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Interpol & „Marauder“: Alles beim Alten (und das ist gut so)

Interpol & „Marauder“: Alles beim Alten (und das ist gut so)

Wäre diese Band ein Kleidungsstück, es wäre die geliebte Jacke im Schrank, deren Anziehen sofort ein heimisches Gefühl vermittelt. Ein bisschen in die Jahre gekommen, hier fehlt ein Knopf, da ist ein kleines Brandloch – doch kein Neukauf würde das Lebensgefühl auf eine ähnliche Art und Weise ausstrahlen. Ja, Interpol sind keine normale Band, Interpol sind ein Lebensgefühl, das sich seit 21 Jahren Bandgeschichte so anfühlt.

Und so lässt sich auch ihr 6. Studioalbum „Marauder“ nach nur zwei Akkorden des Openers ohne Zweifel als Interpol-Album identifizieren. Es sind die unverwechselbaren Gitarrenriffs von Daniel Kessler, die einzigartige Stimme von Paul Banks, die treibenden Drums von Sam Fogarino und schlussendlich das Zusammenspiel aus diesen drei Faktoren.

Böse Zungen würden behaupten, die New Yorker Band sei in ihrem Einheitsbrei gefangen. Doch vielmehr sollte man Interpol als eine musikalische Konstante ansehen und seine Erwartungen nicht in irgendeine eine Neuerfindung stecken, die wir an dieser Stelle niemals in den Schoß gelegt bekommen werden. Viel zu häufig werden dieser Tage Diejenigen laut, die sich über Stilausbrüche vieler Bands beschweren. Doch nie wird man einen Interpol-Fan sagen hören: „Das klingt nicht mehr wie die Band, in die ich mich verliebt habe“ – und das ist genauso schön, wie die mutigen Schritte, etwas Neues zu wagen. Ja, auch das ist Mut, sich nicht vom Wege abbringen zu lassen.

Vier Jahre nach „El Pintor“ klingt „Marauder“ wieder weniger melancholisch, wieder ein Stückchen hoffnungsvoller und unbeschwerter. Das kommt nicht von Ungefähr, sondern war die klare Version der Band. Lebendiger, rockiger sollte es werden – und findet mit der Betitelung des Werkes seine perfekte Beschreibung. Im Rahmen ihres Kosmos ist ihnen der kleine Sprung gelungen, ohne dabei ungeschickt aus der Reihe tanzen zu müssen.

„Walk in on your own feet“ says the rover, „it’s my way or they all leave“ says the rover

Mit dem ersten Lebenszeichen, „The Rover„, hatte das Trio zur Ankündigung des Albums mal eben einen richtigen Hit aus dem Ärmel geschüttet. Die tanzbare Nummer gesellt sich zu den wenigen, für Interpol-Verhältnisse fast ein bisschen zu fröhlichen Songs, und ist genau das, was es für eine neue Album-Ära brauchte.

Marauder“ ist, wie jedes andere Album der Band, ein Grower – bedeutet: man muss sich reinhören, sich drauf einlassen, die Songs und das Konzept wirken lassen, keine all zu vorschnellen Schlüsse fassen und Songs in Schubladen stecken. Mit jedem erneuten Hören erwecken kleine Passagen einzelner Songs eine neue Aufmerksamkeit, man beginnt, Paul Banks Songwriting nachzuvollziehen und verbindet sich nach und nach damit.

Apropos Songwriting: Die Texte des 6. Albums sind die wohl persönlichsten. Wer sich aber nicht gründlichst mit der Vita des Songwriters Paul Banks beschäftigt hat, wird wohlmöglich nichts davon mitbekommen.

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Wer mit Interpol bis hierhin nichts anfangen konnte, wird mit „Marauder“ allein nicht die magische Erleuchtung erfahren. Dennoch ist das neue Interpol-Album eine Reise in die kleine Welt der kryptischen Tonfolgen, berührenden Lyrics und der prägnanten Gitarrenriffs wert.


INTERPOL live

23.11.18: Hamburg, Mehr! Theater
25.11.18: Berlin, Tempodrom



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Jamie James Medina

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