Es regnet. Wie so oft in der letzten Zeit. Es ist nass und es ist kalt. Achja, und die Welt geht vor die Hunde. Wenn nicht durch Politik und Klimawandel, dann immerhin durch den sich verbreitenden Virus. In Zeiten, in denen Frühling und Frieden nicht in greifbarer Nähe scheinen, ist das neue King Krule-Album ein willkommener Zufluchtsort. „Man Alive!“ konfrontiert und komfortiert. 


Ein Artikel von Anna Fliege – Der Ausdruck „man alive“ ist die Atheisten-freundliche Alternative von „good lord„. „Man Alive!„, so sollte eigentlich schon das letzte Album von Archy Marshall heißen, doch „The Ooz“ fasste es für ihn irgendwie besser zusammen. Eine Überraschung war es nichtsdestotrotz, bettete sich frühzeitig auf Lobeshynmen und Lorbeeren, machte King Krule zu einem unausweichlichen Thema.

Kein Wunder also, dass der Musikkosmos drei Jahre später zum Release von „Man Alive!„, dessen Name nun endlich einen würdigen Platz bekommen hatte, mit den Hufen scharrt und ein neues King Krule-Album mit Kusshand in Empfang nimmt.



Es regnet immer noch. Wie gewollt vermischen sich die auf das Dachfenster prasselnden Regentropfen mit dem wabernden, wellenartigen Intro von „Cellular„. Marshall erzählt von der allmählichen Isolation aus der Realität, getrieben von permanentem Medienkonsum und der Illusion, es gäbe keine guten Nachrichten mehr.  Der Beat als positiv gestimmter Gegenpol. „I read the paper, or just the photos / I rip one out with my hand / There’s a massacre / Across the o-, across the o- / Across the ocean / I can see it in the palm of my hands„. Der Weltschmerz sitzt tief. Sonnenschein und „Easy Easy“ vom Debütalbum „6 Feet Beneath the Moon“ vermeintlich Lichtjahre entfernt. Zeit für einen Kaffee.

Unablässig faszinierend bleibt der Genre-Cocktail, den Marshall wieder und wieder serviert. Und mit „Stoned Again“ das ideale Anschauungsexemplar. Ein Archy-Archetyp. Denn King Krule ist, wenn kultivierter, moderner Jazz auf rotzig-wütenden Post-Punk und No Wave trifft, um sich mit Hip Hop zu verbrüdern. „Yeah, she’s my sweet. My sweet and sour, my lemon honey„. Die einschneidenden Bassakkorde, der zornige Gesang, der im gequälten, langgezogenen „Oh, I’m stoooooned again“ gipfelt. Ich habe meinen Lieblingssong gefunden. Nur der Kaffee schmeckt bitter.



Auf „Man Alive!“ passiert ganz unaufdringlich ganz viel. Ein Freudenschrei, der nahtlos in ein Saxophonsolo übergeht („Comet Face„) . Die latente Trägheit, die sich schwer auf die Brust legt („(Don’t Let the Dragon) Draag On„). Geflüsterte, spanische Zeilen, die ich nicht verstehe, nach einer Runde durch den Übersetzer aber als poetisch betitle („Theme for the Cross„). Wiederkehrende Tropen, die Bilder von Verzweiflung und dem letzten Fünkchen Hoffnung malen („Eros‘ bow has no archer / Icarus still soars above the ground„). Gedanken, so salopp wie bedeutungschwer („Is there concerns in the air? / You flew economy / Reserved your ecology / To escape this nightmare„).

King Krule hat ein Händchen dafür, mit wenigen Worten große Storytelling zu betreiben. Eine Jonglage zwischen innerer und äußerer Zerrissenheit. Die Übersättigung von Medien, Menschen, Megacities. „But don’t forget you’re not alone / Deep in the metropole„. Die unerzählten Sequels der Coming-Of-Age-Stories. Wann hört es endlich auf zu regnen?



KING KRULE live
08.03.20 Columbiahalle, Berlin


Autorin: Anna Fliege / Photocredit: Reuben Bastienne-Lewis