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Jungstötter & „Love Is“: Ein ehrenwertes Debüt

Jungstötter & „Love Is“: Ein ehrenwertes Debüt

Es ist ein wohliges Gefühl, wenn der Opener „Silence“ beginnt und eine bekannte Stimme aus den Lautsprecherboxen dröhnt. Sie ist gereift, ja gefestigt. Und trotzdem noch so zart und einzigartig, wie schon vor Jahren. Ex-Sizarr-Sänger Fabian Altstötter ist mit neuem Alias und einem Debütalbum zurück, dass seine bisherigen Grenzen überschreitet.


Ein Artikel von Anna FliegeSizarr, 2012 etwas zwischen Kulturschock und Offenbarung für eine heranwachsende Generation, die gerade ihre Stimme eigentlich im neu aufblühenden Deutschrap fanden, waren ihrer Zeit voraus. Die drei Freunde aus Landau hatten mit dem Beginn ihrer Zwanziger eine spielerische Art, aus allen Reihen zu tanzen. Ihre Fanbase wuchs rasch und beheimatete dort auch allerhand Prominenz. Seit Veröffentlichung ihres Debüts „Psycho Boy Happy“ sind sieben verflixte Jahre vergangen. Es folgte ein Folgealbum, eine lange Stille und schließlich, erst vor wenigen Monaten eine ganz offizielle Auflösung, schwarz auf weiß.

Eine schmerzende Erkenntnis und zeitgleich ein Befreiungsschlag für Fabian Altstötter, der sich damals Deaf Sty nannte und heute den Künstlernamen Jungstötter trägt. Raus aus dem bunten, (vermeindlich) sorgenlosen Wirrwarr als Indie, Electronica und Post-Punk. Rein in eine Solokarriere, auf seine eigene Art und Weise gradlinig, zeitgleich voller Überraschungen.

Auf allen Songs bestimmend: Altstötters tiefe Stimme, die so nah und doch nicht greifbar scheint. Mögen die Tracks zu Beginn eine klassische Attitüde mit sich bringen, so verblüffen sie meist im letzten Drittel umso mehr mit modernen Ideen: mal sind es zerrende Gitarrensoli wie bei „In Too Deep“ und „Silence„, mal dezente Chor-Elemente („Sally Ran„) oder elektronische Ausbrüche, die nahtlos in eine Extase übergehen („Love Is„). Viele der Tracks sind erst ausladend, schließlich ausufernd.

Produziert von Freund, Genie und Die Nerven-Frontmann Max Rieger klingt das Debüt des zugezogenen Berliners düster, voller Angst und Emotionen. Eine Grundschwere, die im Raum steht und diesen über die Länge von 10 Tracks auch nicht verlassen möchte, lieber jede Menge Atmosphäre schafft. Viele Songs umgibt ein ganz zaghaftes Orchesterspiel, nie die volle Dröhnung, lieber akzentuiert. So treten im Song „Systems“ wummernde Bassklänge gegen donnernde Paukenschläge an. Und auch „I Wonder Why“ bringt diesen heute außergewöhnlichen Stil mit sich. Immer wieder kleinste Details, die für große Momente sorgen. Eine Stilistik und Ästhetik, die sich auf deutschem Boden höchstens bei Konstantin Gropper und Get Well Soon finden lassen.

To Be Someone Else„, das Grand Finale, der 07:15 Minuten-Epos, fährt schlussendlich richtig auf. All die Dramatik, die sich auf den vorherigen Tracks noch zögerlich im Hintergrund hielt, explodiert förmlich und weckt den Wunsch, das Album noch nicht enden zu lassen. „Love Is“ berührt, wieder und immer wieder. In Augenblicken, mit denen man nicht rechnet.

Raus aus dem alten Batikshirt, rein in den Vintage-Suit. Jungstötter hat sich mit seinem Debütalbum einen Meilenstein geschaffen.

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JUNGSTÖTTER live

26.01.2019: Stuttgart, Merlin
07.02.2019: Jena, Trafo
08.02.2019: Baden, One Of A Million Festival
09.02.2019: Frankfurt, Mousonturm
05.03.2019: Berlin, Volksbühne
06.03.2019: Dresden, Beatpol
07.03.2019: Leipzig, UT Connewitz
08.03.2019: Hamburg, Nachtasyl
09.03.2019: Köln, Artheater
12.03.2019: Nürnberg, Z-Bau
13.03.2019: Mainz, Schon Schön
14.03.2019: München, Milla
15.03.2019: AT-Wien, Volkstheater
16.03.2019: AT-Graz, Orpheum Extra


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Powerline Agency

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