Dominic Harrison wird in zwei Wochen erst 20 Jahre alt, doch ist heute schon reflektierter als so mancher Erwachsener. Als YUNGBLUD sorgte er zum Ende des letzten Jahres mit „I Love You, Will You Marry Me“ für einen grandiosen Ohrwurm. Nun ist sein Debütalbum „21st Century Liability“ (die Review gibt es HIER) erschienen, welches ihm selbst und den Hörern die rosarote Brille schonungslos von der Nasenspitze reißt. Hier geht es nicht um die geschönte, so sorgenlos scheinende Welt der Adoleszenz, sondern um echte Probleme. Es geht um Kapitalismus, die verrückte Politik und Mental Health. Alles verpackt in intelligente Texte und einem Sound, der sich in keine Schublade stecken lässt.

Wir durften uns mit Dominic über genau diese Dinge im Wortwechsel austauschen.


Du bist ziemlich jung, deine Texte sind sehr kritisch und politisch. Siehst du dieses politische Bewusstsein als den Common Sense für deine Generation oder bist du da eine Ausnahme?

Nein, absolut. Ich denke, gerade jetzt ist meine Generation so klug. Wir sind so intelligent, weil wir Zugang zu so vielen Informationen haben und wir sie tatsächlich auch nutzen. Wir sind eine Generation, wir sehen eine Zukunft, die wir wollen, und wir sind eigensinnig über diese Zukunft. Wir sehen eine liberale Welt, in der wir leben und ein Teil von ihr sein wollen, aber sie wird von einer anderen Generation nahezu zurückgehalten, die uns nicht versteht oder nicht wirklich erleichtert ist, dass die Welt dorthin geht. Und es ist komisch, wenn Leute mich fragen „Oh, du redest über Politik und Musik. Schalten da die jungen Leute nicht ab?“ – und es ist eigentlich ziemlich bizarr, weil wir das Gegenteil davon sind. Weißt du, wir sind nicht nur junge Kinds, die sich gegen das System auflehnen, nur um gegen das System zu rebellieren. Das ist eine naive Denkart. Wir haben unsere eigenen Gedanken, wir haben unsere eigenen Vorstellungen davon, wie unsere Zukunft aussehen und sein sollte und wir haben keine Angst, sie auszudrücken.

Dein Song „Machine Gun (Fuck the NRA)“ ist über oder besser gesagt gegen die amerikanische Waffenlobby und ihre Gesetze. Du bist ein junger Typ aus Großbritannien und auf den ersten Blick scheint es so „weit weg“. Was ist der Hintergrund?

Das ist eine interessante Frage! Als ich das erste Mal nach Amerika kam, war etwas, das ich nicht verstehen konnte, dass es einfacher für mich ist, ein Sturmgewehr zu kaufen, als ein Bier. Das verblüfft mich einfach. Und ja, ich komme aus Großbritannien und nicht aus den USA, aber um der Menschlichkeit willen sollte ein menschliches Wesen kein Sturmgewehr kaufen und es gegen anderen Menschen benutzen können. Viele Leute sagen „Ja, das Lied ist ziemlich unangenehm„, aber weißt du, was unangenehm ist? Wenn du 16 Jahre alt bist, jemand in deine High School läuft und deine Freunde erschießt. Aus meiner Sicht muss über dieses Lied gesprochen werden und es musste geschrieben werden, denn: Es ist, was ich denke, es ist das, was ich sehe, dieses ganze Album ist eine Anhäufung von Gedanken und Dingen, die ich mein ganzes Leben lang gesehen und gesehen habe.

Dein ADHS spielt auf deinem Album ebenfalls große Rolle. Du sprichst häufiger über Ritalin und die Art, wie du früher häufig behandelt wurdest. Empfindest du es, obwohl es eine Störung ist, als negativ oder umgekehrt als positive Auswirkung auf deine Arbeit?

100%. Viele Leute sagen: „Woher bekommst du deine Energie?“ – und ich möchte es fast nicht wissen. Ich denke es ist das, was mich zu mir macht. Es ist ein grundlegender Teil meiner Persönlichkeit, den ich für die Welt nicht verändern möchte. Psychische Gesundheit wird endlich ernst genommen und ich möchte die Menschen einfach dazu befähigen, ihre Schwächen zu akzeptieren, weil die Gesellschaft sie für falsch gehalten hat, wenn sie psychische Gesundheit haben, warum ist das falsch? Embrace it because that’s who you are.

Die typische und doch sehr interessante Frage, besonders in deinem Fall: Was sind deine maßgeblichen Einflüsse? Deine Musik ist eine Art Clash von so vielen verschiedenen Genres.

Um ehrlich zu sein, liebe ich Musik allgemein. Alles, was mich inspiriert, setze ich in meine Musik ein. Mit Genres ist im Moment das momentan so eine Sache, ich denke ich, dass es so ein breites Spektrum gibt und du machen kannst, was du willst. Ich wuchs mit Künstlern der Hip-Hop- und Rock’n’Roll-Szene auf, weil ich glaubte, dass sie Geschwister sind, aus der gleichen Welt, dass sie die grundlegende Furchtlosigkeit besitzen, sie selbst zu sein und über reale Probleme zu sprechen. Alex Turner von den Arctic Monkeys war ein großer Einfluss für mich, weil seine Worte meinen Kopf berührten und meine Kindheit abbildeten. Ich hörte Eminem, als ich herausfand, dass meine Eltern nicht immer Recht hatten. Als ich eine Zeile“Ninety-nine percent of my life I was lied to, I just found out my mom does more dope than I do“ hörte, hat hat mich das einfach umgehauen. Ich höre gerne Reggae, ich liebe Bob Marley, ich liebe The Specials, weil sie über wirklichen Scheißmenschen geredet haben, das hat mich sehr begeistert. Ich liebe The Clash, weil das das erste Mal war, dass ich einen Song über Politik hörte, der mich dazu brachte, verdammt nochmal herumzuspringen. Es gibt also eine Menge verschiedener Einflüsse, ich liebe Musik einfach. Ich bin von vielem begeistert, ob es nun von Lorde, Post Malone, Juice Wrld, Jesse Rae oder von Kanye West ist, von The Clash, The Beatles, The Rolling Stones. Musik ist unglaublich und es hat mich mein ganzes Leben lang berührt.

Du hast einen Song für die zweite Staffel von „13 Reasons Why“ geschrieben – wie wurdest du Teil des Soundtrack einer der beliebtesten Netflix-Produktionen?

Es war komisch, sie haben mich einfach kontaktiert und haben das Lied geliebt, das ich geschrieben habe. Sie sagten: „Wir würden dich gerne auf den Soundtrack setzen„. Anfangs war es nur „Tin Pan Boy„, aber dann hatte ich ein Lied geschrieben, mit dem ich Charlotte Lawrence vorstellen wollte, und sie liebten „Falling Skies“. Das hat mich wirklich begeistert. Ich war so geschockt und aufgeregt. Ich denke, dass die Show wichtig ist. Es gibt eine Menge Kontroversen und viel Aufruhr. Ich habe Angstzustände und manchmal werden sie dadurch auch ausgelöst. Aber was ich daran liebe ist, dass die Serie das Bewusstsein für Menschen weckt, die nicht unbedingt verstehen, was ich durchmache. Ja, es ist unbequem zu beobachten, aber weißt du, was unangenehm ist? Angst haben und Selbstmordgedanken haben und niemand versteht, woher das rührt. Die Sache mit dieser Show ist, dass Menschen, die Mental Health niemals verstehen würden, in die Welt von jemandem treten, der durch die Hölle geht. Genau das sollten Künstler tun, nicht wahr? Uns nachdenken und fühlen lassen. Ich denke, es macht genau das, was Künstler tun sollten. Herausfordern und Grenzen verschieben, Menschen zum Nachdenken bringen und Menschen dazu bringen, sich auf ein Thema einzulassen, mit dem sie sich nicht unbedingt vorher identifizieren würden.

Wie waren die Reaktionen auf deinen Beitrag auf diesem Soundtrack?

Die Reaktionen darauf waren erstaunlich, selbstverständdlich gemischt, weil viele Leute die Show nicht mögen, aber größtenteils waren sie positiv. Alles, was ich möchte, dass dieses Album oder meine Musik ist, ist, Menschen zu befähigen, das Gefühl zu haben, dass sie sich selbst überwinden können und das Gefühl haben, dass sie sagen können, was sie denken. Es ist erstaunlich, welche Rückmeldungen ich jeden Tag bekomme.

„I Love You, Will You Marry Me“ ist ein Graffiti in Sheffield. Was ist passiert, dass du darüber einen mittlerweile sehr erfolgreichen Song geschrieben hast?</4>

Es handelt von zwei jungen Leuten, die von Unternehmen völlig verarscht wurden. Der Junge hat das Graffiti auf Gemeindehaus gesprayt und auf diesem Wege um die Hand seiner Freundin angehalten. Aber die Dinge nahmen eine schlechte Wende, weil sie zwei Kinder hatte und die Sozialdienste sagten, dass er sei nicht dazu in der Lage sei, Vater zu sein, später verstarb sie. Dann kam eine Werbefirma, als sie das Gemeindehaus umbauten und machte eine Marke aus dem Slogan. Sie druckten es T-Shirts, Kissen und Merchandise. Sogar eine Bierfirma hat es benutzt und sie haben Geld daraus gemacht. Er hat davon keinen Penny bekommen und ist schließlich obdachlos geworden. Für mich ist das wirklich traurig und mein Kommentar dazu, wie Firmen etwas so Wertvolles wie Liebe benutzen.

Du bist mit 16 nach London gezogen. Welchen Einfluss hatte die Stadt auf deine musikalische Reise und hat dich die Stadt irgendwie verändert?

100%. Es war wie das erste Mal, dass ich erwachsen wurde. Es war das erste Mal, dass ich die Welt nicht durch diese rosarote Brille gesehen habe, die deine Eltern dir geben. Es war das erste Mal, dass ich meine Miete bezahlte, das erste Mal, dass ich mich für Politik interessierte, das erste Mal, dass ich das Leben erlebte. Das spiegelt sich in meiner Musik wieder. Ich will echt sein, ich will über mein Leben schreiben und was ich sehe und was ich gefühlt habe. Also, natürlich, es war ein großer Teil meiner heutigen Kunst.

Gab es denn einen Plan B? Oder war Musik die einzige Option für dich?

Ich habe für eine Weile geschauspielert, aber unabhängig davon war Musik immer das einzig Wahre für mich.

Dein Album ist gerade erschienen. Wie hast du den Release-Tag erlebt? Warst du nervös, glücklich, erleichtert?

Alles davon irgendwie. Alles, 16 Millionen Emotionen gehen durch meinen Kopf wie „Oh mein Gott, wird es gut gehen?„. Aber mit diesem Album geht es mir nicht um den ersten Tag oder die Zahlen der ersten Woche, es geht um das nächste Jahr. Was darin Menschen entdecken und dass ich mich mit so vielen Menschen wie möglich verbinden kann. Wie gesagt, dieses Album ist ein Ventil für eine Generation, die das Gefühl hat, dass sie nicht gehört werden oder nicht sie selbst sein können. Und es ist das erste Mal, dass ich das Gefühl habe, gehört zu werden. Ich habe das Gefühl, dass ich mich mit meinen Fans unterhalte und ich bin so aufgeregt.


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Universal Music

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