Es wird ganz warm in der Herzgegend. Der Mund verzieht sich allmählich, ob man nun will oder nicht, zu einem Lächeln – dabei läuft gerade erst der dritte Track. „Here“, das achte Album der Kanadier Jon and Roy, ist ein Wohlfühl-Kunstwerk für Folk-Rock-Enthusiasten.


Ein Artikel von Anna Fliege – Nach einem vorgetäuschten Frühlingsanfang in den letzten Tagen und dem wiedergekehrten kalt-nassen-Restwinter ist „Here“ genau das richtige Mittel gegen das Grau vor der Tür. Vitamin D auf der Tonspur quasi.

Jon and Roy, ein Duo, das mit den Jahren zu einem Live-Quartett wurde, leben am vielleicht schönsten Fleckchen der Erde: British Columbia. Im äußersten Westen Kanadas treffen blauglitzender Pazifik auf schneebedeckte Berge, kristallklare Seen auf endlos grüne Wälder.

Und wenn man beim Opener und Titelgeber „Here“ die Augen schließt, ist man fast da – zumindest für einen Moment. Ein Song, der nach wenigen Takten schon auf der Playlist für Autofahrten landet, bei denen man unermüdlich die Hand aus dem offenen Beifahrerfenster streckt, die Sonne und den Fahrtwind spürt und schon allein deswegen glücklich ist. Die Band schreibt zu eben diesem Track sehr passend:

„In diesem Song geht es darum, die Welt, in der wir leben, wertzuschätzen und jene Momente zu erkennen, in denen wir eine vertraute und erfüllende Verbindung zu ihr spüren.“

Headstrong“ löst das Roadtripgefühl ab und die berühmten Hummeln im Hintern aus. Sofort wünscht man sich blauen Himmel und die Sonne herbei, um unter ihnen umherzuspringen. Nach einer kleinen Verschnaufpause mit „My Baby’s Gone“ und „Damn“ dann mein Highlightsong der Platte: „In My Arms„. Er beginnt gedämpft und lässt mit seinen Reggae-Einflüssen sogar Nicht-Reggae-Fans wie mich im Takt wippen. Und dann gehts plötzlich los. Es wird immer schneller schneller schneller, immer noch ein bisschen euphorischer. Und lässt den Hörer schließlich schwindelig zurück – die gute, übermütige, kindliche Version davon.

Kurz wieder den Boden unter den Füßen wiederfinden, denn auch „Seven Colts“ sorgt für Bewegungsdrang, nächste Runde rückwärts! Mittlerweile ist man an dem Punkt angekommen, an welchem man die Wettervorhersage auf dem Mobiltelefon oder im Radio einfach ignorieren und ihr widersprechen möchte. Sommer! Jetzt!

That is you“ bringt die Bodenständigkeit zurück, ist ruhiger, ernster. Und nach all der überschwänglichen Euphorie genau richtig. „Dieser Song dreht um’s Thema Depression. Es geht um diese Leere, die viele von uns irgendwann in ihrem Leben fühlen.

Sollte man bei den letzten Songs (gedanklich) faulenzend auf dem Boden gesessen und aufmerksam gelauscht haben, so ist der Abschlusssong „The Border Is There to Be Crossed“ ein letztes Mal die freundliche Aufforderung, umherzutänzeln. Das musikalische Feuerwerk klingt mit seinem Titel erst einmal arg politisch. Allerhand gesellschaftliche Ereignisse haben zur Entstehung beigetragen und dennoch geht es hier nicht nur um geografische Grenzen, sondern auch die eigenen gedanklichen, die uns oft voreingenommen und gehindert zurücklassen.

Here“ ist ein Album mit tieferem Sinn, das den Hörer zwar nachdenklich, aber mit leichterem Herzen zurücklässt. Wie die ersten Sonnenstrahlen noch zu vielen Regentagen.



JON AND ROY live

16.03: Hamburg, Nochtspeicher
17.03: Frankfurt, Elfer Club
18.03: Nürnberg, Club Stereo
19.03: Köln, Studio 672
23.03: Berlin, Lido
24.03: Regensburg, Degginger
27.03: Stuttgart, Club Cann
28.03: München, Strom


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Sierra Lundi