiv mit sich selbst zu beschäftigen, findet in unserem stressigen Alltag ja normalerweise keine Zeit. Sag mal, kommen erst die Erkenntnisse und dann die Songs? Oder passiert das auch schon mal anders herum?

Kate: Auf jeden Fall beides!Ich bin jemand, der Dinge aufschreibt, ich notiere immer meine Ideen, wenn ich über etwas nachdenke. Nicht unbedingt mit dem Ziel, daraus ein Lied zu machen, was eine Art Nachdenken über das Thema ist. Und dann verwandeln sich meine Notizen oft in den Text, den ich für die Lieder verwende. Aber es stimmt schon, dass ich normalerweise nicht denke: „Okay, dieses Lied wird hiervon handeln“.

Normalerweise schreibe ich, was auch immer dabei herauskommt, und dann trete ich zurück und bin so: „Oh guck mal, ich habe einen ganzen Song geschrieben und es scheint sich alles um was auch immer zu drehen.“ Es ist ein bisschen von beidem. Ich schreibe über Dinge, um sie zu verarbeiten. Und dann entstehen die Lieder. Dann trete ich zurück und sehe, wovon das Lied hinterher handelt.

[…] aber eigentlich liegt es an uns zu entscheiden, wie frei wir sein wollen.

Beim Durchhören und Lesen der Lyrics ist mir aufgefallen, dass ein Wort sehr prominent in den Songs ist – „free“. Was bedeutet Freiheit für dich?

Kate: Gut beobachtet! Ich glaube du bist die Erste, der das auffällt! Aber du hast recht. Ich habe viel über Freiheit nachgedacht. Die Freiheit, die wir als Individuen haben.Aber auch die Freiheit, die wir, in welcher Gesellschaft wir auch immer leben, haben.

Und über unser Verhältnis zur Regierung, zur politischen Regierung, aber auch darüber, wie wir unsere eigene Existenz und unseren Platz in der Welt regeln. Und sehr oft erkennen wir nicht, in welchem Ausmaß wir unsere Freiheit wählen können. Es ist wirklich einfach zu beschließen, dass wir durch all diese Dinge eingeschränkt sind, aber eigentlich liegt es an uns zu entscheiden, wie frei wir sein wollen. Besonders, wenn man mit anderen Menschen zusammen kommt, kann man tolle Sachen erreichen.

Ich kann mir vorstellen, dass das eine Erkenntnis ist, die dir in deinem Job als Künstlerin auch weiterhilft, oder?

Kate: Ich denke, dass viele meiner Gedanken über Freiheit und darüber, wie sehr wir uns dafür entscheiden, frei zu sein, mit der Arbeit in dieser Branche zusammenhängen. Man wird oft von anderen Leuten in Kisten gesteckt. Und man wird von anderen Menschen eingeschränkt. Und man bekommt oft ein Label verpasst. Dir wird gesagt, dass du etwas nicht tun kannst. Oder es wird einem gesagt, dass man etwas nicht tun soll. Und so stößt wahrscheinlich jede*r, der in seinem Beruf tätig ist, darauf.

Es ist die Waagschale zwischen Freiheit und Kooperation mit anderen Menschen. Am Ende kommt es auf diese unendliche Beziehung zwischen Freiheit und Verantwortung zurück. Und die Balance zwischen den beiden. Wie deine Verantwortung, mit der Zusammenarbeit dem Gegenüber die Arbeit nicht zu erschweren. Und gleichzeitig zu versuchen, ehrlich zu dir selbst zu sein und ein gesundes Level an Freiheit beizuhalten. Und in meinem Fall kreative und künstlerische Integrität, statt nur das zu machen, was andere Leute wollen.

Was würdest du sagen sind die elementaren Gefühle, die du in das Album bringen wolltest?

Kate: Auch hier hatte ich keinen Plan aufgestellt, aber wenn ich mir das Ganze aus der Distanz ansehe, erkenne ich eine große Unruhe und Introspektion. Es ist fast wie ein Exorzismus, diese internen Ideen und negativen Gedanken rauszubekommen. Wenn du sie laut aussprichst, können sie verschwinden. Das steckt auf jeden Fall in diesem Album. Aber mir ist auch sehr wichtig, hoffnungsvoll zu bleiben. Ich hoffe dass das ebenfalls auf dem Album zu finden ist. Dass wir positiv bleiben und daran arbeiten und weitermachen müssen.

Die nächste Frage ist sehr basic, aber ich bin neugierig: Was steckt hinter dem Titel „Off Off On“?

Kate: Es hat etwas damit zu tun, ein paar Schritte vorwärts und dann wieder zurück zu gehen. Wie diese Art des Wandels, den wir in unserem Leben haben, sowohl Fortschritte als auch der Mangel an Fortschritt. Oder auch, wie wir Fortschritt überhaupt interpretieren. Manchmal muss eine Zeit lang nichts geschehen, um danach Fortschritte wahrzunehmen.

Es hat mit den Mustern zu tun, die wir in unserem Leben und dem Universum sehen. Als Menschen sind wir ziemlich eingeschränkt, wenn wir sagen: „Oh, schau, zwei Dreien, dann eine Fünf, dann zwei Siebenen, dann müssen es zwei Dreien und eine Fünf sein„, das ist es, was unser Gehirn macht.

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Der Titel bezieht sich zudem auf das Blinken von Lichtern. Dieses An-Aus-An-Aus. Und die Beziehung zu Ideen, die kommen und gehen.

„Hast du schon versucht, es aus- und wieder anzuschalten?“

Kate [lacht]: Jaaa, genau das! Man, das ist super – hast du „The IT Crowd“ geguckt? Da sagen die das nämlich auch immer.

Nein, aber das gibts jetzt bei Netflix und steht ganz oben auf der Watchlist.

Kate: Ich kann es nur empfehlen. Das ist genau das, was sie jedes Mal sagen, wenn sie ans Telefon gehen: „Have you tried to turn it off and on again?„. Wenn es dir nichts ausmacht, nehme ich die Erklärung jetzt in meine Umschreibung für den Albumtitel mit auf, das ist wirklich gut!

Tatsächlich denke ich in Bezug auf das Album häufig an „The IT Crowd“. Ich will nicht zu viel spoilern, das wäre unfair, aber es gibt da diesen Typen, der im Serverraum lebt. Und er beobachtet, wie die Lichter der Server blinken. Und er beobachtet die Muster dieser Lichter. Das fasst ziemlich gut zusammen, was mir durch den Kopf ging, als ich mich für den Titel „Off Off On“ entschieden habe.

Ich muss effizienter mit meiner Erklärung werden. Aber hier noch ein Fun Fact: Für den Song „Off Off On“ kam mir dieser Satz in den Sinn, als ich den Song geschrieben und entschieden habe, an welche Stellen ich die Noten über den Banjo-Part lege. Und das war auf einen Off-Beat. Und auf noch einen Off-Beat. Und dann auf dem Beat. Bevor ich überhaupt einen Songtext hatte, habe ich schon „off off on“ gesungen. Und dann kam alles danach und irgendwie zusammen.

Zum Schluss müssen wir noch über The National sprechen. Du hast 2019 viel mit der Band für ihr Album „I Am Easy To Find“ zusammengearbeitet und warst im Anschluss auch mit ihnen auf Tour. Was hast du aus der Zeit für das Album mitgenommen?

Kate: Allein die Tatsache, mit ihnen auf Tournee zu sein. Tourneen sind für mich einfach eine nährende Aktivität, um zu schreiben und über Dinge nachzudenken. Und auch, dass ich mit einer anderen Band touren konnte und nicht meiner eigenen, bedeutete, dass ich zum einen weniger Verantwortungen hatte und eher in der Beobachterrolle war, in der ich lernen und versuchen konnte, ein nützlicher Part dieses Tour-Organismus zu sein. Das ist in meine Gedanken und mein Schreiben eingeflossen.

Und zum anderen natürlich jeden Tag von diesen Leuten umgeben zu sein, die du liebst. Du lernst von ihnen und siehst, wie sie aufeinander aufpassen und ihren Job machen. Obendrauf kommt das tägliche Singen von Texten, die jemand anderes geschrieben hat. Du studierst auf eine Weise den Schreibstil und die dazugehörigen Songs. Das hatte ich so nicht erwartet. Aber jeden Tag habe ich über die Lyrics und deren Struktur nachgedacht, die Art, wie Matt [Berninger] Sprache nutzt. Das hat sich ein bisschen so angefühlt, als würde ich einen English Literature-Kurs belegen.

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