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JEREMIAS & „alma“: Aus den Newcomer-Schuhen rausgewachsen

JEREMIAS & „alma“: Aus den Newcomer-Schuhen rausgewachsen

Wie denkt eigentlich die Generation nach der Generation „Beziehungsunfähig“? Gibt es Liebe und ihren Kummer heute noch ohne Swipes & Likes und lernt man noch jemanden kennen, wenn man nicht halbnackt von RTL auf eine Südseeinsel geflogen wird? JEREMIAS aus Hannover lassen all diese Fragen auf ihrer „alma“-EP hinter sich und besinnen sich auf echte Gefühle, die man in seinen Zwanzigern wohl oder übel durchleben muss.


Ein Artikel von Anna Fliege – Eine Erinnerung taucht vor meinem innere Auge auf. Ein halbes Dutzend Unterstufen-Mädchen, die auf dem Pausenhof ein Springseil schwingen und euphorisch „Verliebt, verlobt, verheiratet, geschieden, wie viel Kinder wirst du kriegen?“ rufen. Beim letzten Wort läuft man los, springt hinein, laut wird gezählt und angefeuert. Doch statt Nachwuchsprognose knallt mir der Knoten des Seils mitten in die Fresse. Diese verdammte Liebe.

Auf „alma“ spielt sie eine zentrale Rolle. Die elektrisierenden Momente, die betäubenden und alles, was zwischen die beiden Seiten passt. „Erst haben wir uns davor geweigert, da jeder Love Song irgendwo abgenudelt ist und leicht zu einer Klischee und Kitsch Nummer wird. Trotzdem war es zu dieser Zeit das aktuellste, inspirierendste, tiefste und auch dringendste Gefühl was existierte“ erzählt mir die Band in unserem Interview (LINK).

Der instrumentale Opener „est. 2018“ versprüht scheinheilig gute Laune, bereitet Hörer*innen somit überhaupt nicht auf die Gefühlsachterbahn vor, die darauf folgt und hätte in den kommenden Wochen so verdammt gut auf den sonnigen Festivalbühnen geklungen. Aber wir haben Zeit. Denn JEREMIAS sind da und wollen so schnell auch nicht wieder verschwinden. Das müssen sie nicht einmal offensichtlich in irgendein Mikrofon sagen, ihre neue EP spricht für sich.

schon okay“ ist auch Wochen nach der Premiere als erste Singleauskopplung  ein richtig nicer Hit. Funkige Gitarren, Mitklatsch-Passagen, tanzwillige Synthesizer und ein so ausgeklügeltes Songwriting in Kombination mit Jeremias Heimbachs Stimmarsenal.


Hab mein‘ Charakter und den Kaffee für uns beide aufgesetzt


Während „schon okay“ noch fröhlich auf dem Drahtseil der Gefühle tänzelt, drückt „keine liebe“ die Euphorie ziemlich schnell. Jede*r kann da die eigene Erinnerungskiste unter dem Bett hervorziehen, auf alten Instagram-Fotos und im „gelöscht„-Ordner der Kontakte-App zielgerichtet auf Namen und Gesichter zeigen. Herzensbrecher*innen, die Unsicherheiten und das „nicht genug sein„-Gefühl triggern.

Und auch, wenn es in dieser Post-Alles-Bubble ein bereits abgegriffener Satz ist, so werde ich doch nicht müde, ihn niederzuschreiben: Es tut gut, so offene Gefühle aus den Mündern und Köpfen einer jungen, männlichen Indie-Band zu hören. Eine Norm, die längst nicht in der Mitte unserer auf dem Kopf stehenden Gesellschaft angekommen ist.


„Hab‘ ich geschrien, geweint vor Wut, yeah / Ich reserviere mich für dich“


Dass man immer grad dann etwas im Auge hat, wenn langsame, traurige Klavierballaden laufen, ist eine Scheinkorrelation. Zumindest können wir so tun. „mit mir“ ist genau so ein Track, der einem schon in der ersten Strophe die Kehle zuschnürrt, weil #relatable.

Ein Song, der Trennung, Kummer, Schmerz und die plötzliche Stille zu gekonnt einfängt. Liebeskummer ist der perfekte Brandbeschleuniger für lyrische Kreativität. Man darf gar nicht drüber nachdenken, wie viel Geld die Musikindustrie schon mit elendig gebrochenen Herzen verdient hat. Aber der Grund dafür ist ganz einfach, wie Sänger Jeremias in unserem Wortwechsel feststellt: „[…] jeder kennt es. jeder weiß wie es sich anfühlt.


„Du packst den Süßstoff ein / Ein Buch, ein Shirt, ein Hemd / Mehr hab‘ ich nicht von dir / Jetzt bist du weg und wirst mir fremd“

See Also


„Ich klaue Flaschen aus dem Backstage / Weil ich weiß, dass du Fritz Cola, Zero Zucker so sehr magst / Vielleicht aber weniger den Lifestyle“ – Beim ersten Durchhören der EP bleiben diese Zeilen hängen, lassen mich nach dem zerrütteten „mit mir“ unweigerlich grinsen. Ich kann nicht mal genau sagen, warum. Weil die Zeilen so speziell sind? Sie mich an eigene Momente dieser Art erinnern?

lass dich“ ist ein Song über’s Gehenlassen. Also nicht die Party-, sondern die Trennungsvariante. Die bittersüße Einsicht, das endlich Loslassen. Und irgendwo am Horizont ein Silberstreif aus Optimismus.

JEREMIAS beweisen mit ihrer EP, dass sie aus den letztjährigen Newcomer-Schuhen langsam aber sicher rausgewachsen sind. Musik mit Perspektive, Texte mit Tiefgang und eine Ehrlichkeit auf Augenhöhe, die keine Interesse daran hat, die andere Person in diesen Geschichten im schlechten Licht dastehen zu lassen.

Es ist schön, einer so hoffnungsvollen jungen Band beim „sich etablieren“ und „von Song zu Song wachsen“ zuschauen und -hören zu dürfen.


„Bin harmoniebedürftig, hasse jede Dissonanz / Wir sind schief, wir sind gebrochen, das wird nie wieder ganz“


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Isabel Hayn

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