Für die Menge an Konzerten ihrer „Britz California“-Tour im Herbst 2019 braucht es mehr als 3 VWL-Bandmitglieder, um sie an den Fingern abzählen zu können. Dass bei jedem Tourstopp ein „ausverkauft, heute keine Abendkasse“ am Eingang hängt, sollte keinen mehr überraschen. Von der Schulband zur Indie-Koryphäe des deutschsprachigen Raumes. Von Wegen Lisbeth leben den Traum. Oder?


Ein Artikel von Anna Fliege – Frontmann Matze und Schlagzeuger Julian sind vor ihrem Konzert in der Warsteiner Music Hall in Dortmund (es ist das 28. von 31) verständlicherweise ein bisschen müde und angeschlagen, aber super lieb. Sie erzählen von 2 Meter-Männern in der 1. Reihe, wie es ihnen wirklich bei der Tagesschau erging und welchen besonderen Service sie sich für die nächste Tour wünschen würden.


Wie geht’s?

Matze: (gähnt) Joa, ganz ganz okay.

Ihr seid ja schon ganz schön lange auf Tour jetzt…

Matze: Ja, eben. Man spürt es langsam in den Knochen.

Kriegt man hier eigentlich auch irgendwann so einen richtigen Lagerkoller?

Matze: Wir haben hier ja zum Glück relativ viele Leute um uns herum inzwischen. Heißt, man kann sich immer so ein bisschen aufteilen irgendwann.

Aber man hat doch bestimmt auch mal so einen Tag, wo man niemanden mehr sehen will und alles doof findet, oder?

Matze: Ja klar, auf jeden Fall. In der Mitte der Tour auf jeden Fall. Jetzt zum Ende hin ist’s wieder cool. Diesen Punkt, wo man nur noch denkt „aaaaah“, haben wir zum Glück schon überwunden.

Und was macht man dann an diesem Punkt? Habt ihr da irgendwelche Mittel gegen?

Matze: Spazieren gehen.

Julian: Echt? Bist du dann ein bisschen spazieren gegangen?

Matze: Ja. Hast du gar nicht mitgekriegt, ne?

Julian: Okay. Ansonsten: Saufen hilft natürlich auch immer.

Stell ich mir aber bei der Länge jetzt auch ein bisschen gefährlich vor.

Julian: Ja, ich mein deswegen sind am Ende auch alle ein bisschen krank. Ganz drumrum kommt man da nicht.

Was ich auch spannend finde: Ihr seid grad losgefahren, da hattet ihr schon die nächste Riesentour für nächstes Jahr angekündigt. Ist das nur Segen, oder auch Fluch?

Matze: Grundsätzlich natürlich schon total der Segen! Dass wir überhaupt solche Mukke machen und davon leben können grade und dass Leute auf unsere Konzerte wollen. Da würden wir uns ja niemals drüber beschweren.

Was ich ein bisschen creepy daran finde, dass man halt jetzt schon weiß, was man in einem Jahr macht. Am 20. Oktober 2020 bin ich in Essen oder so. Da denke ich mir schon „huch„, ist schon alles sehr weit im Voraus geplant.

Julian: Wir sind sonst nicht die Leute, die ein Jahr komplett durchplanen würden.


„Ich denk mir „hey Leute, ich will doch hier einfach nur ein trauriges Liebeslied singen“ aber die denken sich „ist egal“ und klatschen dann sehr laut neben dem Takt.“


Lasst uns mal auf die Konzerte selbst kommen. Gibt es da Sachen, die euch unfassbar nerven am Publikum?

Julian: Matze hat manchmal, wenn er Balladen spielt, Leute, die dann anfangen zu klatschen oder „alé alé alé“ zu rufen.

Matze: Ja man, die gröhlenden Fußballfans. Ich denk mir „hey Leute, ich will doch hier einfach nur ein trauriges Liebeslied singen“ aber die denken sich „ist egal“ und klatschen dann sehr laut neben dem Takt (lacht). Ja, das passiert manchmal.

Sonst gibt es immer regelmäßig Leute, die sich in die erste Reihe stellen, meistens sind das auch 2 Meter große Männer, die einen den ganzen Abend dann nur grumpy angucken. Und ich frag mich dann immer „was machst du denn überhaupt da? Warum stehst du nicht wenigstens ein bisschen weiter hinten?„.

Julian: Aber theoretisch ist unser Publikum super nett und die gehen ja auch immer sofort, wenn das Konzert vorbei ist. Normalerweise haben Locations  voll den Ärger damit, die Leute rauszutreiben und ich hab bei uns das Gefühl, die sind total brav und gehen sofort nach Hause.

In Vorbereitung auf heute habe ich mir einige Interviews von euch durchgelesen und mich dann gefragt: Gibt es Fragen, die ihr absolut nicht mehr hören könnt?

Matze: Aha, welche hast du jetzt absichtlich weggelassen? (lacht)

Hmmh, haben sich die Frauen aus euern Songs schon gemeldet?

Matze: Ja, die kommt oft. „Wie seid ihr auf euern Bandnamen gekommen? Wer ist eigentlich Lina?“ Solche Sachen.

Julian: „Was habt ihr in euerm Backstage-Kühlschrank?

Fühlt ihr euch manchmal falsch verstanden?

Matze: Von den Lyrics her? Ja, ständig. Aber ich find es gar nicht schlimm. Ich find es eher lustig, wenn da jeder sowas anderes rausziehen will, worauf er Bock hat oder wie er es gerade empfindet. Ist eigentlich immer ganz witzig zu beobachten, wie Leute Sachen völlig anders interpretieren als ich es in meinem Kopf gedacht hatte. Das ist ganz schön.

Und von den Medien?

Julian: Glaube sowas wie das Tagesschau-Interview. Wo man einfach relativ schnell merkt, dass die Interviewer überhaupt keine Ahnung haben. Das find ich ein bisschen nervig.

Matze: Ja, tatsächlich. Wenn du merkst: Okay, die haben sich 5 Minuten vorher von irgendeinem Praktikanten kurz „wie heißt das Album, was machen die für Musik“ erzählen lassen und dann überhaupt nicht wissen, worum es geht. Und dann stehst du da in so einem Fernsehstudio und denkst dir „ooookay„.

Julian: Ich glaube das war generell beim Fernsehn öfter mal so, oder?

Matze: Ja, da wirst du so abgefrühstückt.



Kann man als Band eigentlich noch unpolitisch sein?

Matze: Machen glaube ich leider sehr viele Bands noch. Kann man also machen.

Ihr seid ja schon sehr politisch. Wobei ich glaube, dass ich mich da auch in einer Art Filterbubble aufhalte. Wenn man eure Musik hört und ich denke grad an die Acts, die beim Kosmonaut Festival spielen…da gehört es ja einfach wie selbstverständlich dazu, dass man sich politisch äußert und eine Meinung hat.

Julian: Ich glaube ehrlich gesagt, dass es mehr so ist, dass man auch persönlich eine politische Meinung hat, die man irgendwie vertreten will und dass man als Band einfach eine große Reichweite hat. Und die Bands in dem Spektrum, das du gerade erwähnt hast, haben alle einen sehr präzisen Standpunkt.

Aber auf der anderen Seite gibt es sicherlich viele Menschen, die einfach an sich sehr unpolitisch sind und deshalb keine Meinung dazu haben. Man hat als Band die Möglichkeit, sich zu äußern. Die zu nutzen finde ich auf gar keinen Fall falsch.

Seht ihr euch da in einer Art Vorbildfunktion für eure Fans?

Matze: Ne. Aber tatsächlich ist es uns vor einem Jahr ungefähr erst wirklich bewusst geworden, dass uns doch viele Leute folgen auf Instagram. Vorher haben wir immer gedacht: „Ist doch scheiß egal, interessiert sich doch eh keiner für uns„. Und inzwischen gehen wir schon bedachter daran. Vielleicht kann man doch schon öfter mal Leuten, ohne denen was vorschreiben zu wollen, sagen was wir gut und was wir schlecht finden und darauf aufmerksam machen.

Es ist zwar jetzt schon ein bisschen her, aber ich muss immer wieder an eine Debatte denken, die vor 2 1/2 Jahren aufploppte. Da sangen Kraftklub plötzlich „Du verdammte Hure“ auf ihrem neuen Song und dann stand Faber am Pranger und auch ihr, weil einer euer Songs „Bitch“ heißt. Schreibt ihr eure Texte mittlerweile bedachter, um solche Kontroversen zu verhindern?

Matze: Ich glaube tatsächlich ja. Ich würde so einen Song wie „Bitch“ heute nicht mehr schreiben. Damals haben wir das halt gemacht. Aber ich meine, in dem Kontext mit Faber und Kraftklub und so, da wurden wir ja immer so ein bisschen rausgenommen – zum Glück. Ich versteh gar nicht so richtig warum eigentlich. Aber die Kritik konnte ich einfach komplett nachvollziehen und gebe den Kritikern da auch Recht. Aber wir haben den Song halt gemacht.



Wie gehen Von Wegen Lisbeth mit der neuen Schnelllebigkeit der Musikbranche um?

Matze: Wir haben uns jetzt bewusst zum ersten Mal nach Tourende ein halbes Jahr komplett freigenommen, das haben wir in den letzten 5 Jahren noch nie gemacht. Und dann gucken wir einfach mal, was bei rumkommt und was jeder so macht. Wir haben uns nichts fest vorgenommen, dass wir bis da und da wieder neue Songs haben.

Das ist außergewöhnlich. Ich treffe immer wieder Bands, die sich davon super unter Druck gesetzt fühlen.

Matze: Vielleicht ist es auch so ein Genre-Ding? Im HipHop musst du ja alle drei Tage quasi ein neues Video raushauen. Da gibt es auch gar nicht mehr dieses Albumkonzept. Wir denken uns noch: „Wir bringen ein Album raus. Und dann bringen wir noch ein Album raus„. Aber ja, eigentlich total aus der Zeit gefallen. Mal gucken, wie lange es das noch geben wird. Der Trend geht auf jeden dahin, dass du vielleicht ’ne EP machst und dann nochmal ein Lied einzeln rausbringst.

Was so schade ist…

Matze: Ja, aber tatsächlich höre ich auch nur ganz ganz selten mal ein Album am Stück.

Zum Schluss noch eine Quatschfrage. Als ich das Interview vorbereitet habe, postete 1Live etwas Interessantes. „Spezielle Angestellte“ der Stars – da gab’s Snoop Dog und seinen Joint-Roller, den Kuschel-Assistenten von Lady Gaga oder den Kim Kardashian-Intim-Make Up-Artist. Wenn ihr euch für die nächste Tour einen besonderen Mitarbeiter wünschten dürftet, was würde der tun?

Julian: Masseur ist wahrscheinlich schon zu langweilig, oder?

Matze: Einen Masseur würde ich krass feiern!

Julian: Vielleicht jemand, der immer für uns unsere Wäsche waschen geht.

Matze: Das wäre krass! Der so alle unsere Koffer mitnimmt und in den Waschsalon geht.

Julian: Oder, das klingt jetzt vielleicht ein bisschen komisch, aber: Einen Entsafter. Jemand, der uns immer frische Säfte macht. Das ist nämlich ganz schön viel Arbeit.

Matze: Ja, da steht man immer ziemlich lange.

Klingt doch nach einem tollen Praktikumsplatz!



VON WEGEN LISBETH
Britz-California-Tour 2020

01.10.2020 Kiel, Max Nachttheater
02.10.2020 Magdeburg, AMO
03.10.2020 Erfurt, Club Central
04.10.2020 Luxemburg (LU), Den Atelier
07.10.2020 Basel (CH), Volkshaus
08.10.2020 Innsbruck (AT), Music Hall
09.10.2020 Salzburg (AT), Szene
10.10.2020 Regensburg, Eventhall Airport Obertraubling
12.10.2020 Würzburg, Posthalle
13.10.2020 München, Zenith
14.10.2020 Ludwigsburg, MHP Arena
16.10.2020 Berlin, Max Schmeling Halle
17.10.2020 Münster, Halle Münsterland
18.10.2020 Hamburg, Sporthalle
21.10.2020 Köln, Palladium
22.10.2020 Frankfurt, Jahrhunderthalle


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Nils Lucas