36 Grad und es wird noch heißer…

Die Temperaturen erreichen im Ruhrpott dieser Tage Temperaturen, von denen wir in den letzten Jahren höchstens träumen konnten. Pünktlich zum Start der diesjährigen Juicy Beats Festival-Ausgabe im Dortmunder Westfalenpark legt der Wettergott noch einmal einen drauf. Die Bewegung wird am Freitag ab 37°C langsam reduziert, der Stimmung schadet das glücklicherweise nicht. Der Wermutstropfen jedoch: Mit GURR und Yung Hurn sagen leider zwei Acts kurzfristig ab, auf die nicht nur wir uns gefreut hätten. So starten wir mit Von Wegen Lisbeth aus Berlin in das langersehnte Festivalwochenende. Gemeinschaftlich schwitzt man unter dem weit und breit wolkenlosen Himmel. Neben etlichen „Grande„-Songs und ein paar EP-Juwelen gewähren uns die Lisbeths erste Hörproben ihrer neusten Arbeit. Ob wohl bald ein zweites Album folgt?

Ebenfalls aus Berlin, aber mit ganz anderem Ton, kommen SXTN auf die Bühne an der Festwiese. Nura und Juju sind Publikumsmagneten, ihre Songs kennt hier jeder, die Stimmung kocht nicht nur aufgrund der immer noch utopisch hohen Temperaturen. Eigentlich der perfekte Anlass, um sich oben am Sandstrand noch ein kostenloses Wassereis vom Stand der FH Dortmund zu holen und Larissa Riess beim Auflegen zuzuschauen, oder?

Keine Nacht für’s Juicy Beats

Ein bisschen ist es wie im Märchen: Vor 7 Jahren, beim Juicy Beats 2011, trat eine Band aus dem tiefen Osten Deutschlands auf der kleinen Bühne am Sonnensegel auf. Damals konnten sie ausschließlich ihre erste EP aushändigen, schafften es aber bereits zu diesem Zeitpunkt, die Menschen mit ihrer Mischung aus Indie, Rap und Punk zur puren Eskalation zu bringen.

Nun, 2018, sind sie zurück. Drei Nummer 1-Alben, riesige ausverkaufte Touren, 5 1Live-Kronen und der unleugbare Platz als Headliner im Line-Up: Kraftklub haben es geschafft. Was sich seit damals allerdings nicht verändert (höchstens noch verbessert hat), ist zum einen die Energie, zum anderen ihre sympathische Art, die Frontmann Felix durch seine charmanten Ansagen nur untermalt.

In 90 Minuten tanzen und singen die Menschen auf der Festwiese, als gäbe es keinen Morgen und als wäre es nicht viel zu heiß. Dortmund und Kraftklub, das ist einfach ein eingespieltes Team. Um wirklich allen mal Hallo zu sagen, springen bis auf Drummer Max alle Bandmitglieder auf eine fahrbare Tribüne und umrunden weiterspielend die Area rund um die Bühne. Ein bizarres und doch herzerwärmendes Bild. Zum krönenden Abschluss gibt es in alter Tradition ein Wett-Crowdsurfen, Bassist Till gewinnt (mal wieder).

Deutschrap Deluxe

Aus dem eigentlich auf elektronische Musik konzentrierten Festival wurde mit dem Wiederaufkeimen der deutschen Hiphop-Szene vor fast 10 Jahren immer mehr ein Standort für Rap-Gigs. Das spiegelt sich am Juicy Beats-Samstag deutlich im Zeitplan der großen Mainstage wieder, auf der mit einer Ausnahme ausschließlich Acts aus diesem Genre auftreten. Den Startschuss geben die Hamburger Neonschwarz, „Dies Das Ananas“ bleibt uns als Ohrwurm noch einige Stunden erhalten.

Wenn es bereits am frühen Nachmittag bei immer noch hohen Temperaturen brechend voll ist, kann es eigentlich nur daran liegen, dass Trettmann auftritt. Mit seinem Album „#DIY“ sprengte er alle Erwartungen und arbeitete sich schnell zu einem der angesehensten Rappern der Republik, ohne dabei ausfallend oder abfällig zu werden. Manchmal hört man den Chemnitzer kaum noch, weil das Publikum die Texte ohrenbetäubend laut mitsingt.

Doch wer glaubte, es wäre schon bei Trettmann sehr voll gewesen, sollte sich das Spektakel um RIN nicht entgehen lassen. Der bei den jüngeren Festivalbesuchern extrem beliebte Rapper hat sich in den letzten Jahren einen Status erarbeitet, von dem viele nur träumen können. Er bringt mit wenig Aufwand die Masse zum eskalieren, der Mob kennt jedes Wort in- und auswendig. Ungläubig stehen Vertreter anderer Generationen am Rand und schütteln beeindruckt den Kopf.

So soll es auch am Abend weitergehen, als erst Kontra K und dann der Headliner in Form der 257ers auf dem Plan stehen. Letztere haben ähnlich wie Kraftklub den Sprung vom Nachmittagsprogramm auf die Spitze der Plakate geschafft, was mit eine wahnsinnigen Menschenmasse belohnt wird.

Magisch

Etwas unglücklich ist der Slot für die britischen Indie-Rock-Legenden Editors. Zwischen RIN und Kontra K steht die Band um Tom Smith auf der Bühne und vor einer Masse aus Rap-Fans, die bereits für den folgenden Act warten. Beirren lassen sich die Pioniere allerdings nicht. Mit ihrem neuen Album „Violence“ und dem Best Of ihrer großen Diskographie beglücken sie die in der Minderheit anwesenden Editors-Fans eine Stunde lang.

Der Gänsehautmoment des Tages spielt sich inmitten des Konzertes ab. Die dunklen Wolken am Himmel hatten Regen angekündigt, der bei der unsäglichen Hitze heißersehnt ist. Doch erst, als Tom Smith „I don’t think that it’s going to rain again today“ singt, die ersten Zeilen ihres Hits „An End Has A Start„, fängt es plötzlich an zu regnen. Der Wetterumschwung dauert nicht lang, wird aber jubelnd empfangen und gibt dem Auftritt die gewisse Dramatik.

Alles auf Rausch!

Als Alternative zum Headliner auf der Festwiese bietet die 2nd Mainstage ein besonderes Schmankerl: Feine Sahne Fischfilet. Am Frühjahr verkaufte die Punkband aus Meck-Pomm die neue Phoenixhalle im Handumdrehen aus, ihr aktuelles Album „Sturm & Dreck“ bescherrte dem 6er-Gespann hohes Ansehen und Respekt – verdient! Es ist trotz des Konzertes nebenan proppenvoll, die Stimmung kaum zu halten. Wenn FSF etwas haben, dann eine starke, loyale Fanbase.

Das beste Beispiel dafür spielt sich an diesem Abend ab, als der Ton für 1 1/2 Songs ausfällt. Man singt einfach ohne weiter, aus vollem Herzen, aus voller Überzeugung. Überwältigende Gänsehaut macht sich breit. In rund 75 Minuten durchläuft man gemeinsam alle Formen und Stadien der Eskalation, die Moshpits und Rudereinlagen vervollständigen das Bild, es wird gecrowdsurfed – sogar im Rollstuhl. Die Band kann ihr Grinsen nicht verstecken, wir ebenso wenig.


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Dominik Huttner