Fast fühlt es sich an, als wäre es erst gestern gewesen, als Tom Odell seinen Durchbruch mit „Another Love“ feierte und für reichlich Gänsehaut und Tränen im Augenwinkel sorgte. Nun, über 5 Jahre später, erscheint bereits sein drittes Album „Jubilee Road“ am 26. Oktober 2018. Gespickt mit Erinnerungen und Beobachtungen aus einer Straße, in der Tom eine Zeit lang in London lebte, wächst der 27-Jährige immer mehr zum großen Geschichtenerzähler heran, der gemeinsam mit seinem Piano die Welt bereist.

Anna traf Tom zum Wortwechsel in Hamburg und sprach mit ihm über die Bedeutung seines neuen Albums, die Grenzen eines Künstlers und das Erwachsenwerden inmitten der Musikszene.


Ist „Jubilee Road“ ein musikalischer Schuhkarton voller Erinnerungen für dich, wenn du es dir anhörst? Oder können wir uns das eher als eine Schließung dieses bestimmten Kapitels Ihres Lebens vorstellen?

Tom: Ich würde sagen, dass es vielmehr präsente Dinge als Erinnerungen sind. Die Songs sind in der Gegenwartsform geschrieben und ich glaube, dass da Geschichten erzählt werden, die genauso jetzt passieren könnten, wie in 20 Jahren auch. Da gibt es diese Zeile in „Jubilee Road“, welche die Idee eines alten mürrischen Mannes innehält, der mir über sein Leben erzählt. Ich glaube, dass ich genauso werde, wenn ich einmal alt bin. Für mich fasst es das genau zusammen, das Zelebrieren des zirkulären Charakters des Lebens.

Im Gegensatz zu deinen ersten beiden Alben hast du das neue Album selbst produziert. Hat es dir die Arbeit erleichtert?

Tom: Ich habe es mit jemanden produziert, war aber mehr involviert als sonst. Es war ein natürlicher Prozess. Als Musiker würde ich behaupten, dass ich weiß, wie die Entstehung und Aufnahme eines Songs funktioniert, nachdem ich den Job schon seit einer Weile mache. Aber auf der anderen Seite muss ich sagen, dass ich es ohne meine Band nicht in der Form geschafft hätte. Sie sind allesamt enge Freunde von mir und wir arbeiten so gut zusammen und sind so eng miteinander verbunden. Bei den vorherigen Produktionen waren sie nicht so stark involviert wie jetzt.

Nach „Wrong Crowd“ klingt „Jubilee Road“ wieder etwas ruhiger. War es ein bewusster Schritt?

Tom: Das Album ist selbstsicherer und weniger chaotisch. „Wrong Crowd“ hatte Unordnung inne, die auf „Jubilee Road“ nicht so präsent ist. Es besitzt eine Art von Selbstbewusstsein.

Du warst 22 Jahre alt, als „Long Way Down“ herauskam, jetzt bist du mit deinem dritten Album 27. Hat das Erwachsenwerden deine Denkweise verändert und lässt sich das in deinem musikalischen Prozess wiederfinden?

Tom: Ich glaube, du hörst niemals auf zu lernen. Ich habe in den vergangen fünf Jahren so viel gelernt, ich war von so viel Musik umgeben, habe so viele Shows gespielt, bin viel getourt und habe so viele Bands live gesehen, habe viele Studios besucht – ich habe enorm viel gelernt. Ich würde sagen, dass sich mein Schreiben komplett verändert hat. Die einzige Sache, die gleichbleibt, ist, dass ich die allermeiste Zeit am Piano schreibe. Für mich ist das Piano der Treffpunkt von lyrischen und musikalischen Ideen, die ich habe, es ist quasi der Matchmaker.

„Jubilee Road“ ist ziemlich persönlich, oder? Setzt du dir beim Schreiben von Songs selbst Grenzen?

Tom: Ich glaube meine Grenzen entstehen daraus, dass ich ein Künstler bin. Ein Teil davon sind meine Träume, meine Phantasie gemischt mit Erinnerungen und es wird alles zusammen in diesem Topf miteinander verrührt. Was ich mit „ich bin ein Künstler“ meine ist, dass ich mir keine Gedanken darum machen muss, eine Linie zwischen dem Realen und dem Ausgedachten ziehen muss, schließlich ist es am Ende ein Song, kein Memoir. Die Grenzen existieren, aber die gibt es überall, in jedem Schreibprozess. Jede Art von Kunst ist immer zutiefst persönlich, selbst wenn jemand ein Comedy-Skript schreibt, stecken da persönliche Beobachtungen drin. „Jubilee Road“ ist auf jeden Fall beobachtungslastiger und stärker in der dritten als in der ersten Person geschrieben, was neu für mich war. Ich weiß nicht, wie es dir mit dem Album geht, aber ich bin besonders stolz auf die Reichhaltigkeit der Texte. Lyrisch ist es mit Abstand das reichhaltigste Album, das ich bis heute geschrieben habe. Und dabei hat mich die Literatur genauso inspiriert wie Musik.

Obwohl deine Texte eher auf der emotionalen, persönlichen Seite angesiedelt sind, kann ich mir vorstelle, dass auch dich das Weltgeschehen und die Politik beeinflussen.

Tom: Ich denke, dass Politik immer auf natürliche Weise einfließen werden. Und auch jetzt sind sie ein bisschen eingeflossen. Das Album erwähnt häufiger diese verdrossene Spannung zwischen den Generationen, die ich in der Straße, in der ich gelebt habe, beobachten konnte. Es herrscht ein leichter Groll gegen die Generation vor uns. Wir müssen heute mit den Folgen einer Verantwortungslosigkeit umgehen, ob nun im Bezug auf das Klima, den Mittleren Westen oder der Mangel an Eigentum. ch würde nicht behaupten, dass ich ein politisches Album geschrieben habe, aber diese gesellschaftlichen Dinge sind in „Jubilee Road“ eingeflossen, da es ein sehr präsentes Thema in meiner Straße war.

Zum ersten Mal gibt es auf einem Tom Odell-Album ein Feature! Wie kam es denn zur Zusammenarbeit mit Alice Merton?

Tom: Wir haben uns auf einem deutschen Festival kennengelernt. Ich hatte nie vor, ein Duett zu schreiben, aber jemand schlug mir vor, den Song als Duett auszuprobieren. Zu der Zeit lief Alice Song „No Roots“ im Radio rauf und runter und ich mochte es sehr. Da fragte ich sie, ob sie „Half As Good As You“ mit mir singen möchte und sie sagte „ja„.

Was macht „Jubilee Road“ für dich so besonders?

Tom: Die Platte fühlt sich besonders an, weil es für mich eine sehr besondere Zeit war, auch nachdem ich aus der Straße weggezogen bin. Für mich ist „Jubilee Road“ wie eine alte Jacke, die ich immer wieder getragen habe und sie sich nach und nach an meine Schultern angepasst hat und ein paar Brandlöcher besitzt. Ich habe bisher Nichts veröffentlicht, dass im Kern so sehr ich selbst ist, wie dieses Album.



TOM ODELL live

30.10.2018 Hannover – Capitol
01.11.2018 Hamburg – Mehr! Theater
02.11.2018 Berlin – Columbiahalle
07.11.2018 Leipzig – Haus Auensee
13.11.2018 Köln – Palladium
22.01.2019 München – TonHalle


Autorin & Fotocredit: Anna Fliege