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Jonas David & „Goliath“: Kill’em with kindness

Jonas David & „Goliath“: Kill’em with kindness

David gegen Goliath, eine jahrtausendealte Geschichte aus dem Alten Testament. Der künftige König im Kampf gegen den Riesen. Besiegt Jonas David den Koloss? Oder baut er ihm mit seinem neuen Album „Goliath“ womöglich am Ende ein Denkmal?

Überrumpeln, darin ist Jonas ziemlich gut. Und so schafft er es mit Opener „STACLES“ ein weiteres Mal. Ein unerwarteter Beginn. So groß wie das Album selbst. Von 0 auf 100 in der Zeitspanne eines Wimpernschlages. Selbst in den ruhigeren Passagen mächtig. Ehe du dich versiehst, hält „Goliath“ dich fest und lässt dich nicht mehr los.

So beginnt sie, die sagenumwobene Fahrt auf der Gefühlsachterbahn. Ausschweifend mit Pauken und Trompeten wie „SOCIAL BIRD“ und „. Oder „SORRI“ – jenem Song, mit dem diese Reise vor einigen Monaten begann. Der Track, der immer noch das Herzstück bildet mit seinem entschleunigenden Anfang, nur um inmitten der knapp fünf Minuten aus allem auszubrechen. Der mich an die wärmsten Erinnerungen aus dem letzten Sommer denken lässt, ohne dass er ein Teil davon war.

Durchwoben mit Songs, die dich sanft in ihrem Minimalismus wiegen („TOMORRNINGS“ und „all in all in all„), sich schwer in die Magengrube niederlassen („every___thing„). Die wärmend sind („be kind„) oder wie ausschweifend, mal wie „SCARI„, ganz anders mit „wait, boy„.

Und dann wäre da noch „would you, I„, das, egal, wie sehr man sich dagegen auch wehrt, ziemlich fies auf die eigene Tränendrüse drückt. Ich höre es gleich noch einmal und muss über mich selbst lachen, dabei unweigerlich an dieses eine Lisa Simpson-Meme denken.

Musik, die auf engstem Raum Elemente von alten Lieblingsalben zusammenbringt, sie bündelt und so selbst zu einem wird. Die behutsame Melancholie von Ben Howards „I Forget Where We Were“, die musikalische Genialität aus „Bon Iver, Bon Iver“, eine emotionale Komplexität wie auf Daughters „Music From Before the Storm„. Gemacht für die großen Bühnen gleichermaßen wie für die stillen, einsamen Momente. Songs, die einen ganzen Raum füllen und die Herzen vieler auf einmal einnehmen kann – oder doch nur das eigene.

Jonas David hat „Goliath“ besiegt. Nicht mit Gewalt. Weder Steinschleudern noch Enthauptungen, wie es mir die alten italienischen Gemälde im Denon-Flügel des Louvre vor ein paar Wochen noch weismachen wollten. Nein, Jonas hat ihn mit seinen ganz eigenen Waffen geschlagen. Mit dem Herzen. Kill’em with kindness.

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Man mag das Aufschlagen eines neuen Kapitels, das Glattstreichen einer weißen Seite vielleicht nicht wortwörtlich hören – aber sie ist spürbar. „Boy, gone“ ist kein klassischer Closing-Song. Er lässt „Goliath“ nicht mit fallenden Vorhängen und vorbeirauschenden Abspann-Sequenzen enden. Es werden neue Türen geöffnet, eingetreten. Der letzte Song des Albums trägt eine ungebändigte Hoffnung in sich.

Man möchte loslaufen, aufeinander zulaufen, die Vergangenheit hinter sich lassen. Wie die ersten Sonnenstrahlen nach einem Gewitter. Das erste Lächeln nach vielen Tränen. Ein erleichterndes Ausatmen. Zeit, die angespannten Schultern zu lockern.

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