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James Blake & „Before EP“: In Erinnerung an sorgenfreiere Zeiten

James Blake & „Before EP“: In Erinnerung an sorgenfreiere Zeiten

Mehrfach schon überraschte uns James Blake in diesem Jahr mit neuen Songs. Nun gibt es gleich vier Tracks in Form seiner neuen EP „Before“, die eben erschienen ist.

Blicken wir kurz zurück auf das bisherige James Blake-Jahr 2020. Zu Beginn der Coronakrise beglückte er uns (und haufenweise prominente Fans, die sich in der Kommentarspalte tummelten) mit herzerwärmenden Instagram Live-Sessions mit dem Sänger an seinem heimischen Klavier. Es folgten die Stand Alone-Singles „You’re Too Precious“ und „Are You Even Real?“ – der erste zart und zerbrechlich über akzentuierte Bässe, der zweite eine emotionale Klavierballade mit Blake-Twist. Erst kürzlich folgte das Gänsehaut-Frank Ocean-Cover „Godspeed“ und „feel away„, der gemeinsame Track mit slowthai und Mount Kimbie.

Als die hard-Fan kann ich bestätigen: Ziemlich gutes James Blake-Jahr bisher, trotz ausgefallener Tour und naja, all dem anderen Quatsch da draußen.

Aber der in Kalifornien lebende Brite mit dem ansteckenden Grinsen meint es gut mit uns, ja sehr gut sogar. Nach einigen kryptischen Social Media-Aktivitäten und auftauchenden Plakaten in den großen Metropolen ging es ganz schnell.

Die „Before“ EP ist da. Vier brandneue Tracks ohne offensichtliche Features und eine angekündigte Boiler Room Session am Freitag (die passende Facebook-Veranstaltung gibt es hier). Dort war er zuletzt vor sieben Jahren zu Gast – und ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten Leute James Blake nicht unbedingt mit einem solchen DJ-Format in Verbindung bringen würden. Die Harmonimix-Zeiten sind lange her – doch feiern jetzt in einer doch ganz anderen Form ein Mini-Revival.

Track 1, „I Keep Calling„, ist eine ziemlich ausufernde Electro-Post-Dubstep-Nummer. Eine Umgebung, in der man Blakes durchdringende Stimme lange nicht mehr gehört hat. Dass Mount Kimbie’s Dom Maker, seit Langem enger Freund und Arbeitskumpane von James, maßgebend an der Produktion beteiligt ist, ist bei dem Sound überhaupt nicht überraschend.

Blake, der in den letzten Jahren neben seinen hochkarätigen Rap-Kollaborationen vor allem für die besonders intim-wirkenden Momente bekannt war, lässt plötzlich das große Verlangen aufkommen, sich mitten in der Nacht auf dem Melt Festival an der Strandbühne beim Tanzen in einer großen Menschenmasse zu verlieren.

Und wer jetzt ähnlich wie ich davon völlig euphorisiert ist, darf sich freuen. Denn genauso geht es jetzt die ganzen 16 Minuten weiter. Der titelgebende Track „Before“ ist nicht ganz so eklektisch wie sein Vorgänger, aber mindestens genauso ansteckend. Samples und Loops und das pulsierende Instrumental-Solo in der letzten Minute zeigen James Blake in einem frischen Gewand, dass mir ziemlich gut gefällt.

Do You Ever“ erinnert von seiner Stimmung wohl am ehesten an das 2016er-Album „The Colour In Everything„. Als hätte man einen Album-Track genommen und einen Remix draus gemacht.

Leider ist das ganze Spektakel mit „Summer Of Now“ schon am Ende angekommen. Aber James Blake wäre nicht James Blake, wenn er mit dem Closing Song noch mal so richtig einen raushauen würden. Theatral startend mit seiner durch den unsichtbaren Raum schallenden Stimme und einem Orgel-artigen Klavier, versetzt einem der Song einen ersten wohligen Schauer. „I’m not the sum of all my worries / And I’m not the sum of yours / I’m not the summer of 2015 / But I can be the summer of now“ beginnt es mit Songzeilen, die aufzeigen, wie simpel und doch treffend seine Beobachtungen und Gefühlsformulierungen sein können.

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Man hat sich noch nicht richtig von diesem Schauer erholt, da kommt langsam ein treibender Minimal-Beat auf, wie man ihn von Mount Kimbie kennt und liebt. James Blake behält es sich nicht vor, eine Anmut, die er in der Stimme trägt, auch auf dieser EP zu teilen. Ein wunderschöner Gegenpart zu den Effekten und dem hektischen Beat.

Das nenne ich eine gelungene Überraschung. James Blake bewegt sich mit „Before“ aus seiner eh schon ziemlich großen Comfort Zone heraus und trifft dabei (zumindest bei mir) genau ins Schwarze. Wenn wir nicht in die Klubs und auf die Festivals können, bringt er es uns eben in die eigenen vier Wände.

Before“ klingt wie die schönsten Sommererinnerungen, an denen man in diesem Jahr zehren musste. Er lässt das heimische Parkett zu Sand werden und verwandelt den kalten Herbstwind in eine leichte Sommerbrise, die sich in den nächtlichen Stunden langsam, aber sicher um die nackten Knöchel wickelt.

 Ich wäre nicht böse, wenn er in diese Richtung weiter experimentieren würde. Wir sehen uns Freitag im digitalen Boiler Room.

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