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Jack Garratt & „Love, Death & Dancing“: Ehrlichkeit siegt

Jack Garratt & „Love, Death & Dancing“: Ehrlichkeit siegt

Sein Debütalbum „Phase“ war ein riesen Erfolg, wurde mit Lob und Preisen überhäuft. Doch plötzlich wurde es ruhig um das neue Multiinstrumentalisten-Talent – eine schwere Depression, wie Jack Garratt heute offen erzählt. Mit „Love, Death & Dancing“ meldet sich der Brite zurück und veröffentlicht ein Album, das überrascht, begeistert und betroffen macht


Ein Artikel von Anna Fliege – Das neue Jack Garratt-Album ist nicht das, was ich nach vier Jahren Funkstille erwartet hätte. Es ist viel mehr, viel besser. Brutal-ehrliche Texte treffen auf ein monströses Instrumenten-Arsenal und der Vision eines großen Talentes.

Auf den Streamingportalen ist „Love, Death & Dancing“ (einer der schönsten Albentitel des Jahres) in vier Teile aufgeteilt. Wieso das so ist, erklärt mir Jack ausführlich in unserem Interview (LINK): „Ich habe mich für diese Vorgehensweise entschieden, weil es mich als Hörer widerspiegelt. Ich höre meine Musik bei Spotify, aber auch auf Vinyl. Das sind zwei völlig unterschiedliche Herangehensweisen. Wenn ich Musik streame, bin ich meistens unterwegs, raus aus meinem Safe Space und suche nach schnell zugänglicher Musik.“



Vol. 1: Zukunftsweisende Nostalgie

Als „Time“ bei BBC Radio 1 seine Premiere feiert, habe ich kurz die Befürchtung, mich verlesen zu haben. Doch die prägnante Stimme gibt mir Gewissheit, dass es sich um DEN Jack Garratt handelt – und Euphorie. Die Comeback-Single ist ein eklektischer Supergau aus Seventies-Rock-Gitarren, Bläser-Solos und Eurodance-Anekdoten – alles zusammengebracht auf einem Track, der eine bisher unvergleichliche Energie und Tiefe in Garratts Arbeit mit sich bringt.

Doch kein Song auf dem gesamten Album haut mich so um wie „Mara„. Ein großer Song, der sich langsam aufbaut, wächst und wächst und in der Mitte durch ein Prince-esques Gitarrensolo so zerbärsten droht. „Return Them To The One“ rundet Volume 1 mit einem erst zarten, sich zu einem extrovertierten Sound ab. Wieder so ein Song, der das Debütalbum musikalisch in den Schatten stellt.

Nostalgisch“ bezeichnet Jack den ersten Part des Album, das ist ziemlich treffend. „Zukunftsweisend“ möchte ich ergänzen.



Vol. 2: Eskalative Abenteuer

Als der erste Pressetext ins Haus flattert, bringt mich folgendes Zitat nicht nur zum lachen, sondern auch zum zustimmenden Nicken:I wrote this album as someone – and for anyone – who likes dancing but doesn’t necessarily want to go out on a Saturday. It’s dance music for people who don’t want to go out!“

Volume 2 forciert diesen Vibe zu einem dreiteiligen Tanzspektakel. „Better“ überrascht mit plötzlich einsetzenden Housebeats und auch „Get In My Way“ bedient an Elementen, die man eigentlich im EDM-Bereich vermuten würde, auf „Love, Death & Dancing“ aber glücklicherweise überhaupt nicht nach EDM klingen. Dazu eine Prise 2000er-R&B und der Mut, nicht zurückhaltend zu sein. Jack Garratt macht jeden seiner Songs zu einem eskalativen Abenteuer.

So auch „Mend A Heart„, das, gäbe es einen Festivalsommer, auf jedem Elektrofestival ohne große Nachfragen laufen könnte.



Vol. 3: Ehrlichkeit siegt

Leider ist das Tanzspektakel voerst vorbei. „Vol. 3“ hat diesen Singer-Songwriter-Touch, sehr introvertiert“ erzählt mir Jack im Interview. Für mich ist es der ehrlichste Part, der sich nicht hinter Beats und wilden Tanzeinlagen versteckt, sondern vor sie stellt.

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It’s alright not to be okay“ heißt es in „Doctor Please„, „Circles“ beschäftigt sich mit „intrusive thoughts„, wie Jack auf seinem Konzert im März erklärt. Und auch „Anyone“ thematisiert depressive Phasen und ihre Nebenwirkungen sehr direkt, ohne die Notwendigkeit von Metaphern.



Vol. 4: „We found love“

Abgeschlossen wird „Love, Death & Dancing“ mit sehr schweren, nachdenklichen Tracks. „[…] da kommt all das traurige Zeug zusammen“ beschreibt es Jack ziemlich treffend. Tracks, die sich um Liebe drehen. „She Will Lay My Body On The Stone“ –  immer mit der Depressionssorge im Hinterkopf. Die Frage nach der Zukunft, nach dem Weitermachen.

Old Enough“ trägt Hoffnung inne, musikalisch wie textlich – „We found love, we found love„. Das Album endet schließlich mit „Only The Bravest“ und so mit einem Ausschnitt aus der Hochzeitsrede seines Schwiegervaters.



Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Universal Music

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