Bereits zum zweiten Mal habe ich die Ehre, einen der interessantesten Künstler der letzten Jahre zu interviewen. Der 22-Jährige Yungblud wird als Stimme der jungen, unangepassten Generation gehandelt. Trotz knapp 2 Millionen Follower bei Instagram ist der Brite kein unantastbarer Star geworden.

Ein Artikel von Anna Fliege – Mit seiner Herzlichkeit zieht er sein Gegenüber direkt in den Bann. So auch mich. Überraschend offen beantwortet er meine Fragen, erkundigt sich nach meiner Meinung und lässt so eine entspannte Diskussion entstehen, in der es um seinen Umgang mit Fans, die Wertschätzung seiner Community, Mental Health und wichtige Vorbilder geht.


Dominic, wie gehts dir? Also ernsthaft!

Yungblud: Richtig gut! Ich bin müde, aber ich bin wirklich glücklich. Gestern Abend in Hamburg war absurd! Aber so ist es eigentlich überall – von Norwegen, nach Mailand, Berlin. Ich kann heute Abend kaum erwarten. Da sitzen Kids vor der Halle, die sind seit gestern hier.

Deine Konzerte sind wirklich verrückt! Ich war im Januar in der Kantine und muss sagen: Sowas hab ich noch nie erlebt.

Yungblud: Ja man, das war abgefahren!

Ich hatte bereits im letzten Jahr im Sommer die Gelegenheit, dir einige Fragen für ein Interview zu schicken. Seitdem ist deine Karriere buchstäblich explodiert! Du bist jetzt ein echter Superstar. Wie fühlt sich das an?

Yungblud: Es ist wirklich verrückt geworden. Ich würd fast sagen: „Ich weiß gar nicht wieso?„. Aber ich glaube, meine Community und ich haben etwas gefunden…ja, wir haben uns gefunden! Ich denke, es hat sich so rasant entwickelt, weil wir eine Konversation führen.

Und das etwas ist, was lange Zeit gefehlt hat.

Yungblud: Ja genau. Weißt du, wir reden miteinander. Es ist nicht „Ich und sie“. Es ist ein „wir“. Das ist mir sehr wichtig. Ich habe das Gefühl, dass ich endlich Teil von etwas bin. Und so geht es ihnen auch. Ich möchte so viele Menschen wie möglich erreichen, denn es gibt so viele Menschen da draußen, die glauben, dass es nicht okay ist, wie sie sind. Die in ihrer eigenen Haut nicht glücklich sind. Ich möchte sie finden und in den Arm nehmen.


„Wenn man immer nur Liebe bekommt, wird man ein eingebildeter Wichser.“


Das ist so schön und so wichtig! Ich habe mich gefragt, ob du online viel Backlash bekommst? Ich sehe es so oft, wenn jüngere Menschen starke Meinungen haben, dass ältere Menschen sehr wütend und beleidigend werden. Ohne Grund.

Yungblud: Natürlich machen sie das – weil Leute Angst vor Sachen haben, die sie nicht kennen. Unsere Generation ist die, die am schwersten zu verstehen ist, weil wir so intelligent sind. Wir halten ja nicht mehr einfach den Mund und stellen uns in eine Ecke.

Ich glaube, dass Leute immer so sein werden – es gibt keinen Rückstoß, aber auch keinen Vorstoß. Und wenn ich ehrlich bin, find ich es sogar gut. Ich mag ein bisschen Hass, das hält mich auf dem Laufenden, bringt mich dazu, mich selbst in Frage zu stellen. Wenn man immer nur Liebe bekommt, wird man ein eingebildeter Wichser. Scheiß darauf.

In deinem Song „parents“ kritisierst du die ältere Generation und ihren toxischen Einfluss auf die Jugend.

Yungblud: In dem Song geht es nicht wortwörtlich darum, dass ich meinen Eltern sage, dass sie sich verpissen sollen. So naiv bin ich nicht – so naiv sind wir nicht. Dieses Lied ist eine Hommage an den Individualismus. Niemand weiß, was das Richtige für dich ist, außer dir selbst.

Lass niemanden versuchen, zu glauben, dass er besser weiß, was gut für dich ist. In diesem Song geht es darum, sich gegenseitig so zu akzeptieren, wie wir sind, denn das ist alles, was wir wirklich wollen. Frei zu sein. Zu sein, wer man sein möchte. Um uns auf irgendeine Weise zu identifizieren. Zu lieben, wen wir wollen. Auszusehen, wie ich verdammt nochmal aussehen will. Ohne Vorurteile gegenüber unserer Persönlichkeiten.



Und das ist eine ziemlich neue Sache in unserer Gesellschaft. Diese freie Akzeptanz.

Yungblud: Vollkommen! Deshalb flippen die älteren Generationen so aus, weil wir so schnell Veränderungen von unten schaffen. Wir haben genau das selbe Recht, offen über Dinge zu sprechen wie sie. Ja, sie wirken immer weiser als wir, aber das hat heute nichts mehr mit dem Alter zu tun. Wir haben den selben Zugang zu Informationen wie sie.

Hast du Angst, dass wir eines Tages so werden und dass unsere Kinder das gleiche über uns denken?

Yungblud: Nein.

Ich habe schon ein bisschen Angst.

Yungblud: Du hast Angst davor? Interessant!

Wir sind so offen und rebellieren und all das. Aber gefühlt haben unsere Eltern ja schon den selben Konflikt mit unseren Großeltern geführt. Und trotzdem gibt es da noch so viel, das aufgearbeitet werden muss.

Yungblud: So habe ich da noch nicht drüber nachgedacht. Wir haben schon so viel durchgestanden und müssen es auch in Zukunft noch durchstehen. Mein Anspruch ist es, meine Kinder und Enkel später so gut wie möglich zu verstehen.

Spaltung ist eine so übertriebene Ideologie. Wir sitzen gerade alle im selben Boot – aber wird das irgendwann auch überbewertet? Und Spaltung wird wieder etwas, wonach sich die Menschen sehnen? Man, das ist ein gruseliger Gedanke! Aber so funktioniert glaube ich die Welt. Wir sollten und so gut wie möglich lieben.


„Unsere Generation ist viel globaler als die vorherigen.“


Wie gehst du damit um, wenn dich die Gesellschaft, die Politik oder etwas anderes wütend macht? Manchmal möchte ich gar keine Nachrichten sehen.

Yungblud: Ja man, das ist immer wieder beängstigend. Gerade jetzt, wo das politische Interesse steigt. Waren die jungen Leute vor 10 Jahren an Politik interessiert? Nicht wirklich, auch, weil man es nicht zwingend musste. Jetzt ist das schon der Fall. Wir kämpfen ja quasi um unser Leben und unsere Zukunft.

Unsere Generation ist viel globaler als die vorherigen. Nur weil die aus Köln bist, ist es dir ja nicht egal, was in Luxemburg passiert. Oder Australien. Am Ende des Tages interessiert uns die Menschlichkeit auf der Welt. Weil es nötig ist.

Womit lenkst du ab, wenn dir alles zu viel wird?

Yungblud: Ich schreibe. Eigentlich dreht sich meine gesamte Musik ja darum. Außerdem spreche ich jeden Tag mit meinen Fans, höre, was bei ihnen so abgeht. Das ist so inspirierend. Sie schenken mit Kontext, stellen mir Geschichten zur Verfügung und ich bin so glücklich, dass ich sie hören darf.

Wow, das ist so einzigartig heutzutage. Du bist in den letzten zwei Jahren so gewachsen in deiner Popularität und trotzdem verlierst du die Bindung zu deinen Fans nicht.

Yungblud: So war es immer und so soll es auch immer bleiben. Selbst, wenn ich irgendwann mal hier in der Arena spiele, möchte ich nach dem Konzert trotzdem noch rauskommen und mit ihnen sprechen. Egal ob es 30 oder nur 10 Minuten sind.



Von dir sollten sich einige Künstler eine Scheibe abschneiden! Und wenn wir schon bei anderen Künstlern sind: Du musst mir alles zur Zusammenarbeit mit Dan Reynolds von Imagine Dragons erzählen! Dieses Feature…ich komm immer noch nicht wirklich darauf klar.

Yungblud: Das war sooo verrückt! Dan ist so eine große Inspiration für mich. Er ist genau das, was ich werden möchte, wenn ich erwachsen bin. Er ist in Kontakt mit der Welt, er ist ein Verfechter der Gleichberechtigung, er ist ein Kämpfer gegen den Hass.

Eines Tages hat er mich einfach angerufen und meinte, er würde sich gerne mit mir treffen, um Musik zu machen. Ich wusste gar nicht, was ich sagen soll.

Und dann habt ihr euch einfach getroffen?

Yungblud: Wir haben uns einfach getroffen und den Song zusammen geschrieben. Und es war einfach unglaublich.

Dein Collab-Game ist im Allgemeinen ziemlich stark, hm?

Yungblud: Ohja. Marshmello und blackbear, Machine Gun Kelly und Travis Barker, Halsey…Leute fragen mich häufig, was ich an der Zusammenarbeit so mag. Der Grund, warum ich so gerne Songs mit anderen Künstlern produziere ist: Es erlaubt mir, Kultur zu entdecken. Verschiedene Lebensbereiche, die vorher vielleicht nicht unbedingt meine Musik war.

Am Ende ist es ja immer das Selbe. Wir hören Musik, um zu entkommen. Ich kollaboriere gerne und viel. Um die Welt des anderen kennenzulernen und seine Denkweise.

Ich liebe Cross-Overs.

Yungblud: Ja, Cross-Overs gehen immer. Aber bisher sind die bei mir immer gitarrenbasiert, ist dir das mal aufgefallen?

Von welchen Collabs träumst du, die nicht gitarrenbasiert sind?

Yungblud: So jemand wie Travis Scott. Das wäre ziemlich cool. Travis Scott und Billie Eilish.

Klingt nach einem Megahit!



Ich glaube, dass viele deiner Fans in dir eine Art Hoffnung oder einen metaphorischen Leuchtturm sehen. Wie gehst du damit um? Fühlst du dich verantwortlich?

Yungblud: Es geht in zwei Richtungen, denn wenn die Leute sagen, dass du eine Stimme bist, sage ich: Nein, ich bin eine der Stimmen! Es geht um uns, niemals um mich. Weißt du, ich bin nur ein verdammter Name auf einem Yungblud-T-Shirt. Aber am Ende des Tages, ohne Leute, die das T-Shirt tragen, ist das T-Shirt nichts. Es ist eine Gruppe von Leuten. Es ist keine Fanbase, es ist eine Gemeinschaft.

Sie sind für mich genauso der Leuchtturm, wie ich es für sie bin. Meiner Meinung nach. Weil sie mich jeden Tag davor bewahren, mich umzubringen. Sie halten mich davon ab, alles in Frage zu stellen, was ich tue. Es ist wirklich verrückt, wie nahe ich mich ihnen allen fühle. Verrückt. Ich kann gar nicht glauben, dass ich noch nicht alle von ihnen treffen konnte.


„Auf Instagram ist das wie ein riesiger Schwanzvergleich.“


Und dann hast du die Mädels draußen sitzen. Seit gestern.

Yungblud: Man, das ist irre. Die Tickets für diese Tour haben sich so schnell verkauft, dass wir locker hätten hochverlegen können. Aber das wollte ich nicht. Ich möchte das langsam angehen. Alle sind immer so auf Zahlen und Erfolge fokussiert. „ICH HAB DIES, ICH HAB DAS. ICH GEWINNE. ICH BIN #1 IN DEN TRENDS. ICH BIN DIE #1 IN DEN CHARTS.“ Auf Instagram ist das wie ein riesiger Schwanzvergleich. Und alle sind der Meinung „Mein Schwanz ist größer als deiner!„. Und ich denke mir: Scheiß drauf.

Was mir wirklich wichtig ist, sind nicht die Verkaufszahlen, sondern wie viele Leute ich mit meiner Musik erreiche.

Das ist der richtige Weg, damit umzugehen, um nicht komplett den Bezug zur Realität zu verlieren, glaube ich. Du bist deiner Community so nah und hörst dir ihre Geschichten an. Dabei hast du selbst mit Mental Health-Problemen zu kämpfen. Wie kompensierst du die Stories?

Yungblud: Ich stecke sie in meine Musik. Das ist meine Art und Weise, damit umzugehen. So gehen die Geschichten nicht verloren. Mein großer Traum ist es, dass eines Tages, wenn diese eine Person auf mein Konzert kommt, und da 40.000 andere Leute sind und ich diese eine Person nicht sehen kann und ich dann einen der Songs spiele, die durch diese Person inspiriert wurden und sie genau weiß, dass es um sie geht, und auch wenn wir uns an diesem Abend nicht sehen, die Person sich angesprochen fühlt. Mit den 40.000 Leuten um sie herum, die ihre Geschichte singt. In einem Gefühl der Befreiung. In gewisser Weise soll es fast verschwinden. Lass das Problem hier in diesem Raum.


„Ich möchte, dass Musik echt ist.“


Du bist ein so tolles, wichtiges Vorbild. Wirklich.

Yungblud: Ich möchte, dass Musik echt ist. Das war sie so lange nicht.

Was ich mich schon lange frage: Hattest du als Kind irgendwelche aktivistischen/politischen Vorbilder?

Yungblud: Gerard Way. Robert Smith. Siouxsie Sioux. David Bowie. Eminem. Lady Gaga, ich darf Gaga nicht vergessen. Marylin Manson.

Ich habe nochmal drüber nachgedacht, was du über ehrliche Musik gesagt hast. Und jetzt gibt es langsam endlich wieder Leute, die Vorurteile brechen. Geschlechterrollen, Stigmatas.

Yungblud: Leute wie Lizzo, sie ist so toll! Und Billie Eilish natürlich. Travis Scott. Post Malone. Kim Petras. Troye Sivan. Es ist wirklich toll!

Wir brauchen definitiv mehr davon!

Yungblud: Ohja. Und sie werden kommen, glaub mir. Es gibt endlich wieder die Grundlage dafür. Für unsere Generation.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Jonathan Weiner